Auktion: 550 / Evening Sale am 07.06.2024 in München Lot 124000207


124000207
Norbert Kricke
Raumplastik Rot, 1952.
Stahl, gestrichen, auf Steinsockel montiert
Schätzpreis: € 120.000 - 150.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Raumplastik Rot. 1952.
Stahl, gestrichen, auf Steinsockel montiert.
Gesamt: 136,5 x 35 x 42 cm (53,7 x 13,7 x 16,5 in). Sockel: 6,5 x 20 x 17 cm (2,5 x 7,8 x 6,6 in).
[KT].

• Kräfte, Dynamiken und Energien werden als grundlegend neue Motive der Bildhauerei in Krickes Werk zugänglich.
• Lineare Raumplastiken der frühen 1950er Jahre sind eine Seltenheit auf dem Auktionsmarkt.
• Krickes Plastiken im Dialog mit weiteren großen Bildhauern der Nachkriegsabstraktion zeigte kürzlich das Franz Marc Museum, Kochel, in der Retrospektive "Norbert Kricke. Versuch über die Schwerelosigkeit" (Okt. 2023 bis März 2024).
• Im September 2023 wurde dort die über 9 Meter hohe Plastik "Große F.II" (1980) im Park aufgestellt.
• Raumplastiken dieser Zeit befinden sich in renommierten privaten und öffenlichen Sammlungen wie der Mercedes-Benz Art Collection, dem Städel Museum, Frankfurt am Main, sowie dem Museum Kunstpalast, Düsseldorf
.

Mit einer schriftlichen Expertise von Frau Sabine Kricke-Güse, Berlin, vom 23. Mai 2016.

PROVENIENZ: Aus dem Nachlass des Künstlers.
Galerie Aurel Scheibler, Berlin (vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Norddeutschland (vom Vorgenannten erworben).

"Mein Problem ist nicht Masse, ist nicht Figur, sondern es ist der Raum, und es ist die Bewegung – Raum und Zeit. Ich will keinen realen Raum und keine reale Bewegung (Mobile), ich will Bewegung darstellen. Ich suche der Einheit von Raum und Zeit eine Form zu geben."
Norbert Kricke, zit. nach: Carola Giedion-Welcker, Plastik des XX. Jahrhunderts. Volumen und Raumgestaltung, Stuttgart 1955, S. 197.


