abbildung folgt


125001284
Wassily Kandinsky
Bei Oberau, 1908.
Öl auf Malpappe
Schätzpreis: € 600.000 - 800.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
125001284
Wassily Kandinsky
Bei Oberau, 1908.
Öl auf Malpappe
Schätzpreis: € 600.000 - 800.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
 

Wassily Kandinsky
1866 - 1944

Bei Oberau. 1908.
Öl auf Malpappe.
Verso von Gabriele Münter datiert und betitelt "Naturstudie Oberau 1909". 32,8 x 44,5 cm (12,9 x 17,5 in).


• Entstehungsjahr 1908 – Geburtsstunde des Expressionismus.
• Wegweisend: mit Murnauer Motiven findet Kandinsky in der Folge seinen Weg in die Abstraktion.
• Kuriose Verwechslung – lange Münter und doch Kandinsky: in den 1960er Jahren mehrfach fälschlicherweise Gabriele Münter zugeschrieben.
• Museale Qualität: vergleichbare Arbeiten befinden sich heute u.a. im Centre Pompidou, Paris, im Art Institute of Chicago und im Guggenheim Museum, New York
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PROVENIENZ: Gabriele Münter, Murnau (durch Eigentumsübertragung der von Kandinsky zurückgelassenen Kunstwerke, bis 1957).
Städtische Galerie im Lenbachhaus, München / Gabriele Münter-Stiftung (1957 als Schenkung der Vorgenannten).
Leonard Hutton Galleries, New York (1961 von der Vorgenannten).
Alan Auslander Gallery, New York (1963 erworben: Parke-Bernet).
Sammlung Nicholas de Kun, Brüssel (bis 1968: Parke-Bernet).
H. Neu, New York (vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung New York.
Privatsammlung Süddeutschland (1993 vom Vorgenannten erworben: Grisebach).

AUSSTELLUNG: Leonard Hutton Galleries, New York, 22.November - Dezember 1961, Kat.-Nr. 12 (verso mit Etikett (hier fälschliche Zuschreibung an G. Münter, Titel: Mountain Rill).

LITERATUR: Hans Konrad Roethel, Jean K. Benjamin, Kandinsky. Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1900-1915, München 1982, WVZ-Nr. 226 (m. Abb.) (hier "1908")
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Parke Bernet, New York, 15.5.1963, Los-Nr. 50 m. Abb. (hier fälschliche Zuschreibung an Gabriele Münter, Titel "Mountain Rill").
Parke Bernet, New York, 15.5.1968, Los-Nr. 92 m. Abb. (hier: fälschliche Zuschreibung an Gabriele Münter, Titel "Bergstrom").
Grisebach, 5.6.1998, Los 16 (hier: fälschliche Zuschreibung an Gabriele Münter, Titel "Naturstudie Oberau, 1909").

"Das Malen ist ein donnernder Zusammenstoß verschiedener Welten, die in und aus dem Kampfe miteinander die neue Welt zu schaffen bestimmt sind, die das Werk heißt."
Wassily Kandinsky, Sturm Almanach, 1913, S. XIX.

Geburtsstunde des Expressionismus - Wassily Kandinsky und Gabriele Münter 1908 in Murnau

1908 entsteht diese farbgewaltige kleine Landschaft in Oberau, südlich von Murnau. Wassily Kandinsky und seine damalige Lebensgefährtin Gabriele Münter waren Anfang Juni dieses Jahres, nach vier Jahren der Reisen, mit Aufenthalten in Italien, Frankreich und Tunis, nach München zurückgekehrt. Schon Mitte des Monats brechen die beiden wieder auf Richtung Salzburg. Eigentlich sind sie nahe den Alpen auf der Suche nach einer Bleibe, die ihnen ein geeignetes Umfeld bietet. Kandinsky war schon einmal 1904 in Murnau gewesen, und so wohnen er und Münter vom 8. August bis zum 30. September 1908 in Murnau, zunächst im Griesbräu. Murnau und das umliegende Blaue Land brennen sich den beiden ins Herz, hier finden sie mit dem sogenannten Russenhaus, das Gabriele Münter im Juni 1909 erwerben wird, ihr inspirierendes Zuhause.
Zu Beginn der Murnauer Zeit ereignet sich Außergewöhnliches, als Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, zunächst gemeinsam mit Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin, in und um diesen oberbayerischen Ort malen: ein künstlerischer Umbruch, eine radikale Abkehr vom impressionistischen und spätimpressionistischen Malstil und eine Hinwendung zu einer synthetischen, expressiven Farbmalerei.

