Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 41

 

41
Ernst Ludwig Kirchner
Ringer, 1923.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 400.000 - 600.000
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Ringer. 1923.
Öl auf Leinwand.
Gordon 748. Links unten signiert. 70,5 x 90 cm (27,7 x 35,4 in).
Das Werk ist in Ernst Ludwig Kirchners "Photoalbum III" als Fotografie Nr. 273 zu finden, datiert 1923.

• Besonders ausdrucksstarke und farbkräftige Komposition einer vielfigurigen sportlichen Szene.
• Die Bewegung zieht sich als Ausdrucksform wie ein roter Faden durch Kirchners gesamtes Œuvre.
• Anregung und Inspiration aus dem Erlebnis: Im Entstehungsjahr des Werkes findet in Sertig bei Davos erstmals das offizielle sog. Schwingfest statt.
• Noch zu Kirchners Lebzeiten erwirbt der Davoser Schneider Johannes Matter das Gemälde, den Kirchner u. a. in Briefen an Helene Spengler (1919) und Gustav Schiefler (1928) erwähnt
.

Das vorliegende Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Sammlung Johannes Matter (1873-1942), Davos.
Sammlung Hans Haltinner, Schüpfen/Schweiz.
Sammlung Hermann Gerlinger, Würzburg (mit dem Sammlerstempel, 1969 vom Vorgenannten erworben: Kornfeld & Klipstein, 12.6.1969).

AUSSTELLUNG: Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum Schloss Gottorf, Schleswig (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 1995-2001).
Kunstmuseum Moritzburg, Halle an der Saale (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2001-2017).
Kraft des Aufbruchs (Daueraustellung der Sammlung Hermann Gerlinger), Kunstmuseum Moritzburg, Halle (Saale), 2015-2017.
Buchheim Museum, Bernried (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2017-2022).

LITERATUR: Donald E. Gordon, Ernst Ludwig Kirchner. Mit einem kritischen Katalog sämtlicher Gemälde, München/Cambridge (Mass.) 1968, Kat.-Nr. 748, S. 127, 382 (m. Abb.).
Kornfeld und Klipstein, Bern, 132. Auktion, Moderne Kunst, 12.6.1969, Los 610 (m. Abb., Tafel 47).
Hanswernfried Muth, Die städtische Galerie Würzburg, in: Würzburger Adressbuch 1973 (m. Abb.).
Heinz Spielmann (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Sammlung Hermann Gerlinger, Stuttgart 1995, S. 274, SHG-Nr. 401 (m. Abb.).
Hermann Gerlinger, Katja Schneider (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Bestandskatalog Sammlung Hermann Gerlinger, Halle (Saale) 2005, S. 353, SHG-Nr. 789 (m. Abb.).
Hans Delfs, Ernst Ludwig Kirchner. Der gesamte Briefwechsel - "Die absolute Wahrheit, so wie ich sie fühle", Zürich 2010, Nr. 2034 u. 2062.
Brückenschlag: Gerlinger - Buchheim! Museumsführer durch die "Brücke"-Sammlungen von Hermann Gerlinger und Lothar-Günther Buchheim, Feldafing 2017, S. 330 (m. Abb., S. 331).

"[..] das allen gemeinsame Gefühl, aus dem Leben die Anregung zum Schaffen zu nehmen und sich dem Erlebnis unterzuordnen."
E. L. Kirchner in der "Brücke"-Chronik von 1913, zit. nach: Eberhard W. Kornfeld, Ernst Ludwig Kirchner. Nachzeichnung seines Lebens, Bern 1979, S. 43.

Aufrufzeit: 10.06.2022 - ca. 18.20 h +/- 20 Min.

Bergige Idylle: E. L. Kirchner in der Schweiz
Ab 1917 reist Kirchner aufgrund seines gesundheitlichen Zustands mehrfach nach Davos, um sich dort u. a. bei Dr. Frédéric Bauer, dem damaligen Chefarzt des Davoser Parksanatoriums, in Behandlung zu begeben. 1923, im Entstehungsjahr unserer Arbeit, bezieht Kirchner mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling schließlich das "Wildbodenhaus" oberhalb und nördlich des Sertigtals, in dem beide bis zu Kirchners Tod im Jahre 1938 gemeinsam leben. Das Paar schätzt das einfache, rustikale Leben mit nur wenigen Annehmlichkeiten. Die Alpenlandschaft, das besondere, wenngleich arbeitsreiche Leben der dort ansässigen Bauernfamilien und die dörflich-bukolische Idylle und Schweizer Kultur sind Kirchner in diesen Jahren bedeutende Inspirationsquellen. Mit beeindruckender Schaffenskraft hält Kirchner nicht nur den Alltag der Bauern, den Alpaufzug der Tiere und die bergig-pittoreske Landschaft mit ihrer alpinen Flora in stimmungsvollen druckgrafischen Arbeiten, Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden fest, sondern arbeitet auch an Holzskulpturen und Möbeln. Er widmet sich außerdem mit fast touristischer Begeisterung der Darstellung traditioneller, ländlicher Aktivitäten und Veranstaltungen, bspw. mit "Turnerumzug" (192, Gordon 747), "Bundesfeuer" (1920/21, Gordon 645), "Alpsonntag" (1922/23, Gordon 711), mehreren Darstellungen von Bauerntänzen und natürlich mit unserem imposanten, mehrfigurigen Gemälde "Ringer", in dem Kirchner einmal mehr die schon damals verbreitete Sportbegeisterung zum Thema seiner Malerei erhebt.

