Auktion: 498 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 18.07.2020 in München Lot 119002875

 
119002875
Franz von Stuck
Porträt Gemma Bierbaum, 1902.
Öl auf Holz
Schätzpreis: € 15.000 - 20.000
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Objektbeschreibung
Porträt Gemma Bierbaum. 1902.
Öl auf Holz.
Voss 236. Rechts mittig signiert und in der gemalten Plakette in römischen Ziffern datiert. Verso mit fragmentarischem Etikett und Stempel der Münchner Kunst-Tischlerei "Gebr. Oberndorfer". 54 x 49,5 cm (21,2 x 19,4 in).
Im Originalrahmen.
• Faszinierendes Bildnis einer bekannten Persönlichkeit der Münchner Bohème um die Jahrhundertwende
• Die erste Stuck-Monografie wurde von ihrem Mann, Otto Bierbaum, verfasst
• Gelungener Ausdruck der italienischen Eleganz der Porträtierten
.

PROVENIENZ: Privatbesitz Hessen.

LITERATUR: Fotografische Bildnisstudien zu Gemälden von Lenbach und Stuck, Ausst.-Kat. Museum Folkwang, Essen 1969, Nr. 290, 291, 292.
Franz von Stuck und die Photographie. Inszenierung und Dokumentation, Ausst.-Kat. Museum Villa Stuck, München 1996, S. 137 (m. Abb.); S. 87, 158-159: Nr. 130, Nr. 131, fotografische Bildnisstudien zum Gemälde.
Claudia Gross-Roath, Das Frauenbild bei Franz von Stuck (Diss. Bonn 1998), Weimar 1999, S. 296f.
"Braun, aber mit einem goldenen Schimmer darum, waren die Haare, braun, aber mit einem goldenen Leuchten darin, waren die Augen“
(aus der von Otto Bierbaum verfassten Pinocchio-Adaption "Zäpfel Kerns Abenteuer", 1905, in dem sich die gute Fee Dschemma der Pflege des "garstigen Kasperles" widmet)

Essay
Gemma Bierbaum, geb. Prunetti-Lotti (1877-1925), heiratet 18-jährig den zwölf Jahre älteren Literaten, Journalisten und Herausgeber Otto Julius Bierbaum (1865-1910). Ein Jahr später entsteht das hier angebotene Porträt. Die Florentinerin, „eine der charmantesten und in ihrer schlichten Natürlichkeit vornehmsten Frauen, die mir je begegnet sind“ - so der Schriftsteller Korfiz Holm -, verhilft dem nach der Scheidung von seiner ersten Frau schwer geknickten Bierbaum zu neuem Lebensmut und neuer Produktivität. Mit dem ihr gewidmeten Gedichtband „Irrgarten der Liebe“ entsteht der meistverkaufte Liebeslyrik-Band der Zeit. Bierbaum ist in seiner Tätigkeit als Mitarbeiter zahlreicher Zeitschriften der Moderne und als Mitherausgeber des „Simplicissimus“ eng mit der literarischen und künstlerischen Bohème Münchens sowie der Theaterszene verwoben. Das Ehepaar lebt jedoch die meiste Zeit getrennt, da Bierbaum von innerer Unruhe getrieben und besessen von seiner Arbeit oft nachts arbeitet und tagsüber schläft. 1903 unternimmt das reisefreudige Paar als eines der ersten eine Automobilreise im Cabrio von Berlin über Wien und Prag nach Sorrent, dokumentiert von Otto Bierbaum im Reisebericht „Eine empfindsame Reise im Automobil“. Nach Aufenthalten in Berlin und Südtirol kehren Gemma und Otto nach München zurück und lassen sich schließlich in einer Villa in Pasing nieder, nicht ohne weitere Reisen und mehrmonatige Aufenthalte in Fiesole bei Florenz, der Heimat von Gemma, zu verbringen. Bereits 1893 und 1899 hat Bierbaum eine sehr erfolgreiche und mehrfach aufgelegte Stuck-Biografie verfasst und ist mit ihm persönlich befreundet. Stuck hat die stadtbekannt schöne Gemma mehrfach porträtiert, das hier angebotene Bildnis entsteht wohl auf der Durchreise in München, weshalb Stuck aufgrund der Kürze der Zeit fotografische Studien von Gemma anfertigt. Bierbaum bittet seine über alles geliebte Frau angeblich vor seinem Tode, ihm all ihre Bilder und Porträts mit in den Sarg zu legen. Gezeigt wird Gemma hier im Profil, unter leichter Wendung des Kopfes zum Betrachter, entsprechend Stucks Vorliebe für die schwanengleiche weibliche Nacken- und Schulterpartie, neben der er es sich nicht nehmen lässt, seine Signatur anzubringen. Die helle Haut ihres Gesichts kontrastiert mit ihren dunklen Augen und dem von einem smaragdgrün schimmernden Band antikisierend zusammengehaltenen Haar. Das leuchtende Rot ihrer Lippen komplettiert die Anspielung auf die italienischen Farben. Obwohl ihr Blick den Betrachter nicht trifft, ist die mysteriöse Intensität desselben unter den starken Augenbrauen zu erahnen. Die faszinierende Gemma entsprach sicherlich dem Schönheitsideal der von mythologischen und verführerischen Frauengestalten bevölkerten Bildwelt Stucks. Mit dem lasierenden Farbauftrag des innerbildlichen Rahmens und der in römischen Ziffern datierten Plakette erweckt er den Eindruck des dauerhafteren Materials der Bronze und verleiht dem Bildnis in dieser Anlehnung an römische Medaillen monumenthafte Ewigkeit. [KT]
 


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