"Bewegung und Raum, nicht Figur und Masse sind mein Anliegen"
Norbert Kricke
"Mein Problem ist nicht Masse, ist nicht Figur, sondern es ist der Raum, und es ist die Bewegung – Raum und Zeit", so beschreibt Norbert Kricke zu Beginn 1950 seine künstlerische Bühne. Und in der Tat zeigen die Linien aus 'Stahl' in ihrer bewegten 'Verbogenheit' in den frühen Raumplastiken ein kalligrafisches Moment, das über mehrere Richtungswechsel hinweg zu einer Form 'erstarrt'. Damit ist zu Beginn der 1950er Jahre die Grundkonzeption der Arbeiten Krickes benannt: Bewegung im Raum entwickelt der Künstler aus einer einzigen Linie aus Stahl, die über mehrere Richtungswechsel hinweg in Form einer 'Figur' deren Raumanspruch erfahrbar werden lässt und in Bewegungsabläufen und mit wohlgesetzten Farben vielfältige Gestalt annimmt. Krickes Figuren aus bewegter Linie, von ihm als "Raumplastik" bezeichnet, vermitteln in vielfältiger Weise gefühlte Leichtigkeit.
Norbert Krickes jahrzehntelanges, raumgreifendes Schaffen beginnt nach Kriegsende und ersten Studien bei dem Bildhauer Richard Scheibe an der Hochschule für bildende Künste in Berlin. Dort trifft er 1950 auf Hans Uhlmann, der wohl als erster die Möglichkeit der Drahtplastik erkundet. "Und diese erste Inspirationsquelle ist vielleicht die prägendste geblieben – vor allem die Drahtplastiken aus den Jahren 1946/47 Uhlmanns", weiß Florian Illies zu berichten, "in denen er aus einem Stück Draht elegische Gebilde formt, auf denen sich das Material neugierig im luftleeren Raum umzuschauen scheint. Hier sah Kricke das erste Mal ungeduldige Raumschwünge, die sich von ihrem Sockel lösen wollen. Ja, bei Uhlmann lernte Kricke, dass Metall biegsam sein kann wie eine Weidenrute, und es ist überraschend, dass dieser entscheidende Impuls immer wieder übersehen wird. Die Möglichkeiten des Materials und das Erlösende der Abstraktion lernte Kricke hier – auch wenn die Drahtgebilde seines Lehrers noch Assoziationen zu Vögeln oder organischen Figurationen zulassen, was bei Kricke von vornherein ausgeschlossen war." (Florian Illies, Norbert Kricke zum 100. Geburtstag, Galerie Utermann, Dortmund 2022, S. 12) Wie nah Lehrer und Schüler sich damals sind, zeigt das bewegende Nebeneinander zweier Raumerkundungen, die sich hier aktuell in Katalog und Auktion – Abb. – gegenüberstehen: eine verspielte und zugleich verdichtete Raumvolte von Uhlmann hier, eine nüchterne, im Vergleich geradezu reduzierte Position von Kricke dort. Das gemeinsame Erkunden ist mit dem Umzug Krickes nach Düsseldorf gleichsam beendet. In Düsseldorf mit Ende zwanzig, findet Kricke dann sein eigenes Vokabular, aus dem er für über drei Jahrzehnte immer neue Formulierungen zu schöpfen vermag und das ihn zu einem Ausnahmekünstler als Bildhauer werden lässt, mit einer markanten Position in der deutschen Kunst nach 1945. Kricke beginnt in den 1950er Jahren zunächst damit, die Dynamik der Linie anhand des Verlaufes eines einzelnen gebogenen Drahtes zu erkunden. Für diese frühen, meist farbig gefassten Arbeiten findet der Titel "Raumplastik" seine buchstäbliche Verwendung und wird zum Dreh- und Angelpunkt seines Schaffens.
In der großen Überblicksausstellung "Kunst in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1985" im Jahr 1985 in der Berliner Nationalgalerie würdigt deren Direktor und Ausstellungskurator Dieter Honisch Krickes zeitgeistlichen Beitrag zur Nachkriegskunst als "informell", weil für die Auflösung des plastischen Körpers "Uhlmann mehr an die Figuration und Kricke mehr an die Bewegung im Raum gedacht" habe und seine "eigentümlich körperlose und immaterielle Raum-Zeit-Gebilde, die in den fünfziger Jahren weit über Deutschland hinaus Beachtung" (S. 132f.) und internationale Würdigung finden, weil etwa der Ausstellungsmacher Werner Haftmann Kricke zur zweiten documenta im Jahr 1959 einlädt, weil das Museum of Modern Art in New York Kricke 1961 eine Einzelausstellung widmet, weil er 1964 den Deutschen Pavillon in Venedig bespielt und Carola Giedion-Welcker den Bildhauer historisch kontextualisiert, wenn sie schreibt: "Seit Pevsner, Gabo und Gonzalez sind umschalende Kompositionen und luftumflossene, linear einschneidende Artikulationen in immer neuen Idiomen entwickelt worden. Der intensive Dialog mit dem Raum hat alle 'Nebengeräusche' übertönt und ist wesentlich geworden. Norbert Kricke gehört zu den eigenwilligsten und phantasievollsten jungen Plastikern, welche die lineare Dynamik mit ausgesprochener Akzentuierung des zeitlichen Momentes, des Tempos, in ihren Konstruktionen realisiert haben." (Carola Giedion-Welcker, in: Norbert Kricke. XXXII Biennale di Venezia 1964, o. S.) Die Autorin wie ihr Mann, der Schweizer Architekturhistoriker Sigfried Giedion, Kricke geistig eng verbunden und mit ihm in lebhaftem Gedankenaustausch, beschreibt damit auch jenen offensichtlichen Drang des Künstlers zu einem formschönen Minimalismus, bei dem wie hier der mehrmals gebogene Stahldraht mit leichtem Schwung und aus dem Sockel herauswächst in den Raum und nach einigen mehr oder weniger verspielten, meist horizontal laufenden Kapriolen wieder zur Plinthe herabkehrt. Kricke ist inspiriert von der konstruktivistischen Plastik um Naum Gabo und Antoine Pevsner, jenem Bildhauerbruderpaar des russischen Suprematismus und Konstruktivismus, und entwickelt mit seinen Unikaten eine bis heute einzigartige Formensprache, welche die lineare Ästhetik der informellen Malerei, etwa die die Farbfelder einfassenden, schwarzen Konturen eines Ernst Wilhelm Nay, in die Plastik überführt und damit räumlich erfahrbar werden lässt. "Seine Raumplastiken setzen keine Zeichen im Raum, nein, sie hinterlassen dort Spuren, denen dann unser Auge folgt – und genau diese Bewegung des Auges begründet zugleich eine zeitliche Erfahrung", so noch einmal Florian Illies (ebd.). Kricke überführt diese filigranen Metalllinien in einen dynamischeren diagonalen Verlauf einer Einzellinie, die aufsteigt, abfällt und in sich zurückfließt, also gleichsam in ihrem Bogen eine Geschlossenheit bildet. Ab Mitte der 1950er Jahre dann öffnet Kricke dieses Konzept und realisiert den 'Knoten', eine Form von expressivem, ungeordnetem Liniengeflecht, welches in alle Richtungen strömen, fließen und wirbeln kann zu einer "Raumplastik" von abstraktem Expressionismus. [MvL]



124000207
Norbert Kricke
Raumplastik Rot, 1952.
Stahl, gestrichen, auf Steinsockel montiert
Schätzpreis: € 120.000 - 150.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.