Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 23

 

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Karl Schmidt-Rottluff
Straße im Norden, 1906.
Öl auf Karton
Schätzpreis: € 250.000 - 350.000
+
Straße im Norden. 1906.
Öl auf Karton.
Links unten signiert und datiert. Verso erneut signiert und betitelt "Straße im Norden". 50 x 70,5 cm (19,6 x 27,7 in).
[KT].
• Jugendliche Radikalität in Motiv und Farbe.
• Arbeiten des Künstlers aus dieser frühen Schaffensphase befinden sich fast ausschließlich in Museumsbesitz.
• Entstanden im Sommer auf der Insel Alsen bei Emil Nolde, den Schmidt-Rottluff 1906 als Mitglied gewinnen kann.
• Äußerst seltenes Werk der Frühzeit, die auf dem Auktionsmarkt kaum vertreten ist (Quelle: artprice.com).
• Umfangreiche Ausstellungshistorie
.

Das Werk ist im Archiv der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin dokumentiert.

PROVENIENZ: Galerie Rosenbach, Hannover.
Sammlung Hermann Gerlinger, Würzburg (1987 vom Vorgenannten erworben, mit dem Sammlerstempel Lugt 6032).

AUSSTELLUNG: Karl Schmidt-Rottluff, Retrospektive, Kunsthalle Bremen, 16.6.-10.9.1989; Städtische Galerie im Lenbachhaus München, 2.7.9.-3.12.1989, S. 220, Kat.-Nr. 24 (m. SW-Abb., Farbtaf. 5).
Vincent van Gogh und die Moderne 1890-1914, Museum Folkwang, Essen, 11.8.-4.11.1990; Vincent van Gogh Museum, Amsterdam, 16.11.1990-18.2.1991, Nr. 154.
Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, Schloss Gottorf, Schleswig (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 1995-2001).
Farben des Lichts, Paul Signac und der Beginn der Moderne von Matisse bis Mondrian, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster, 1.12.1996-16.2.1997; Musée de Grenoble, 9.3.-25.5.1997; Kunstsammlungen zu Weimar, 15.6.-31.8.1997, Kat.-Nr. 103.
Die Brücke in Dresden. 1905-1911, Dresdner Schloss, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister, 20.10.2001-6.1.2002, Kat.-Nr. 78 (m. Abb.).
Kunstmuseum Moritzburg, Halle an der Saale (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2001-2017).
Die Brücke und die Moderne, 1904-1914, Bucerius Kunst Forum, Hamburg, 17.10.2004-23.1.2005, Kat.-Nr. 119 (m. Abb.).
Im Rhythmus der Natur: Landschaftsmalerei der "Brücke". Meisterwerke der Sammlung Hermann Gerlinger, Städtische Galerie, Ravensburg, 28.10.2006-28.1.2007, S. 64 (m. Abb.).
Expressiv! Die Künstler der Brücke. Die Sammlung Hermann Gerlinger, Albertina Wien, 1.6.-26.8.2007, Kat.-Nr. 5 (m. Abb.).
Buchheim Museum, Bernried (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2017-2022).
Brückenschlag: Gerlinger – Buchheim!, Buchheim Museum, Bernried, 28.10.2017-25.2.2018, S. 64-65 (m. Abb.).
Schmidt-Rottluff. Form, Farbe, Ausdruck!, Buchheim Museum, Bernried, 29.9.2018-3.2.2019, S. 122-123 (m. Abb.).
Brücke und Blauer Reiter, Von der Heydt-Museum, Wuppertal, 21.11.2021-27.2.2022; Kunstsammlungen Chemnitz, 27.3.-26.6.2022; Buchheim Museum, Bernried, 16.7.-13.11.2022, S. 260 (m. Abb.).

LITERATUR: Hermann Gerlinger, Noldes Beiträge zu den Aktivitäten der "Brücke", in: Heinz Spielmann (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Sammlung Hermann Gerlinger, Stuttgart 1995, S. 53-55, hier S. 55, bes. Anm. 14.
Heinz Spielmann (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Sammlung Hermann Gerlinger, Stuttgart 1995, S. 207, SHG-Nr. 262 (m. Abb.).
Hermann Gerlinger, Heinz Spielmann (Hrsg.), Brücke-Almanach 1998, Lyonel Feininger, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel. Künstlerfreundschaften, Schleswig Holsteinisches Landesmuseum, Schloss Gottorf, Schleswig 1998, S. 145 (m. Abb.).
Hermann Gerlinger, Katja Schneider (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Bestandskatalog Sammlung Hermann Gerlinger, Halle (Saale) 2005, S. 33, SHG-Nr. 37 (m. Abb.).
Hermann Gerlinger, Katja Schneider (Hrsg.), Gemeinsames Ziel und eigene Wege. Die "Brücke" und ihr Nachwirken, München 2009, S. 46, 53, Abb. 27.

Aufrufzeit: 09.12.2022 - ca. 17.44 h +/- 20 Min.

