Auktion: 612 / Evening Sale am 04.12.2026 in München → Lot 126001236
126001236
Marc Chagall
Mystère du Matin, 1946-1948.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 800.000 - 1.200.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
126001236
Marc Chagall
Mystère du Matin, 1946-1948.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 800.000 - 1.200.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Marc Chagall
1887 - 1985
Mystère du Matin. 1946-1948.
Öl auf Leinwand.
Links unten signiert. Auf dem Keilrahmen signiert. 61 x 51 cm (24 x 20 in). [JS].
• CHAGALL PAR EXCELLENCE Perfekte, traumartige Symbiose aus Chagalls zentralen Bildelementen: schwebendes Liebespaar, leuchtende Blumen, der Hahn, die Ziege und das Fenster.
• SCHICKSALSJAHRE Nach Bellas Tod im amerikanischen Exil entstanden, "Mystère du Matin" Sinnbild des Lebens zwischen Liebe, Schönheit, Verlust und Vergänglichkeit.
• AUSGESTELLT 1963 auf der großen Chagall-Retrospektive in Tokio sowie 1967 in Toulouse.
• MUSEAL vergleichbare Gemälde befinden sich u. a. im Centre Pompidou, Paris, in der Tate London und im Metropolitan Museum, New York.
• PROVENIENZ Hervorragend dokumentiert: von Chagall in die New Yorker Sammlung des Verlegers Anton Schutz und zuletzt fast fünfzig Jahre in eine deutsche Privatsammlung.
• AKTUELL 2027 widmet das Stedelijk Museum, Amsterdam, dem Jahrhundertkünstler die große Retrospektive "Becoming Marc Chagall".
PROVENIENZ: Sammlung Anton Schutz (1894-1977), Scarsdale, New York (1948 direkt vom Künstler)
Mrs. Herbert Schutz, Greenwich New York (vom Vorgenannten erhalten, bis mindestens 1967).
Weintraub Gallery New York.
Roman Norbert Ketterer, Lugano (um 1977 vom Vorgenannten).
Privatsammlung Nordrhein-Westfalen (1977 vom Vorgenannten erworben).
Seither in Familienbesitz.
AUSSTELLUNG: Exposition Marc Chagall - Japan 1963, National Museum of Western Art, Tokio, 1.10.-12.11.1963; Musée Municipal und Musée National d'Art Moderne, Kyoto, 20.11.-10.12.1963, Kat.-Nr. 83 (m. SW-Abb., auf dem Keilrahmen mit dem Transportetikett).
Chagall et le Théatre, Musée des Augustins, Toulouse, 15.6.-15.9.1967, S. 93, Kat.-Nr. 107 (o. Abb., hier 1946-1948 datiert).
LITERATUR: Denis Milhau, Chagall et le Théatre, Ausst.-Kat. Musée des Augustins, Toulouse 1967, S. 93, Kat.-Nr. 108 (gemeinsamer Text zu den beiden, pendantartigen Gemälden "Mystère du Matin" und "Enchantement du Soir").
Marc Chagall, Ma Vie, Paris 1931 (aus dem Französischen übersetzt).
1887 - 1985
Mystère du Matin. 1946-1948.
Öl auf Leinwand.
Links unten signiert. Auf dem Keilrahmen signiert. 61 x 51 cm (24 x 20 in). [JS].
• CHAGALL PAR EXCELLENCE Perfekte, traumartige Symbiose aus Chagalls zentralen Bildelementen: schwebendes Liebespaar, leuchtende Blumen, der Hahn, die Ziege und das Fenster.
• SCHICKSALSJAHRE Nach Bellas Tod im amerikanischen Exil entstanden, "Mystère du Matin" Sinnbild des Lebens zwischen Liebe, Schönheit, Verlust und Vergänglichkeit.
• AUSGESTELLT 1963 auf der großen Chagall-Retrospektive in Tokio sowie 1967 in Toulouse.
