Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 91

 

91
Konrad Klapheck
Im Zeichen der Angst, 1963.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 80.000 - 120.000
+
Im Zeichen der Angst. 1963.
Öl auf Leinwand.
Interner Œuvre-Katalog Nr. 105. Verso auf der Leinwand signiert und mit einem Richtungspfeil bezeichnet. Auf dem Keilrahmen mehrsprachig betitelt. Verso auf der Rahmenrückpappe auf einem Etikett signiert, datiert, mehrsprachig betitelt und mit einem Hinweis zur Signatur bezeichnet. 100 x 80 cm (39,3 x 31,4 in).

• Charakteristische, besonders farbintensive frühe Arbeit aus den gefragten 1960er Jahren.
• In den darauffolgenden Jahren dreimalige Teilnahme an der documenta III, 4 und 6 (1964, 1968 und 1977).
• Bedeutende Ausstellungshistorie.
• Ehemals Teil der Sammlung Claire und Pierre Janlet, Brüssel (Generaldirektor des Palais des Beaux-Arts, Brüssel)
.

Die Arbeit ist im unveröffentlichten Werkverzeichnis des Künstlers unter der Nummer 105 registriert. Wir danken Frau Prof. Dr. Elisa Klapheck für die freundliche Beratung.

PROVENIENZ: Ileana Sonnabend, Paris (auf dem Keilrahmen unterhalb der Rahmenrückpappe mit dem Galerieetikett).
Sammlung Claire und Pierre Janlet (1900-1991), Brüssel (verso mit typografischem und handschriftlichem Hinweis).
Galerie Brusberg, Hannover (auf der Rahmenrückpappe mit dem Galerieetikett).
Firmensammlung BEB Erdgas und Erdöl GmbH & Co. KG, Hannover (vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Konrad Klapheck, Kestner-Gesellschaft, Hannover, 11.11.-11.12.1966, Kat.-Nr. 105 (auf der Rahmenrückpappe mit dem Ausstellungsetikett).
Konrad Klapheck, Museum Boymans-van Beuningen [heute Museum Boijmans van Beuningen], Rotterdam, 14.9.-3.11.1974, Paleis voor Schone Kunsten, Brüssel, 14.11.1974-5.1.1975; Städtische Kunsthalle, Düsseldorf, 15.2.-31.3.1975, Kat.-Nr. 31, S. 86f. (m. Abb., auf der Rahmenrückpappe mit dem Ausstellungsetikett).

LITERATUR: Institut für moderne Kunst, Nürnberg (Hrsg.), Konrad Klapheck, Köln 1970, Kat.-Nr. 105, S. 87.

Aufrufzeit: 10.06.2022 - ca. 20.00 h +/- 20 Min.

Alltagsgegenstände mit Irritationsmoment
Der in großen Teilen von der Abstraktion und vom Informel dominierten deutschen Nachkriegskunst stellt Klapheck schon in den späten 1950er Jahren eine figurative Bildsprache entgegen, deren exakt ausgeführte Perfektion zusammen mit der Makelosigkeit und Erotisierung der Alltagsgegenstände einen krassen Kontrast bilden zu der von der realen, bildhaften Welt losgelösten, gestisch-lyrischen Abstraktion jener Jahre. Inspiration findet er unter anderem bei Marcel Duchamp und den raffinierten, rätselhaften und irrationalen Bildlösungen des Surrealismus, aber ganz offenbar auch bei zeitgenössischen Werbeannoncen, die den Betrachter:innen damals die neue Warenvielfalt der Nachkriegsjahre präsentieren. Doch ganz anders als seine Künstlerkollegen Andy Warhol oder Richard Hamilton entfremdet Klapheck den Gegenstand von der Konsumwelt und schafft mithilfe einer strategischen Verfremdung seine monumentalisierten Darstellungen alltäglicher Gegenstände mit ganz wunderlichen Irritationsmomenten. So wird der alltägliche Gegenstand von Klapheck zum darstellungswürdigen Motiv und zum bildfüllenden Zentrum seiner Gemälde erhoben. Sein zumeist maschinelles oder mechanisches Repertoire lässt sich in insgesamt acht Gruppen einteilen: in Schreibmaschinen, Nähmaschinen, Schuhspanner, Fahrradschellen, Wasserhähne, Duschen und Leitungsrohre sowie Lautsprecher und Sirenen. Die Objekte werden meist in eine völlig raum- und zeitlose Komposition eingebunden, stark verfremdet und mit Attributen versehen, die ihren eigentlichen Sinn und ihre Nützlichkeit – wie in der hier angebotenen Arbeit – untergraben. In unserem farbstarken Gemälde dominieren kräftige Grün- und helle Gelbtöne. Ein für Klaphecks Arbeiten sehr charakteristischer, starker Schattenwurf betont die Plastizität der Sirene, die ihre Nutzlosigkeit mit den verknoteten Verbindungsröhren ganz offen zur Schau stellt. Die Idee für das besondere Motiv entzündet sich durch eine Zeichnung des surrealistischen Künstlers Christian d'Orgeix (1927-2019), in der ein Lautsprechersystem dargestellt ist, das an den Bahnhöfen Frankreichs früher häufig aufzufinden war.

