Auktion: 612 / Evening Sale am 04.12.2026 in München → Lot 126000585
126000585
Alexej von Jawlensky
Heilandsgesicht ”Einkehr”, 1918.
Öl auf leinenstrukturiertem Papier, aufgezogen ...
Schätzpreis: € 250.000 - 350.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
126000585
Alexej von Jawlensky
Heilandsgesicht ”Einkehr”, 1918.
Öl auf leinenstrukturiertem Papier, aufgezogen ...
Schätzpreis: € 250.000 - 350.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Alexej von Jawlensky
1864 - 1941
Heilandsgesicht ”Einkehr”. 1918.
Öl auf leinenstrukturiertem Papier, aufgezogen auf Karton, aufgezogen auf Holz.
Rechts unten monogrammiert. Rückseitig auf dem Karton signiert, datiert und betitelt "Heilandsgesicht". Hier von Andreas Jawlensky betitelt "Einkehr".
Auf dem rückseitigen Holz von Andreas Jawlensky abermals bezeichnet und betitelt.
Das vorliegende Werk ist in dem vom Künstler und seiner Sekretärin Lisa Kümmel 1934 erstellten, sogenannten Cahier Noir mit den Werklisten seiner Arbeiten auf S. 70 verzeichnet. 36 x 28 cm (14,1 x 11 in).
• PROVENIENZ 1974 aus dem Nachlass erworben, seither ununterbrochen in Familienbesitz.
• INNERE EINKEHR der sanfte Gesichtsausdruck vermittelt spirituelle Ruhe und inneren Frieden.
• HÖHEPUNKT Im Heilandsgesicht verdichtet Jawlensky seine Suche nach einer geistigen Bildform
• MUSEALE PRÄSENZ Werke der Serie befinden sich u. a. im Museum Wiesbaden, dem Lenbachhaus München, dem Los Angeles County Museum of Art und der Galka Scheyer Collection im Norton Simon Museum, Pasadena.
Wir danken dem Museum Wiesbaden für die freundliche Auskunft.
PROVENIENZ: Nachlass des Künstlers.
Galerie Grosshennig, Düsseldorf (1968, in Kommission vom Vorgenannten).
Privatsammlung Rheinland (1974, seitdem in Familienbesitz).
AUSSTELLUNG: Alexej von Jawlensky, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, 17.7.-13.9.1964, Kat.-Nr. 105.
Ausstellung deutscher und französischer Meisterwerke des 20. Jahrhunderts. Gemälde, Plastik, Aquarelle, Handzeichnungen, Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf, 10.11.1968-31.1.1969, S. 58 (m. Farbabb.).
Kunst aus Krefelder Sammlungen in Haus Greiffenhorst 1904 -1974, Kunstverein Krefeld, 20.10.-20.11.1974, Kat.-Nr. 152.
Wolfgang Wittrock Kunsthandel, Düsseldorf 1986, Kat.-Nr. 23, (m. Farbabb.)
Galerie Thomas, München (verso mit einem Etikett, vor 1993).
Jawlensky in der Schweiz / Jawlensky en Suisse, Kunsthaus Zürich, 27.10.2000-14.1.2001; Fondation de l'Hermitage, Lausanne, 26.1.-13.5.2001, Kat.-Nr. 201 (verso auf der Rahmenabdeckung jeweils mit einem Etikett).
LITERATUR: Maria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky, Alexej von Jawlensky. Catalogue Raisonné of the Oil Paintings, Bd. 2: 1914-1933, München 1992, WVZ-Nr. 991 (m. Farbabb. S. 247).
Clemens Weiler, Alexej Jawlensky, Köln 1959, Nr. 248, Abb. S. 245.
- -
Clemens Weiler, Alexej Jawlensky. Köpfe, Gesichte, Meditationen, Hanau 1970, Kat.-Nr. 143 (Farbabb. S. 247).
