Auktion: 498 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 18.07.2020 in München Lot 532

 
532
Max Liebermann
Kleinkinderschule, 1875.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 50.000 - 60.000
+
Objektbeschreibung
Kleinkinderschule. 1875.
Öl auf Leinwand.
Eberle 1875/13. Links unten signiert. 59,3 x 80,5 cm (23,3 x 31,6 in).

• Entsteht unter den noch frischen Eindrücken der Frankreich-Reise und Liebermanns Beschäftigung mit der Schule von Barbizon
• Zartfarbige, frühe Darstellung, die in Farbe und Lichtgebung bereits deutliche impressionistische Tendenzen aufweist
• Beeindruckende, frühe Ausstellungshistorie
• Bedeutende Provenienz: Paul Cassirer, Sammlung Leo Lewin, Sammlung Georg Schäfer u. a.
• Die spätere Version (1880) dieses anrührenden Motivs befindet sich in der Berliner Nationalgalerie
.

Wir danken Frau Drs. Margreet Nouwen, Berlin, für die freundliche wissenschaftliche Beratung.

PROVENIENZ: Paul Cassirer, Berlin (1914).
Galerie Ferdinand Möller, Breslau (1917).
Sammlung Leo Lewin, Breslau (1917-1927).
Galerie Matthiesen, Berlin (spätestens 1931, verso mit dem fragmentarischen Etikett).
Galerie Carl Nicolai, Berlin (spätestens 30.1.1933 [Verkaufsangebot Nicolais an Oskar Reinhart, Winterthur] - 1955).
Sammlung Dr. Georg Schäfer, Schweinfurt (1955 vom Vorgenannten erworben, verso mit dem typografisch bezeichneten und gestempelten Sammleretikett).
Christie’s Düsseldorf, Gemälde aus der Sammlung Dr. Georg Schäfer, 31.1.2000, Los 214 (mit Farbabb., aus der Sammlung des Vorgenannten).
Privatsammlung Hessen.

AUSSTELLUNG: Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes, Kunsthalle Mannheim, 4.5.-30.9.1913, Kat.-Nr. 221 (mit sw-Abb.).
Deutsche Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts, Zürich, 1917, Kat.-Nr. 51.
Ausstellung deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts, Kunsthalle Basel, 7.10.-4.11.1917, Kat.-Nr. 50.
Max Liebermann, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 1925, wohl Kat.-Nr. 8 (mit leicht abweichenden Maßangaben).
Kunstsalon Paul Cassirer und Hugo Helbing, Sammlung Leo Lewin, Breslau: Deutsche und französische Meister des XIX. Jahrhunderts, Ausstellung im Vorfeld der Versteigerung am 12. April 1927, Los 6 (mit Abb.).

LITERATUR: Willy F. Storck, Die Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Mannheim, in: Kunst für Alle, Jahrgang XVIII, 1.8.1913, S. 481 (mit der Betitelung "Schulstundenbild").
Erich Hancke, Max Liebermann. Sein Leben und seine Werke, Berlin 1914, S. 98, mit Werkkatalog, Kat.-Nr. Nr. 528.
Kunstchronik, Jahrgang XXVIII, Nr. 39, 30.7.1917, S. 451.
Karl Scheffler, Breslauer Kunstleben, in: Kunst und Künstler, Jahrgang XXI, 1922/23, S. 111-133, S. 116f.
Erich Hancke, Max Liebermann. Sein Leben und seine Werke, Berlin 1923, S. 98 (zweite, leicht veränderte Auflage, ohne Abb.).
Karl Scheffler, Kunstausstellungen - Düsseldorf (Kunstverein), in: Kunst und Künstler, Jahrgang XXIII, Heft 12, S. 497 (ohne Abb.).
Katrin Boskamp, Studien zum Frühwerk von Max Liebermann mit einem Verzeichnis der Gemälde und Ölstudien von 1866-1889, Hildesheim/Zürich/New York 1994, Kat.-Nr. 65.

Aufrufzeit: 18.07.2020 - ca. 17.32 h +/- 20 Min.

