427
Ernst Ludwig Kirchner
Und Pippa tanzt, 1924.
Mischtechnik. Wachskreide, Aquarell sowie Tusch...
Schätzung:
€ 20.000
Ergebnis:
€ 22.500

(inklusive Aufgeld)
427
Ernst Ludwig Kirchner
Und Pippa tanzt, 1924.
Mischtechnik. Wachskreide, Aquarell sowie Tusch...
Schätzung:
€ 20.000
Ergebnis:
€ 22.500

(inklusive Aufgeld)
 

Und Pippa tanzt. 1924.
Mischtechnik. Wachskreide, Aquarell sowie Tuschpinsel und -feder über Bleistift.
Verso mit dem Nachlassstempel des Kunstmuseums Basel (Lugt 1570 b) und der handschriftlichen Registriernummer "Ill/Da 67". Verso von fremder Hand datiert, betitelt und bezeichnet "Hauptmann". Auf glattem, festem, chamoisfarbenem Velin. 35,5 x 47,5 cm (13,9 x 18,7 in), blattgroß.
Der Künstler bezieht sich hier auf Gerhart Hauptmanns 1905 entstandenes und 1906 in Berlin uraufgeführtes Märchendrama "Und Pippa tanzt!" [CH].
• Besonders detailreiche, dynamische Figurenkomposition aus der Davoser Zeit.
• Kirchner gelingt es mit seiner meisterlichen Strichführung, die mehrfigurige, bewegte Theaterszene in ihrer Unmittelbarkeit und dichten Atmosphäre einzufangen.
• Um 1924 beschäftigt sich der Künstler intensiv mit den Darstellungen von Schauspielszenen, u. a. entsteht auch das Gemälde "Das Versprechen. Hutten begrüßt Sickingen" nach Goethes Schauspiel "Götz von Berlichingen" (Gordon 745) oder "Die Erscheinung der Sieben im Eulenspiegel" nach den Geschichten um Till Eulenspiegel (Gordon 752)
.

Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Nachlass des Künstlers (Davos 1938, Kunstmuseum Basel 1946).
Kunstkabinett Klihm, München (22.4.1965).
Sammlung und Nachlass Ethel S. Paul (1900-1988), USA.
Privatsammlung USA/Spanien (seit 2005, Christie's, 2.11.2005).

LITERATUR: Kunsthaus Lempertz, Köln, Kunst des XX. Jahrhunderts, 21.5.1965, Los 459 (m. Abb., Tafel 11).
Christie's, New York, Impressionist and Modern Works on Paper, 2.11.2005, Los 174.

"Und Pippa tanzt!", so der Titel des Märchendramas in vier Akten von Gerhart Hauptmann, das im Herbst 1905 entsteht und im Januar 1906 im Berliner Lessing-Theater uraufgeführt wird. Aus den vielen Szenen, die sich im schlesischen Riesengebirge im Dunstkreis der alten Glashütte abspielen, wählt Kirchner den all Abend stattfindenden Umtrunk der Glasbläser und Waldarbeiter in einem Gasthof. Pippa, die minderjährige Tochter des italienischen Glastechnikers Taglazioni, tanzt leichtfüßig im Kreis der Gäste "zu den Klängen der Okarina" mit dem im Tanzrhythmus zitternden, grobschlächtig-zotteligen Huhn, ein ehemaliger Glasbläser. Huhn steht in Hauptmanns Glashüttenmärchen für die rohe animalische Kraft, die tanzende Pippa für Grazie und Schönheit. Dieser Moment der Gegensätzlichkeit in den beiden Charakteren fasziniert Kirchner natürlich, er stellt die ungleiche Begegnung mit dieser höchst dynamischen Skizze heraus und versetzt das Ereignis vor den Hintergrund einer voll besetzten Davoser Kneipe.

Dass sich Ernst Ludwig Kirchner Zeit seines Lebens für das verruchte, aber auch bunte Leben in Bars, Cafés und Theatern begeistern lässt, ist keine besondere Nachricht. Schon aber, dass sich Kirchner mit entlegener Literatur beschäftigt und hier in diesem Aquarell einen szenischen Höhepunkt illustriert, in dem die jugendliche Tänzerin in ihrer Leichtfüßigkeit ihren alten Gegenspieler, das dunkel kostümierten Huhn mit Hut, vielleicht auch in erotischer Absicht in den zitternden Wahnsinn treibt.

Aus welchem Grund sich Kirchner gerade mit diesem Thema beschäftigt, wissen wir nicht. Seine Affinität für Theater und inszenierte Bühnen lassen den Künstler immer wieder literarische Stoffe in seine Bilderwelt einflechten. Er organisiert Auftritte für die Tänzerin Nina Hardt Anfang der 1920er Jahre in Davos, besucht und zeichnet Mary Wigmann in Dresden 1926. In den Davoser Jahren wirkt Kirchner an sieben Theaterproduktionen als Bühnenbildner und Theatermaler mit und gestaltet Bühnenbilder für das Laientheater des gemischten Chors in Frauenkirch. Die Vorstellungen finden im Gasthof "Zum Sand" am Eingang zum Sertigtal statt, in der zum Gasthof gehörenden Scheune wird getanzt und Theater gespielt. Warum sollte Kirchner damals nicht auch über eine Inszenierung zu "Und Pippa tanzt!" von Gerhart Hauptmann nachgedacht haben, den er übrigens im Januar 1911 in einem Berliner Restaurant über Otto und Maschka Mueller kennenlernt und dies mit einer Postkarte an Erich Heckel sogleich kundtut. [MvL]





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