Auktion: 612 / Evening Sale am 04.12.2026 in München → Lot 126001076
126001076
Max Beckmann
Blick von der Terrasse in Monte Carlo, 1935.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 600.000 - 800.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
126001076
Max Beckmann
Blick von der Terrasse in Monte Carlo, 1935.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 600.000 - 800.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Max Beckmann
1884 - 1950
Blick von der Terrasse in Monte Carlo. 1935.
Öl auf Leinwand.
Rechts unten signiert und datiert. 65 x 95,5 cm (25,5 x 37,5 in).
Beckmann hat das Gemälde laut Göpel in Berlin aus der Erinnerung heraus gemalt, da sowohl für 1934 als auch für 1935 kein Aufenthalt des Künstlers an der französischen Riviera nachgewiesen ist. Die Arbeit ist in der MB-Liste, der Handliste des Künstlers, bereits unter dem Jahr 1934 mit dem folgenden Titel verzeichnet: "Blick von der Terrasse in Monte". Fertiggestellt wurde das Gemälde der Datierung entsprechend jedoch erst im darauffolgenden Jahr. [JS]
Weitere Werke aus der Sammlung Kropatscheck kommen in unserem Day Sale am Samstag, dem 5. Dezember 2026, in unserer Auktion Wertvolle Bücher am Montag, dem 23. November 2026, sowie in unserem Online Sale vom 15. Januar bis zum 15. Februar 2027 zum Aufruf.
• SEHNSUCHT Beckmanns Traum von einem freien und unbeschwerten Leben.
• BESTE ZEIT Zeitgleich mit dem ersten Triptychon "Departure" (MoMA, New York) in Berlin entstanden.
• INNERE EMIGRATION 1933 als Professor entlassen, lebt Beckmann bis zu seiner Emigration 1937 nach Amsterdam zurückgezogen in Berlin.
• VIELFACH AUSGESTELLT Zuletzt 2011/12 in "Max Beckmann. Die Landschaften" im Kunstmuseum Basel.
• BESTE PROVENIENZ 1936 direkt vom Künstler an seinen Freund und Verleger Reinhard Piper, München.
PROVENIENZ: Atelier des Künstlers (bis 1936).
Sammlung Reinhard Piper, München (Beckmanns Freund und Verleger, 1936 direkt vom Künstler, in Familienbesitz bis 2000, Sotheby's, London).
Sammlung Fritz Eugen und Hannemarie Kropatscheck, Hamburg (vom Vorgenannten erworben).
AUSSTELLUNG: Max Beckmann zum Gedächtnis 1884-1950, Haus der Kunst, München; Schloss Charlottenburg, Berlin; Stedeljik Museum, Amsterdam, 8.6.-5.8.1951.
Bayerische Staatsgemäldesammlungen München (auf dem Keilrahmen mit dem Etikett, Dauerleihgabe aus Familienbesitz Piper, 1970-1972).
Max Beckmann. Menschen am Meer, Bucerius Kunstforum, Hamburg, 9.11.2003-1.2.2004, Kat.-Nr. 14, S. 50 (m. Abb. S. 51)
Max Beckmann. Die Landschaften, Kunstmuseum Basel, 4.9.2011-22.1.2012, Kat.-Nr. 43, S. 148 (mit Abb. S. 149).
Kunsthalle Hamburg (Dauerleihgabe aus der Sammlung Kropatscheck, 2020-2026).
LITERATUR: Anja Tiedemann, Kaldewei Kulturstiftung (Hrsg.), Werkverzeichnis Max Beckmann – Catalogue Raisonné der Gemälde, Frankfurt a. Main, Online-WVZ-Nr. MB-G 413 (m. Abb.), https://max-beckmann.org/mb/g/413 (aufgerufen 10.10.2026).
Barbara und Erhard Göpel, Max Beckmann. Katalog der Gemälde, Bd. 1, Bern 1976, WVZ-Nr. 413 (m. Abb. Tafel 141).
Benno Reifenberg und Wilhelm Hausenstein, Max Beckmann, München 1949, WVZ-Nr. 350 (hier unter dem Titel "Südliche Landschaft (Riviera)").
-
Reinhard Piper, Nachmittag. Erinnerungen eines Verlegers, München 1950, S. 47-48.
Galerie Wolfgang Ketterer, München, Lagerkatalog Nov. 1972, S. 1 (m. Abb.).
Klaus Gallwitz, Uwe Schneede, Stephan von Wiese (Hrsg.), Max Beckmann, Briefe. 1925-1937, Bd. II, München/Zürich 1994, S. 263.
Sotheby's, London, Auktion German & Austrian Art, 18.10.2000, Los 243 (m. Abb.).
Barbara Strehle-Akhtar, Wunschträume. Max Beckmann und die Côte d'Azur, in: Ausst.-Kat. Max Beckmann. Menschen am Meer, Bucerius Kunstforum, Hamburg 2003, S. 126-135.
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Weitere Dokumentation:
Nicola Graef, Max Beckmann – Ein Reisender, TV-Beitrag, Arte 2022, https://www.youtube.com/watch?v=YC-E6fo3ZkM (aufgerufen 5.10.2026).
"Schöne Träume der Vergangenheit ziehen kurz vorbei wie ein seltenes lange nicht mehr bemerktes Parfüm. Nun hebe ich den Kopf und denke „weit weit vom Meer“ „ganz dicht beim Meer“."
Max Beckmann, Tagebucheintrag vom 21. November 1947.
"Wie bei jedem Atelierbesuch erlebte ich wieder eine Überraschung. Er hatte enorm gearbeitet und sehr kühn mit sehr schönen Farben gemalt. [..] Als Hauptwerk brachte er ein großes Triptychon herbei. Wieder musste ich mich wieder erst neu gewöhnen und neu sehen. Was sollten die auf den Seitenflügeln die an Säulen Gefesselten mit den abgehackten Händen? Was sollte der Mann mit der Pauke bedeuten, was in der Mitte die Menschen auf dem Schiff [..]? Beckmann verweigerte jede Erklärung [..] Selbst der Titel wurde mir nicht verraten. [..] Das Bild hat dann den Titel 'Abfahrt' bekommen [..] Es gab im Atelier noch andere neue Bilder. So eine sonnige Rivieralandschaft mit dem Blick von oben auf die sandgelben Terrassen, auf das grüne Meer mit weißen und orangenen Segeln. Die Terrassen lagen in praller Sonne [..], mit kurzen schwarzblauen Schatten, die Palmen schwarzgrün. Ich füge das Bild meiner kleinen Beckmann-Reihe an. Es hängt nun im Zimmer meiner Tochter und strahlt da Kraft und Frische von der Wand."
