Auktion: 514 / Evening Sale am 11.12.2020 in München Lot 250

 
250
Wladimir Georgiewitsch von Bechtejeff
Zirkusszene, Um 1910.
Öl auf Malkarton, auf Leinwand kaschiert
Schätzpreis: € 140.000 - 180.000
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Objektbeschreibung
Zirkusszene. Um 1910.
Öl auf Malkarton, auf Leinwand kaschiert.
Links unten monogrammiert (im Dreieck). 49,5 x 73 cm (19,4 x 28,7 in).

• Eine der wunderbaren expressionistischen Figurenkompositionen aus der besten Schaffenszeit des Künstlers.
• Bechtejeff zählt um 1910 zur europäischen Avantgarde im direkten Umkreis des "Blauen Reiters".
• Auf der großen Ausstellung "Der Blaue Reiter und das Neue Bild 1909-1912. Von der 'Neuen Künstlervereinigung München' zum 'Blauen Reiter'" im Lenbachhaus in München gezeigt.
• Vergleichbare Gemälde Bechtejeffs aus dieser zentralen Schaffensphase befinden sich u. a. in der Pinakothek der Moderne, München, der Staatsgalerie Stuttgart, dem Von der Heydt-Museum, Wuppertal, und dem Lenbachhaus, München
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PROVENIENZ: Charles Henry Kleemann, Hohenschäftlarn b. München.
Privatsammlung Norddeutschland (seit 1992-2007, Villa Grisebach, 27.11.92 - Ketterer Kunst, 5.12.2007).
Privatsammlung (seit 2007).

AUSSTELLUNG: Der Blaue Reiter und das Neue Bild 1909-1912. Von der "Neuen Künstlervereinigung München" zum "Blauen Reiter", Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, 2.7.-3.10.1999, S. 349, Kat.-Nr. 210, mit ganzs. Farbtafel 136.

LITERATUR: Vgl. Das Neue Bild. Veröffentlichung der Neuen Künstlervereinigung/München, Text von Otto Fischer, München 1912.
Villa Grisebach, Berlin, Auktion 27, 27.11.1992, Los-Nr. 13, mit Abb.
Ketterer Kunst, München, Auktion 330, 5.12.2007, Los-Nr. 120, mit Abb.

"Bis 1914 wurden Bechtejeffs Werke in ganz Deutschland ausgestellt und von Museen gekauft; in Otto Fischers Buch über die Neue Künstlervereinigung München, 1912, ist er mit beachtlichen sechs Abbildungen vertreten. Alexej von Jawlensky sah ihn als Naturtalent, Franz Marc hielt ihn für feinfühlig und seine Monumentalmalerei [..] für innovativ."

J. Hahl-Fontaine, in: Wladimir von Bechtejeff 1878-1971. Wiederentdeckt!, Bonn 2018, S. 17.

Aufrufzeit: 11.12.2020 - ca. 18.27 h +/- 20 Min.