• MUSEAL vergleichbare Gemälde befinden sich u. a. im Centre Pompidou, Paris, in der Tate London und im Metropolitan Museum, New York.
• PROVENIENZ Hervorragend dokumentiert: von Chagall in die New Yorker Sammlung des Verlegers Anton Schutz und zuletzt fast fünfzig Jahre in eine deutsche Privatsammlung.
• AKTUELL 2027 widmet das Stedelijk Museum, Amsterdam, dem Jahrhundertkünstler die große Retrospektive "Becoming Marc Chagall".
PROVENIENZ: Sammlung Anton Schutz (1894-1977), Scarsdale, New York (1948 direkt vom Künstler)
Mrs. Herbert Schutz, Greenwich New York (vom Vorgenannten erhalten, bis mindestens 1967).
Weintraub Gallery New York.
Roman Norbert Ketterer, Lugano (um 1977 vom Vorgenannten).
Privatsammlung Nordrhein-Westfalen (1977 vom Vorgenannten erworben).
Seither in Familienbesitz.
AUSSTELLUNG: Exposition Marc Chagall - Japan 1963, National Museum of Western Art, Tokio, 1.10.-12.11.1963; Musée Municipal und Musée National d'Art Moderne, Kyoto, 20.11.-10.12.1963, Kat.-Nr. 83 (m. SW-Abb., auf dem Keilrahmen mit dem Transportetikett).
Chagall et le Théatre, Musée des Augustins, Toulouse, 15.6.-15.9.1967, S. 93, Kat.-Nr. 107 (o. Abb., hier 1946-1948 datiert).
LITERATUR: Denis Milhau, Chagall et le Théatre, Ausst.-Kat. Musée des Augustins, Toulouse 1967, S. 93, Kat.-Nr. 108 (gemeinsamer Text zu den beiden, pendantartigen Gemälden "Mystère du Matin" und "Enchantement du Soir").
Marc Chagall, Ma Vie, Paris 1931 (aus dem Französischen übersetzt).
Poesie der Emotionen – Chagalls surreale Bildwelten und die malerische Kraft des Gefühls
"Mystère du Matin" (1946–1948) – Üppige Blumen, ein blauer Hahn, ein schwebendes Liebespaar, der Kopf einer Ziege und ein Fenster auf tiefrotem, glühendem Grund. Chagall, dessen Leben in den 1930er und 1940er Jahren zwischen Aufbruch, Neuanfang, Liebe, Verlust, Trauer und Erfolg emotional in Aufruhr ist, hat uns mit "Mystère du Matin" (dt. Geheimnis des Morgens) ein traumartiges malerisches Kondensat seines Seelenlebens hinterlassen und zugleich ein Sinnbild des Lebens, tief durchdrungen von Schönheit, Liebe, Verlust und Vergänglichkeit.
Marc Chagall und Pablo Picasso lauten die Namen der beiden Jahrhundertkünstler, die mit ihrem Werk nicht nur die Kunstgeschichte der Moderne in entscheidender Weise geprägt haben, sondern deren Malerei bis heute fest im weltweiten kollektiven Kunstgedächtnis verankert ist. Während Picasso als der kraftvolle, rauschhaft liebende Künstler gilt, dessen Malerei ihre besondere Stärke aus der Vielzahl seiner zerstörerischen Liebesbeziehungen von Olga über Marie-Thérèse Walter, Dora Maar, Françoise Gilot bis hin zu Jacqueline Roque speiste, liegt die besondere Qualität von Chagalls Schaffen in seiner besonderen poetischen und emotionalen Ausdrucksstärke. Bei Picasso sind ist es von Beginn an der weibliche Akt und die menschliche Physiognomie, die den Künstler fesseln und die er bald, stark kubistisch zergliedert und in tiefer emotionaler Durchdringung, zu seinem künstlerischen Markenzeichen macht. Chagall hingegen gilt als der Schöpfer einer uns bis heute fesselnden, traumverlorenen Parallelwelt, eines geradezu paradiesisch anmutenden Reichs der Poesie, der Sinnlichkeit und der positiven Emotionen, die in der Lage sind, uns mit dem existenziellen Schmerz und Leid unseres irdischen Daseins zu versöhnen. Und so hält James Johnson Sweeney, Kurator am Museum of Modern Art, New York, bereits 1946, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges, anlässlich der ersten amerikanischen Chagall-Retropektive fest: "In an age that has fled from sentiment he has drawn constantly on it for his stimulation. And our debt to Chagall is to an artist who has brought poetry back into painting through subject matter, without any sacrifice of his painter's interest in the picture for itself, and entirely aside from any communication that can be put into words." (zit. nach: Pressemitteilung anlässlich der Chagall-Retrospektive im Museum of Modern Art, New York 1946, https://www.moma.org/calendar/exhibitions/2810; aufgerufen 28.10.2026).