Angelika Affentranger-Kirchrath, Jawlensky. Das andere Gesicht, Bern 2000, Farbabb. S. 109.
Mirna Rudan Lisak, Apstraktna reproduktivna kao produktivna umjetnost. Kromatske fantazije skladatelja Aleksandra Skrjabina, slikara Alekseja Javljenskoga i pijanista Ive Pogorelica, Zagreb 2015, Farbabb. S. 114.
"Ich verstand, daß der Künstler mit seiner Kunst durch Formen und Farben sagen muß, was in ihm Göttliches ist. Darum ist das Kunstwerk ein sichtbarer Gott und die Kunst in Sehnsucht zu Gott."
Alexej von Jawlensky, zit. nach: Ausst.-Kat. Alexej von Jawlensky, Lenbachhaus München / Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, München 1983, S. 28.
1864 - 1941
Heilandsgesicht ”Einkehr”. 1918.
Öl auf leinenstrukturiertem Papier, aufgezogen auf Karton, aufgezogen auf Holz.
Rechts unten monogrammiert. Rückseitig auf dem Karton signiert, datiert und betitelt "Heilandsgesicht". Hier von Andreas Jawlensky betitelt "Einkehr".
Auf dem rückseitigen Holz von Andreas Jawlensky abermals bezeichnet und betitelt.
Das vorliegende Werk ist in dem vom Künstler und seiner Sekretärin Lisa Kümmel 1934 erstellten, sogenannten Cahier Noir mit den Werklisten seiner Arbeiten auf S. 70 verzeichnet. 36 x 28 cm (14,1 x 11 in).
• PROVENIENZ 1974 aus dem Nachlass erworben, seither ununterbrochen in Familienbesitz.
• INNERE EINKEHR der sanfte Gesichtsausdruck vermittelt spirituelle Ruhe und inneren Frieden.
• HÖHEPUNKT Im Heilandsgesicht verdichtet Jawlensky seine Suche nach einer geistigen Bildform
• MUSEALE PRÄSENZ Werke der Serie befinden sich u. a. im Museum Wiesbaden, dem Lenbachhaus München, dem Los Angeles County Museum of Art und der Galka Scheyer Collection im Norton Simon Museum, Pasadena.
Wir danken dem Museum Wiesbaden für die freundliche Auskunft.
PROVENIENZ: Nachlass des Künstlers.
Galerie Grosshennig, Düsseldorf (1968, in Kommission vom Vorgenannten).
Privatsammlung Rheinland (1974, seitdem in Familienbesitz).
AUSSTELLUNG: Alexej von Jawlensky, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, 17.7.-13.9.1964, Kat.-Nr. 105.
Ausstellung deutscher und französischer Meisterwerke des 20. Jahrhunderts. Gemälde, Plastik, Aquarelle, Handzeichnungen, Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf, 10.11.1968-31.1.1969, S. 58 (m. Farbabb.).
Kunst aus Krefelder Sammlungen in Haus Greiffenhorst 1904 -1974, Kunstverein Krefeld, 20.10.-20.11.1974, Kat.-Nr. 152.
Wolfgang Wittrock Kunsthandel, Düsseldorf 1986, Kat.-Nr. 23, (m. Farbabb.)
Galerie Thomas, München (verso mit einem Etikett, vor 1993).
Jawlensky in der Schweiz / Jawlensky en Suisse, Kunsthaus Zürich, 27.10.2000-14.1.2001; Fondation de l'Hermitage, Lausanne, 26.1.-13.5.2001, Kat.-Nr. 201 (verso auf der Rahmenabdeckung jeweils mit einem Etikett).
LITERATUR: Maria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky, Alexej von Jawlensky. Catalogue Raisonné of the Oil Paintings, Bd. 2: 1914-1933, München 1992, WVZ-Nr. 991 (m. Farbabb. S. 247).
Clemens Weiler, Alexej Jawlensky, Köln 1959, Nr. 248, Abb. S. 245.