Essay
Auf Rat Alexej von Jawlenskys kommt der russische Maler Wladimir von Bechtejeff, der als eine Art Wiederentdeckung im Umkreis des "Blauen Reiters" gilt, Anfang des 20. Jahrhunderts nach München, um Malerei zu studieren. Schon kurz darauf aber geht er zunächst für drei Jahre nach Paris, von wo er 1909 nach München zurückkehrt und der neu gegründeten "Neuen Künstlervereinigung München" ("N.K.V.M.") beitritt, zu deren Gründungsmitgliedern u. a. Kandinsky, Jawlensky, Münter und Werefkin gehören und die deshalb als eine Art Keimzelle des zwei Jahre später gegründeten "Blauen Reiters" verstanden wird. Als das gemeinsame künstlerische Ziel hat Kandinsky im Gründungszirkular die Arbeit nach den Eindrücken einer inneren Erlebniswelt und in einer von den Vorgaben der Realität befreiten Formensprache formuliert. Bechtejeff ist bereits in der ersten Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung im Dezember 1909 in der Galerie Thannhauser vertreten, die sowohl von der Presse als auch vom Publikum aufgrund ihrer "koloristischen Orgien" stark angefeindet wird. Franz Marc hat das damalige Unverständnis der Öffentlichkeit folgendermaßen kommentiert: "Die Presse ließ ihre ganze Wut gegen die Ausstellung los, das Publikum schimpfte, drohte Spukte.. auf die Bilder. Ich gebe gern zu, daß unsre Bilder im Gegensatz zur offiziellen >Sezession<, zur stillen >Scholle< wie eine Bombe wirken mußten und daß die Erregung eine natürliche war." Bechtejeff ist auch 1910 und 1911 auf der zweiten und dritten Ausstellung der "N.K.V.M." mit seinen eindrucksvollen Figurenszenen dieser bedeutenden Schaffensphase vertreten, die heute durch ihre eigentümliche Mischung aus einer überlängten, geradezu manieristischen Formensprache und kubistischen Elementen in besonderer Weise begeistern. Neben seinen überlängten Frauengestalten spielt auch das Pferd in Bechtejeffs Kompositionen dieser Jahre eine zentrale Rolle, das sich mit seinem langen gebogenen Hals und Schweif besonders stimmig und ausdrucksstark in Bechtejeffs charakteristische Formensprache einfügt. Und so ist Bechtejeff bereits auf der Ausstellung 1909 mit der "Amazonenschlacht" (um 1909; Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München) und 1911 mit "Diana auf der Jagd" (um 1911, Staatsgalerie Stuttgart) sowie "Reiter am Fluß" (um 1911, Von der Heydt-Museum, Wuppertal) vertreten. Auch in unserer etwa zeitgleich entstandenen "Zirkusszene", die inhaltlich noch den Geist von Bechtejeffs Pariser Jahren atmet, wird der in exaltierter Haltung dargebotene Pferdekörper zum zentralen Gestaltungsmittel der Komposition. Fast ornamental fügen sich die vor der Artistin niederknieenden Pferde in das Rund der Manege ein. Unsere einzigartige Motivik ist dem berühmten Pariser Leben verpflichtet. Es sind die französischen Impressionisten, die die neuen bürgerlichen Vergnügungen ins Bild setzen. Theater, Cafés, Varietébühnen - allen voran das Moulin Rouge -, Rennplätze und Zirkusarenen werden zu den Schauplätzen des gesellschaftlichen Lebens und liefern die Motive der zeitgenössischen Kunst. All diese Themen hat Bechtejeff in seiner Pariser Zeit gesehen und verinnerlicht. Er nutzt diese Eindrücke in dem Gemälde "Zirkusszene" für eine herausragende expressionistische Komposition. In der für ihn typischen ornamental eingesetzten Schönlinigkeit präsentiert er die Körper der blauschwarzen Pferde, deren Geschmeidigkeit und Eleganz mit der der Dompteuse korrespondieren. Auch Franz Marc, ebenfalls Mitglied der "N.K.V.M.", beschäftigt sich in diesen Jahren intensiv mit Tierdarstellungen, die Bechtejeff formal durchaus beeinflusst haben könnten. Während Marc mit seinen Tieren nach dem Kreatürlichen und Ursprünglichen des Lebens sucht, sind sie bei Bechtejeff Teil der Inszenierung und verschmelzen mit dem Menschen zu einem artifiziellen Gesamteindruck, der noch den Pariser Geist zu atmen scheint.
Die dritte Ausstellung der "N.K.V.M.", auf der Bechtejeff vertreten ist, wird von Dezember 1911 bis Januar 1912 parallel zur "Ersten Ausstellung der Redaktion Der Blaue Reiter" in der Münchner Galerie Thannhauser gezeigt. Im Oktober 1912 eröffnet der neue Kunstsalon Hans Goltz am Odeonsplatz mit einer großen Überblicksausstellung der neuen Kunst, bei der Bechtejeff u. a. neben den Franzosen Cézanne, Matisse, Picasso, Braque, den Künstlern des neu gegründeten "Blauen Reiters", Kandinsky, Marc und Münter, sowie Künstlern der "Brücke" vertreten ist. Bechtejeffs Kunst zählt in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zur europäischen Avantgarde und so verwundert es nicht, dass er 1912 der "N.K.V.M." schließlich aus Protest gegen einen publizistischen Angriff der Gruppe auf die abstrakte Malerei zusammen mit Jawlensky den Rücken kehrt. Und es überrascht ebenso wenig, dass Bechtejeff auch 1913 auf Herwarth Waldens legendärem "Ersten deutschen Herbstsalon" in Berlin, einer der wichtigsten Avantgarde-Ausstellungen vor dem Ersten Weltkrieg, gleich mit vier Gemälden neben den Künstlern des "Blauen Reiters" vertreten ist.
Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs bricht Bechtejeffs künstlerische Entwicklung dann abrupt ab. Er kehrt nach Russland zurück und wird sofort zum Militärdienst eingezogen. Danach arbeitet Bechtejeff zunächst in der Moskauer Kommission für Denkmalschutz und anschließend in den Jahren 1921/22 als Bühnenbildner, später als gestalterischer Leiter im Staatszirkus Moskau. In seinem Spätwerk widmet er sich neben der Ölmalerei auch der Aquarell- und Gouachetechnik. Der Verbleib von Bechtejeffs künstlerischem Oeuvre ist heute leider in weiten Teilen unbekannt. Die bekannten Gemälde aus seinem expressionistischen Frühwerk befinden sich heute jedoch zum Großteil in bedeutenden öffentlichen Sammlungen; vor allem das Lenbachhaus in München besitzt heute einige Gemälde aus Bechtejeffs bedeutender Münchner Zeit. [JS]
 


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