Auktion: 520 / Evening Sale am 18.06.2021 in München Lot 120002400

 
120002400
Lesser Ury
Brandenburger Tor vom Pariser Platz aus gesehen, 1928.
Pastell auf Malpappe
Schätzpreis: € 140.000 - 180.000
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Objektbeschreibung
Brandenburger Tor vom Pariser Platz aus gesehen. 1928.
Pastell auf Malpappe.
Links unten signiert. 35 x 50 cm (13,7 x 19,6 in).

• Besonders effektvolle, lichtdurchwirkte Berliner Stadtansicht in meisterhaft impressionistischer Pastelltechnik.
• Eine der wenigen Ansichten im Schaffen Urys, die das Brandenburger Tor als Symbol Berlins so zentral in den Fokus rückt.
• Malerische Inszenierung der rauschhaften Goldenen Zwanziger Jahre Berlins und des modernen, emanzipierten Frauentyps.
• Koloristisch eine der besten Arbeiten des Spätwerks, die in der Spiegelung der regennassen Straße ein schillerndes Farbenspiel darbietet
.

Mit einem Foto-Gutachten von Dr. Sibylle Groß, Werkverzeichnis Lesser Ury, Berlin, vom 1. März 2021.

PROVENIENZ: Möglicherweise Sammlung Regierungsrat Dr. jur. Paul Heck, Berlin/Dresden (bis 1936, Lepke, 24.-26.06.1936).
Möglicherweise Sammlung Schmidt, o.O. (1936 vom Vorgenannten erworben, Lepke, 24.-26.06.1936).
Privatsammlung Niedersachsen (bis 1989, Villa Grisebach, Berlin, 24.11.1989).
Sammlung Deutsche Bank (vom Vorgenannten erworben, Villa Grisebach, Berlin, 24.11.1989).

LITERATUR: Möglicherweise Rudolph Lepke, Berlin, Auktion am 24.-26.06.1936, Los 140.
Villa Grisebach, Berlin, 10. Auktion, 24.11.1989, Los 8, mit Abb.

Essay
Lesser Ury ist unbestritten einer der Maler, die aufs Engste mit der Darstellung der Großstadt Berlin verwoben sind. Nach dem Tod des Vaters zieht Ury bereits im Alter von zehn Jahren mit seiner Mutter dorthin. Sein Kunststudium absolviert er in Düsseldorf, danach folgt ein Aufenthalt in Brüssel und schließlich die für sein Schaffen prägende Parisreise im Jahr 1880. Als er auf einer weiteren Reise in die Niederlande Max Liebermann und Fritz Uhde kennenlernt, folgt er deren Empfehlung und lässt sich 1887 endgültig in der damaligen Hauptstadt nieder. Es entstehen erste Stadtansichten, in denen Ury das pulsierende Leben der modernen Stadt in den Blick nimmt.
Der Kunstkritiker Adolph Donath erkennt als einer der Ersten die Besonderheit von Urys Arbeiten, die in ihrer impressionistischen Malweise in Berlin ihrer Zeit voraus sind und erstmals den Motiven einer beschleunigten, wandelvollen Moderne gerecht werden: „die moderne Straße mit ihrem Jagen und Fauchen, ihren geschäftigen Menschlein, ihren behäbigen Pferdeomnibussen, ihren altväterlichen Droschken, die Großstadtstraße in der Dämmerung mit allen den wundersamen Sonnenreflexen auf Häusern und Asphalt, die Großstadtstraße am Abend und in der Nacht mit ihrem gelblichfahlen Gaslichterspiel und der sprühenden Strahlenglut der elektrischen Bogenlampen, das Großstadtcafé am Abend und in der Nacht mit seinem betäubenden Dunst aus Licht und Rauch.“ (Adolph Donath, Lesser Ury, Berlin 1921, S. 14). 1889 präsentiert Ury erstmals seine Werke zusammen mit Wilhelm Leibl, Fritz Uhde und Max Liebermann in der Galerie Gurlitt. Des Galeristen Bruder, der Kunsthistoriker und -kritiker Cornelius Gurlitt, hatte Urys erste Werke zunächst als Reihe von schwarzen und weißen Klecksen auf einem vorwiegend schwarzen Farbenragout bezeichnet (Cornelius Gurlitt, L. Ury und H. Thoma, in: Die Gegenwart, Berlin, 22. Februar 1890). Faszinierend und bedeutsam liest sich dagegen, welches visuelle Erweckungserlebnis anschließend beim Verlassen der Ausstellung für ihn folgte: „Ein gewaltiger Regenguss war eben niedergegangen. Die Straße triefte. Da, als ich die Linden einbog, offenbarte sich mir ein seltsames Bild. Der noch helle weiße Himmel war nur in einem Streifen zwischen den hohen Häusern und den kahlen Baumreihen zu sehen. Heller aber, glänzend funkelnd wie weißglühendes Metall lag die Straße vor mir, deren feuchte Fläche alles Licht des Himmels aufzufangen und auf das geblendete Auge zurückzuwerfen schien. Wagen auf Wagen rollte daher. Die glänzenden Decken der Coupés bildeten eine unruhig bewegte Schlangenlinie gegen das Brandenburger Tor zu, dessen mächtige Masse sich bleigrau gegen den Himmel abhob. Ebenso färbten feuchte Luft und der sinkende Tag die Häuserreihen, an der sich nur die milchweißen Bälle der elektrischen Lampen abzeichneten.“ (ebd., zit. nach Adolph Donath, S. 17f.). Durch Ury erfährt so die Stadt als Erlebnisraum, der täglich durchschritten wird, erstmals ästhetische Würdigung, die ihn ebenfalls zum Höhepunkt seines Schaffens führt. Seine Stadtansichten, die den ewigen Fluss der nervösen, elektrifizierenden Atmosphäre des Groß-Berlins der Weimarer Republik einfangen, bringen ihm Anfang der 1920 offizielle Anerkennung in Ankäufen durch Ludwig Justi für die Nationalgalerie sowie der Ernennung zum Ehrenmitglied der Berliner Secession durch Lovis Corinth.
In unserer Ansicht rückt Ury das Brandenburger Tor am Ende der preußischen Prachtstraße Unter den Linden so zentral wie seltenst in den Fokus. Auf dem bedeutenden Pariser Platz, an dem sich die Akademie der Künste, Regierungsgebäude, die russische Botschaft sowie das Palais Max Liebermanns befinden, reihen sich die auf Fahrgäste wartenden Autos auf der Straße. Ungewöhnlich zentralperspektivisch setzt er das monumentale Emblem Berlins effektvoll vor das Gegenlicht des goldenen Himmels, der sich schillernd in der regennassen Straße spiegelt und dessen Licht die ganze Atmosphäre durchdringt. In der Mitte der Säulen, unter der Quadriga mit der Siegesgöttin, erscheint verschmolzen mit dem hellen Licht die elegante Berlinerin der Goldenen Zwanziger Jahre, der so ebenfalls ein malerisches Denkmal gesetzt wird. [KT]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Lesser Ury "Brandenburger Tor vom Pariser Platz aus gesehen"
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Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2% zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer an.