- -
Clemens Weiler, Alexej Jawlensky. Köpfe, Gesichte, Meditationen, Hanau 1970, Kat.-Nr. 143 (Farbabb. S. 247).
Angelika Affentranger-Kirchrath, Jawlensky. Das andere Gesicht, Bern 2000, Farbabb. S. 109.
Mirna Rudan Lisak, Apstraktna reproduktivna kao produktivna umjetnost. Kromatske fantazije skladatelja Aleksandra Skrjabina, slikara Alekseja Javljenskoga i pijanista Ive Pogorelica, Zagreb 2015, Farbabb. S. 114.
"Ich verstand, daß der Künstler mit seiner Kunst durch Formen und Farben sagen muß, was in ihm Göttliches ist. Darum ist das Kunstwerk ein sichtbarer Gott und die Kunst in Sehnsucht zu Gott."
Alexej von Jawlensky, zit. nach: Ausst.-Kat. Alexej von Jawlensky, Lenbachhaus München / Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, München 1983, S. 28.
Frühe Porträts und der Einschnitt 1914
Alexej von Jawlensky konzentriert sich von Anbeginn seines künstlerischen Schaffens auf drei wesentliche Themen: Landschaft, Stillleben und Porträt. Das jeweilige Motiv befreit er stets konsequent von jeglichem weiterem Beiwerk. So sind schon seine frühen Porträts ohne ablenkende Darstellung im Hintergrund gestaltet. Alles, was gezeigt wird, ist auch wirklich wichtig, alles charakterisiert die Persönlichkeit. Um 1911/12 entstehen seine starken, expressiven Porträts bzw. "bunten Köpfe" im typisch quadratischen Format, wie auch das "Selbstbildnis" von 1912 (Museum Wiesbaden).
Als 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, muss Jawlensky als russischer Staatsbürger binnen 48 Stunden Deutschland verlassen. Er kommt mit seiner Familie und Marianne von Werefkin nach Saint-Prex, einem kleinen Ort am Genfer See, und lebt schließlich bis 1921 in der Schweiz. Der einst so enge Kontakt zu seinem Münchner Freundes- und Künstlerkreis ist nun nicht mehr möglich. Nicht nur privat, sondern auch in seiner Kunst markiert dieser Umbruch einen entscheidenden Wendepunkt. Jawlensky schreibt in seinen Lebenserinnerungen: "Meine Seele war durch vieles Leid anders geworden und das verlangte andere Formen und Farben zu finden, um das auszudrücken, was meine Seele bewegte." (A. v. Jawlensky, Lebenserinnerungen, zit. nach: C. Weiler, Alexej Jawlensky. Köpfe, Gesichte, Meditationen, Hanau 1970, S. 116)
Ab 1915 widmet er sich erneut einigen Mädchenköpfen, zudem entstehen seine bekannten "Variationen" des Blicks aus dem Fenster in Saint-Prex.
1916 lernt er in Lausanne Emmy (Galka) Scheyer kennen, sie wird eine enge Vertraute und Managerin seiner Kunst. Ein Porträt von Galka kann als Beginn einer dichten Folge von Köpfen gesehen werden. In den "Mystischen Köpfen" finden sich vielfach ihre schwarzen Locken und ihre stark gebogene Nase wieder.
Die „Mystischen Köpfe“ und „Heilandsgesichte“
Schon wenige Jahre später steht wieder ein Umzug an: "Wir siedelten Anfang April 1918 nach Ascona über. Die folgenden drei Jahre in Ascona waren die interessantesten meines Lebens. [..] Viele Variationen sind dort entstanden. Und dann fing ich meine >Heilandsgesichter< und >abstrakten Köpfe< an zu malen. Für mich waren es Heiligenköpfe. Wenn ich mich jetzt – 1937 – an diese Zeit erinnere, wo ich krank bin und über siebzig Jahre alt, so weint meine Seele vor Trauer und Sehnsucht." (A. v. Jawlensky, Lebenserinnerungen, zit. nach: ebd., S. 119) In seiner Serie der "Mystischen Köpfe" behandelt er das Thema Porträt ausführlich, in seinen "Heilandsgesichten" verdichtet er es auf das Wesentliche.