Das blaue Land und Kandinskys Aufbruch in die Abstraktion

Oberau liegt südlich von Murnau im Loisachtal. Erstmals war Kandinsky 1904 hier, wie Postkarten an seine damalige Schülerin und Geliebte Gabriele Münter zeigen. Damals unternimmt er eine Radtour bei strömendem Regen: "...mein Gummikragen war durchnäßt, der Rucksack hat nur meinen Rücken vor der Nässe geschützt. Und doch war es schön! Unglaublich schöne Sachen habe ich im Gebirge gesehen: diese ganz tief liegende u. sich langsam bewegende Wolken, der düstere dunkelviolette Wald, die blendend weisse Gebäude, sammttiefe Dächer der Kirchen, das sattgrüne Laub habe ich noch immer vor Augen. Habe sogar von den Sachen geträumt" (Postkarte Kandinskys an G. Münter, zit. nach: B. Salmen, A. Hoberg, Um 1908 – Kandinsky, Münter, Jawlensky und Werefkin in Murnau, Murnau 2008, S. 20).
Auch 1908 während des Sommeraufenthalts besucht er wieder Oberau. Der Ort war damals, wie seine Gemälde zeigen, nicht nur rein bäuerlich strukturiert: Aus demselben Jahr 1908 stammt "Herbststudie bei Oberau" (Roethel/Benjamin 248), das sich heute im Lenbachhaus München befindet.



Zwei Jahre später, 1910, malt er "Landschaft mit Schornstein" (Roethel/Benjamin 343), das heute zur Sammlung des Guggenheim Museums, New York, gehört. Die darauf dargestellte Pappfabrik Kienzerle & Kie. verortet das Motiv ebenfalls in Oberau.



Unser vorliegendes Gemälde zeigt die Brücke über die Loisach am Südende von Oberau, mit der Floßrutsche darunter. Von hier aus wurde Gips und Holz nach München transportiert. Beherrschend steht die in verschiedenen Blau- und Lilatönen gehaltene Bergsilhouette am Horizont und lässt nur einen kleinen Bereich für den rosa strahlenden Himmel frei. Die Wirkung der Farben wird verstärkt durch das warme, leuchtende Gelb-Orange der Wiese, durch die in wenigen Grüntönen über Orange zu Schwarz variierenden Bäume sowie durch die das Blau und Lila wieder aufnehmende Loisach mit der Brücke. In breiten, langen Pinselstrichen wird das Gesehene auf wenige Formen reduziert, die Wahl der Farben ist von jeder Verbindlichkeit und Naturtreue gelöst. Auch die Perspektivwirkung ist auf ein Minimum reduziert. Kandinsky begibt sich mit Werken dieser Zeit zielstrebig auf den Weg zur völligen Unabhängigkeit von beschreibender Form und Farbe.
"Bei Oberau" zeigt, wie die Landschaft des Blauen Landes Kandinsky beflügelt: Er saugt die Landschaft rund um Murnau in vollen Zügen auf und nimmt sie zum Ausgangspunkt für seine Farbexperimente. Er selbst hat immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig die Landschaftsmalerei für ihn ist. Die in den Jahren 1908 und 1909 geschaffenen Werke bleiben über viele Jahre hinweg für ihn relevant. Mehrfach verweist er in seinen Schriften darauf, dass wesentliche Anregungen für seine weitere Entwicklung aus diesen Landschaften der frühen Murnauer Jahre herrührten.
Das Format der Malpappe, 33 x 45 cm, wird häufig von ihm für das Arbeiten in der Natur genutzt. Es passt gut auf eine tragbare Staffelei und ist so der ideale Bildträger für das hochgeschätzte Arbeiten in der freien Natur. Manche der so entstandenen Werke werden später in größerem Format ein weiteres Mal ausgeführt. Etliche dieser in situ entstandenen Bilder sind nicht in den Handlisten des Künstlers verzeichnet. Sie befanden sich über viele Jahre in Murnau im "Russenhaus" von Gabriele Münter.
Kandinsky verbrachte vor allem die Sommermonate hier. Diese langen Aufenthalte in Murnau werden zur Keimzelle des späteren "Blauen Reiters". Franz Marc wohnt im nahegelegenen Sindelsdorf, Jawlensky kommt immer wieder zu Besuch zu Kandinsky und Münter nach Murnau. Auch der Komponist Thomas von Hartmann, mit dem Kandinsky an Bühnenprojekten arbeitet, lebt im nahen Kochel.