Der Mensch in Bewegung und die Bewegung in Kirchners Schaffen
Schon während Kirchners Zeit in Dresden und Berlin stehen die menschliche Physiognomie, die Haltung und unterschiedlichste Bewegungsabläufe im Fokus seines Schaffens. Mit großer Beobachtungsgabe gelingt es dem Künstler, mit nur wenigen dynamischen Strichen flüchtige oder komplexe Bewegungen seiner Modelle im Atelier, der Akrobaten in den Dresdener Zirkusvorstellungen, der Varieté-Tänzerinnen in den Berliner Tanzcafés und Nachtlokalen, der hart arbeitenden Schweizer Bauern und später auch der ihm persönlich bekannten Ausdruckstänzerinnen Mary Wigman und Gret Palucca auf Leinwand, Papier und Druckstöcken festzuhalten. Schon aufgrund der ihn Zeit seines Lebens begleitenden enormen Faszination für den Tanz nimmt das Bildmotiv der Bewegung in Kirchners gesamtem Œuvre eine übergeordnete Stellung ein. Doch nicht nur mit dem Tanz, sondern auch mit der Darstellung anderer sportlicher Aktivitäten frönt der Künstler seinem früh entfachten Interesse. So finden u. a. bogenschießende Akte, Akrobatinnen am Trapez, Fahrradrennen und Wettrennen, über das Eis fliegende Schlittschuhläufer und Eishockeyspieler, Skispringer und auch breitschultrige Ringer Eingang in seine farbkräftigen Darstellungen, die trotz ihrer zweidimensionalen, planen Fläche die dynamische Spannung des Augenblicks zu transportieren wissen.

Schwingen. Ein Schweizer Nationalsport
Mit dem hier angebotenen Werk folgt Kirchner dem Gebot der "Brücke"-Chronik von 1913, "aus dem Leben die Anregung zum Schaffen zu nehmen und sich dem Erlebnis unterzuordnen" (zit. nach: Magdalena M. Moeller, in: E. L. Kirchner. Die "Straßenszenen" 1913-1915, München 1993, S. 31). Das Gemälde zeigt eine Szene eines traditionellen Schweizer Schwingfestes. Beim sogenannten Schwingen handelt es sich um eine insbesondere in der deutschsprachigen Schweiz beliebte Variante des Freistilringens, bei der die Wettkämpfer den jeweiligen Kontrahenten durch die "Schwünge", gezielte Bewegungsabläufe mit Griffen an die gegnerische Hose, zu Boden zu werfen versuchen. Die Schwinger tragen bei den Wettkämpfen eigentlich eine spezielle, besonders widerstandsfähige kurze Hose über ihrer Kleidung, die Kirchner hier in künstlerischer Freiheit zugunsten einer klareren, reduzierteren Darstellung der Figuren gänzlich übergeht und die Schwinger stattdessen nur in eng anliegender, dem Ringeranzug ähnelnder Sportkleidung zeigt. Die Wettkämpfe werden auf einer kreisförmigen, mit Sägemehl gepolsterten Fläche ausgetragen und finden zwischen Frühsommer und Herbst innerhalb regionaler und kantonaler, meist alljährlich veranstalteter Schwingfeste statt. Am saftigen Grün der Grasfläche und an der leichten Bekleidung der Dargestellten lässt sich auch in Kirchners Gemälde die gerade herrschende sommerliche Jahreszeit ablesen. Bei den Teilnehmern wird allgemein zwischen den "Sennenschwingern" aus reinen Schwingvereinen und den "Turnerschwingern" aus Turnvereinen unterschieden, die in ihren jeweiligen Vereinen auch andere Sportarten ausüben und an ihrer rein weißen Schwingkleidung, einer langen weißen Hose und einem weißen Oberteil, deutlich zu erkennen sind. Der schließlich zum Schwingerkönig gekürte Wettkämpfer erhält traditionell einen Lebendpreis, häufig ein Rind. Die beliebte Tradition des Schwingens existiert bereits seit mehreren hundert Jahren und gilt noch heute als Schweizer Nationalsport.
In Davos finden die Schwingfeste bereits seit 1881 regelmäßig Ende Juli, am sogenannten Heuersonntag statt. 1912 wird der Schwingerverband der Landschaft Davos gegründet und ab 1923 - im Entstehungsjahr unseres Gemäldes - wird dann das erste offizielle Schwingfest unter dem Namen "Sertig-Schwinget" durchgeführt, ein wichtiges regionales Ereignis, dem Kirchner natürlich als Besucher beigewohnt haben könnte.

