Auktion: 508 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 12.12.2020 in München Lot 348

 
348
Pierre-Auguste Renoir
Portrait de femme, Um 1885.
Pastell
Schätzpreis: € 90.000 - 120.000
+
Objektbeschreibung
Portrait de femme. Um 1885.
Pastell.
Rechts unten signiert. Auf Bütten. 48,4 x 41 cm (19 x 16,1 in), blattgroß.

• Bezaubernde, in lockerer Handschrift eingefangene Studie der eleganten Pariserin des fin-de-siècle
• Renoir nutzt besonders ab den 1880er Jahren die modisch dekorierten Hütchen der Damen zur farbenfrohen, duftigen Einrahmung des Gesichts
• In den puppenhaft-zarten Gesichtszügen der Modelle Renoirs verschmelzen individuelle Charaktere zu einem stilisierten, vom Künstler geschaffenen Ausdruck idealer weiblicher Schönheit
• Bedeutende Provenienz mit dem Vorbesitzer Hans Bethge, Lyriker und Freund zahlreicher Künstler um die Jahrhundertwende
.

Mit einer schriftlichen Bestätigung des Wildenstein Institutes, Paris, vom 12. Oktober 2001. Eine Vorlage des Originals zur Aufnahme in das digitale Werkverzeichnis kann vorgenommen werden.

PROVENIENZ: Sammlung Dr. Hans Bethge, Berlin.
Privatsammlung Süddeutschland.
Ketterer Kunst, München, Auktion 5.12.2003, Los 35.
Privatsammlung Hessen (bei vorgenannter Auktion erworben).

"De même que Watteau avait pour ainsi dire créé la grâce de la femme au dix-huitième siècle, de même Renoir a crée la grâce de la femme au dix-neuvième."
Octave Mirbeau, Notes sur l‘art: Renoir, in: La France, 8. Dezember 1884, S. 2.

Aufrufzeit: 12.12.2020 - ca. 16.18 h +/- 20 Min.

Essay
Auguste Renoir ist für zahlreiche Kunstkritiker am Ende des 19. Jahrhunderts der Impressionist, der die leichte Eleganz der Pariserin in ihrer Anmut, Sanftheit, Verführung und Koketterie am treffendsten einzufangen versteht. Für den einflussreichen Kunstkritiker Octave Mirbeau ist es gar ein Rätsel, warum nicht alle Frauen ihr Portrait von diesem Künstler anfertigen lassen, dessen poetische und sensible Handschrift dem weiblichen Wesen so sehr gerecht wird: „Er ist wahrhaftig der Maler der Frau, anmutig und bewegt, wissend und einfach, immer elegant, mit exquisiter Sensibilität des Auges, liebkosender Hand wie ein zarter Kuss, tiefsinnigem Einblick wie jener von Stendhal. Er malt nicht nur auf delikate Weise die plastischen Formen des Körpers, die zarte Modellierung, die frischen Töne der jugendlicher Haut, sondern auch die Form der Seele, und was an der Frau an innerem Klang und fesselndem Mysterium hervorströmt. Seine Figuren sind, anders als die der meisten modernen Maler, nicht in der Farbe erstarrt; sie singen, beseelt und lebendig, die ganze Palette heller Töne, alle Melodien der Farbe, alle Vibrationen des Lichts.“ (Octave Mirbeau, Notes sur l‘art: Renoir, in: La France, 8. Dezember 1884, S. 2). Vor allem das Pastell wird gegen Ende des 19. Jahrhunderts in seiner Zartheit und Fragilität zu dem Material der Darstellung der Frau. In den unzähligen mittlerweile vorhandenen Nuancen eignet es sich bestens dazu, die leuchtende Transparenz des modisch blassen Teints zu zeigen, gegen den die farbenfrohen, in zahlreichen Raffungen und Rüschen sich bauschenden Toiletten und die blumengeschmückten Hütchen kontrastieren, mit denen sich die Damen nach der neuesten Mode einkleiden. So ist Renoir auch ein Chronist der sich unablässig wandelnden Mode als Inbegriff der modernen Flüchtigkeit und Schnelligkeit. Sein Atelier ist angefüllt mit einem ganzen Sammelsurium weiblicher Requisiten: „Bei Renoir stehen zahlreiche Damenhüte, einige besondere Stoffe, Halsbänder aus Seidentaft für seine Modelle bereit, beflaggen sie in Blau, Gelb und Rot, arrangieren sich hier und da, auf hübschen Köpfchen oder auf dem Diwan, wie lauter kleine wertvolle Körbchen, in zartem Farbenreichtum..“ (Gustave Coquiot, Auguste Renoir, Paris 1925, S. 89). Die Hütchen, die für die weibliche Toilette außerhalb des Hauses unverzichtbarer Bestandteil ist, werden zum Motiv der Maler, genauso wie die zahlreichen jungen Frauen, die in den Ausstattungsgeschäften als Modistin ihr Auskommen verdienen. Renoir hält sie bereits 1877 in einem Pastell fest (Metropolitan Museum of Art, New York), berühmt für seine Pastelle der Modistinnen und bunten Hüte wird allerdings sein Zeitgenosse Edgar Degas in den 1880er Jahren. Als Blütezeit für die Portraitkunst im Pastell gilt das 18. Jahrhundert, das für Renoir am Anfang seines Schaffens wesentliche Inspiration bereithält. Im Louvre kopiert er als eines seiner ersten Gemälde Antoine Watteaus „Einschiffung nach Kythera“ und hegt große Bewunderung für die unbeschwerten, vergnüglichen Szenen in hellem, pastellfarbigen Kolorit und zarter Eleganz dieser Zeit. Für seine eigenen, dem 19. Jahrhundert entstammenden Motive der gesellschaftlichen Unterhaltung wie den berühmten „Bal im Moulin de la Galette“, 1876 und „Frühstück der Ruderer“ 1880 stehen ihm befreundete Künstlerinnen wie Suzanne Valadon oder Modelle wie seine zukünftige Frau Aline Charigot Modell, es entstehen im Laufe der Zeit aber auch etliche Studien und Portraits unbekannter Pariserinnen. Die Züge der von ihm gezeichneten Frauen gleichen sich bereits seit den 1880er Jahren immer mehr einem von ihm bevorzugten Typus an, dem eine kindlich-gerundete Gesichtsform und ein leicht abwesender Blick zueigen sind. Das Interesse Renoirs liegt dabei kaum auf genauer Ähnlichkeit sondern vielmehr auf dem malerischen Ausdruck, in dem die Leuchtkraft der Farbe und die Harmonie der Formen an Bedeutung überwiegt. [KT]
 


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