Reinhard Piper, Nachmittag. Erinnerungen eines Verlegers, München 1950, S. 47-48.
"Die Arbeit an diesen Bildern [Riviera-Landschaften], gespeist aus Erinnerungen und gestützt durch Ansichtskarten von vergangenen Reisen, öffneten dem Maler das Meer als Sehnsuchtsraum. Auf ihnen scheint die Zeit stillzustehen, es herrscht stets Sommer, und von den politischen Ereignissen jener Zeit ist nichts zu spüren."
Christiane Zeiller, Max-Beckmann Archiv, zit. nach: Ausst.-Kat. Max Beckmann. Departure, München 2022, S. 151.
1884 - 1950
Blick von der Terrasse in Monte Carlo. 1935.
Öl auf Leinwand.
Rechts unten signiert und datiert. 65 x 95,5 cm (25,5 x 37,5 in).
Beckmann hat das Gemälde laut Göpel in Berlin aus der Erinnerung heraus gemalt, da sowohl für 1934 als auch für 1935 kein Aufenthalt des Künstlers an der französischen Riviera nachgewiesen ist. Die Arbeit ist in der MB-Liste, der Handliste des Künstlers, bereits unter dem Jahr 1934 mit dem folgenden Titel verzeichnet: "Blick von der Terrasse in Monte". Fertiggestellt wurde das Gemälde der Datierung entsprechend jedoch erst im darauffolgenden Jahr. [JS]
Weitere Werke aus der Sammlung Kropatscheck kommen in unserem Day Sale am Samstag, dem 5. Dezember 2026, in unserer Auktion Wertvolle Bücher am Montag, dem 23. November 2026, sowie in unserem Online Sale vom 15. Januar bis zum 15. Februar 2027 zum Aufruf.
• SEHNSUCHT Beckmanns Traum von einem freien und unbeschwerten Leben.
• BESTE ZEIT Zeitgleich mit dem ersten Triptychon "Departure" (MoMA, New York) in Berlin entstanden.
• INNERE EMIGRATION 1933 als Professor entlassen, lebt Beckmann bis zu seiner Emigration 1937 nach Amsterdam zurückgezogen in Berlin.
• VIELFACH AUSGESTELLT Zuletzt 2011/12 in "Max Beckmann. Die Landschaften" im Kunstmuseum Basel.
• BESTE PROVENIENZ 1936 direkt vom Künstler an seinen Freund und Verleger Reinhard Piper, München.
PROVENIENZ: Atelier des Künstlers (bis 1936).
Sammlung Reinhard Piper, München (Beckmanns Freund und Verleger, 1936 direkt vom Künstler, in Familienbesitz bis 2000, Sotheby's, London).
Sammlung Fritz Eugen und Hannemarie Kropatscheck, Hamburg (vom Vorgenannten erworben).
AUSSTELLUNG: Max Beckmann zum Gedächtnis 1884-1950, Haus der Kunst, München; Schloss Charlottenburg, Berlin; Stedeljik Museum, Amsterdam, 8.6.-5.8.1951.
Bayerische Staatsgemäldesammlungen München (auf dem Keilrahmen mit dem Etikett, Dauerleihgabe aus Familienbesitz Piper, 1970-1972).
Max Beckmann. Menschen am Meer, Bucerius Kunstforum, Hamburg, 9.11.2003-1.2.2004, Kat.-Nr. 14, S. 50 (m. Abb. S. 51)
Max Beckmann. Die Landschaften, Kunstmuseum Basel, 4.9.2011-22.1.2012, Kat.-Nr. 43, S. 148 (mit Abb. S. 149).
Kunsthalle Hamburg (Dauerleihgabe aus der Sammlung Kropatscheck, 2020-2026).
LITERATUR: Anja Tiedemann, Kaldewei Kulturstiftung (Hrsg.), Werkverzeichnis Max Beckmann – Catalogue Raisonné der Gemälde, Frankfurt a. Main, Online-WVZ-Nr. MB-G 413 (m. Abb.), https://max-beckmann.org/mb/g/413 (aufgerufen 10.10.2026).
Barbara und Erhard Göpel, Max Beckmann. Katalog der Gemälde, Bd. 1, Bern 1976, WVZ-Nr. 413 (m. Abb. Tafel 141).
Benno Reifenberg und Wilhelm Hausenstein, Max Beckmann, München 1949, WVZ-Nr. 350 (hier unter dem Titel "Südliche Landschaft (Riviera)").
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Reinhard Piper, Nachmittag. Erinnerungen eines Verlegers, München 1950, S. 47-48.
Galerie Wolfgang Ketterer, München, Lagerkatalog Nov. 1972, S. 1 (m. Abb.).
Klaus Gallwitz, Uwe Schneede, Stephan von Wiese (Hrsg.), Max Beckmann, Briefe. 1925-1937, Bd. II, München/Zürich 1994, S. 263.
Sotheby's, London, Auktion German & Austrian Art, 18.10.2000, Los 243 (m. Abb.).
Barbara Strehle-Akhtar, Wunschträume. Max Beckmann und die Côte d'Azur, in: Ausst.-Kat. Max Beckmann. Menschen am Meer, Bucerius Kunstforum, Hamburg 2003, S. 126-135.
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Weitere Dokumentation:
Nicola Graef, Max Beckmann – Ein Reisender, TV-Beitrag, Arte 2022, https://www.youtube.com/watch?v=YC-E6fo3ZkM (aufgerufen 5.10.2026).
"Schöne Träume der Vergangenheit ziehen kurz vorbei wie ein seltenes lange nicht mehr bemerktes Parfüm. Nun hebe ich den Kopf und denke „weit weit vom Meer“ „ganz dicht beim Meer“."
Max Beckmann, Tagebucheintrag vom 21. November 1947.
"Wie bei jedem Atelierbesuch erlebte ich wieder eine Überraschung. Er hatte enorm gearbeitet und sehr kühn mit sehr schönen Farben gemalt. [..] Als Hauptwerk brachte er ein großes Triptychon herbei. Wieder musste ich mich wieder erst neu gewöhnen und neu sehen. Was sollten die auf den Seitenflügeln die an Säulen Gefesselten mit den abgehackten Händen? Was sollte der Mann mit der Pauke bedeuten, was in der Mitte die Menschen auf dem Schiff [..]? Beckmann verweigerte jede Erklärung [..] Selbst der Titel wurde mir nicht verraten. [..] Das Bild hat dann den Titel 'Abfahrt' bekommen [..] Es gab im Atelier noch andere neue Bilder. So eine sonnige Rivieralandschaft mit dem Blick von oben auf die sandgelben Terrassen, auf das grüne Meer mit weißen und orangenen Segeln. Die Terrassen lagen in praller Sonne [..], mit kurzen schwarzblauen Schatten, die Palmen schwarzgrün. Ich füge das Bild meiner kleinen Beckmann-Reihe an. Es hängt nun im Zimmer meiner Tochter und strahlt da Kraft und Frische von der Wand."
