Auktion: 508 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 12.12.2020 in München Lot 303

 
303
Carl Spitzweg
Der arme Poet, Ca. 1836.
Bleistiftzeichnung, aus zwei Seiten eines Skizz...
Schätzpreis: € 3.000 - 4.000
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Objektbeschreibung
Der arme Poet. Ca. 1836.
Bleistiftzeichnung, aus zwei Seiten eines Skizzenbuches montiert.
Vgl. Wichmann 125. Auf beiden Teilen mit dem Nachlassstempel (Lugt 2307). Linkes Blatt verso mit Bleistift nummeriert "V. 78310" und dem Sammlerstempel Paul Arndt (Lugt L.2067b). Auf feinem Velin. Gesamt: 22 x 23,2 cm (8,6 x 9,1 in). Linkes Blatt: 22 x 11 cm (8,6 x 4,3 in). Rechtes Blatt: 16,3 x 8,4 cm (6,4 x 3,3 in).

Wir danken Herrn Detlef Rosenberger für die freundliche wissenschaftliche Beratung.

PROVENIENZ: Sammlung Paul Arndt (1865-1937), München (mit dem Sammlerstempel).
C. G. Boerner, Leipzig, Auktion 16.05.1934, Los 510 und 534.
Sammlung Erhard Göpel, Leipzig (bei vorgenannter Auktion erworben).
Seither Privatsammlung Süddeutschland.

Aufrufzeit: 12.12.2020 - ca. 15.33 h +/- 20 Min.

Essay
Um 1833 entschließt sich der als Apotheker ausgebildete Spitzweg, Maler zu werden und mit 25 Jahren als Autodidakt sein Debüt vorzubereiten. Während des Ausbruchs der Cholera in München 1836 begibt sich Spitzweg auf Reisen, unter anderem zu seinem Bruder Eduard nach Wien. In diesem Jahr entsteht ein umfangreiches Skizzenbuch, in dem Spitzweg auch sein berühmtestes Programmbild „Der arme Poet“ vorbereitet – unter anderem „liegt“ ihm dafür auch sein Bruder Eduard Modell. Unsere Zeichnung zeigt in Spitzwegs frühem, präzisen Stil bereits die genaue Handhaltung und Physiognomie des Poeten, wie sie in das um 1837 ausgeführte und 1839 erstmals ausgestelle Gemälde (heute eine Version davon in der Neuen Pinakothek, München) Eingang finden. Besonders die minutiös ausgeführte Studie der Hände fasziniert im Medium der Zeichnung durch die klarlinige Präzision und Treffsicherheit, mit der Spitzweg in seinen sprechenden Gesten mit minimalen Haltungsänderungen erzählerische Dynamik und Ausdruckskraft erreicht. Besonders typisch in seinem Gestenfundus sind die abgewinkelten Arme und die gespreizten Finger. Unser Blatt vereint glücklicherweise die einstmals in verschiedenen Sammlungen präsenten und hier wieder zusammengeführten gegenüberliegenden Seiten des Skizzenbuchs.
In Briefen dieser Zeit auf Reisen schildert Spitzweg oftmals selbst, wie er in engen Bauernbetten, in Mansarden, Dachkammern und schmalen Zimmergrüften wohnt, um sich seiner Kunst widmen zu können, für die er gerne Opfer zu bringen scheint. Im Juni 1836 schreibt er an Eduard: „Ich bin hier in einem miserablen Bauernwirtshaus mit Scheffelmeyer, der mich begleitete, einquartiert. Wir liegen auf muffigen Strohsäcken und fressen Dreck mit dem größten Appetit.“ (zit. nach: Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg, Stuttgart 2002, S. 26). Das Motiv des in seine schöpferische Arbeit versunkenen Künstlers, der seine Selbstverwirklichung außerhalb bourgeoiser Lebensinhalte sucht, ist zu jener Zeit in Literatur und Kunst, nicht ohne ironischen Unterton, präsent. So zeigt auch der französische Karikaturist und Spitzwegs großes Vorbild Honoré Daumier den Künstler und Poeten immer wieder mit weißer Nachtmütze, im Gegensatz zur kurz vorher noch überall präsenten Jakobinermütze der politisch und gesellschaftlich engagierten französischen Revolutionäre. Als Zeichen romantischer Realitätsferne trägt auch Spitzwegs Poet als eine seiner zahlreichen Sonderlingsgestalten die Zipfelmütze. Biedermeierlicher Rückzug in die Innerlichkeit, in die Welt der Kunst, der Wissenschaften, der Musik oder der Liebe schließt so auch die Künstler und Poeten mit ein. Die Befriedigung und Überhöhung schöpferischen Tuns in einer Welt des Geistes, beflügelt von individuell-schwärmerischem und romantischem Impetus, bekommt hier von Spitzweg allerdings eine ironische Drehung verpasst. Von der Kritik zunächst als Verspottung der Verskunst und Poesie ablehnend bewertet, birgt das Motiv des armen Poeten besonders in der in unserer Zeichnung einzigartig präzise ausgearbeiteten zentralen Geste der Hand und dem Gesichtsausdruck eine weitere Inhaltsebene. Eine Kompositionsskizze zum Gemälde (Staatl. Graphische Sammlung, München) annotiert Spitzweg: „Aug niederschlag / weg Floh“. Die vordergründige Entrücktheit in die Welt der Poesie weicht damit einer der banalsten Befriedigungen wie dem Zerdrücken eines solchen Plagegeistes. Unsere Zeichnung trägt somit den essenziellen, hinter dem Motiv des armen Poeten stehenden Gedanken.
Paul Arndt (1865-1937), renommierter Professor für Klassische Archäologie aus Dresden mit Wirkungsort München, besaß eine bedeutende, in der Zeit von 1900-1930 zusammengestellte Sammlung deutscher Künstler vom Beginn des 19. Jahrhunderts, darunter Richter, von Schwind, Spitzweg und etliche Künstler der Nazarener. Der Großteil seiner Sammlung wurde 1934 bei C. G. Boerner in Leipzig versteigert, darunter auch die damals noch separat vorliegenden Blätter des "Armen Poeten". [KT]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Carl Spitzweg "Der arme Poet"
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Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2,4 % inklusive der gesetzlichen Umsatzsteuer an.