In den "Heilandsgesichten" wird das Porträt zur Vision eines verborgenen Seelenlebens. Die persönliche Charakterisierung geht in der künstlerischen Aufgabe, die formale Variation auszuloten, auf. Mit reduzierter und zugleich farblich ausdrucksstark variierender Linienführung konzentriert sich Alexej von Jawlensky auf die Grundformen des Gesichtes: Augen, Nase und Mund, eingefasst von den rahmenden U-förmigen Konturlinien. Die Augen sind zunächst weit geöffnet, große Augen blicken in den Bildern aus dem Jahr 1917 auf den Betrachter. 1918 verstärkt Jawlensky bei den "Heilandsgesichten" die Wirkung durch geschlossene Augen. Damit tritt ein Momentum der Ruhe und Kontemplation in die Darstellungsserie. Nur durch Variationen der Farbe und minimale Änderungen der Details entsteht eine ausdrucksstarke Galerie verschiedenster Stimmungen und vielfältigen Ausdrucks. Tayfun Belgin schreibt bezüglich der Serie der "Heilandsgesichte": "[sie] verweist im Titel schon auf die spirituelle Dimension der Bilder, in denen nicht mehr das nach außen Strahlende und Geheimnisvolle im Vordergrund steht, sondern der Rückzug nach Innen vorherrscht. In feinen Schichten aufgetragene Pastelltöne nehmen auch hier das Oval des Antlitzes ein, die milde Farbgebung verstärkt, insbesondere bei denjenigen Gemälden mit geschlossenen Augen, den Eindruck der inneren Sammlung. [..] Was vereinzelt schon bei den Vorkriegsköpfen und in vielen 'Mystischen Köpfen' zu finden ist, nämlich Leuchtpunkte in der Mitte der Stirn, zwischen den Augenbrauen, wird in dieser Serie um so offensichtlicher: Jawlensky verweist hier auf das Dritte Auge, welches in der altindischen Tradition das mystische Zeichen für Weisheit darstellt. (Tayfun Belgin, Alexej von Jawlensky. Leben und Werk, in: Bild und Wissenschaft – der Umgang mit dem Künstlerischen Erbe von Hodler bis Jawlensky, Bern 2003, S. 56.)
Was ihn zu der intensiven Auseinandersetzung mit den "Heilandsgesichten" bewegt, erläutert Alexej von Jawlensky rückwirkend in seinen Lebenserinnerungen selbst: "Und dann war mir notwendig eine Form für das Gesicht zu finden, da ich verstanden hatte, dass die große Kunst nur mit religiösem Gefühl gemalt werden soll. Und das konnte ich nur in das menschliche Antlitz bringen. Ich verstand dass der Künstler mit seiner Kunst durch Formen und Farben sagen muss, was in ihm Göttliches ist." Der Gedanke gipfelt in der Aussage "Darum ist das Kunstwerk ein sichtbarer Gott, und die Kunst ist Sehnsucht zu Gott." (Alexej von Jawlensky, zit. nach: Ausst.-Kat. Alexej von Jawlensky, München/Baden-Baden 1983, S. 28)
Einkehr
"Einkehr" ist in dieser Reihe ein besonderes Bild. Eine leichte Schräge beherrscht die Komposition. Nicht nur die Kopfform ist grundsätzlich aus der vertikalen Achse verschoben, auch Nase und Mund verstärken den Eindruck eines zur Seite geneigten Hauptes. Auch hier erreicht Jawlensky sein Ziel über die Farbe. Zart schwebend legt er die Farben auf die Darstellung. Das besondere Türkis, das schon in dem berühmten Bildnis des Tänzers Sacharow (1909, Lenbachhaus München) den Hintergrund bildet, deutet in feiner Abstufung mit einem leichten Rose-Ton das Inkarnat an. Leuchtende Punkte und farbliche in Schwarz, Rot, Gelb und Grün abgesetzte Linien sowie runde Flächen rahmen das Antlitz, das zur Ruhe gekommen ist. Die geschlossenen Augen machen den Titel "Einkehr" deutlich. Einkehr ist im religiösen Sinne die bewusste innere Zuwendung zu Gott über die eigene Nach-Innen-Schau, über die eigene Spiritualität.