Reinhard Piper, Nachmittag. Erinnerungen eines Verlegers, München 1950, S. 47-48.
"Die Arbeit an diesen Bildern [Riviera-Landschaften], gespeist aus Erinnerungen und gestützt durch Ansichtskarten von vergangenen Reisen, öffneten dem Maler das Meer als Sehnsuchtsraum. Auf ihnen scheint die Zeit stillzustehen, es herrscht stets Sommer, und von den politischen Ereignissen jener Zeit ist nichts zu spüren."
Christiane Zeiller, Max-Beckmann Archiv, zit. nach: Ausst.-Kat. Max Beckmann. Departure, München 2022, S. 151.
Zwischen Welttheater und Seelenlandschaft: Max Beckmanns Blick auf die Riviera
Max Beckmanns Malerei ist ein Mythos: Bis heute üben seine bühnenhaften Inszenierungen, die komplexen und oft rätselhaften Allegorien des in all seiner Lächerlichkeit und Tragik von Beckmann erkannten und intensiv durchlebten menschlichen Daseins eine geheimnisvolle Anziehungskraft aus. Beckmann selbst inszeniert sich seit den 1920er Jahren immer wieder in der tragisch-komischen Rolle des Clowns inmitten seines fesselnden malerischen Welttheaters und zunehmend auch – wie in seinem "Selbstbildnis mit Glaskugel" aus dem Jahr 1936, ein Jahr bevor der Maler unter dem zunehmenden politischen Druck der Nationalsozialisten Deutschland für immer verlassen sollte – als der gedankenverlorene Seher, der sorgenvoll in die eigene und die Zukunft der Menschheit blickt. Beckmann ist charakterlich und physisch stark, und psychisch hoch empfindsam, eine spannungsvolle Kombination, die seiner Malerei ihren unverwechselbaren Ausdruck verleiht. Emotional hoch verdichtet sind auch Beckmanns Riviera-Landschaften, welche von 1930 bis in die späten Jahre von Beckmanns Amsterdamer Exil (1937–1947) entstehen.
Beckmann, der seit 1925 Professor an der Städelschule in Frankfurt ist und 1928 mit einer ersten Retrospektive in der Kunsthalle Mannheim geehrt wird, befindet sich um 1930 auf dem Höhepunkt seiner öffentlichen Anerkennung. 1929 mietet er sich eine Wohnung mit großem Atelier in Paris auf dem Boulevard Brune und reist von dort 1930 erstmals ans Cap Martin. In diesem und im Folgejahr entstehen Beckmanns erste Landschaften der Côte d’Azur, ein Sujet, das heute zu seinen bekanntesten Bildthemen zählt und das sein Schaffen bis in die zweite Hälfte der 1940er Jahre auf entscheidende Weise prägen sollte. Aus der Erinnerung an diese unbeschwerte Zeit malt Beckmann noch am Ende seines Amsterdamer Exils, kurz vor der lang ersehnten Überfahrt nach New York, den Blick von einem Hotelbalkon auf die abendlich erleuchtete "Promenade des Anglais in Nizza" (1947, Museum Folkwang, Essen). Geradezu sehnsuchtsvoll blickt die weibliche Rückenfigur auf das Meer und das abendliche Sommerleben auf der erleuchteten, palmengesäumten Promenade: ein Abschiedsbild, eine wehmütige Erinnerung an frühere, unbeschwerte Zeiten, an die Schönheit, Leichtigkeit und Freiheit Europas, welche es nun mutig und für immer hinter sich zu lassen gilt. Als Beckmann am 10. Januar 1946 endlich die lang ersehnte Ausreisegenehmigung für die USA erhält, die aber zunächst nur die Ausreise seiner Werke erlaubt – er selbst sollte zusammen mit seiner Frau Quappi erst im Spätsommer 1947 folgen –, notiert er euphorisch in seine Bilderliste: "Damit fängt die Welt wieder für mich an, wo sie im Spätherbst 1932 in Frankfurt/M aufhörte. 14 Jahr exilé et condammné/ nun wieder frei – sehen wir was weiter kommt." (zit. nach: Ausst.-Kat. Max Beckmann. Departure, München 2022, S. 158).
Sinnbild innerer Emigration: "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) und der Traum von einem unbekümmerten Leben
Auch das vorliegende weite Panorama "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) hat Max Beckmann bereits 1934 in seiner Bilderliste vermerkt und damit begonnen. Fertiggestellt, signiert und datiert hat Beckmann diese südfranzösische Landschaft ein Jahr später ebenfalls in Berlin, 1935, im selben Jahr wie Beckmanns heute weltberühmtes Triptychon "Departure (Abfahrt)" (1932–1935, Museum of Modern Art, New York). Oliver Kase und Christiane Zeiller schreiben dazu im "Departure" betitelten Ausstellungskatalog aus dem Jahr 2022: "Bis heute ist kein anderes Werk für Beckmanns Ruhm in den USA prägender gewesen als dieses Triptychon. Kein anders Werk hat die Rezeption des Malers in der genuinen Verknüpfung von Mythos und Realität, der Gegenüberstellung von Erlösungs- und Schreckensszenarien so sehr bestimmt wie dieses Gemälde. In keinem anderen Werk sind Beckmanns kunstphilosophische Ideen von Aufbruch und Abfahrt in die Transzendenz so unmittelbar zu einer bildgewaltigen malerischen Vision gesteigert [...] wie in diesem Bild. Die Stationen seiner Entstehung – 1932 und 1933 in Frankfurt und Berlin –, schließlich die Überführung des Gemäldes nach Amsterdam und seine "Abfahrt" und Wiederbegegnung mit dem Künstler in New York werden zu biographischen Eck- und Fixpunkten einer in der Zeit des Nationalsozialismus von Rückzug und künstlerischem Neuanfang, von Exil und neuem Aufbruch in die USA geprägten Existenz." (zit. nach: Ausst.-Kat. Max Beckmann, Departure, München 2022, S. 33)
