Auktion: 523 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 11.12.2021 in München Lot 352

 

352
Karl Hagemeister
Die Welle (Bewegte See), 1911.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 40.000 - 60.000
+
Die Welle (Bewegte See). 1911.
Öl auf Leinwand.
Warmt G 467. Links unten signiert und datiert. Verso auf dem Keilrahmen mit fragmentiertem Etikett der Galerie Heinemann sowie handschriftlichen Nummerierungen. 93 x 148 cm (36,6 x 58,2 in).

PROVENIENZ: Galerie Eduard Schulte, Berlin/Düsseldorf (wohl in Kommission aus dem Eigentum des Künstlers, 1912).
Galerie Heinemann, München (in Kommission aus dem Eigentum des Künstlers, 1912-1914)
Galerie Georg Nicklas, Berlin (in Kommission aus dem Eigentum des Künstlers, ab 1914).
Kunsthandlung Johannes Hinrichsen, Berlin (1929).
Privatsammlung Berlin.
Privatsammlung Hessen.

AUSSTELLUNG: Karl Hagemeister, Galerie Eduard Schulte, Berlin 1912.
Karl Hagemeister, Galerie Ernst Arnold, Dresden 1913, Nr. 2.
Hundert Jahre Berliner Kunst, Verein Berliner Künstler, Berlin 1929, Nr. 449.
Karl Hagemeister - ".. das Licht, das ewig wechselt". Landschaftsmalerei des deutschen Impressionismus, Kunstmuseum Ahrenshoop, 7.8.-10.10.2021.

LITERATUR: Oskar Anwand, Karl Hagemeister, in: Moderne Kunst, Bd. 27, Heft 7, 1912/13, S. 167 (mit Abb.).
Galerienachlass Heinemann - Deutsches Kunstarchiv Nürnberg, Lagerbuch Kommission (LB-07-5, Blatt: 2, 08.04.1912-10.05.1922, C-Nr: 11456-17720, I, B-13, Dokument-ID: 21413).
Manfred Sonneborn, Karl Friedrich Hagemeister. Gemälde und Zeichnungen eines märkischen Malers. Bestandsaufnahme der Werke in Privatbesitz, Bd. 1, Berlin 2010, Nr. O-09-02.
Exner Auktionen, Hannover 1984.
Leo Spik Auktionen, Berlin, Auktion 555, 6.12.1990, Los 110 mit Farbtafel 9.

"Ich erblicke das Stück Natur oder das Phänomen, das mir das seelische Erlebnis erschließt. [..] drum gebe ich das seelische Erlebnis in genau derselben Form im Bilde, wie ich es in der Natur erblicke. Dies Erlebnis ist mein Bild, mein Bildbegriff."
Karl Hagemeister an Fritz Stahl, zit. nach Hendrikje Warmt, Karl Hagemeister. In Reflexion der Stille, Berlin 2016, S. 163.

Aufrufzeit: 11.12.2021 - ca. 16.09 h +/- 20 Min.