Essay
Zwei Jahre vor Entstehung des hier angebotenen Gemäldes zieht Max Liebermann 1873 nach Paris und richtet sich in Montmartre ein kleines Atelier ein, um die zeitgenössischen künstlerischen Strömungen in der Metropole zu entdecken, neue Kontakte zu den führenden Realisten und Impressionisten zu knüpfen und mithilfe neuer Eindrücke auch sein eigenes künstlerisches Schaffen voranzutreiben. 1874 reist er nach Barbizon und beschäftigt sich intensiv mit den Werken der dort ansässigen Künstler, insbesondere mit Jean-François Millet (1814-1875). Dessen Darstellungen der arbeitenden, einfachen Landbevölkerung hinterlassen einen prägenden Eindruck, wie Liebermanns Gemälde "Kartoffelernte in Barbizon" (1875, Museum Kunstpalast, Düsseldorf) beweist. In den Sommermonaten zieht es den Künstler oftmals in die Niederlande, nach Haarlem, Amsterdam und Zandvoort. Bis 1914 unternimmt er jährliche Sommerreisen in das schöne Nachbarland. Hier beeindrucken ihn unter anderem die Figurendarstellungen von Frans Hals (1585-1666).
Im Sommer 1875 malt Liebermann in Holland insgesamt fünf Versionen einer reizenden Szene in einer holländischen "Bewaarschool". Eine weitere, deutlich spätere Version entsteht 1880 (Nationalgalerie, Berlin). In Anlehnung an die mehrfigurigen, mimisch-expressiven Figurenkompositionen von Frans Hals und unter den noch so frischen Eindrücken aus Barbizon sowie des französischen Realismus und Impressionismus schafft Liebermann eine entzückende Darstellung einer Kinderschar, die Liebermanns große künstlerische Entwicklung zu einer eigenständigen Künstlerpersönlichkeit in dieser Zeit verdeutlicht. Die recht erdigen, düsteren Farben seiner früheren Arbeiten sind einer Fülle von hellen, freundlichen Pastelltönen gewichen, die an die moderne Farbigkeit in der Malerei von Manet, Renoir und Monet erinnern. Zahlreiche Details verarbeitet der Künstler in dieser für ihn und sein frühes Œuvre so wichtigen Darstellung, formt aus gegensätzlichen Bewegungen und voneinander abgesetzten Farben eine harmonische Komposition, zeigt die roten Bäckchen der spielenden Kinder in ihren feinen, in Falten fallenden Kleidern mit weißen Kragen und die von der Sonne angeschienenen blonden Haare mit einer für ihn eher ungewöhnlichen Freude an Stofflichkeit und Materialität. Während einige der Elemente in der späten Fassung von 1880 nicht mehr enthalten sind oder nur noch leicht verändert auftreten, hält sich bspw. die Komposition der miteinander agierenden Kinder rechts und links im Bild sowie die Haltung der in ihre Näharbeit vertieften Kinderfrau. Auch in der endgültigen Fassung findet sich diese leicht seitliche Ansicht auf die Nähende, während sie in den anderen Fassungen frontal dargestellt wird.
Nur ein Jahr später, im Sommer 1876, folgt dann ein weiterer, mehrmonatiger Aufenthalt in den Niederlanden. Nun arbeitet Liebermann an seiner "Holländischen Nähschule" (1876, Von der Heydt-Museum, Wuppertal) sowie an einigen ersten Studien zu einem seiner wohl berühmtesten Gemälde "Amsterdamer Waisenhaus" (1881/82, Städel Museum, Frankfurt am Main). Die Bedeutung dieser frühen Arbeiten Max Liebermanns ist in Deutschland bereits seit der Jahrhundertwende bekannt, weshalb sich zahlreiche Werke dieser Schaffensphase heute in bedeutenden musealen, öffentlichen Sammlungen befinden, bspw. in der Hamburger Kunsthalle, im Von der Heydt-Museum in Wuppertal, im Wallraf-Richartz-Museum in Köln, in der Neuen Pinakothek in München oder im Städel Museum in Frankfurt am Main.
Das hier angebotene reizende Werk befindet sich um 1914 in der Galerie Paul Cassirer in Berlin und wird ab 1917 dann Teil der viel gerühmten Sammlung des Breslauer Textilfabrikanten Leo Lewin, die in den Jahren des Ersten Weltkriegs entsteht. Bedeutende Arbeiten Liebermanns und Slevogts bilden das Herz einer Kollektion von bald internationalem Ruf. Beide Künstler sind auch persönlich mit dem Sammler bekannt und besuchen ihn in seiner herrschaftlichen Villa in der Breslauer Akazienallee, die mehr Privatmuseum als Wohnhaus ist. Die Wirtschaftskrise macht jedoch auch vor Leo Lewin nicht halt. Als seine noch junge Sammlung 1927 zur Versteigerung kommt, wird sie zuvor in einer umfassenden Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert. Der berühmte Kunstkritiker Karl Scheffler vermag im Vorwort des Kataloges seine Begeisterung kaum zu zügeln: "Die Bedeutung der Versteigerung aber besteht darin, daß in den letzten Jahren in Deutschland keine Sammlung moderner Kunst zum öffentlichen Verkauf gebracht worden ist, die mit dieser wetteifern könnte an Umfang und Bedeutung, trotz vieler Versteigerungen moderner Kunst, und obwohl in diesen oft auch dieselben Künstler vertreten waren, die der Sammlung Leo Lewin das Gesicht geben. Man muß schon weit zurückgehen, um einem Ereignis von gleicher Wichtigkeit auf dem Kunstmarkt zu begegnen". Es freut uns sehr, mit Liebermanns "Kleinkinderschule" in unserer kommenden Auktion nun eines der Hauptwerke der ehemaligen Sammlung Lewin anbieten zu können. [CH/AT]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Max Liebermann "Kleinkinderschule"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlag bis einschließlich € 500.000: 32 % Aufgeld
Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 32 %, Teilbeträge über € 500.000 27 % Aufgeld
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlag bis einschließlich € 500.000: 25 % Aufgeld zuzügl. der gesetzlichen Umsatzsteuer
Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 25%, Teilbeträge über € 500.000 20 % Aufgeld, jeweils zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung bei Folgerechtsabgabe:
Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2,4 % inklusive der gesetzlichen Umsatzsteuer an.