Bereits im Februar 1932 befindet sich die Weimarer Republik in einer tiefen Krise und Adolf Hitler gibt seine offizielle Kandidatur für die Reichspräsidentenwahl im März bekannt. Im selben Monat schreibt Beckmann aus Frankfurt an seinen Verleger und Freund Reinhard Piper, dem "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) ab 1936 gehören sollte: "Lieber Herr Piper, [….] Ich fand es sehr nett, dass wir uns einmal wieder gesehen und etwas ausgequatscht haben. Schließlich gehört man doch irgendwie zusammen, daran ist eben nichts zu ändern. Ich bemühe mich durch intensivste Arbeit über den tatenlosen Irrsinn der Zeit hinwegzukommen. – So lächerlich gleichgültig wird einem auf die Dauer dieses ganze politische Gangstertum und man befindet sich am wohlsten auf der Insel seiner Seele. Aber schön ist es, wenn man manchmal von seinem eigenen Privatgestirn aus dem anderen zuzwinkern kann. Und das werden wir hoffentlich noch öfter machen. [...] Immer Ihr Beckmann.“ (Max Beckmann, Briefe, 1925–1937, Bd. II, München 1994, Brief 582, S. 212) Und nach Hitlers Machtergreifung und Beckmanns Entlassung als Professor der Städelschule (1933) schreibt Beckmann 1934 aus Berlin an Piper: "Lieber Herr Piper, Sehr herzlichen Dank für Ihre Glückwünsche. Es war sehr schön wieder einmal von Ihnen zu hören und hat mich an alte Zeiten erinnert. – In mir wütet noch immer der Teufel der Malerei, ja, er wird mit den Jahren vielleicht noch stärker – nun gerade- und trotz alledem. […]" (Max Beckmann, Briefe, 1925–1937, Bd. II, München 1994, Brief 624, S. 241)
In seiner zweiten Berliner Zeit (1933–1937) kann Beckmann auch aus finanziellen Gründen – anders als um 1930 in Frankfurt, als er noch erfolgreich gehandelter Künstler und bestens bezahlter Akademieprofessor war – nicht mehr nach Südfrankreich reisen, aber das Gefühl des Südens, der Weite des Meeres und der unendlichen Freiheit des Sommers, das er damals vor Ort in sich aufgenommen hat, lebt in Beckmann weiter und bricht sich aus seiner Erinnerung heraus wie ein Traum eines freien und unbeschwerten Lebens auf der Leinwand Bahn. In einer kreativen Mischung aus Sehnsucht, Melancholie und Wut hat Beckmann dieses tiefe, positive Empfinden aus seiner Erinnerung zutage befördert und allen Unwegbarkeiten seiner persönlichen Situation zum Trotz in "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) sichtbar gemacht. Beckmanns Komposition basiert auf einem zeitgenössischen Ansichtskartenmotiv von Monte Carlo, das der Künstler vermutlich bei einem seiner vormaligen Aufenthalte an der Côte d’Azur mitgenommen und aufbewahrt hatte und welches dieses tief sitzende Empfinden in Beckmanns Erinnerung im grauen Berlin plötzlich wieder wach zu rufen vermochte. "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) wird damit zu einem faszinierenden Sinnbild für Beckmanns innere Emigration in seinen letzten Berliner Jahren. Es ist Beckmanns tiefe Sehnsucht nach der verlorenen Leichtigkeit dieser vergangenen, mondänen und vollkommen unbeschwerten Sommertage an der Côte d’Azur, welche er in "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) in lichterfüllter Leichtigkeit auf die Leinwand gebannt hat – zwei Jahre bevor er Deutschland, wenige Tage vor der Eröffnung der Ausstellung "Entartete Kunst" mit zahlreichen in deutschen Museen beschlagnahmten Beckmann Gemälden, für immer verlassen sollte. "[…] willst Du das Unsichtbare kennenlernen, ergib dich mit ganzem Herzen dem Sichtbaren", hat Max Beckmann im Dezember 1945 in seinem heute berühmten Brief an seinen New Yorker Galeristen Curt Valentin geschrieben. Anders als für Kandinsky ist es für Beckmann nicht die Abstraktion, sondern die radikale, intensive Durchdringung der realen Welt, welche die Erfassung des Unsichtbaren und der Transzendenz in der Kunst möglich macht.
Zur Provenienz – Aus der Sammlung des Verlegers und Beckmann-Kenners Reinhard Piper
Dass Max Beckmann das Gemälde 1936, also ein Jahr nach seiner Entstehung und ein Jahr vor seiner Emigration ins Amsterdamer Exil, an seinen langjährigen Freund und Verleger Reinhard Piper verkauft oder verschenkt hat, zeugt ein weiteres Mal von der besonderen Bedeutung, welche auch Beckmann selbst dieser besonderen Landschaftskomposition beigemessen haben muss. Denn Piper war nicht nur ein enger Vertrauter des Künstlers, sondern auch ein echter Kenner seines Werks. Bereits 1922 ist im Piper-Verlag Beckmanns berühmte Grafikmappe "Der Jahrmarkt" erschienen, zwei Jahre später gefolgt von der wichtigen Max-Beckmann-Monographie (1924) mit Beiträgen der bedeutendsten Kunsthistoriker und Kunstkritiker der Zeit. Und am 29. Februar 1932 schreibt Beckmann aus Frankfurt an Piper: "[…] Ich hoffe in der nächsten Zeit etwas zu machen und schicke Ihnen dann bestimmt Drucke. Am 5. März eröffnet Flechtheim eine Ausstellung neuer Bilder von mir, am 1. Mai Bing in Paris. Schade ich hätte sie Ihnen gern im Atelier gezeigt, da sie zu den wenigen Menschen gehören den[en] ich gern meine Bilder zeige. – Na vielleicht klappt es ein andermal. Jedenfalls hoffe ich bald auf Wiedersehen mit Ihnen sei’s hier oder in München. […] Immer Ihr Beckmann." (Max Beckmann, Briefe, 1925-1937, Bd. II, München 1994, Brief 585, S. 215)
Der Münchner Verleger hat über die Jahre der Zusammenarbeit und Freundschaft eine der umfangreichsten privaten Grafiksammlungen des Künstlers zusammengetragen und gilt deshalb – offenbar nicht zuletzt für den Künstler selbst – als besonderer Kenner und Förderer seines Werkes. In seinen im Jahr 1950 veröffentlichten Lebenserinnerungen schildert Piper eindrucksvoll, wie er "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) bei einem Atelierbesuch unter den neuen Gemälden neben Beckmanns Hauptwerk, dem Triptychon "Departure (Abfahrt)" (1932–1935; Museum of Modern Art, New York), entdeckt und für seine Beckmann-Sammlung erworben hat. Im Juli 1936 schreibt Beckmann aus Berlin schließlich auf einer Postkarte an Piper, Bezug nehmend auf "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935): "Lieber Herr Piper, bin eben dabei Pantagruel für unsere Zwecke durchzuarbeiten. Schreibe dann sofort ausführlich. Schade, dass wir Ihren Sohn verpassten, freue mich aber, dass das Bild Ihnen Spaß macht. Ihr B." (Max Beckmann, Briefe, 1925-1937, Bd. II, München 1994, Brief 647, S. 263)