Für seine imposanten, großformatigen Wellenbilder setzt sich Karl Hagemeister bewusst der überwältigenden Kraft der Elemente aus. Das ewige Wogen der See mit dem über sie hinwegpeitschenden Wind wird für ihn zum körperlich-malerischen Erlebnis, das seinen Niederschlag in dem mit kraftvoller, gestischer Dynamik pastos aufgetragenen Farbmaterial findet. Der weit hochgezogene Horizont lässt dabei Hagemeisters buchstäbliches Eintauchen in Wind und Wellen nachvollziehen. Dabei setzt sich Hagemeister, mit den Füßen im Meer stehend, im Malprozess tatsächlich direkt der Gewalt der Elemente aus: „Wenn ich dann ein Seebild malen wollte (nicht unter 1,60 m lang) so befestigte ich den Rahmen am Balken des Herrenbades. Und nun beobachte ich die Stimmung, den Wellengang, das Tempo, den Ton des Wassers und die Wirkung von Luft auf den Wellen. So stand ich meist lange, nie unter einer Viertelstunde, und nun fing ich an, nachdem ich das Ganze in mir aufgenommen hatte, mit angespannter Vehemenz das Bild zu entwickeln. Das geschah in der Zeit von 2 bis 3 Stunden. So, und nun bewegten sich die Wellen, die Wolken flogen und das Ganze war ein bewegter Organismus. Meine Seebilder sind auf diese Weise elementar schöpferisch.“ (Karl Hagemeister, Kleine Selbstbiographie, zit. nach Hendrikje Warmt, Karl Hagemeister. Reflexion der Stille, Berlin 2016, S. 172). Zwischen 1908 und 1915 hält sich Hagemeister in Lohme auf Rügen auf, wo in der Bewegung des Meeres auch seine Malweise eine neue Dynamik erfährt. Die schnelle, temperamentvolle Malerei ist dabei weniger ein Abbilden als vielmehr ein Interpretieren der Energie der Bewegung in dieser Auseinandersetzung mit den Elementen, die der Maler zuvor in sich aufgesogen hat. Die Differenz zwischen der ewigen Bewegtheit des Meeres und dem Festhalten des speziellen Augenblickes, in dem die Welle heranrollt, ist dabei in ihrer faszinierenden Widersprüchlichkeit und Gleichzeitigkeit des Flüchtigen und Ewigen der Kerngedanke der Moderne. Im Salon von 1870 sorgt als Vorreiter Gustave Courbet mit „La mer orageuse - La vague“ (heute Musée d‘Orsay, Paris) für Aufsehen, als er ein erstes, in Étretat in der Normandie entstandenes Wellenbild ausstellt, bei dem er mit dem Palettenmesser die Farbe in dicken Schichten aufgetragen hat. In seinem Atelier unmittelbar am Meer hat Courbet die anbrandenden Wellen so gleichsam direkt auf die Leinwand übertragen. Im Gegensatz zur akademisch-zeichnerischen Landschaftskomposition wird hier die Malerei zum Selbstzweck, zum Schwelgen in der Farbe und einem direkten Nachfühlen der Bewegung in der Handschrift des Künstlers. Die Natur, gesehen durch ein Temperament – so die Formulierung Émile Zolas in Bezug auf Courbet – ist auch Hagemeisters Herangehensweise, als eine „tumultuarische Elementarschöpfung eines unwiderstehlichen Malertemperaments“ (Franz Servaes, Karl Hagemeister, in: Velhagen & Klasings Monatshefte, Bd. 38/II, 1923/24, S. 272). Eine Welle aus der Hand Courbets erwirbt Hugo von Tschudi 1904 für die Nationalgalerie in Berlin, es folgen die Museen in Bremen und Frankfurt. Für Hagemeister sind die Courbet‘schen Wellen jedoch noch nicht zum höchsten Ausdruck gelangt: „Ich habe erkannt, dass zum atmenden Leben Bewegung gehört, und dass diese nur durch feinste Unterschiede im Farbauftrag erreicht werden kann. Wenn man alles pastos malt, so gibt es keine Bewegung, wohl aber, wenn man vom Pastosen bis zur äussersten Zartheit und von der klaren deutlichen Ferne bis zur Verschwommenheit abstuft.“ (Karl Scheffler, Karl Hagemeister, in: Kunst und Künstler, Heft 8, 1910, S. 417). Anlässlich des 75. Geburtstags von Hagemeister im Jahr 1923 veranstaltet Ludwig Justi als Direktor der Berliner Nationalgalerie eine Einzelausstellung, wobei der größte Saal den in Serie gehängten Wellenbildern vorbehalten ist; deren überwältigende Wirkung soll selbst den angereisten Maler beeindruckt haben. Im Spiel mit Fernsicht und Nahsicht, Illusion sowie dem Offenlegen der Gemachtheit des Bildes in Duktus und Farbmaterial gelingt es Hagemeister, die Bewegung im Sehprozess des Betrachters zu aktivieren. Insofern wohnt Hagemeisters Wellen eine auf abstrakten Expressionismus oder Informel vorausweisende Modernität inne, die Gegenständlichkeit und Repräsentation in der Malerei hinter sich lässt und Farbe und Bewegung zum Selbstzweck werden lässt. [KT]



 

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