Alexej von Jawlensky konzentriert sich von Anbeginn seines künstlerischen Schaffens auf drei wesentliche Themen: Landschaft, Stillleben und Porträt. Das jeweilige Motiv befreit er stets konsequent von jeglichem weiterem Beiwerk. So sind schon seine frühen Porträts ohne ablenkende Darstellung im Hintergrund gestaltet. Alles, was gezeigt wird, ist auch wirklich wichtig, alles charakterisiert die Persönlichkeit. Um 1911/12 entstehen seine starken, expressiven Porträts bzw. "bunten Köpfe" im typisch quadratischen Format, wie auch das "Selbstbildnis" von 1912 (Museum Wiesbaden).
Als 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, muss Jawlensky als russischer Staatsbürger binnen 48 Stunden Deutschland verlassen. Er kommt mit seiner Familie und Marianne von Werefkin nach Saint-Prex, einem kleinen Ort am Genfer See, und lebt schließlich bis 1921 in der Schweiz. Der einst so enge Kontakt zu seinem Münchner Freundes- und Künstlerkreis ist nun nicht mehr möglich. Nicht nur privat, sondern auch in seiner Kunst markiert dieser Umbruch einen entscheidenden Wendepunkt. Jawlensky schreibt in seinen Lebenserinnerungen: "Meine Seele war durch vieles Leid anders geworden und das verlangte andere Formen und Farben zu finden, um das auszudrücken, was meine Seele bewegte." (A. v. Jawlensky, Lebenserinnerungen, zit. nach: C. Weiler, Alexej Jawlensky. Köpfe, Gesichte, Meditationen, Hanau 1970, S. 116)
Ab 1915 widmet er sich erneut einigen Mädchenköpfen, zudem entstehen seine bekannten "Variationen" des Blicks aus dem Fenster in Saint-Prex.
1916 lernt er in Lausanne Emmy (Galka) Scheyer kennen, sie wird eine enge Vertraute und Managerin seiner Kunst. Ein Porträt von Galka kann als Beginn einer dichten Folge von Köpfen gesehen werden. In den "Mystischen Köpfen" finden sich vielfach ihre schwarzen Locken und ihre stark gebogene Nase wieder.
Die „Mystischen Köpfe“ und „Heilandsgesichte“
Schon wenige Jahre später steht wieder ein Umzug an: "Wir siedelten Anfang April 1918 nach Ascona über. Die folgenden drei Jahre in Ascona waren die interessantesten meines Lebens. [..] Viele Variationen sind dort entstanden. Und dann fing ich meine >Heilandsgesichter< und >abstrakten Köpfe< an zu malen. Für mich waren es Heiligenköpfe. Wenn ich mich jetzt – 1937 – an diese Zeit erinnere, wo ich krank bin und über siebzig Jahre alt, so weint meine Seele vor Trauer und Sehnsucht." (A. v. Jawlensky, Lebenserinnerungen, zit. nach: ebd., S. 119) In seiner Serie der "Mystischen Köpfe" behandelt er das Thema Porträt ausführlich, in seinen "Heilandsgesichten" verdichtet er es auf das Wesentliche.