Nur drei Jahre nach Beckmann, der 1950 in seiner lang ersehnten neuen Heimat New York bei einem Spaziergang im Central Park an einem Herzinfarkt stirbt, stirbt auch der berühmte Verleger Reinhard Piper 1953 in München. Das vorliegende Beckmann-Gemälde "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) wechselt erst 1957 aus Pipers Nachlass in eine weitere Privatsammlung, aus der es schließlich im Jahr 2000 über eine Auktion in London in jene norddeutsche Privatsammlung kommt, die nun bei uns zur Veräußerung gelangt. [JS]
Über das Gemälde "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) und das Aquarell "Die Hunde werden größer" (1947) von Max Beckmann – von Dr. Christiane Zeiller, Max Beckmann Archiv, München
Das Bild „Blick von der Terrasse in Monte Carlo“ entstand in Beckmanns Berliner Atelier, zeigt jedoch eine Ansicht der Côte d’Azur – ein Umstand, auf den noch einzugehen sein wird. Dargestellt ist der Blick von der Terrasse in Monte-Carlo, darunter ist der sogenannte „Tir aux Pigeons“ zu sehen, ein Taubenhaus, das dem Kur- und Erholungspublikum den Zeitvertreib des Taubenschießens ermöglichte. Beckmann und seine zweite Frau Mathilde „Quappi“ bereisten seit 1930 regelmäßig die französische Riviera und besuchten Bandol, Menton, Cap Martin und eben auch Monaco. Wie viele andere waren auch sie verzaubert vom Licht, dem milden Klima, aber auch dem luxuriösen Amüsement, das dort lockte: Das Publikum nobler Hotels und prächtiger Casinos, Strandpromenaden und Champagnerbars, das war die Umgebung, die der Maler suchte und in der er Inspiration für seine Werke fand.
Gleichzeitig verdüsterte sich in Deutschland die politische Lage und spätestens mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 und der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wurde das Klima auch für Beckmann prekär; seine Entlassung aus der Städelschule und der Umzug nach Berlin zeugen davon, ebenso wie die Tatsache, dass er bereits im Vorjahr sein „Pied-à-terre“ in Paris aus finanziellen Gründen aufgab, das er seit 1929 unterhielt. Noch bevor die Propagandaschau „Entartete Kunst“ in München erstmals eröffnete, stand für die Beckmanns fest, dass sie Deutschland verlassen würden. (Vgl. Christiane Zeiller, Die Beckmanns in Berlin, 1933 bis 1937. Quellen aus dem Max Beckmann Archiv, in: Legende und Realität. Max Beckmann im Nationalsozialismus, Berlin 2025, S. 31f.)
Als Max Beckmann 1935 das hier gezeigte Bild schuf, arbeitete er gleichzeitig an seinem ersten Triptychon „Departure“, das dem Grauen und der Gewalt auf den Seitenflügeln das abfahrende Boot auf dem friedvollen, lichtblauen Meer als Ausdruck der Hoffnung entgegenstellt. Der „Blick von der Terrasse in Monte Carlo“ entstand in eben jenem Spannungsfeld aus Abwarten und Aufbruch und wurde eben nicht vor Ort in Urlaubsstimmung geschaffen, sondern im Berliner Atelier nach der Vorlage einer Ansichtskarte, die Beckmann stets an seinen Urlaubsorten erwarb und sammelte. Es ist das erste Werk einer ganzen Reihe von Rivierabildern, bei dem sich der direkte Bezug zu einer Ansichtskarte belegen lässt. Zugleich bildet es den Auftakt seiner „Sehnsuchtslandschaften“, die zahlreich im Exil entstanden und deren Motive auf Postkarten der geliebten Region am Mittelmeer zurückgehen. Sie bildeten für den Maler kleine Fluchten, Fenster in die heitere, friedliche Welt der Côte d’Azur, die er 1939, unmittelbar vor Kriegsausbruch, zum letzten Mal bereisen konnte.
Erst wenige Monate nach Beckmanns erster Ausreise in die USA schuf er das Aquarell „Die Hunde werden größer“. Kurz nach Weihnachten 1947 nahm sich Max Beckmann einige seiner vermeintlich bereits fertigen Aquarelle vor, „corrigirte“ sie und beendete das einen Monat zuvor begonnene „Die Hunde werden größer“ (Tagebucheintrag vom 27.12.1947). Sowohl in Titel als auch in der Darstellung bleibt das Blatt rätselhaft und zeigt eine zentrale schreiende Frauenfigur, die von einem übergroßen Hund mit gefletschten Zähnen angegriffen wird. Hinter ihr reckt am rechten Bildrand ein zweiter großer Hund den Kopf mit geöffnetem Maul in die Höhe. Im Hintergrund sind weitere Menschen zu sehen, die sehr unterschiedlich auf die unmittelbare Bedrohung reagieren, jedoch nicht eingreifen. Die Darstellung ist deutlich von sexuellen Anspielungen geprägt: die entblößte Brust der schreienden Frau und die männlich konnotierten, von „animalischem“ Trieb geleiteten Hunde. Der Titel spielt damit vielleicht auch auf den Maler selbst an, dessen Tagebuchnotizen häufig einen durch ein „X“ dargestellten Code für sexuelle Erlebnisse unterschiedlicher Art aufweisen.
Die Tagebücher geben außerdem darüber Auskunft, dass in dem Gebäude, in dem die Beckmanns in St. Louis wohnten, ein Hund lebte, der häufig allein gelassen wurde und das Ehepaar mit seinem durchdringenden Geheul terrorisierte. Man kann bei Beckmann also daran denken, dass ihn ein solcher Umstand zu dem Aquarell inspiriert hat, auch weil die Gegenwart dieses Hundes ihn täglich an den eigenen, geliebten Pekinesen Butchy erinnert haben muss, der bei der ersten Ausreise in die USA in Amsterdam bei Bekannten bleiben musste und das Ehepaar erst im Jahr darauf in die neue Heimat begleiten durfte.
Als das Aquarell entstand, lebte Max Beckmann bereits ein Vierteljahr in den USA. Sein erster Eindruck nach der Ankunft in New York und seine Spaziergänge durch Downtown St. Louis haben die Farbigkeit seiner Werke offensichtlich bereits beeinflusst: Sie ist zunehmend von knalligen „Pop“-Farben gekennzeichnet, wie sie auch für den neuen Technicolor-Film typisch waren, den der leidenschaftliche Kinogänger Max Beckmann in der Neuen Welt in großer Zahl konsumierte. Ungewöhnlich ist, dass zu diesem Aquarell fast zeitgleich eine Variante entstand, deren Verbleib unbekannt ist (vgl. MB-A/P 134a).
