Auktion: 498 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 18.07.2020 in München Lot 115000415

 
115000415
Max Liebermann
Brink (Dorfanger) in Laren, Um 1897.
Kreidezeichnung
Schätzpreis: € 8.000 - 10.000
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Objektbeschreibung
Brink (Dorfanger) in Laren. Um 1897.
Kreidezeichnung.
Rechts unten signiert. Auf hellgrauem Papier, auf Karton kaschiert. 35,6 x 54,8 cm (14 x 21,5 in), blattgroß.

Wir danken Frau Drs. Margreet Nouwen, Berlin für die freundliche wissenschaftliche Beratung.

PROVENIENZ: Sammlung Max Cassirer, Berlin.
Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg, Vermögensverwertungsstelle (1941 aus dem Besitz des Vorgenannten beschlagnahmt).
Hans W. Lange, Berlin (1942 durch Erwerb vom Vorgenannten).
Central Collecting Point, München (1946-1949, München-Nummer 30455).
Hans W. Lange, Berlin (1949 vom Vorgenannten zurückerhalten).
Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf, wohl 1957 (verso auf der Rahmenrückpappe mit dem Etikett).
Privatbesitz Nordrhein-Westfalen (1957 vom Vorgenannten erworben).
In Familienbesitz bis 2020.
2020 gütliche Einigung mit Erben nach Max Cassirer.
Das Angebot erfolgt in freundlichem Einvernehmen mit den Erben nach Max Cassirer auf Grundlage einer fairen und gerechten Lösung.

Essay
„Liebermann lebte als Bürger in Berlin, als Maler in Holland.“ Dieses Diktum des Kunsthistorikers Max J. Friedländer bringt es auf den Punkt. Erst in Holland, im Umfeld der „Haager Schule“, erkannte Liebermann, was ihm an der akademischen Kunst seiner Epoche fehlte: Die freie, naturalistische Erfassung der Landschaft. Über viele Jahre hinweg verlebte Max Liebermann die Sommermonate in Holland, wobei er in dem kleinen Örtchen Laren des Öfteren Quartier bezog. Hier inspirierte ihn die Landschaft und das dörfliche Leben der Menschen zu einigen seiner bedeutendsten Motive, wie der berühmten „Flachsscheuer in Laren“, 1887 (heute in der Berliner Nationalgalerie). Er zeigt die Bevölkerung bei der täglichen Arbeit und in ihren alltäglichen Beschäftigungen, wobei vor allem dem „Brink“, dem baumbestandenen Dorfplatz, zentrale Bedeutung beikommt. Kinder beim Spielen oder auf dem Weg zur Schule, eine Kirmes, der Biergarten oder das Markttreiben fängt er in zahlreichen Zeichnungen, Pastellen und Ölstudien ein. So findet er immer neue belebte Varianten eines seiner beliebtesten Bildmotive der Straße unter Bäumen, die Treffpunkt und Bühne des öffentlichen Lebens ist. Ihn interessiert aber auch die reine Erscheinung der Landschaft, in der die freie Natur und der menschengeschaffene Raum eine spannungsreiche Verbindung eingehen: Aufrecht und geordnet rufen die Stämme die Assoziation einer natürlich gewachsenen Säulenarchitektur wach, um die sich die dörflichen Gebäude wie die Schule im Hintergrund gruppieren. Jedoch zeugt das malerisch bewegte Blätterdach der alten Ulmen, das hier und da einen flirrenden Lichtfleck auf den ungepflasterten Boden entlässt, von der ungestümen Kraft, die selbst der gezähmten Natur innewohnt.
In diesem gleichsam philosophischen Kontrast von Wildheit und Ordnung der Natur ist die Kreidezeichnung von ganz besonderem künstlerischen Reiz. Dessen war sich auch ein echter Kenner bewusst: Max Cassirer (1857-1943). Anders als seine beiden Neffen Bruno und Paul Cassirer, die als Verleger und Händler mit der Kunst ihr Brot verdienten und vielleicht auch unser Werk an den Onkel vermittelten, war Max Cassirer in anderen Branchen tätig. Seine Gewinne aus der Holz- und Elektroindustrie investierte er in seine Kunstsammlung, aber auch in die uneigennützige Förderung von Kunst und Kultur, in die Armenhilfe oder die Reformpädagogik. Cassirer, Kommunalpolitiker, Ehrenbürger der Stadt Berlin und Ehrensenator der Technischen Hochschule Charlottenburg, war ohne Zweifel eine hoch angesehene Persönlichkeit der Weimarer Republik. Historische Fotos aus seiner Berliner Villa zeugen noch heute von seinem ausgesuchten Geschmack und großbürgerlichen Lebensstil. Auf einem dieser Bilder erkennt man, links neben einem stattlichen Kamin, unsere Kreidezeichnung. Man mag sich ausmalen, wie viele angesehene Persönlichkeiten der Berliner „High Society“ schon vor diesem Werk gestanden haben.
Mit der Machtergreifung durch die Nationalisten aber begannen schwere Zeiten für den Sammler. Nachdem er zum Verkauf der familieneigenen Firma gezwungen worden war, floh Max Cassirer 1939 in die Schweiz, später weiter nach England. Nur das Nötigste konnte er mit sich nehmen; Hausrat und Kunstsammlung wollte er sich später nachsenden lassen. Doch dazu kam es nicht: 1941 wurde sein gesamtes Umzugsgut durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und zur Versteigerung zugunsten des "Reiches" freigegeben. Unter den beschlagnahmten Kunstgegenständen befand sich auch unser Blatt. Dieses kam jedoch nicht zur Versteigerung, da die nationalsozialistische Rauborganisation „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ Interesse angemeldet hatte. Schließlich kaufte es aber 1942 der Kunsthändler Hans W. Lange von der Berliner Finanzbehörde – wohlwissend, dass es sich um geraubtes Eigentum von Max Cassirer handelte. Dennoch konnten die amerikanischen Besatzer, die das Werk ab 1945 im Münchner Collecting Point verwahrten und untersuchten, keine Belege für den Entzug finden, so dass das Werk 1949 wieder an Lange herausgegeben wurde. Bald darauf gelangte es in den Kunsthandel, und von dort 1957 in deutschen Familienbesitz.
Heute kann die Kreidezeichnung mit ausdrücklichem Einverständnis der Erben Max Cassirers auf Grundlage einer fairen und gerechten Lösung angeboten werden. [AT/KT]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Max Liebermann "Brink (Dorfanger) in Laren"
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Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 25%, Teilbeträge über € 500.000 20% Aufgeld, jeweils zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer

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Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 1,5% zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer an.