Chagalls Schicksalsjahre – Paris und Amerika, Aufbruch und Neuanfang, Verlust und Erfolg
In Chagalls poetischen Schöpfungen, seinem gleichnishaft von Tieren, Blumen und Liebenden bevölkerten Werk, verdichten und überlagern sich Gedanken und Emotionen sowie bildhaft gespeicherte Gefühlswelten, die über verschiedene Stationen eines reichen Lebens gesammelt und im tiefen Inneren der menschlichen Psyche konserviert sind. 1887 in Witebsk im russischen Kaiserreich geboren, war Chagalls Leben als osteuropäischer Jude von zahlreichen Umbrüchen, von Vertreibung, Flucht, Verlust und Neuanfang geprägt. Chagall lebt bereits seit 1910 aus künstlerischen Gründen in Paris, sitzt dann allerdings vier Jahre später im Anschluss an eine Familienfeier aufgrund des Ausbruches des Ersten Weltkrieges erneut acht Jahre lang in Russland fest, bevor er 1922 vor den zunehmenden Repressionen des sowjetischen Regimes schließlich und nun gemeinsam mit seiner jungen Frau Bella in die avantgardistische französische Kunstmetropole zurückkehrt. In Paris setzt sich Chagall intensiv mit den unterschiedlichsten Einflüssen der europäischen Avantgarde, vom Orphismus über den Kubismus und den Fauvismus bis hin zum Surrealismus auseinander. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelt Chagall in Paris schließlich seinen ganz eigenen Stil, der auch durch seine berühmten, von Ambroise Vollard in Paris herausgegebenen Grafikzyklen bald einem großen Publikum zugänglich wird. Auch Chagalls Exklusivvertrag mit der Pariser Großgalerie Bernheim-Jeune, bei der damals auch Paul Signac, Maurice Vlaminck, Pierre Bonnard und Henri Matisse unter Vertrag stehen, wirkt ab 1927 wie eine Art Brandbeschleuniger für seine künstlerische Anerkennung in Europa. 1937 befinden sich bereits über 50 Werke in deutschen Museumssammlungen, als sie dort für die nationalsozialistische Spottausstellung "Entartete Kunst" beschlagnahmt werden. 1939 zieht sich Chagall mit seiner Frau Bella vor den Bedrohungen des Krieges, die auch vor Paris nicht Halt machen, zunächst nach Südfrankreich zurück, bevor er schließlich im Sommer 1941 von Marseille über Lissabon ins amerikanische Exil flieht und fortan in New York lebt und arbeitet. Das Museum of Modern Art beginnt mit der Planung seiner großen Retrospektive (1946) und seine Gemälde werden nun auch in amerikanischen Sammlerkreisen immer beliebter. 1948, zur Entstehungszeit von "Mystère du Matin", zeigt auch die Tate in London eine große Chagall-Retrospektive, die zuvor ebenfalls in Paris und Amsterdam zu sehen ist. Im Sommer 1948, drei Jahre nach Kriegsende, verlässt Chagall New York und kehrt mit dem Schiff wieder in seine geliebte Wahlheimat Frankreich zurück.