Das Aquarell "Die Hunde werden größer" (1947) von Max Beckmann wird ebenfalls in unserem Evening Sale am Freitag, den 4. Dezember 2026 angeboten.
Max Beckmanns Malerei ist ein Mythos: Bis heute üben seine bühnenhaften Inszenierungen, die komplexen und oft rätselhaften Allegorien des in all seiner Lächerlichkeit und Tragik von Beckmann erkannten und intensiv durchlebten menschlichen Daseins eine geheimnisvolle Anziehungskraft aus. Beckmann selbst inszeniert sich seit den 1920er Jahren immer wieder in der tragisch-komischen Rolle des Clowns inmitten seines fesselnden malerischen Welttheaters und zunehmend auch – wie in seinem "Selbstbildnis mit Glaskugel" aus dem Jahr 1936, ein Jahr bevor der Maler unter dem zunehmenden politischen Druck der Nationalsozialisten Deutschland für immer verlassen sollte – als der gedankenverlorene Seher, der sorgenvoll in die eigene und die Zukunft der Menschheit blickt. Beckmann ist charakterlich und physisch stark, und psychisch hoch empfindsam, eine spannungsvolle Kombination, die seiner Malerei ihren unverwechselbaren Ausdruck verleiht. Emotional hoch verdichtet sind auch Beckmanns Riviera-Landschaften, welche von 1930 bis in die späten Jahre von Beckmanns Amsterdamer Exil (1937–1947) entstehen.
Beckmann, der seit 1925 Professor an der Städelschule in Frankfurt ist und 1928 mit einer ersten Retrospektive in der Kunsthalle Mannheim geehrt wird, befindet sich um 1930 auf dem Höhepunkt seiner öffentlichen Anerkennung. 1929 mietet er sich eine Wohnung mit großem Atelier in Paris auf dem Boulevard Brune und reist von dort 1930 erstmals ans Cap Martin. In diesem und im Folgejahr entstehen Beckmanns erste Landschaften der Côte d’Azur, ein Sujet, das heute zu seinen bekanntesten Bildthemen zählt und das sein Schaffen bis in die zweite Hälfte der 1940er Jahre auf entscheidende Weise prägen sollte. Aus der Erinnerung an diese unbeschwerte Zeit malt Beckmann noch am Ende seines Amsterdamer Exils, kurz vor der lang ersehnten Überfahrt nach New York, den Blick von einem Hotelbalkon auf die abendlich erleuchtete "Promenade des Anglais in Nizza" (1947, Museum Folkwang, Essen). Geradezu sehnsuchtsvoll blickt die weibliche Rückenfigur auf das Meer und das abendliche Sommerleben auf der erleuchteten, palmengesäumten Promenade: ein Abschiedsbild, eine wehmütige Erinnerung an frühere, unbeschwerte Zeiten, an die Schönheit, Leichtigkeit und Freiheit Europas, welche es nun mutig und für immer hinter sich zu lassen gilt. Als Beckmann am 10. Januar 1946 endlich die lang ersehnte Ausreisegenehmigung für die USA erhält, die aber zunächst nur die Ausreise seiner Werke erlaubt – er selbst sollte zusammen mit seiner Frau Quappi erst im Spätsommer 1947 folgen –, notiert er euphorisch in seine Bilderliste: "Damit fängt die Welt wieder für mich an, wo sie im Spätherbst 1932 in Frankfurt/M aufhörte. 14 Jahr exilé et condammné/ nun wieder frei – sehen wir was weiter kommt." (zit. nach: Ausst.-Kat. Max Beckmann. Departure, München 2022, S. 158).
Sinnbild innerer Emigration: "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) und der Traum von einem unbekümmerten Leben
Auch das vorliegende weite Panorama "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) hat Max Beckmann bereits 1934 in seiner Bilderliste vermerkt und damit begonnen. Fertiggestellt, signiert und datiert hat Beckmann diese südfranzösische Landschaft ein Jahr später ebenfalls in Berlin, 1935, im selben Jahr wie Beckmanns heute weltberühmtes Triptychon "Departure (Abfahrt)" (1932–1935, Museum of Modern Art, New York). Oliver Kase und Christiane Zeiller schreiben dazu im "Departure" betitelten Ausstellungskatalog aus dem Jahr 2022: "Bis heute ist kein anderes Werk für Beckmanns Ruhm in den USA prägender gewesen als dieses Triptychon. Kein anders Werk hat die Rezeption des Malers in der genuinen Verknüpfung von Mythos und Realität, der Gegenüberstellung von Erlösungs- und Schreckensszenarien so sehr bestimmt wie dieses Gemälde. In keinem anderen Werk sind Beckmanns kunstphilosophische Ideen von Aufbruch und Abfahrt in die Transzendenz so unmittelbar zu einer bildgewaltigen malerischen Vision gesteigert [...] wie in diesem Bild. Die Stationen seiner Entstehung – 1932 und 1933 in Frankfurt und Berlin –, schließlich die Überführung des Gemäldes nach Amsterdam und seine "Abfahrt" und Wiederbegegnung mit dem Künstler in New York werden zu biographischen Eck- und Fixpunkten einer in der Zeit des Nationalsozialismus von Rückzug und künstlerischem Neuanfang, von Exil und neuem Aufbruch in die USA geprägten Existenz." (zit. nach: Ausst.-Kat. Max Beckmann, Departure, München 2022, S. 33)
Bereits im Februar 1932 befindet sich die Weimarer Republik in einer tiefen Krise und Adolf Hitler gibt seine offizielle Kandidatur für die Reichspräsidentenwahl im März bekannt. Im selben Monat schreibt Beckmann aus Frankfurt an seinen Verleger und Freund Reinhard Piper, dem "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) ab 1936 gehören sollte: "Lieber Herr Piper, [….] Ich fand es sehr nett, dass wir uns einmal wieder gesehen und etwas ausgequatscht haben. Schließlich gehört man doch irgendwie zusammen, daran ist eben nichts zu ändern. Ich bemühe mich durch intensivste Arbeit über den tatenlosen Irrsinn der Zeit hinwegzukommen. – So lächerlich gleichgültig wird einem auf die Dauer dieses ganze politische Gangstertum und man befindet sich am wohlsten auf der Insel seiner Seele. Aber schön ist es, wenn man manchmal von seinem eigenen Privatgestirn aus dem anderen zuzwinkern kann. Und das werden wir hoffentlich noch öfter machen. [...] Immer Ihr Beckmann.“ (Max Beckmann, Briefe, 1925–1937, Bd. II, München 1994, Brief 582, S. 212) Und nach Hitlers Machtergreifung und Beckmanns Entlassung als Professor der Städelschule (1933) schreibt Beckmann 1934 aus Berlin an Piper: "Lieber Herr Piper, Sehr herzlichen Dank für Ihre Glückwünsche. Es war sehr schön wieder einmal von Ihnen zu hören und hat mich an alte Zeiten erinnert. – In mir wütet noch immer der Teufel der Malerei, ja, er wird mit den Jahren vielleicht noch stärker – nun gerade- und trotz alledem. […]" (Max Beckmann, Briefe, 1925–1937, Bd. II, München 1994, Brief 624, S. 241)
