Auktion: 508 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 12.12.2020 in München Lot 304

 
304
Carl Spitzweg
Nachtwächter bei Mondschein, Hund und Katze, Ca. 1870.
Öl auf Karton
Schätzpreis: € 50.000 - 70.000
+
Objektbeschreibung
Nachtwächter bei Mondschein, Hund und Katze. Ca. 1870.
Öl auf Karton.
Wichmann 1302. Links unten mit der Signaturparaphe. 15 x 28,3 cm (5,9 x 11,1 in).

• Qualitätsvolles Werk von musealem Rang
• Der Nachtwächter ist eine der prägnantesten Figuren im Oeuvre Carl Spitzwegs
• Fein und detailliert ausgeführtes Werk im für dieses Motiv seltenen Querformat
• Besondere Nachtwächter-Szene, der Spitzweg mit dem humoristischen Detail von Hund und Katze zusätzliche erzählerische Dimension verleiht
.

PROVENIENZ: H. Kirchmair (laut Verkaufsverzeichnis, dort Nr. 419).
Privatsammlung Norddeutschland.

AUSSTELLUNG: 23. Sonderausstellung, Nationalgalerie, Berlin, Nov./Dez. 1886, Nr. 78 (aus dem Besitz Th. Kirchmair, München).
Galerie Kessler, New York, 1916, S. 36.
Carl Spitzweg. Reisen und Wandern in Europa und der Glückliche Winkel, Haus der Kunst, München, 24.1.-18.5.2003, S. 289, Nr. 172 (mit Farbabb.).

LITERATUR: Hermann Uhde-Bernays, Spitzweg. Reime und Bilder, München 1915, Abb. 24.
Hermann Uhde-Bernays, Carl Spitzweg. Des Meisters Leben und Werk, 5. Aufl., München 1919, Abb. 127.
Hyacinth Holland, Karl Spitzweg, München 1916, S. 22, Abb. 32.
Fritz von Ostini, Aus Carl Spitzwegs Welt, Barmen 1924, S. 45.
Max von Boehn, Carl Spitzweg, 4. Aufl., Bielefeld/Leipzig 1937, Abb. S. 20.
Alois Elsen, Carl Spitzweg, Wien 1948, S. 134, Taf. 79.
Günther Roennefahrt, Carl Spitzweg. Beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde, Ölstudien und Aquarelle, München 1960, Nr. 734.
Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg. Der Nachtwächter. Dokumentation, Starnberg-München, R.f.v.u.a.K. 1986, S. 26 (mit Farbabb.), Bayer. Staatsbibliothek München, Inv. Nr. Ana 656 SW 26.
Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg. Kunst, Kosten und Konflikte, Frankfurt/Berlin 1991, S. 314, Nr. 419.

Aufrufzeit: 12.12.2020 - ca. 15.34 h +/- 20 Min.

Essay
Ab den 1860er Jahren entdeckt Spitzweg sein Interesse an nächtlichen Szenen, in denen er die Beleuchtungseffekte in kleinen Städtchen im sanften Mondlicht und oft unter sternenklarem Himmel studiert. Unterschiedliche Motive und Figuren bevölkern dabei die nächtliche Kulisse: die Heimlichkeit der dunklen Gassen dient zum verliebten Stelldichein, zur Mondscheinserenade unter dem Balkon der Angebeteten, umherziehende Scharwachen poltern durch die Straßen; daneben existieren einige wenige märchenhaft-fantastischen Szene wie der Hexenritt oder das Schlossgespenst. Spitzweg gewährt auf diese Weise dem Betrachter Einsicht in diese andere, normalerweise verborgene Welt und ihr verstohlenes Treiben, Schleichen, Sehnen in den dunklen Winkeln der behäbigen Städte. Eine wiederkehrende Figur in diesen Szenen ist dabei der Nachtwächter, der einsam durch die menschenleeren Gassen streicht. Liest man die oftmals am späten Abend an seinen Bruder Eduard verfassten Briefe Spitzwegs, taucht dabei immer wieder als störendes und komisches Element das Geschrei des Nachtwächters auf. So verabschiedet sich der unnützem nächtlichen Lärm gegenüber wohl etwas empfindliche Spitzweg 1838 aus Nürnberg: „Also gute Nacht – bey mir hier ist‘s 10 Uhr, der Nachtwächter schreit auf Ehre grad unter meinem Fenster.“ (zit. nach Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg, Stuttgart 2002, S. 26).
In der Literatur der Romantik ist die Figur präsent mit den satirischen Erzählungen des Bonaventura von 1805, in dessen „Nachtwachen“ der Protagonist auf allerhand kuriose Gestalten trifft. Einsam umherziehend, mit seiner Ausrüstung der Hellebarde und der Laterne wird dieser zum Beobachter solcher Szenen, während alle anderen schlafen. Auch bei Spitzweg ist er eine der charakteristischen Sonderlings-Figuren, indem er einem anderen Rhythmus folgt als der normale anständige Bürger. Die meiste Zeit ist er allerdings seiner eigenen Langeweile und Müdigkeit überlassen, da seine eigentliche Aufgabe, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, in der biederen Geruhsamkeit der Städtchen relativ überflüssig zu sein scheint. Zuweilen zeigt Spitzweg ihn sogar eingeschlafen, wodurch das die Ruhe der Schlafenden störende „Geschrei“ der Zeitansage ausbleibt. Unsere Szene ist nicht wie in vorherigen Ausführungen des Themas in einem kleinen deutschen Städtchen, sondern in dörflicher Umgebung angesiedelt. Sogar bei seinem Aufenthalt im kleinen Ort Schliersee 1855 war Spitzweg nicht von dem nächtlichen Geschrei verschont geblieben, wie er nicht umhin kommt zu erwähnen. Auf dem kleinen Dorfplatz, umgeben von bäuerlichen Häusern plätschert der einfache Holzbrunnen leise vor sich hin. In dem kleinen Dörfchen scheint alles in friedvoller Ruhe - die einzigen beiden möglichen Unruhestifter sind die sich kurz innehaltend anblickenden Hund und Katze, die sich jedoch in der nächsten Sekunde vermutlich auch für ein geflissentliches gegenseitiges Ignorieren entscheiden werden, so sehr strahlt die im milchigen Mondlicht vor dem bewölkten Himmel daliegende Szenerie Ruhe und Frieden aus. In ihrer Winzigkeit kaum die harmonische Lichtdramaturgie des Bildes störend glüht versteckt eine rote Laterne, in der Ferne kündigt sich bereits sanft die Dämmerung an, mit der der Dienst des Nachtwächters beendet ist. Besonders in dieser nächtlichen Szene wird Spitzwegs fein gewobenes erzählerisches Talent deutlich, das immer in kaum merklichen Andeutungen und Zusammenhängen spricht, ins Bild gebracht mit malerischem Raffinement, wohlgesetzten Effekten und und subtilem, äußerst nuanciertem Ausdrucksvermögen. [KT]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Carl Spitzweg "Nachtwächter bei Mondschein, Hund und Katze"
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