Eine kuriose Verwechslung - Irrungen und Entwirrungen

Kandinsky muss mit Beginn des Krieges 1914 als russischer Staatsbürger Deutschland umgehend verlassen. Das Murnauer Künstlerpaar geht zunächst für kurze Zeit nach Zürich. Kandinsky reist weiter nach Moskau und wird entgegen aller Versprechungen gegenüber seiner Murnauer Lebensgefährtin Gabriele Münter nicht mehr nach Murnau und nicht mehr zu ihr zurückkehren. Die Werke, die er zurücklassen muss – und dazu gehört auch unser Bild – verbleiben letztlich im Besitz Gabriele Münters.
Erst mit der großzügigen Übereignung ihres Nachlasses an das Lenbachhaus München gelangt dieses unschätzbar bedeutende Konvolut der Arbeiten von Wassily Kandinsky in den Besitz der Stadt München. Einige dieser Werke wurden in den ersten Jahren nach der Übereignung über ausgewählte Galeristen verkauft. Zu diesen zählte auch die Kunsthändlerin Aenne Abels in Köln. Der Vermerk "'77 Abels" findet sich auf einem Foto, das Hans Roethel und Jean Benjamin bei den Arbeiten zum Werkverzeichnis vorlag. Leider lassen sich heute nicht mehr alle Stationen unseres Werkes in jedem Detail rekonstruieren. Sicher ist jedoch, dass das vorliegende Gemälde bereits 1961 in New York in der Galerie Leonard Hutton ausgestellt wird, und wohl aufgrund seiner Herkunft aus dem Lenbachhaus fälschlicherweise nicht als eine Arbeit von Wassily Kandinsky, sondern von Gabriele Münter gezeigt wurde. Diese falsche Zuschreibung setzt sich in den folgenden Jahren fort. So wird es 1963 bei Parke-Bernet in New York als "Gabriele Münter, Mountain rill" und 1968 dort in einer weiteren Auktion als "Gabriele Münter, Bergstrom (A mountain stream)" verkauft. Erst dem heutigen Besitzer wird die Autorenschaft Wassily Kandinskys und der Eintrag unseres Werkes "Bei Oberau" unter der Nummer "262" im 1982 erschienenen Werkverzeichnis der Ölgemälde, verfasst von Hans Roethel und Jean Benjamin, bekannt. Sie ordnen unser Werk dem Entstehungsjahr 1908 zu und listen es mit dem Vermerk "location unkown" auf. Dies ist nicht verwunderlich, da es ja seit 1961 fälschlicherweise Gabriele Münter zugeordnet war und damit für sie nicht mehr auffindbar.
Im Rahmen unserer Recherchen konnten wir nachweisen, dass unser Bild "Bei Oberau" nicht in den bei Parke-Bernet in der Katalogisierung angegebenen Münter-Ausstellungen gezeigt wurde. Es handelt sich dabei also nicht um belastbare Belege zur Autorenschaft, sondern lediglich um allgemeine Hinweise auf Ausstellungen der Künstlerin.
Umso wichtiger ist jedoch ein weiterer, bislang übersehener Hinweis: Verso findet sich auf unserem Bild ein kleines Etikett mit der gestempelten Nummer "236". Diese Nummer findet ihre Entsprechung auf einer Liste, die wohl 1958 im Münter Haus in Murnau erstellt wurde. Hier ist unter eben dieser Nummer 236 verzeichnet: "Kandinsky, Naturstudie in Oberau". Die Verwechslung der Autorenschaft als Werk Gabriele Münters fand mithin erst nach 1958, sicher im Zuge der Vorbereitungen zur Ausstellung 1961 bei Leonard Hutton, statt, die damals von der bereits hochbetagten Künstlerin nur noch am Rande begleitet wurden. Über die Leiste von 1958 lässt sich das Gemälde nach vielen Jahren nun wieder korrekt zuordnen. Die Betitelung und Datierung "1909" auf der Rückseite ist der Handschrift Gabriele Münters zuzuordnen. Das Werkverzeichnis datiert das Gemälde jedoch schon ein Jahr früher auf "1908".
Die leuchtende, expressive Farbigkeit, die starke Präsenz der Landschaft und die Freiheit der Form haben schon immer die Sprache Kandinskys in den entscheidenden frühen Murnauer Jahren gesprochen.





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