"Mystère du Matin" – Lebensfreude und das Glück der Liebe im Angesicht der Endlichkeit
Chagall befindet sich Mitte der 1940er Jahre auf seinem künstlerischen Höhepunkt, der fast zeitgleich einhergeht mit dem schmerzvollsten Schicksalsschlag seines Lebens. Bella, seine Muse, Geliebte und Lebenspartnerin, die ihn seit der Hochzeit 1915 wie in "L’Anniversaire" (1915, MoMA, New York) immer wieder zur Motivik der Braut und der Liebenden inspiriert hat, stirbt 1944 in New York an einer Infektion. Chagall bleibt einsam und tief trauernd in New York zurück. Zwar sollte er bereits wenig später eine neue Liebesbeziehung mit der jungen Haushälterin Virginia Haggard eingehen. Die Erinnerung aber an Bella und der schmerzvolle, aber versöhnliche Blick auf eine von tiefer Liebe durchdrungene Vergangenheit zeichnet sein emotional verdichtetes malerisches Werk, das wie "Mystère du Matin" in den Jahren nach Bellas Tod in New York entsteht, in besonderer Weise aus. Und so liegt auch die besondere Qualität des etwa zeitgleich mit "Mystère du Matin" entstandenen berühmten "Bouquet aux Amoureux volants" (1934–1947) in der Tate Modern, London, in dieser enormen malerischen Verdichtung existenzieller Themen. Emotionale Extreme, die Liebe, das Glück, aber auch der Schmerz, das Leid und die Trauer über die Endlichkeit, werden von Chagall in dieser Zeit zu herausragenden Kompositionen verwoben. Und als hätte er eine Vorahnung gehabt, was ihm im Leben an schmerzvollen Erfahrungen noch bevorstehen sollte, hat der junge Künstler bereits in seiner 1921/22 verfassten Autobiografie seine Faszination für die Malerei mit den folgenden Worten beschrieben: "Wenn alles Leben unweigerlich ein Ende findet, müssen wir unser eigenes Leben mit den Farben der Liebe und der Hoffnung erfüllen. Ich habe mich für die Malerei entschieden, weil sie für mich so unverzichtbar war wie Nahrung. Sie erschien mir wie ein Fenster, durch das ich in eine andere Welt entfliehen konnte." (Marc Chagall, Ma Vie, Paris 1931)
Ein Fenster ist auch rechts unten in "Mystère du Matin", dem Geheimnis des Morgens, zu sehen. Das Fenster als Architekturverweis auf die verlorene Heimat Witebsk, den Ort, an dem er Bella kennenlernte, aber zugleich auch als ein Symbol des Überganges zwischen Innen und Außen, Nacht und Tag, Leben und Tod, Traum und Wirklichkeit. Der blaue Hahn, der sich dominant und kraftvoll vor den Liebenden und den Blumen aufbaut, verkündet dabei nicht nur das Ende der Nacht, sondern steht als Sinnbild der verrinnenden Zeit auch für die Endlichkeit alles Schönen. Aber Chagalls Blick auf das Leben ist allen Herausforderungen seines Daseins zum Trotz kein verzweifelter, sondern vielmehr ein von positiven Emotionen durchdrungener Blick. Das Leben ist für Chagall entsprechend der chassidischen Lehre trotz aller Vergänglichkeit vom ewigen göttlichen Funken erhellt und durchdrungen. Chagall hat im Juli 1977 rückblickend in einer Korrespondenz mit den damaligen Eigentümern über "Mystère du Matin", das sich das Sammlerpaar kurz zuvor zum 20. Hochzeitstag geschenkt hatte, geschrieben: "J’y ai exprimé la joie de vivre et le bonheur d’aimer que je voudrais communiquer à tous ceux qui s'intéressent à l’Art." (dt. "Darin habe ich die Lebensfreude und das Glück der Liebe zum Ausdruck gebracht, die ich all jenen vermitteln möchte, die sich für Kunst interessieren.")
