Auktion: 513 / Kunst nach 1945 / Zeitgenössische Kunst II am 11.12.2020 in München Lot 81

 
81
Fred Thieler
Ora’82, 1982.
Mischtechnik auf Leinwand
Schätzpreis: € 20.000 - 30.000
+
Objektbeschreibung
Ora’82. 1982.
Mischtechnik auf Leinwand.
Melchior 8/77. Rechts unten signiert und datiert. 220 x 280 cm (86,6 x 110,2 in).
[SL].
• Die Farbe entwickelt eine Eigendynamik und damit die Möglichkeit des freien Fließens, zufälligen Vermischens, seines Eingreifens und Gestaltens.
• Teilnahme an der Documenta II, 1959, und Documenta III, 1964, in Kassel
.

PROVENIENZ: Galerie Georg Nothelfer, Berlin.
Galerie Silvia Menzel, Berlin.
Sammlung Deutsche Bank (1988 vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Kunst konzentriert, Galerie Georg Nothelfer, Berlin, u. a., 31.5.-3.6.1984, Ausst.-Kat., mit Abb. S. 69.
Kunst aus Berlin, Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen, 1984.
Große Kunstausstellung NRW, Kunstmuseum Düsseldorf im Ehrenhof, Düsseldorf, 2.12.1984-6.1.1985.
Fred Thieler – Arbeiten 1940-1986, Akademie der Künste, Berlin, 2.2.-17.3.1986, Kat.-Nr.125.
Drei Monate – Drei Generationen, Galerie Silvia Menzel, 7.-20.9.1986.
Fred Thieler: Dialog mit der Farbe, Kunsthalle in Emden/Stiftung Henri Nannen, 3.11.1991-2.2.1992; Daniel-Pöppelmann-Haus, Herford, 7.3.-26.4.1992; Städtische Sammlungen, Schweinfurt, 8.5.-21.6.1992, Kat.-Nr. 45, mit Abb. S. 108-109.

LITERATUR: Internationaler Kunstmarkt Düsseldorf, Sonderschau des Städtischen Kunstmuseums Bonn, Messe Düsseldorf, 1982, S. 196 mit Abb.
Kunst aus Berlin, Galerie Georg Nothelfer, Berlin, 1984, S. 37 mit Abb.
Rolf-Gunter Dienst, Das deutsche Informel heute, in: das kunstwerk, 5 XXXVI/1983, S. 82 mit Abb., bez.: B.Or. I/82.
Heinrich Hahne, Fred Thieler, in. das kunstwerk 6 XXXV/1982, S. 88 mit Abb., bez.: B.Or. I/82.
Manfred de la Motte (Hrsg.), Fred Thieler, Galerie Georg Nothelfer, Berlin 1983, S. 53 mit Abb.

Aufrufzeit: 11.12.2020 - ca. 15.20 h +/- 20 Min.