In seiner zweiten Berliner Zeit (1933–1937) kann Beckmann auch aus finanziellen Gründen – anders als um 1930 in Frankfurt, als er noch erfolgreich gehandelter Künstler und bestens bezahlter Akademieprofessor war – nicht mehr nach Südfrankreich reisen, aber das Gefühl des Südens, der Weite des Meeres und der unendlichen Freiheit des Sommers, das er damals vor Ort in sich aufgenommen hat, lebt in Beckmann weiter und bricht sich aus seiner Erinnerung heraus wie ein Traum eines freien und unbeschwerten Lebens auf der Leinwand Bahn. In einer kreativen Mischung aus Sehnsucht, Melancholie und Wut hat Beckmann dieses tiefe, positive Empfinden aus seiner Erinnerung zutage befördert und allen Unwegbarkeiten seiner persönlichen Situation zum Trotz in "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) sichtbar gemacht. Beckmanns Komposition basiert auf einem zeitgenössischen Ansichtskartenmotiv von Monte Carlo, das der Künstler vermutlich bei einem seiner vormaligen Aufenthalte an der Côte d’Azur mitgenommen und aufbewahrt hatte und welches dieses tief sitzende Empfinden in Beckmanns Erinnerung im grauen Berlin plötzlich wieder wach zu rufen vermochte. "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) wird damit zu einem faszinierenden Sinnbild für Beckmanns innere Emigration in seinen letzten Berliner Jahren. Es ist Beckmanns tiefe Sehnsucht nach der verlorenen Leichtigkeit dieser vergangenen, mondänen und vollkommen unbeschwerten Sommertage an der Côte d’Azur, welche er in "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) in lichterfüllter Leichtigkeit auf die Leinwand gebannt hat – zwei Jahre bevor er Deutschland, wenige Tage vor der Eröffnung der Ausstellung "Entartete Kunst" mit zahlreichen in deutschen Museen beschlagnahmten Beckmann Gemälden, für immer verlassen sollte. "[…] willst Du das Unsichtbare kennenlernen, ergib dich mit ganzem Herzen dem Sichtbaren", hat Max Beckmann im Dezember 1945 in seinem heute berühmten Brief an seinen New Yorker Galeristen Curt Valentin geschrieben. Anders als für Kandinsky ist es für Beckmann nicht die Abstraktion, sondern die radikale, intensive Durchdringung der realen Welt, welche die Erfassung des Unsichtbaren und der Transzendenz in der Kunst möglich macht.
Zur Provenienz – Aus der Sammlung des Verlegers und Beckmann-Kenners Reinhard Piper
Dass Max Beckmann das Gemälde 1936, also ein Jahr nach seiner Entstehung und ein Jahr vor seiner Emigration ins Amsterdamer Exil, an seinen langjährigen Freund und Verleger Reinhard Piper verkauft oder verschenkt hat, zeugt ein weiteres Mal von der besonderen Bedeutung, welche auch Beckmann selbst dieser besonderen Landschaftskomposition beigemessen haben muss. Denn Piper war nicht nur ein enger Vertrauter des Künstlers, sondern auch ein echter Kenner seines Werks. Bereits 1922 ist im Piper-Verlag Beckmanns berühmte Grafikmappe "Der Jahrmarkt" erschienen, zwei Jahre später gefolgt von der wichtigen Max-Beckmann-Monographie (1924) mit Beiträgen der bedeutendsten Kunsthistoriker und Kunstkritiker der Zeit. Und am 29. Februar 1932 schreibt Beckmann aus Frankfurt an Piper: "[…] Ich hoffe in der nächsten Zeit etwas zu machen und schicke Ihnen dann bestimmt Drucke. Am 5. März eröffnet Flechtheim eine Ausstellung neuer Bilder von mir, am 1. Mai Bing in Paris. Schade ich hätte sie Ihnen gern im Atelier gezeigt, da sie zu den wenigen Menschen gehören den[en] ich gern meine Bilder zeige. – Na vielleicht klappt es ein andermal. Jedenfalls hoffe ich bald auf Wiedersehen mit Ihnen sei’s hier oder in München. […] Immer Ihr Beckmann." (Max Beckmann, Briefe, 1925-1937, Bd. II, München 1994, Brief 585, S. 215)
Der Münchner Verleger hat über die Jahre der Zusammenarbeit und Freundschaft eine der umfangreichsten privaten Grafiksammlungen des Künstlers zusammengetragen und gilt deshalb – offenbar nicht zuletzt für den Künstler selbst – als besonderer Kenner und Förderer seines Werkes. In seinen im Jahr 1950 veröffentlichten Lebenserinnerungen schildert Piper eindrucksvoll, wie er "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) bei einem Atelierbesuch unter den neuen Gemälden neben Beckmanns Hauptwerk, dem Triptychon "Departure (Abfahrt)" (1932–1935; Museum of Modern Art, New York), entdeckt und für seine Beckmann-Sammlung erworben hat. Im Juli 1936 schreibt Beckmann aus Berlin schließlich auf einer Postkarte an Piper, Bezug nehmend auf "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935): "Lieber Herr Piper, bin eben dabei Pantagruel für unsere Zwecke durchzuarbeiten. Schreibe dann sofort ausführlich. Schade, dass wir Ihren Sohn verpassten, freue mich aber, dass das Bild Ihnen Spaß macht. Ihr B." (Max Beckmann, Briefe, 1925-1937, Bd. II, München 1994, Brief 647, S. 263)
Nur drei Jahre nach Beckmann, der 1950 in seiner lang ersehnten neuen Heimat New York bei einem Spaziergang im Central Park an einem Herzinfarkt stirbt, stirbt auch der berühmte Verleger Reinhard Piper 1953 in München. Das vorliegende Beckmann-Gemälde "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) wechselt erst 1957 aus Pipers Nachlass in eine weitere Privatsammlung, aus der es schließlich im Jahr 2000 über eine Auktion in London in jene norddeutsche Privatsammlung kommt, die nun bei uns zur Veräußerung gelangt. [JS]
Über das Gemälde "Blick von der Terrasse in Monte Carlo" (1935) und das Aquarell "Die Hunde werden größer" (1947) von Max Beckmann – von Dr. Christiane Zeiller, Max Beckmann Archiv, München
Das Bild „Blick von der Terrasse in Monte Carlo“ entstand in Beckmanns Berliner Atelier, zeigt jedoch eine Ansicht der Côte d’Azur – ein Umstand, auf den noch einzugehen sein wird. Dargestellt ist der Blick von der Terrasse in Monte-Carlo, darunter ist der sogenannte „Tir aux Pigeons“ zu sehen, ein Taubenhaus, das dem Kur- und Erholungspublikum den Zeitvertreib des Taubenschießens ermöglichte. Beckmann und seine zweite Frau Mathilde „Quappi“ bereisten seit 1930 regelmäßig die französische Riviera und besuchten Bandol, Menton, Cap Martin und eben auch Monaco. Wie viele andere waren auch sie verzaubert vom Licht, dem milden Klima, aber auch dem luxuriösen Amüsement, das dort lockte: Das Publikum nobler Hotels und prächtiger Casinos, Strandpromenaden und Champagnerbars, das war die Umgebung, die der Maler suchte und in der er Inspiration für seine Werke fand.
