Auktion: 522 / Klassische Moderne Teil II am 11.12.2021 in München Lot 459

 

459
Josef Scharl
Frau mit zwei Männern, 1925.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 40.000 - 60.000
+
Frau mit zwei Männern. 1925.
Öl auf Leinwand.
Firmenich/Lukas 64. Links oben signiert und datiert. Verso auf der Leinwand mit altem, handschriftlich bezeichneten Etikett "Münchener Neue Secession / Frau mit 2 Männern / Jos. Scharl München 20 Maillingerstr. 15/IV". Verso auf dem Keilrahmen mit typografisch betiteltem und mit Maßangaben versehenem Etikett, sowie handschriftlich bezeichnet "43 Frau mit 2 Männern" und numemriert "C - 732". 51,5 x 67,5 cm (20,2 x 26,5 in).
[KT].
• Scharl singt nicht das Lied der Satire, wie seine Zeitgenossen Otto Dix oder George Grosz; er wählt zurückhaltende Mittel, um wie hier den Menschen in seinem gesellschaftlichen Anspruch sichtbar zu machen.
• Für die Entwicklung dieser Bildform spricht die Kenntnis der Maskenbilder von
dem Belgier James Ensor.
• Scharl schafft eine neue Definition des Bildnisses, das seit der Mannheimer Ausstellung von 1925 unter dem Begriff der „Neuen Sachlichkeit“ zusammengefasst wird
.

PROVENIENZ: Galerie Nierendorf, Berlin.
Privatbesitz Niedersachsen.

AUSSTELLUNG: Neue Kunst. Berlin, Darmstadt, München, Mathildenhöhe, Darmstadt, 4.6.-1.10.1927, Kat.-Nr. 445.
Josef Scharl, Pavillon im Alten Botanischen Garten, München, 3.1.-25.1.1953.
Josef Scharl. Gedächtnisausstellung, Galerie Nierendorf, Berlin, 20.4.-16.6.1964.
Josef Scharl. 3. Gedächtnisausstellung, Galerie Nierendorf, Berlin, 1.11.1971-12.1.1972, Kat.-Nr. 18 (mit Abb. S. 12).

Aufrufzeit: 11.12.2021 - ca. 18.22 h +/- 20 Min.

Josef Scharl malt eine Frau und zwei Männer. Sie stehen eng beieinander, ohne sich zu berühren und blicken aus dem Bild zu uns? jedenfalls in verschiedene Richtungen. Skepsis möchte man in den erstarten Gesichtern lesen. Die Dargestellten sind elegant gekleidet, treffen sich zu einem Anlass, den uns der Künstler aber verschweigt. Stehen die drei Personen in einem näheren Zusammenhang, sozusagen ein Gruppenbild mit Dame, Menschen der Münchner Gesellschaft, von denen Scharl Notiz nimmt?
Mit äußerst sparsamen Mitteln wie den fein gesehenen Details der Kleidung und wenigen räumlichen Hinweisen betont der Maler vor allem aber die Gesichter: In ihren Augen und Falten, in der Oberfläche und Farbgebung des Inkarnats, in der Haltung des Kopfes legt Scharl das Wesen der drei Menschen offen dar. Dabei ist ihm das Lied der Satire fern, wie so oft bei seinen Zeitgenossen etwa Otto Dix oder George Grosz, sondern er wählt zurückhaltende Mittel, um wie hier den Menschen in seinem gesellschaftlichen Anspruch sichtbar zu machen. Die so anders gegenüber den Protagonisten der Neuen Sachlichkeit gemalten Bilder Josef Scharls erregen Mitte der 1920er Jahre Aufmerksamkeit bei dem kunstinteressierten Publikum: es ist das Andersartige, der zunächst durch den breiten, derb wirkenden Pinselduktus unterstützt wird, ein typisches, an van Gogh oder auch an Kokoschka erinnerndes, stilistisches Mittel des Künstlers. Scharl stellt mit der Münchener Secession aus, trifft auf Zeitgenossen wie Georg Schrimpf und erfreut sich über den Anstieg seiner Bekanntschaft.

Inspiration Berlin

Wegweisend wird die Bekanntschaft mit der Berliner Fotografin Lotte Jacobi, die als eine von wenigen Frauen 1925 in München Fotografie und Film studiert, nicht nur ihren Abschlussfilm für das Studium ihrem Freund Josef Scharl widmet, sondern den angehenden Künstler auch im Jahr 1927 nach Berlin einlädt und ihn dort bei Bekannten einführt. Das Fotoatelier der Familie Jacobi geniest weitreichenden Ruhm, bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Theater und der Kunstwelt gehören zum Bestandteil ihres Lebens. Scharl wird so die Bekanntschaft mit dem Oberbürgermeister von Berlin, Gustav Böß, machen und ihn porträtieren, ebenso Albert Einstein kennen lernen und im Laufe seines Künstlerlebens ihn mehrfach malen, später noch in den USA. Und Scharl wird auch dem, in seinem Malstil ebenso eigenwilligen Maler Werner Scholz begegnen. Der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe stellt den Münchner Künstler dem Berliner Galeristen Karl Nierendorf vor, der seit 1923 eine Galerie betreibt. Bis heute über den Tod des Künstlers lange hinaus ist die Galerie Nierendorf in der Berliner Hardenbergstraße dem Künstler verpflichtet.

Figuren und Typen

Porträts und Figurenbilder bilden den Kern in Scharls Werk. Vor allem die 10 Jahre zwischen 1925 und 1935 zeigen seine Bildnisse einen bisweilen scharfen auch entlarvend formulierten Verismus; und dennoch malt Scharl auch den Menschen mit einer spürbaren Empathie für die Situation. Figuren von Arbeitslosen, Bettler-Porträts, Kriegskrüppel stehen neben edler Abendgesellschaft wie hier mit den ‚Bildnissen zweier Herren mit Dame‘. Natürlich lassen sich Parallelen zu Arbeiten von George Grosz oder Otto Dix ziehen, denn auch Scharl unterscheidet trennscharf zwischen gesellschaftlichen Gewinnern, die Korrupten und Skrupellosen. Scharl findet zu diesen Themen einen eigenen Weg, eine eigene malerische Lösung, mit er das Figurenbild entwickelt.
Schon seine frühesten Porträts, nicht zuletzt seine Selbstporträts, sind von einer eigenwilligen Typisierung der Figuren geprägt. Überwiegend frontal und meist in unbewegter, skulpturaler Haltung wie bei unserem Gemälde der zwei Männer und einer Frau bewertet Scharl die Dargestellten, skizziert sie in ihrer gesellschaftlichen Zugehörigkeit, den historischen Moment ihrer Zusammenkunft und dies, ohne deren Identität preiszugeben. Mit dem 1925 zeitgleich entstehende Gemälde „Drei Kaufleute“ schildert Scharl, wie drei Männer mit an einem runden Tisch sitzen, miteinander im Gespräch. Scharl friert den Moment ein wie mit einer Fotoaufnahme; auch mit dem Gemälde „Zwei Männer eine Frau“ verfährt Scharl in der gleichen Weise, die Gestik der Männer und der Blick der Frau sind 'festgehalten', über eine mögliche Beziehung der drei Personen, ihre gesellschaftlichen Rollen klärt uns Scharl nicht auf. Ein Déjà-vu mit den Typen mag sich einstellen, ist vielleicht vom Künstler so gewollt, das Narrative hingegen will er, so scheint es, mit aller Kraft hinter der Maskierung malerisch ausschließen. [MvL]



 

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