Essay
Fred Thieler ist sicherlich der Maler, dessen Werke dem US-amerikanischen abstrakten Expressionismus am nächsten stehen. Und in der Tat erinnert Thielers sehr individuelle Malweise an die "drippings" von Jackson Pollock. Der Bildträger, Leinwand oder Papier, liegt während Thielers Malvorgang immer flach auf dem Boden. Die Farbe, aus Dosen, Eimern, Kanistern oder Gießkannen geschüttet, wird mittels Anheben des Bildträgers ansatzweise gelenkt, teilweise mit dem Pinsel nachgearbeitet. Für Fred Thieler bedeutete Malerei immer ein Experimentierfeld. Diese Art der Malerei vollzieht sich schnell und konzentriert, es existieren keine Vorstudien zu den Werken. Generell verwendete Thieler einen Farbkanon aus Blau, Schwarz und Weiß, wobei er wie hier den dominanten Akzent der Komposition mit Rot setzt. In diesen Werken Thielers, entstanden im Prozess des kalkulierten Zufalls, scheinen wir einen Einblick tief hinein zu den bekannten, doch unreflektierten Urmysterien menschlichen Daseins zu erhalten - oder ist es doch eher ein Blick hoch hinauf in die Weiten des Universums? Ist gar beides in diesen Bildern geborgen?
Das Werk Fred Thielers gilt gemeinhin als Synonym für das Informel und ebenso für abstrakte Bildwelten. Nach ersten Gemälden in bewundernden Gedanken an Corinth Anfang der 1940er Jahre sucht Thieler in der Ungegenständlichkeit der Motive die Vergangenheit hinter sich zu lassen und im Umgang mit Farben und Formen neue Wege des Ausdrucks zu erlangen. Es folgen Spachtelbilder, wie mit der Serie der „Wannseebilder“ Anfang der 1960er Jahre verwirklicht, sodann mit den Collage- und De-Collage-Bildern Mitte der 1960er Jahre erste Schüttbilder, die er in der Fülle der gesammelten Erfahrung bis zum Schluss ausführt, dem malerischen Experiment immer offen gegenüberstehend.
Um ausgreifende Bewegungen großformatig umzusetzen – sicherlich ein Nachklang der 1959 auf der zweiten Documenta in Kassel ausgestellten Action-Painting-Bilder von Jackson Pollock – verwendet Fred Thieler in der Folge wieder Pinsel und flüssigere Farbe, „ganz normale Binder-Farben in größeren Bottichen; ich habe zwar damals noch nicht gegossen, aber mit größeren Pinseln die Farbe auf der Leinwand bewegt. Teilweise wurde die Farbe auch direkt aus der Tube gedrückt. Dann hat sich aus diesem Arbeitsprozeß eine Art Misch-Technik ergeben, indem die Erfahrung lehrte, daß man in die Binderfarbe eine in Terpentin gelöste Farbe hineingibt, und daß es dann entsprechende Ausbreitungen der Farbe gab – oder eben auch nicht –, daß also von dem eigenen Prozeß immer mehr der Prozeß auf der Leinwand zu einem selbständigen Prozeß wurde. Also nicht so sehr ein absolutes Von-sich-aus-Tun, sondern immer mehr ein Reagieren auf etwas.“ (zit. nach Eva Müller-Remmert, in: Fred Thieler. Malerei, Duisburg 2014, S. 35).
Thieler entdeckt zunehmend die Eigendynamik der Farben und die Möglichkeit ihres freien Fließens, ihres zufälligen Vermischens, seines Eingreifens und Gestaltens. Die Formate wachsen, die Ideen des Künstlers werden kühner. Die Vorstellung von Malerei, getragen von großer Empathie für das Geschehen, erfährt ungeahnte Größe, freie Bewegung über das jeweils gegebene Format hinaus, gleichsam das Gefühl erzeugend, die Leinwand sei zu ‚klein’ gewählt. Die so gewonnenen Erkenntnisse lassen Thieler in den 1980er Jahren bis zu seinem letzten Tag immer neue Bildmöglichkeiten finden. Es sind keine gezielten Versuche, sondern vielmehr ist es ein entschiedenes Reagieren auf das, was auf der Leinwand, dem Segeltuch oder dem Papier geschieht. „Maler sein, heißt für mich, die Existenz eines Zeitgenossen zu führen, der den Hauptteil seines Daseins mit dem Versuch verbringt, die Impulse seines Lebens: Anregungen wie Depressionen, Intuitionen wie berechnende Überlegungen, Reaktionen aus Einzelergebnissen wie Erlebnisketten malend aufzuzeigen – oder im Malvorgang zu gewinnen. Malen bedeutet für mich, die Erfahrungsanalogien und -differenzen zu registrieren und ein Ergebnis zur Entstehung zu bringen, das, aus dem Malprozeß entlassen, für den Betrachter wie für den Maler selbst sich als Reflexion menschlichen Daseinserlebnisses darstellt und anbietet.“ (Zit. nach Andrea Firmenich in: Fred Thieler Monographie und Werkverzeichnis, Köln 1995, S. 17) Diese Haltung spürt der Betrachter, sie ist bis ins reife Schaffen dieselbe geblieben. Nicht eine allgemeingültige philosophische Haltung, die Thieler mit der Frage nach der eigenen Existenz verbindet. Sie bildet den entscheidenden Hintergrund für seine Kunst, sie ist Grundlage und Energiequelle für sein großes, konsequentes Engagement nicht nur als Künstler, sondern auch als Lehrer, als Kulturpolitiker und als Kunstanwalt.
Die bewusst herbeigeführte Ereignishaftigkeit der Bilder ist für Thieler mehr als eine experimentell-sinnliche Lust an der Farbe, am Malprozess. Die ungewisse Veränderbarkeit ist Bildthema und Impuls zugleich. Darin offenbart sich Thielers Grundhaltung einer Erkenntnis und Anerkenntnis des steten Wandels des Lebens, der Ungesichertheit der menschlichen Existenz, der momentanen Subjektivität von Erleben und Erfahren, die keinerlei Gültigkeitsanspruch haben kann. [MvL]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Fred Thieler "Ora’82"
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Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2% zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer an.