Gleichzeitig verdüsterte sich in Deutschland die politische Lage und spätestens mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 und der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wurde das Klima auch für Beckmann prekär; seine Entlassung aus der Städelschule und der Umzug nach Berlin zeugen davon, ebenso wie die Tatsache, dass er bereits im Vorjahr sein „Pied-à-terre“ in Paris aus finanziellen Gründen aufgab, das er seit 1929 unterhielt. Noch bevor die Propagandaschau „Entartete Kunst“ in München erstmals eröffnete, stand für die Beckmanns fest, dass sie Deutschland verlassen würden. (Vgl. Christiane Zeiller, Die Beckmanns in Berlin, 1933 bis 1937. Quellen aus dem Max Beckmann Archiv, in: Legende und Realität. Max Beckmann im Nationalsozialismus, Berlin 2025, S. 31f.)
Als Max Beckmann 1935 das hier gezeigte Bild schuf, arbeitete er gleichzeitig an seinem ersten Triptychon „Departure“, das dem Grauen und der Gewalt auf den Seitenflügeln das abfahrende Boot auf dem friedvollen, lichtblauen Meer als Ausdruck der Hoffnung entgegenstellt. Der „Blick von der Terrasse in Monte Carlo“ entstand in eben jenem Spannungsfeld aus Abwarten und Aufbruch und wurde eben nicht vor Ort in Urlaubsstimmung geschaffen, sondern im Berliner Atelier nach der Vorlage einer Ansichtskarte, die Beckmann stets an seinen Urlaubsorten erwarb und sammelte. Es ist das erste Werk einer ganzen Reihe von Rivierabildern, bei dem sich der direkte Bezug zu einer Ansichtskarte belegen lässt. Zugleich bildet es den Auftakt seiner „Sehnsuchtslandschaften“, die zahlreich im Exil entstanden und deren Motive auf Postkarten der geliebten Region am Mittelmeer zurückgehen. Sie bildeten für den Maler kleine Fluchten, Fenster in die heitere, friedliche Welt der Côte d’Azur, die er 1939, unmittelbar vor Kriegsausbruch, zum letzten Mal bereisen konnte.
Erst wenige Monate nach Beckmanns erster Ausreise in die USA schuf er das Aquarell „Die Hunde werden größer“. Kurz nach Weihnachten 1947 nahm sich Max Beckmann einige seiner vermeintlich bereits fertigen Aquarelle vor, „corrigirte“ sie und beendete das einen Monat zuvor begonnene „Die Hunde werden größer“ (Tagebucheintrag vom 27.12.1947). Sowohl in Titel als auch in der Darstellung bleibt das Blatt rätselhaft und zeigt eine zentrale schreiende Frauenfigur, die von einem übergroßen Hund mit gefletschten Zähnen angegriffen wird. Hinter ihr reckt am rechten Bildrand ein zweiter großer Hund den Kopf mit geöffnetem Maul in die Höhe. Im Hintergrund sind weitere Menschen zu sehen, die sehr unterschiedlich auf die unmittelbare Bedrohung reagieren, jedoch nicht eingreifen. Die Darstellung ist deutlich von sexuellen Anspielungen geprägt: die entblößte Brust der schreienden Frau und die männlich konnotierten, von „animalischem“ Trieb geleiteten Hunde. Der Titel spielt damit vielleicht auch auf den Maler selbst an, dessen Tagebuchnotizen häufig einen durch ein „X“ dargestellten Code für sexuelle Erlebnisse unterschiedlicher Art aufweisen.
Die Tagebücher geben außerdem darüber Auskunft, dass in dem Gebäude, in dem die Beckmanns in St. Louis wohnten, ein Hund lebte, der häufig allein gelassen wurde und das Ehepaar mit seinem durchdringenden Geheul terrorisierte. Man kann bei Beckmann also daran denken, dass ihn ein solcher Umstand zu dem Aquarell inspiriert hat, auch weil die Gegenwart dieses Hundes ihn täglich an den eigenen, geliebten Pekinesen Butchy erinnert haben muss, der bei der ersten Ausreise in die USA in Amsterdam bei Bekannten bleiben musste und das Ehepaar erst im Jahr darauf in die neue Heimat begleiten durfte.
Als das Aquarell entstand, lebte Max Beckmann bereits ein Vierteljahr in den USA. Sein erster Eindruck nach der Ankunft in New York und seine Spaziergänge durch Downtown St. Louis haben die Farbigkeit seiner Werke offensichtlich bereits beeinflusst: Sie ist zunehmend von knalligen „Pop“-Farben gekennzeichnet, wie sie auch für den neuen Technicolor-Film typisch waren, den der leidenschaftliche Kinogänger Max Beckmann in der Neuen Welt in großer Zahl konsumierte. Ungewöhnlich ist, dass zu diesem Aquarell fast zeitgleich eine Variante entstand, deren Verbleib unbekannt ist (vgl. MB-A/P 134a).
Das Aquarell "Die Hunde werden größer" (1947) von Max Beckmann wird ebenfalls in unserem Evening Sale am Freitag, den 4. Dezember 2026 angeboten.
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