Herausragende Provenienz – Aus Amerika über die Schweiz nach Deutschland
Sowohl 1963 auf der großen Chagall-Retrospektive in Tokio als auch 1967 in Toulouse wurde "Mystère du Matin" gemeinsam mit seinem Gemäldependant "Enchantement du Soir" als Leihgaben aus dem Besitz der Familie des New Yorker Verlegers Anton Schutz ausgestellt. Der vermögende Kunstverleger und Gründer der New York Graphic Society hat beide Arbeiten direkt vom Künstler erworben. Über die renommierte Schweizer Galerie von Roman Norbert Ketterer wurde das Werk 1977 in eine rheinländische Privatsammlung vermittelt. Fast fünfzig Jahre war das herausragende Gemälde vor der Öffentlichkeit verborgen und wird nun anlässlich unserer Jubiläumsauktion erstmals wieder öffentlich zu sehen sein. [JS]
"Mystère du Matin" (1946–1948) – Üppige Blumen, ein blauer Hahn, ein schwebendes Liebespaar, der Kopf einer Ziege und ein Fenster auf tiefrotem, glühendem Grund. Chagall, dessen Leben in den 1930er und 1940er Jahren zwischen Aufbruch, Neuanfang, Liebe, Verlust, Trauer und Erfolg emotional in Aufruhr ist, hat uns mit "Mystère du Matin" (dt. Geheimnis des Morgens) ein traumartiges malerisches Kondensat seines Seelenlebens hinterlassen und zugleich ein Sinnbild des Lebens, tief durchdrungen von Schönheit, Liebe, Verlust und Vergänglichkeit.
Marc Chagall und Pablo Picasso lauten die Namen der beiden Jahrhundertkünstler, die mit ihrem Werk nicht nur die Kunstgeschichte der Moderne in entscheidender Weise geprägt haben, sondern deren Malerei bis heute fest im weltweiten kollektiven Kunstgedächtnis verankert ist. Während Picasso als der kraftvolle, rauschhaft liebende Künstler gilt, dessen Malerei ihre besondere Stärke aus der Vielzahl seiner zerstörerischen Liebesbeziehungen von Olga über Marie-Thérèse Walter, Dora Maar, Françoise Gilot bis hin zu Jacqueline Roque speiste, liegt die besondere Qualität von Chagalls Schaffen in seiner besonderen poetischen und emotionalen Ausdrucksstärke. Bei Picasso sind ist es von Beginn an der weibliche Akt und die menschliche Physiognomie, die den Künstler fesseln und die er bald, stark kubistisch zergliedert und in tiefer emotionaler Durchdringung, zu seinem künstlerischen Markenzeichen macht. Chagall hingegen gilt als der Schöpfer einer uns bis heute fesselnden, traumverlorenen Parallelwelt, eines geradezu paradiesisch anmutenden Reichs der Poesie, der Sinnlichkeit und der positiven Emotionen, die in der Lage sind, uns mit dem existenziellen Schmerz und Leid unseres irdischen Daseins zu versöhnen. Und so hält James Johnson Sweeney, Kurator am Museum of Modern Art, New York, bereits 1946, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges, anlässlich der ersten amerikanischen Chagall-Retropektive fest: "In an age that has fled from sentiment he has drawn constantly on it for his stimulation. And our debt to Chagall is to an artist who has brought poetry back into painting through subject matter, without any sacrifice of his painter's interest in the picture for itself, and entirely aside from any communication that can be put into words." (zit. nach: Pressemitteilung anlässlich der Chagall-Retrospektive im Museum of Modern Art, New York 1946, https://www.moma.org/calendar/exhibitions/2810; aufgerufen 28.10.2026).
