Auktion: 514 / Evening Sale am 11.12.2020 in München Lot 249

 
249
Gabriele Münter
Blick aufs Murnauer Moos (Blaue Berge), Um 1910.
Öl auf Malpappe
Schätzpreis: € 250.000 - 350.000
+
Objektbeschreibung
Blick aufs Murnauer Moos (Blaue Berge). Um 1910.
Öl auf Malpappe.
Verso mit dem teils gestempelten, teils handschriftlichen Etikett mit der Nummer "L 385". 32,5 x 40,5 cm (12,7 x 15,9 in).
Verso von fremder Hand bezeichnet "4251".
• Herausragende Komposition aus Münters bester Schaffenszeit.
• Leuchtender Blick in Münters geliebtes "Blaues Land" des Murnauer Mooses in kühner Farb- und Formgebung.
• Die wohl radikalste Umsetzung dieser für Münter wegweisenden Motivik der "Blauen Berge", die ihren besonderen Reiz durch die geometrisch-reduzierte Formgebung der Wolken, Berge und Bäume und die Spiegelung des Bergpanoramas erhält.
• Expressionistisches Landschaftsgemälde von musealer Qualität, u. a. im Katalog zur Münter-Retrospektive im Lenbachhaus, München, und in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt a. M., publiziert
.

PROVENIENZ: Privatsammlung Neustadt (Familienbesitz Münter).
Unternehmenssammlung Deutschland (1980).

AUSSTELLUNG: Jubiläums-Katalog 1919-1969, Galerie Aenne Aebels, Köln 1969, Kat.-Nr. 38, m. Abb (hier betitelt: "Murnauer Moos").
Galerie Gunzenhauser, München 1980, Kat.-Nr. 31 m. Abb. (hier betitelt: "Murnauer Moos").
Landschaften eines Jahrhunderts aus der Sammlung Deutsche Bank, Deutsche Bank Frankfurt a. Main 1999 (Abb.S. 299).

LITERATUR: Annegret Hoberg, Gabriele Münter in München und Murnau 1901-1914, in: Gabriele Münter 1877-1962. Retrospektive, hrsg. v. Annegret Hoberg und Helmut Friedel, München 1992, S. 35, S-W-Abb. 11 (dort noch mit "Verbleib unbekannt").
Annegret Hoberg, Gabriele Münter, Köln 2017, Abb. S. 30f.

"[..] Ich war einmal (vielleicht nicht öfter) mit Jawlensky [allein] zusammen ausgegangen, um Landschaft zu malen. J. war auf der Kohlgruber Landstraße zurückgeblieben u. malte - ich war noch weitergegangen […]. Da sah ich von oben das Gasthaus Berggeist liegen u. wie der Weg aufsteigt u. dahinter den blauen Berg u. rote Abendwölkchen am Himmel. Ich schrieb das Bild das sich mir bot, schnell hin. Dann war es mir wie ein Erwachen [..]"
Gabriele Münter, 1957 rückblickend zu ihrem Gemälde "Der blaue Berg" von 1908, zit. nach: A. Hoberg (Hrsg.), Wassily Kandinsky und Gabriele Münter in Murnau und Kochel, 1902-1914. Briefe und Erinnerungen, München 1994, S. 45f., 53f.)

"Immer mehr erfaßte ich die Klarheit und Einfachheit dieser Welt. Besonders bei Föhn standen die Berge als kräftiger Abschluß im Bilde, schwarzblau. Dies war die Farbe, die ich am meisten liebte."
Gabriele Münter aus ihren "Erinnerungen", zit. nach: A. Hoberg, Gabriele Münter, Köln 2017, S. 31.



Aufrufzeit: 11.12.2020 - ca. 18.25 h +/- 20 Min.

Essay

Neue künstlerische Wege - Konturierte Flächenmalerei


In gefestigter Lebenssituation, aus innerem Wohlbefinden und persönlicher Befreiung heraus entstehen in Murnau eine Vielzahl bedeutender Arbeiten, die den künstlerischen Durchbruch und die neu gefundenen Ausdrucksmittel Münters manifestieren. Sie ist in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens. Unter dem Einfluss von Kandinsky lässt sie den divisionistischen Spätimpressionismus hinter sich, um sich einer Kühnheit der Gestaltung zu öffnen. Die konturierte Flächenmalerei Münters wird zu einem eindringlichen Merkmal der Arbeiten dieser Jahre.

