Auktion: 533 / Modern Art Day Sale und Sammlung Hermann Gerlinger am 10.12.2022 in München Lot 436

 

436
Ernst Ludwig Kirchner
Chronik der Künstlergruppe "Brücke", 1913.
Fragment bestehend aus zwei Doppelbögen mit dre...
Schätzpreis: € 12.000 - 15.000
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Chronik der Künstlergruppe "Brücke". 1913.
Fragment bestehend aus zwei Doppelbögen mit drei Textseiten, diese mit je zwei Holzschnitten von Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel, sowie einem Einzelbogen mit Text von Ernst Ludwig Kirchner.
Blattgröße: bis 67,6 x 51,4 cm (26,6 x 20,2 in).

Erstes Blatt (Doppelbogen):
Erste Textseite mit zwei Holzschnitten von Ernst Ludwig Kirchner. Signiert von Ernst Ludwig Kirchner. Auf Velin (mit Wasserzeichen). Papier (gefaltet): 67,4 x 51,1 cm (26,5 x 20,1 in). Ernst Ludwig Kirchner. "Zwei nackte Frauen". 1912. Gercken A-81 B (von C). Im Druckstock monogrammiert. 9,1 x 7,1 cm (3,6 x 2,8 in). Ernst Ludwig Kirchner. "Zirkusszene I". 1912. Gercken A-82 A (von B). Im Druckstock monogrammiert. 9 x 6,9 cm (3,5 x 2,7 in).
Zweite Textseite mit zwei Holzschnitten von Karl Schmidt-Rottluff. Auf Velin (mit Wasserzeichen). Papier (gefaltet): 67,4 x 51,1 cm (26,5 x 20,1 in). Karl Schmidt-Rottluff. "Kopf". 1913. Schapire 102. Im Druckstock monogrammiert. 8,9 x 7 cm (3,5 x 2,8 in). Karl Schmidt-Rottluff. "Kopf". 1913. Schapire 101. 8,9 x 6,9 cm (3,5 x 2,7 in).
Zweites Blatt (Doppelbogen):
Dritte Textseite mit zwei Holzschnitten von Erich Heckel. Auf Velin (mit Wasserzeichen). Papier (gefaltet): 67,6 x 51,4 cm (26,6 x 20,2 in). Erich Heckel. "Sitzender Mann". 1912. Ebner/Gabelmann 545 H. Im Druckstock monogrammiert. 9 x 7,1 cm (3,5 x 2,8 in). Erich Heckel. "Akt am Stein". 1912. Ebner/Gabelmann 546 H. Im Druckstock monogrammiert. 9 x 7 cm (3,5 x 2,8 in).
Drittes Blatt (Einzelbogen):
Ernst Ludwig Kirchner. Text "Über die Malerei". Verso von Kirchner bezeichnet "25 Blätter, E L Kirchner, Friedenau, Körnerstr. 41". Auf Velin (mit Wasserzeichen). Papier: 67,5 x 51,4 cm (26,6 x 20,2 in).
Das Titelblatt ist nicht vorhanden. [AM].
• Bedeutendes Dokument in Zusammenhang mit der Auflösung der "Brücke".
• Nach der Auflösung der Künstlergruppe von Kirchner in nur wenigen Exemplaren individuell zusammengestellt.
• Weitere Exemplare der "Brücke"-Chronik befinden sich u.a. in der Staatlichen Graphischen Sammlung, München, sowie im Brücke-Museum, Berlin
.

PROVENIENZ: Sammlung Hermann Gerlinger, Würzburg (mit dem Sammlerstempel Lugt 6032).

AUSSTELLUNG: Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum Schloss Gottorf, Schleswig (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 1995-2001).
Kunstmuseum Moritzburg, Halle an der Saale (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2001-2017).
Buchheim Museum, Bernried (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2017-2022).

LITERATUR: Hans Bolliger, E. W. Kornfeld, Ausstellung Künstlergruppe Brücke. Jahresmappen 1906-1912, Bern 1958, S. 34-35, Nr. 62/2-62/4 (anderes Exemplar).
Heinz Spielmann (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Sammlung Hermann Gerlinger, Stuttgart 1995, S. 124-125, SHG-Nr. 90.
Hermann Gerlinger, Katja Schneider (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Bestandskatalog Sammlung Hermann Gerlinger, Halle (Saale) 2005, S. 328-329, SHG-Nr. 743.

Aufrufzeit: 10.12.2022 - ca. 17.18 h +/- 20 Min.