Die abstrakte Idee eines Gegenstands
Klaphecks Maschinen verweilen nicht in der reinen Figuration, ahmen keine Vorbilder nach, geben nicht die wirkliche Maschine wieder, sondern verwandeln sich vielmehr in die abstrakte Idee des jeweiligen Gegenstands. René Magritte hatte u. a. in "La trahison des images / Der Verrat der Bilder (Ceci n'est pas une pipe)" (1929, Los Angeles County Museum of Art) den Unterschied zwischen der Realität und ihrer malerischen Repräsentation thematisiert. Und auch Klapheck spielt nun mit dieser besonderen Beziehung. Mit der Überschrift "Alarme" geht er hier jedoch noch einen Schritt weiter, denn das geschriebene Wort ersetzt die eigentliche, durch die Verfremdungsstrategien des Künstlers verloren gegangene Eigenschaft der stummen Sirene: Einen Alarm kann sie als Repräsentation und mit ihrer bis zur Nutzlosigkeit verknoteten Form nicht mehr auslösen.

Maschinen mit Persönlichkeit
In Verbindung mit Klaphecks gekonnter Inszenierung, seiner präzisen malerischen Brillanz – von ihm selbst als "Supergegenständlichkeit" beschrieben – wirken die im Grunde so vertrauten Dinge nun seltsam fremdartig, distanziert und unserer Realität geheimnisvoll entrückt. Der Bildgedanke zeigt sich in besonderer Weise auch in den emotional aufgeladenen Bildtiteln, mit denen die Gegenstände gewissermaßen eine Stimme erhalten, mit der sie Gefühle mitteilen. Auch in "Im Zeichen der Angst" versieht Klapheck die zunächst leblose Maschine so mit einer gewissen Persönlichkeit, verwandelt sie in ein rätselhaftes Wesen, sogar in ein symbolträchtiges Spiegelbild eines fühlenden, manchmal ängstlichen Menschen und ein stückweit auch seines eigenen Selbst: "Mithilfe der Maschinenbilder konnte ich, ohne zu suchen, die Vergangenheit wiederfinden und die Lebensprobleme der Gegenwart bewältigen." (zit. nach: Ausst.-Kat. Menschen und Maschinen. Bilder von Konrad Klapheck, Ruhrfestspiele Recklinghausen, Kleve 2006, S. 85)

Klaphecks mehr als sechs Jahrzehnte überdauernde Karriere
Bis heute gilt Konrad Klapheck als eine der bedeutendsten Größen der figurativen Nachkriegskunst in Europa. Im Laufe seiner Karriere widmen ihm u. a. das Von der Heydt-Museum in Wuppertal, das Palais des Beaux-Arts in Brüssel sowie das Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam, die Hamburger Kunsthalle und die Stiftung Museum Kunstpalast in Düsseldorf umfassende Einzelausstellungen und Retrospektiven. Seine Kunst ist in den bedeutendsten internationalen zeitgenössischen Galerien ausgestellt: bei Rudolf Zwirner in Köln, bei Sidney Janis in New York, in der Galerie Lelong in Paris/Zürich und auch in der Galerie Ernst Beyeler in Basel. Klaphecks eindrucksvolle Karriere umspannt mittlerweile mehr als sechs Jahrzehnte. Schon in den 1960er und 1970er Jahren ist er drei Mal auf der documenta in Kassel vertreten. 1968 ist eines seiner Werke Teil der Ausstellung "The Machine as Seen at the End of the Mechanical Age" im Museum of Modern Art in New York und 1972 zeigt auch das Solomon R. Guggenheim Museum in New York eines seiner Werke in der Ausstellung "Amsterdam – Paris – Düsseldorf". Im 21. Jahrhundert ehrt ihn u. a. das Musée d'Orsay in Paris mit der Ausstellung "Konrad Klapheck/Gustave Moreau". [CH]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Konrad Klapheck "Im Zeichen der Angst"
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Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
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Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

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Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.