Künstlerischer Umbruch und persönlicher Neubeginn. Kirchners Davoser Schaffensperiode
Kirchners Umzug in die Schweiz bringt nicht nur große private Veränderungen mit sich, sondern wirkt sich selbstverständlich auch in enormem Maße auf sein gesamtes künstlerisches Schaffen aus. Von der lauten, hektischen Großstadt mit ihren vielseitigen kulturellen wie gesellschaftlichen Freizeitmöglichkeiten und aufregendem Nachtleben findet sich der Künstler nun in bäuerlich-ländlicher Umgebung in den Schweizer Bergen wieder. Ein Umbruch und Wendepunkt in seinem Leben, der natürlich nicht nur Auswirkungen auf sein persönliches Befinden hat, sondern bedeutende motivische und schließlich auch stilistische Veränderungen innerhalb seines Kunstschaffens mit sich bringt. Die 1920er Jahre zeigen die Abkehr von seinem nervösen, scharfkantigen Stil der Berliner Zeit. Kirchner findet zu einer deutlich strukturierteren, flächigeren Malweise und zu einer ganz eigenen Form der Abstrahierung und Vereinfachung. Motivisch und formal entfaltet sich in seinen Werken eine enorme künstlerische Vielfalt, die auch unser Gemälde "Ringer" eindrucksvoll zu dokumentieren weiß. Kirchner schafft hier eine besonders lebendige Komposition, mit der es ihm gelingt, das hochdynamische, bewegungsreiche gesellschaftliche Ereignis in eine zweidimensionale, ganz persönliche und meisterliche Formensprache zu übersetzen, die ihn einmal mehr als einen der bedeutendsten deutschen Expressionisten ausweist. Kirchner entwirft die Darstellung wie das Bühnenbild und die Choreografie eines Theaterstücks. Im Vordergrund lässt er die vor Kraft strotzenden, mit modischem Schnauzbart ausgestatteten Schwinger auftreten, während er im Hintergrund unterhalb mehrerer prominent platzierter Schweizer Flaggen eine schaulustige, uns zugewandte Besucherschar als Staffage und Statisten einsetzt. Zwischen Vorder- und Hintergrund übernehmen weitere in weiß gekleidete, sich im Gras erholende Sportler die Nebenrollen. Selbstbewusst und mit breiten Pinselstrichen verteilt Kirchner die kräftig-bunten Farben flächig auf der Leinwand, spielt mit Komplementär- sowie mit Kalt-Warm-Kontrasten, belässt wenig Raum für kleinteilige Details, setzt den Fokus auf die ineinander verschlungenen Körper und Bewegungsabläufe der wettkämpfenden Protagonisten innerhalb der die gesamte Bildfläche ausfüllenden sportiven Szene, die viel von Kirchners mannigfaltiger kreativer Schaffenskraft dieser bedeutenden Davoser Jahre erzählt.

Ein Bild mit deutschschweizer Provenienz
Das hier angebotene Gemälde mit dem so typischen schweizerischen Sujet bleibt jahrzehntelang in schweizerischen Privatsammlungen, bevor es in den 1980er Jahren in die Sammlung Hermann Gerlinger eingeht. Zunächst gehört es dem mit Kirchner gut bekannten älteren Schneider Johann Matter (1873-1942) aus Davos, der nachweislich ein weiteres Gemälde und zahlreiche Papierarbeiten von Kirchner erwirbt und über den sich der Künstler in einem Brief an Gustav Schiefler sehr freundlich und zugewandt äußert: "Ein alter Schneider, der sich zur Ruhe setzte, ist jetzt oft bei uns. Er ist Kunstfreund und sammelt Bilder. An ihm erlebt man wieder, daß zur Kunstliebe keine Vorbildung gehört, wohl aber die geistige Einstellung [..]. Der Mann ist seltsam und einsam unter seinen Klassengenossen, weil er geistige Interessen hat, über die die anderen lachen. Durch ihn sehe ich in das Leben eines Handwerkers hinein, was sehr interessant ist, denn er spricht frei und gern von seinem Leben. Der Beginn geistigen Lebens bei den Meisten ist doch die Neugier im guten Sinne, aus ihr wird Wissenstrieb und dann Beschäftigung." (Brief an Gustav Schiefler, 28.10.1928, zit. nach: Wolfgang Henze, Ernst Ludwig Kirchner - Gustav Schiefler. Briefwechsel 1910-1935/1938, Stuttgart 1990, S. 570). Schließlich findet das Gemälde Eingang in die bedeutende Expressionismus-Sammlung Hermann Gerlingers, in der es als ein bedeutendes Beispiel für Kirchners starke künstlerische Schaffensphase in Davos noch deutlich vor der flächig-abstrakten Figuration und dem sogenannten Teppichstil seines Spätwerks einen wichtigen Platz einnimmt. [CH]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Ernst Ludwig Kirchner "Ringer"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.