Die "Chronik" der Brücke ist in mehrfacher Hinsicht ein Dokument von eminenter Bedeutung. Vordergründig ist sie Anlass, wenn auch keineswegs Grund und Ursache, für die Auflösung der Brücke. Formale Auflösungstendenzen sind, im administrativen Bereich, seit 1910/11 erkennbar. So wird z.B. die Liste mit den passiven Mitgliedern seit 1909/10 nicht mehr ergänzt, vielleicht solche auch nicht mehr intensiv angeworben; 1912 unterbleibt die Gestaltung der angekündigten Mitgliedskarte und die Versendung der Jahresgabe. Sogar das Verfassen einer "Chronik" an sich impliziert ihrem Charakter nach die Darstellung abgeschlossener Vorgänge, zumindest für einen abgegrenzten Zeitraum. Im Jahre 1912 erfolgt der Ausschluss Pechsteins und damit eine Schwächung der Gruppe. Die verbleibenden Künstler empfinden die Gruppenbildung eher als hinderlich, zumindest nicht förderlich, auf ihrem eigenen künstlerischen Weg. Rosa Schapire beschreibt den Zustand "zuletzt nur als losen äußeren Zusammenhang". Der oben erwähnte Anlass zur Auflösung ist dann der Text, den Kirchner zur Geschichte der "Brücke" schreibt. Erich Heckel berichtet 1958 darüber in einem Gespräch mit Hans Kinkel: "Der Text hat uns vor den Kopf gestoßen." (Hans Kinkel, Erich Heckel 75 Jahre alt. Ein Gespräch, in: Das Kunstwerk XII, 1958/59, Heft 3) Andere Äußerungen Heckels sind sehr viel moderater aber im Tenor gleich. Tatsache ist jedenfalls, dass der Text von Erich Heckel, Otto Mueller und Karl Schmidt-Rottluff abgelehnt wird, Kirchner daraufhin aus der "Brücke" austritt und die Verbliebenen die Auflösung beschließen und dies am 27. Mai 1913 den passiven Mitgliedern mitteilen. Durch diesen Beschluss wird aber nicht nur die Vereinigung aufgelöst, sondern auch festgelegt, die "Chronik" nicht herauszugeben.
In der "Chronik" wird fälschlicherweise häufig eine letzte Gemeinschaftsarbeit der "Brücke" gesehen, so z. B. im Katalog Hannover 1982 (S. 46). Sie ist aber de facto kein "Brückedokument", noch weniger eine Gemeinschaftsarbeit, da sie nie als Publikation der "Brücke" erschien, und kann es auch de jure gar nicht sein, da Kirchners Text von den anderen Mitgliedern nicht sanktioniert wurde. Dieser Text stellt eine subjektive Meinungsäußerung Kirchners dar. Mit den ihm verbliebenen Dokumenten hat Kirchner später in der Schweiz einige Exemplare der Chronik zusammengestellt. Der Text, der Streitgegenstand war, wird dafür unverändert verwendet. Darauf hinzuweisen ist, dass keines der wenigen Exemplare der ursprünglich vorgesehenen Gestaltung und Ausstattung entspricht und jedes an Umfang und Gewichtung verschieden ist. Wenn auch die Auflösung der "Brücke" einen Eklat darstellte, so waren die ehemaligen Mitglieder danach aber keineswegs zerstritten oder gar verfeindet, wie man vermuten könnte. In einem Interview mit R. N. Ketterer sagt Erich Heckel 1958 dazu: "Damit schieden wir auseinander, ohne aber irgendwie gegenseitig verfeindet zu sein. Man traf sich weiterhin, und wenn man sich irgend etwas zu sagen hatte, besuchte man den einen oder den anderen. Es war wirklich nicht so, dass wir mit einem furchtbaren Krach auseinandergegangen wären, wie immer behauptet wird. Vielmehr waren die Gründe, die eine entscheidende Rolle spielten, für jeden plausibel, so dass er sich sagte: Es wäre in dieser Form sowieso nicht mehr gut weitergegangen. Man hatte also das Gefühl, dass die Form unseres Zusammenschlusses ihr Ende gefunden hatte, wobei aber die menschlichen Beziehungen durchaus aufrechterhalten wurden." (Roman Norbert Ketterer, Dialoge. Bildende Kunst. Kunsthandel, 1988, S. 49) Es ist einleuchtend, dass in einer künstlerischen Vereinigung wie der "Brücke" die persönlichen Beziehungen, Freundschaften und Animositäten wechselnd und differenziert waren. Der von Heckel vorstehend geschilderte Zustand zum Zeitpunkt der "Brücke"-Auflösung 1913 hat sich später besonders durch Kirchners Misstrauen, aber auch durch andere Umstände zum Negativen verändert.

Dem Inhaltsverzeichnis (Abb.) ist zu entnehmen, dass die Chronik der "Brücke" ursprünglich als ein mappenwerkartiges Konvolut erscheinen sollte, mit Texten zur Künstlergruppe, mit Originalgrafiken und Fotografien. In dieser Form kommt die Chronik jedoch nicht zustande und das nicht nur, weil sich die Künstlergruppe im Stadium der Auflösung befindet, sondern auch, weil Kirchner (in gewohnter Weise) das Schreiben und auch Gestalten der Chronik an sich reißt und die noch verbliebenen Mitglieder Heckel, Mueller und Schmidt-Rottluff mit dem Ergebnis nicht einverstanden sind. Zwar liefern Heckel und Schmidt-Rottluff Kirchner kleine, ein wichtiges Motiv ihres Werkes spiegelnde Holzschnittvignetten für die Illustrationen zum Haupttext und wohl auch jeweils eine geplante, ganzseitige Illustration. Das aber wohl entscheidende, den Unmut auslösende Moment ist der lapidar formulierte Text über Einflüsse und Entwicklung: Es ist Kirchners Sicht auf die „Brücke“-Zeit der Gemeinsamkeit, es sind seine Errungenschaften, die den Stil der Gemeinschaft prägt, sei es die altdeutsche Kunst des Mittelalters mit Cranach, Beham und Dürer, seine Entdeckung der außereuropäischen Kulturen in den entsprechenden Museen in Dresden, die sich als künstlerische Vorbilder im Werk der Künstler einnisten. In den anzunehmenden Diskussionen werden sich die Positionen der vier Charaktere weiter vom Blickpunkt Kirchners entfernt haben. Kirchner verlässt die "Brücke", am 27. Mai 1913 geben die noch verbliebenen aktiven Mitglieder die Auflösung der "KG Brücke" bekannt. Somit wird die "Chronik" nicht wie vorgesehen an die Mitglieder versandt und erleidet streng genommen das gleiche Schicksal wie das Nichtversenden der Jahresmappe für Max Pechstein.[MvL]



 

Aufgeld und Steuern zu Ernst Ludwig Kirchner "Chronik der Künstlergruppe "Brücke""
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Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

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