Von nicht unerheblicher Bedeutung ist offensichtlich Schmidt-Rottluffs Aufenthalt auf der Ostsee-Insel Alsen im Sommer 1906. Dieses 1906 datierte Gemälde "Straße im Norden" malt Karl Schmidt-Rottluff während seines Besuchs bei Emil Nolde Ende Mai, Anfang Juni in Sjellerupskov bei Guderup auf Alsen. Eine Aufsehen erregende Ausstellung Noldes in der Dresdner Galerie Arnold nimmt Schmidt-Rottluff im Februar 1906 zum Anlass, den schon sehr viel älteren Künstler zum Beitritt der jungen Künstlergemeinschaft zu motivieren. Nolde folgt der Einladung und wird Mitglied. Er bittet Schmidt-Rottluff, ihn in Guderup zu besuchen. "In später Nachmittagsstunde damals stand er, unserer Einladung folgend, vor dem kleinen Alsenhaus, zugewandert, Grüße bringend von den jungen Kameraden. Er blieb während einiger Wochen bei uns als Gast. Es war sehr schön. Wir sprachen mitsammen von Kunst und manchem anderen philosophierend, wie gern es junge Maler tun. Ich bewunderte seinen Scharfsinn und sein Wissen und wußte nur wenig zu sagen, wenn von Nietzsche und Kant oder Größen dieser Art gesprochen wurde. Woher sollte ich es wissen. Als es uns zur Arbeit drängte, zog er nach dem anderen Ende vom Wald und kam nur zuweilen zu uns hingegangen, wenn ringend Leid und Einsamkeit ihn trieben", so Emil Nolde in seiner Autobiografie "Jahre der Kämpfe" über seinen Gast (Köln 1967, S. 99), von dem er damals auch ein Porträt malt. (Abb.)

Für das Motiv der "Straße im Norden" wählt Schmidt-Rottluff ein Stück des Weges, der wohl an dem damaligen Wohnhaus der Noldes vorbeiführt, einem ehemaligen Fischerhaus, das sie seit 1903 bewohnen. (Abb.) Unter den Frühwerken des Künstlers gehört dieses Gemälde zu den ersten im Format größeren Gemälden. Nach den ersten Aquarellen, die der Autodidakt noch zu Schulzeiten in der "Kunsthütte" in Chemnitz ausstellen darf, und den eher skizzenhaften Ölgemälden, die noch im Sommer 1905 entstehen, deutet die Malerei dieser Landschaft auf eine Phase hin, in der Schmidt-Rottluff sowohl mit der Maltechnik als auch mit der Wirkung von Komposition und Farbe experimentelle Versuche anstellt. Schmidt-Rottluff realisiert mit pastosen Pinselhieben, die er gleichmäßig, nahezu rhythmisch über die Malfläche setzt, einen erstaunlich freien Umgang mit reinen Tönen. Das Motiv der Häuser wird vom Künstler nicht besonders herausgestellt, verliert sich in der Betonung der Fläche, in der bereits hohen abstrakten Qualität der dargestellten Örtlichkeit.

Die jetzt beginnende, eigenständige künstlerische Entwicklung ist besonders treffend von dem Kunsthistoriker Will Grohmann beschrieben worden, als dieser 1956 schreibt: "man denkt […] zuerst an die Neoimpressionisten, muß aber feststellen, dass die Lichthelligkeit ohne Divisionismus und ohne Komplementärkontraste zustande kommt." Schmidt-Rottluff ist sichtbar begeistert von den Möglichkeiten, Farbe einzusetzen, und dies unabhängig von der gesehenen Natur. Und nicht zuletzt dürfte hier der allgegenwärtige Malstil van Goghs in Verbindung mit dem befreienden Auftritt der "Fauves" um Matisse und den jungen Derain für die frische Unbekümmertheit des Künstlers gesorgt haben. Die Farbstriche setzt der Künstler nicht mehr hart und unbeweglich nebeneinander, sondern er befreit sich und gibt dem Pinselduktus breiteste Emotionalität. Es ist das Impulsiv-Gestische, womit der Künstler die Landschaft und die Konturen der Architektur aufsprengt, um sie gleichzeitig mit einer aus der Pinselschrift entwickelten Struktur wieder zu verschränken, wie er es auch in anderen Darstellungen dieser Phase macht, etwa mit dem Motiv "Der Garten". (Abb.) Während seines Aufenthaltes auf Alsen löst sich Schmidt-Rottluff vom sogenannten atmosphärischen Impressionismus und entwickelt hier seinen besonderen Stil, den Kirchner in seiner "Brücke-Chronik" von 1913 als "monumentalen Impressionismus" bezeichnet.

Nach der Rückkehr von Alsen entstehen in Dresden und in Schmidt-Rottluffs Heimatort Rottluff weitere Gemälde in dem "Alsener Stil". Die Beschäftigung mit dem Neoimpressionismus versteht sich im Werkverlauf des Künstlers lediglich als ein kurzes Experiment; die kleinteilige Technik entspricht nicht Schmidt-Rottluffs Streben nach einem großzügigen, unmittelbaren Farbausdruck. Es entsteht eine lockere, freie Malerei, die für Schmidt-Rottluffs zukünftig freien Umgang mit reinen Tönen steht. "Straße im Norden" aus dem Jahr 1906 spiegelt eine wichtige künstlerische Entwicklungsstufe des Malers und ist ein bedeutender wie wunderbarer Beleg für den Malstil des Künstlers im Sommer des Jahres 1906. Schmidt-Rottluffs künstlerischer Weg nimmt rasant an Fahrt auf. [MvL]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung zu Karl Schmidt-Rottluff "Straße im Norden"
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Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
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Für Werke lebender Künstler oder von Künstlern, die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.