Auktion: 519 / Kunst nach 1945 / Zeitg. Kunst II am 19.06.2021 in München Lot 121001155

 
121001155
Ernst Wilhelm Nay
Ohne Titel, 1962.
Gouache
Schätzpreis: € 15.000 - 20.000
+
Objektbeschreibung
Ohne Titel. 1962.
Gouache.
Claesges 62-037. Rechts unten signiert und datiert. Verso nochmals signiert und datiert. Auf Karton, fest in Holzleiste montiert. 30,7 x 20,7 cm (12 x 8,1 in), blattgroß.
[SM].
• Besitzt eine direkte Provenienz.
• Unerhört farbintensiv und höchst dynamisch vorgetragenes Scheibenbild.
• Rhythmus, Dynamik und Chromatik sind die formenden Elemente
.

PROVENIENZ: Galerie Der Spiegel, Köln (verso mit dem alten Etikett).
Privatsammlung Nordrhein-Westfalen.

Essay
Ab 1954 widmet sich Ernst Wilhelm Nay den Kreisformen und Scheiben, einem Gestaltungselement, das sein Oeuvre über nahezu zehn Jahre beherrschen wird und zu nicht geahnten Bildideen ausblüht: fantastische Beziehungen in Hell-Dunkel- und Kalt-Warm-Kontrasten, erstaunliche Mischungen von großen und kleinen Scheiben, in Schichtungen oder nahezu separat gesetzt, erzeugen wunderbare Farbklänge, die nicht unbedingt einer übergreifenden Harmonielehre unterliegen. Einer der modernen Musik vielleicht zueignenden Disharmonie für seinen Farbansatz ist Nay, wie hier mit diesem Beispiel nachzuempfinden, eher zugewandt. „Rhythmus, Dynamik und Chromatik“ sind die formenden Elemente in Nays Malerei und besonders bei den "Scheibenbildern", die auf jegliche Figuration und Naturbezug verzichten. Nay beginnt „um das Jahr 1961 seine bildnerische Sprache neu zu formulieren“, so die intime Kennerin Elisabeth Nay-Scheibler. „In großen, hochformatigen Bildern durchstreicht er mit Vehemenz und in temperamentvollen Pinselstrichen einzelne Scheibenformationen. Dieses spontane Durchkreuzen des für viele Jahre seine Malerei bestimmenden Scheibenmotivs macht ihm den Weg frei für eine neue, kraftvolle Dramatik seiner Bildgestaltung, die dann 1963, mit dem Aufkommen des Motivs der 'Augen', zu einer anderen Bildfindung führt.“ (E. W. Nay. Werkverzeichnis der Gemälde, Bd. 2, Köln 1990, S. 62) Dieses unerhört farbintensiv und höchst dynamisch vorgetragene "Scheibenbild" der letzten ‚Generation‘ ist durchaus vergleichbar - lässt man das Format und die Maltechnik außer acht - mit Gemälden wie „Toledogelb“ oder „Sphärisch Blau“, beide von 1962. Dieses Chef-d‘œuvre hat noch eine beglückende Geschichte, die Elisabeth Nay zu berichten weiß: „1962 brachten eines Tages die Kölner Kunsthändler Eva und Hein Stünke zu Nays Überraschung eine Anzahl von fein zurechtgeschnittenen und mit Malgrundierung versehenen, kleinen Kartons ins Haus, um ihn anzuregen, einmal wieder Gouachen zu malen. Tatsächlich ließ Nay Ölfarben und Leinwand im Stich und malte ausnahmsweise im Kölner Atelier einen Zyklus dichter, in festlichen Farben gehaltener Gouachen, die dann in der 'Galerie Der Spiegel' mit großem Erfolg ausgestellt wurden. Sie machten als Abschluss noch einmal das ganze Potenzial und die Verwandlungsmöglichkeiten der Scheibenerfindung sichtbar.“ (E. W. Nay. Aquarelle und Gouachen von Nay, Emden 2000, S. 33). Eine fabelhafte Provenienz: direkt aus dem Atelier über die Galerie Der Spiegel in besagte Privatsammlung. [MvL]
 


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