Chagalls Schicksalsjahre – Paris und Amerika, Aufbruch und Neuanfang, Verlust und Erfolg
In Chagalls poetischen Schöpfungen, seinem gleichnishaft von Tieren, Blumen und Liebenden bevölkerten Werk, verdichten und überlagern sich Gedanken und Emotionen sowie bildhaft gespeicherte Gefühlswelten, die über verschiedene Stationen eines reichen Lebens gesammelt und im tiefen Inneren der menschlichen Psyche konserviert sind. 1887 in Witebsk im russischen Kaiserreich geboren, war Chagalls Leben als osteuropäischer Jude von zahlreichen Umbrüchen, von Vertreibung, Flucht, Verlust und Neuanfang geprägt. Chagall lebt bereits seit 1910 aus künstlerischen Gründen in Paris, sitzt dann allerdings vier Jahre später im Anschluss an eine Familienfeier aufgrund des Ausbruches des Ersten Weltkrieges erneut acht Jahre lang in Russland fest, bevor er 1922 vor den zunehmenden Repressionen des sowjetischen Regimes schließlich und nun gemeinsam mit seiner jungen Frau Bella in die avantgardistische französische Kunstmetropole zurückkehrt. In Paris setzt sich Chagall intensiv mit den unterschiedlichsten Einflüssen der europäischen Avantgarde, vom Orphismus über den Kubismus und den Fauvismus bis hin zum Surrealismus auseinander. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelt Chagall in Paris schließlich seinen ganz eigenen Stil, der auch durch seine berühmten, von Ambroise Vollard in Paris herausgegebenen Grafikzyklen bald einem großen Publikum zugänglich wird. Auch Chagalls Exklusivvertrag mit der Pariser Großgalerie Bernheim-Jeune, bei der damals auch Paul Signac, Maurice Vlaminck, Pierre Bonnard und Henri Matisse unter Vertrag stehen, wirkt ab 1927 wie eine Art Brandbeschleuniger für seine künstlerische Anerkennung in Europa. 1937 befinden sich bereits über 50 Werke in deutschen Museumssammlungen, als sie dort für die nationalsozialistische Spottausstellung "Entartete Kunst" beschlagnahmt werden. 1939 zieht sich Chagall mit seiner Frau Bella vor den Bedrohungen des Krieges, die auch vor Paris nicht Halt machen, zunächst nach Südfrankreich zurück, bevor er schließlich im Sommer 1941 von Marseille über Lissabon ins amerikanische Exil flieht und fortan in New York lebt und arbeitet. Das Museum of Modern Art beginnt mit der Planung seiner großen Retrospektive (1946) und seine Gemälde werden nun auch in amerikanischen Sammlerkreisen immer beliebter. 1948, zur Entstehungszeit von "Mystère du Matin", zeigt auch die Tate in London eine große Chagall-Retrospektive, die zuvor ebenfalls in Paris und Amsterdam zu sehen ist. Im Sommer 1948, drei Jahre nach Kriegsende, verlässt Chagall New York und kehrt mit dem Schiff wieder in seine geliebte Wahlheimat Frankreich zurück.