In den "Heilandsgesichten" wird das Porträt zur Vision eines verborgenen Seelenlebens. Die persönliche Charakterisierung geht in der künstlerischen Aufgabe, die formale Variation auszuloten, auf. Mit reduzierter und zugleich farblich ausdrucksstark variierender Linienführung konzentriert sich Alexej von Jawlensky auf die Grundformen des Gesichtes: Augen, Nase und Mund, eingefasst von den rahmenden U-förmigen Konturlinien. Die Augen sind zunächst weit geöffnet, große Augen blicken in den Bildern aus dem Jahr 1917 auf den Betrachter. 1918 verstärkt Jawlensky bei den "Heilandsgesichten" die Wirkung durch geschlossene Augen. Damit tritt ein Momentum der Ruhe und Kontemplation in die Darstellungsserie. Nur durch Variationen der Farbe und minimale Änderungen der Details entsteht eine ausdrucksstarke Galerie verschiedenster Stimmungen und vielfältigen Ausdrucks. Tayfun Belgin schreibt bezüglich der Serie der "Heilandsgesichte": "[sie] verweist im Titel schon auf die spirituelle Dimension der Bilder, in denen nicht mehr das nach außen Strahlende und Geheimnisvolle im Vordergrund steht, sondern der Rückzug nach Innen vorherrscht. In feinen Schichten aufgetragene Pastelltöne nehmen auch hier das Oval des Antlitzes ein, die milde Farbgebung verstärkt, insbesondere bei denjenigen Gemälden mit geschlossenen Augen, den Eindruck der inneren Sammlung. [..] Was vereinzelt schon bei den Vorkriegsköpfen und in vielen 'Mystischen Köpfen' zu finden ist, nämlich Leuchtpunkte in der Mitte der Stirn, zwischen den Augenbrauen, wird in dieser Serie um so offensichtlicher: Jawlensky verweist hier auf das Dritte Auge, welches in der altindischen Tradition das mystische Zeichen für Weisheit darstellt. (Tayfun Belgin, Alexej von Jawlensky. Leben und Werk, in: Bild und Wissenschaft – der Umgang mit dem Künstlerischen Erbe von Hodler bis Jawlensky, Bern 2003, S. 56.)
Was ihn zu der intensiven Auseinandersetzung mit den "Heilandsgesichten" bewegt, erläutert Alexej von Jawlensky rückwirkend in seinen Lebenserinnerungen selbst: "Und dann war mir notwendig eine Form für das Gesicht zu finden, da ich verstanden hatte, dass die große Kunst nur mit religiösem Gefühl gemalt werden soll. Und das konnte ich nur in das menschliche Antlitz bringen. Ich verstand dass der Künstler mit seiner Kunst durch Formen und Farben sagen muss, was in ihm Göttliches ist." Der Gedanke gipfelt in der Aussage "Darum ist das Kunstwerk ein sichtbarer Gott, und die Kunst ist Sehnsucht zu Gott." (Alexej von Jawlensky, zit. nach: Ausst.-Kat. Alexej von Jawlensky, München/Baden-Baden 1983, S. 28)
Einkehr
"Einkehr" ist in dieser Reihe ein besonderes Bild. Eine leichte Schräge beherrscht die Komposition. Nicht nur die Kopfform ist grundsätzlich aus der vertikalen Achse verschoben, auch Nase und Mund verstärken den Eindruck eines zur Seite geneigten Hauptes. Auch hier erreicht Jawlensky sein Ziel über die Farbe. Zart schwebend legt er die Farben auf die Darstellung. Das besondere Türkis, das schon in dem berühmten Bildnis des Tänzers Sacharow (1909, Lenbachhaus München) den Hintergrund bildet, deutet in feiner Abstufung mit einem leichten Rose-Ton das Inkarnat an. Leuchtende Punkte und farbliche in Schwarz, Rot, Gelb und Grün abgesetzte Linien sowie runde Flächen rahmen das Antlitz, das zur Ruhe gekommen ist. Die geschlossenen Augen machen den Titel "Einkehr" deutlich. Einkehr ist im religiösen Sinne die bewusste innere Zuwendung zu Gott über die eigene Nach-Innen-Schau, über die eigene Spiritualität.
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