Auktion: 514 / Evening Sale am 11.12.2020 in München Lot 238

 
238
Georg Schrimpf
Mädchen mit Spiegel, 1930.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 100.000 - 150.000
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Objektbeschreibung
Mädchen mit Spiegel. 1930.
Öl auf Leinwand.
Hofmann/Praeger 1930/4. Links unten signiert und datiert. Auf dem Keilrahmen handschriftlich bezeichnet "Schrimpf - Akt". 74,5 x 53 cm (29,3 x 20,8 in).

• Charakteristische Komposition eines der führenden Vertreter der Neuen Sachlichkeit von musealer Qualität.
• Die geheimnisvollen Figurenkompositionen mit melancholischen jungen Frauen gelten als die gefragtesten Arbeiten aus Schrimpfs kleinem malerischen Œuvre.
• Es ist nur ein weiteres Aktgemälde aus Schrimpfs neusachlichem Werk bekannt, das sich heute im Museum Ludwig, Köln, befindet.
• Das Gemälde war nach dem frühen Tod des Künstlers 1939 auf den Gedächtnisausstellungen in München und Berlin vertreten
• Seit Entstehung Teil einer süddeutschen Privatsammlung
.

PROVENIENZ: Privatsammlung Süddeutschland (vermutlich direkt vom Künstler erworben, seitdem in Familienbesitz).

AUSSTELLUNG: Deutsche Kunst München, Glaspalast, München, 30. Mai - Oktober 1930, Kat.-Nr. 2191, S-W-Abb. S. 102.
Deutscher Künstlerbund, Essen, 23.5.-23.8.1931, Kat.-Nr. 340, mit S-W-Abb.
Georg Schrimpf, Graphisches Kabinett, Günther Franke, München, 14. November - Dezember 1932, Kat.-Nr. 16. (mit dem Galeriestempel auf dem Keilrahmen).
Neue deutsche Romantik, 126. Ausst. der Kestner Gesellschaft, Hannover, 16.3.-29.4.1933, Kat.-Nr. 15, mit Abb.
Georg Schrimpf. Gedächtnis-Ausstellung, Galerie Günther Franke, München, Januar 1939, Kat.-Nr. 10.
Georg Schrimpf. Gedächtnisausstellung zum 50. Geburtstag am 13. Februar 1939, Galerie von der Heyde, Berlin, 12.2.-6.3.1939, Kat.-Nr. 9.
Aspetti della Nuova Ogettivita/Aspekte der Neuen Sachlichkeit, Galleria del Levante, München/Rom, Juni - 10. September 1968, Kat.-Nr. D 115, mit S-W-Abb.
Georg Schrimpf. Ölbilder Aquarelle, Galerie Nikolaus Fischer, Frankfurt am Main, 1992, Kat.-Nr. 11, mit Abb.

LITERATUR: Matthias Pförtner, Georg Schrimpf, Berlin 1940, S. 32, mit S-W-Abb.
Josef Adamiak, Georg Schrimpf. Ein Beitrag zum Problem der Malerei der Neuen Sachlichkeit, Diplomarbeit, Kunstgesch. Institut der Humboldt-Universität, Berlin (DDR) 1961, Abb. 58.
Wolfgang Storch, Georg Schrimpf und Maria Uhden. Leben und Werk, Berlin 1985, S. 164, mit Abb.

"Was ich mit meinen Bildern will, gilt dem Leben schlecht hin [..]. So bemühe ich mich um Klarheit und Einfachheit als den mir wesentlichen Grundzügen, in dem Glauben, eben dadurch auch dem inneren Wert der Dinge nahe zu kommen."
Georg Schrimpf, 1932, zit. nach: Georg Schrimpf und Maria Uhden. Leben und Werk, Berlin 1985, S. 162.

Aufrufzeit: 11.12.2020 - ca. 18.06 h +/- 20 Min.

Essay
Klein und exquisit ist das Werk des früh verstorbenen Georg Schrimpf, eines der herausragenden Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Es ist die Kunst der Zwischenkriegszeit, die ihren Namen der Ausstellung "Die Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus" verdankt, die 1925 in der Kunsthalle Mannheim zu sehen war. Die Auswahl umfasste neben Werken Georg Schrimpfs auch Arbeiten von George Grosz, Otto Dix und Karl Hubbuch. Schön sind seine Stillleben mit Gummibäumen und Kakteen. Klar und weit sind seine menschenleeren Landschaften, die eine romantische Entgrenzung mit einer fast hopperartigen Sachlichkeit verbinden.

Seine gefragtesten Arbeiten jedoch sind seine Figurenbilder, die fast ausschließlich junge Frauen in sinnend-melancholischer Haltung zeigen, die den Betrachter durch ihre fast unheimlich wirkende Ruhe schnell in ihren Bann ziehen. Besonders ist deren entindividualisierende Typisierung, ihre mandelförmigen Augen, das streng gescheitelte Haar und ihre stets etwas gedrungene Körperhaftigkeit. Sicherlich ist Schrimpfs Liebe zu der Künstlerin Maria Uhden, seiner ersten Frau, für diesen einzigartigen Frauentypus verantwortlich zu machen, denn „[s]ie war groß und trotz ihrer zweiundzwanzig Jahre schon ein wenig frauenhaft füllig, hatte ein klares gutes Gesicht und schöne dunkle, sprechende Augen." (O. M. Graf, zit. nach: G. Schrimpf und M. Uhden, Berlin 1985, S. 200). Bereits 1918 stirbt die junge Künstlerin nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes am Kindbettfieber und Schrimpf beginnt zur Verarbeitung Darstellungen von Maria mit dem Kinde in mittelalterlicher Tradition zu malen, welche die Typisierung seiner Figurenbilder weiter vorantreiben. "Mädchen mit Spiegel" ist eines dieser wunderbaren Gemälde, das all das hat, was für Schrimpfs neusachliche Malerei in besonderer Weise charakteristisch ist: die melancholisch in sich versunkene Frauengestalt, das neusachlich reduzierte Interieur und die warme, gedämpfte Farbigkeit.

Zudem ist "Mädchen mit Spiegel" eine der ganz seltenen Aktdarstellungen des Künstlers. Abgesehen von seinem expressionistischen Frühwerk ist im Museum Ludwig, Köln, nur ein weiteres Aktgemälde aus Schrimpfs neusachlichem Werk bekannt. Bereits acht Jahre nach Entstehung unseres Gemäldes stirbt Schrimpf mit erst neunundvierzig Jahren in Berlin. In seinem Nachruf ist zu lesen: "In die Geschichte der neueren Malerei ist Schrimpfs Name als der des Begründers der 'Neuen Sachlichkeit' eingegangen [..]" (C. Hohoff, zit. nach: ebd., S. 2). Bis heute gilt Schrimpf als herausragender Vertreter der Neuen Sachlichkeit, so umfasst etwa die bedeutende neusachliche Sammlung des Lenbachhauses München neben Arbeiten von Christian Schad und Rudolf Schlichter auch sieben Gemälde Georg Schrimpfs. [JS]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Georg Schrimpf "Mädchen mit Spiegel"
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