"Mystère du Matin" – Lebensfreude und das Glück der Liebe im Angesicht der Endlichkeit
Chagall befindet sich Mitte der 1940er Jahre auf seinem künstlerischen Höhepunkt, der fast zeitgleich einhergeht mit dem schmerzvollsten Schicksalsschlag seines Lebens. Bella, seine Muse, Geliebte und Lebenspartnerin, die ihn seit der Hochzeit 1915 wie in "L’Anniversaire" (1915, MoMA, New York) immer wieder zur Motivik der Braut und der Liebenden inspiriert hat, stirbt 1944 in New York an einer Infektion. Chagall bleibt einsam und tief trauernd in New York zurück. Zwar sollte er bereits wenig später eine neue Liebesbeziehung mit der jungen Haushälterin Virginia Haggard eingehen. Die Erinnerung aber an Bella und der schmerzvolle, aber versöhnliche Blick auf eine von tiefer Liebe durchdrungene Vergangenheit zeichnet sein emotional verdichtetes malerisches Werk, das wie "Mystère du Matin" in den Jahren nach Bellas Tod in New York entsteht, in besonderer Weise aus. Und so liegt auch die besondere Qualität des etwa zeitgleich mit "Mystère du Matin" entstandenen berühmten "Bouquet aux Amoureux volants" (1934–1947) in der Tate Modern, London, in dieser enormen malerischen Verdichtung existenzieller Themen. Emotionale Extreme, die Liebe, das Glück, aber auch der Schmerz, das Leid und die Trauer über die Endlichkeit, werden von Chagall in dieser Zeit zu herausragenden Kompositionen verwoben. Und als hätte er eine Vorahnung gehabt, was ihm im Leben an schmerzvollen Erfahrungen noch bevorstehen sollte, hat der junge Künstler bereits in seiner 1921/22 verfassten Autobiografie seine Faszination für die Malerei mit den folgenden Worten beschrieben: "Wenn alles Leben unweigerlich ein Ende findet, müssen wir unser eigenes Leben mit den Farben der Liebe und der Hoffnung erfüllen. Ich habe mich für die Malerei entschieden, weil sie für mich so unverzichtbar war wie Nahrung. Sie erschien mir wie ein Fenster, durch das ich in eine andere Welt entfliehen konnte." (Marc Chagall, Ma Vie, Paris 1931)
Ein Fenster ist auch rechts unten in "Mystère du Matin", dem Geheimnis des Morgens, zu sehen. Das Fenster als Architekturverweis auf die verlorene Heimat Witebsk, den Ort, an dem er Bella kennenlernte, aber zugleich auch als ein Symbol des Überganges zwischen Innen und Außen, Nacht und Tag, Leben und Tod, Traum und Wirklichkeit. Der blaue Hahn, der sich dominant und kraftvoll vor den Liebenden und den Blumen aufbaut, verkündet dabei nicht nur das Ende der Nacht, sondern steht als Sinnbild der verrinnenden Zeit auch für die Endlichkeit alles Schönen. Aber Chagalls Blick auf das Leben ist allen Herausforderungen seines Daseins zum Trotz kein verzweifelter, sondern vielmehr ein von positiven Emotionen durchdrungener Blick. Das Leben ist für Chagall entsprechend der chassidischen Lehre trotz aller Vergänglichkeit vom ewigen göttlichen Funken erhellt und durchdrungen. Chagall hat im Juli 1977 rückblickend in einer Korrespondenz mit den damaligen Eigentümern über "Mystère du Matin", das sich das Sammlerpaar kurz zuvor zum 20. Hochzeitstag geschenkt hatte, geschrieben: "J’y ai exprimé la joie de vivre et le bonheur d’aimer que je voudrais communiquer à tous ceux qui s'intéressent à l’Art." (dt. "Darin habe ich die Lebensfreude und das Glück der Liebe zum Ausdruck gebracht, die ich all jenen vermitteln möchte, die sich für Kunst interessieren.")
Herausragende Provenienz – Aus Amerika über die Schweiz nach Deutschland
Sowohl 1963 auf der großen Chagall-Retrospektive in Tokio als auch 1967 in Toulouse wurde "Mystère du Matin" gemeinsam mit seinem Gemäldependant "Enchantement du Soir" als Leihgaben aus dem Besitz der Familie des New Yorker Verlegers Anton Schutz ausgestellt. Der vermögende Kunstverleger und Gründer der New York Graphic Society hat beide Arbeiten direkt vom Künstler erworben. Über die renommierte Schweizer Galerie von Roman Norbert Ketterer wurde das Werk 1977 in eine rheinländische Privatsammlung vermittelt. Fast fünfzig Jahre war das herausragende Gemälde vor der Öffentlichkeit verborgen und wird nun anlässlich unserer Jubiläumsauktion erstmals wieder öffentlich zu sehen sein. [JS]
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