Klarheit und Einfachheit - Das Murnauer Moos neu gesehen

In der farblich wie formal starken Komposition "Blick aufs Murnauer Moos" hat Münter eine künstlerische Progressivität erreicht, wie sie für ihr ansonsten meist eher gemäßigtes expressionistisches Schaffen außergewöhnlich ist. Hier zeigt sich ihre im Austausch mit Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky neu entwickelte künstlerische Handschrift: ihre Fähigkeit, das Gesehene auf wesentliche Formen zu reduzieren und Farben losgelöst vom Natureindruck in ihrer reinsten Form frei einzusetzen. Sie umschließt die stark kontrastierenden Farbflächen mit knappen schwarzen Konturen und erschafft so eine starke Komposition von großer Geschlossenheit und gesteigertem Ausdruck. Es sind vor allem zwei Farbgruppen, die Gabriele Münter hier so wirkunsvoll kontrastieren lässt: Grün und Blau, nur die sich aus einem bläulichen Lila entwickelnden rosafarbenen Wolken variieren das Farbschema unter Einhaltung der Form. Denn außergewöhnlich ist bei dieser Landschaft, dass Münter nicht nur die Farbigkeit extrem reduziert, sondern auch die Formen stark schematisch vereinheitlicht: Wolken, Berge und Bäume werden nur noch als farbige Dreiecke ohne Binnenstrukturen gesehen. Auf eine räumliche Perspektive wird gänzlich verzichtet und der Landschaftseindruck aus einem flächigen Nebeneinander aus leuchtenden Farbwerten gewonnen. In den Erinnerungen der Künstlerin findet sich die folgende Passage, die fast programmatisch für unsere wunderbare Landschaft zu sein scheint: "Immer mehr erfaßte ich die Klarheit und Einfachheit dieser Welt. Besonders bei Föhn standen die Berge als kräftiger Abschluß im Bilde, schwarzblau. Dies war die Farbe, die ich am meisten liebte." (G. Münter, zit. nach: A. Hoberg, Gabriele Münter, Köln 2017, S. 31). Vergleicht man Münters wunderbare Schöpfung etwa mit Jawlenskys Gemälde "Rote Giebel" aus demselben Jahr, das sich heute in der Sammlung des Museum Ludwig, Köln, befindet, zeigt sich das gemeinsame, progressive Streben der Mitglieder der 1909 gegründeten "Neuen Künstlervereinigung München". Auch Kandinskys Arbeiten dieses Jahres - wie etwa sein berühmtes Gemälde "Murnau mit Kirche I" (Lenbachhaus, München) - feiern den Eigenwert der Farbe und nutzen den Landschaftseindruck zunehmend nur noch als gegenständlichen Ausgangspunkt für eine stark abstrahierte Farb- und Formfindung. Kandinsky aber bleibt in dieser Zeit in der Gestaltung der einzelnen Farbfelder noch stärker in einer spätimpressionistischen Manier verhaftet, wie der getupfte und teils noch flirrend durchmodulierte Farbauftrag zeigt, während Münter ähnlich wie Jawlensky bereits eine stärkere Flächigkeit und Monochromie erreicht.

Münters Zeit im "Blauen Land" ein Höhepunkt in ihrem Schaffen


Münter hatte nach gemeinsamen Murnau-Aufenthalten beider Künstler auf Drängen Kandinskys das Haus in der Kottmüllerallee mit Blick nach Osten auf den Ort und den Kirchhügel und nach Süden auf die Ausläufer des Murnauer Mooses gekauft, wo beide Künstler bis zu ihrer Trennung im August 1914 viele gemeinsame Wochen verbringen werden. Die frühe Murnauer Zeit, die der Gründung des "Blauen Reiters" unmittelbar vorausgeht, ist für beide Künstler eine künstlerisch ausgesprochen fruchtbare Zeit, für Münter gehört sie zu den leuchtenden Höhepunkten ihres künstlerischen Schaffens. Sie gilt als eine Art Keimzelle des "Blauen Reiters" und markiert zugleich den großen Wendepunkt in Münters Schaffen: Hier findet sie zu ihrem ganz eigenen Stil. Das eigentümliche Licht und die starken, glühenden Farben der Voralpenlandschaft, die großen, massiven Formen der Berge wirken als Katalysatoren für ihre temporeiche Entwicklung vom Postimpressionismus zum Expressionismus. 1908 entsteht das für Münter wegweisende Gemälde "Der Blaue Berg" (Ketterer Kunst, Auktion 419, Los 312), das hinsichtlich Farbgebung und Landschaftsanlage grundlegend für unseren in Farb- und Formgebung deutlich gewagteren Blick auf die Murnauer Bergwelt ist. Münter komponiert noch freier, noch losgelöster von der Natur, wirft dunkel eingefasste, leuchtend-reine Farbflächen auf die ungrundierte Pappe, emanzipiert sich mit sicherem Strich immer mehr vom grundlegenden Natureindruck. In ihrem Tagebuch schreibt sie selbst: "Ich habe da nach kurzer Zeit der Qual einen großen Sprung gemacht - vom Naturabmalen - mehr od. weniger impressionistisch - zum Fühlen eines Inhaltes - zum Abstrahieren - zum Geben eines Extraktes." [EH/JS]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Gabriele Münter "Blick aufs Murnauer Moos (Blaue Berge)"
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