Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 70

 

70
Otto Mueller
Zwei Mädchenakte (Zwei stehende Mädchenakte unter Bäumen / Zwei Mädchen neben Baumstämmen stehend), Um 1923.
Aquarell und farbige Kreide
Schätzpreis: € 80.000 - 120.000
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Zwei Mädchenakte (Zwei stehende Mädchenakte unter Bäumen / Zwei Mädchen neben Baumstämmen stehend). Um 1923.
Aquarell und farbige Kreide.
Von Lüttichau/Pirsig-Marshal P 1923/25. Rechts unten signiert und datiert "Otto Mueller 23" (schwer leserlich). Auf Velin. 68,4 x 52 cm (26,9 x 20,4 in), blattgroß.

• Hinter dieser zart aquarellierten Kreide-Zeichnung verbirgt sich eine bewegte Provenienz.
• Ihre ausgewogenen und wohlproportionierten Körper skizziert der Künstler mit einfachen, schnell und sicher gezogenen Linien.
• Beeindruckend großformatiges Aquarell.
• Otto Muellers mehrfigurige Aktdarstellungen gelten als die gefragtesten Arbeiten des Künstlers auf dem internationalen Auktionsmarkt
.

PROVENIENZ: Das Werk ist frei von Restitutionsansprüchen.

LITERATUR: Wenzel Nachbaur, Otto Mueller Werklisten, Archiv Roman Norbert Ketterer, Kirchner Museum, Davos 1950er Jahre, m. Abb.
Stuttgarter Kunstkabinett, Roman Norbert Ketterer, Auktion 31, 21.05.1958, Los 741 mit Taf. 41.
Annegret Janda, Jörn Grabowski, Kunst in Deutschland 1905-1937. Die verlorene Sammlung der Nationalgalerie im ehemaligen Kronprinzen-Palais. Kunst in Deutschland 1905-1937 in der Alten Nationalgalerie, Berlin 1992, Kat.-Nr. 342.
Mario-Andreas von Lüttichau, Tanja Pirsig (Hrsg.), Otto Mueller. Werkverzeichnis der Gemälde und Zeichnungen (CD-ROM), München 2003, erweiterte Auflage Essen 2007/08, S. 329.
www.geschkult.fu-berlin.de/e/db_entart_kunst/datenbank/ (EK-Nr.: 12152).
Kunstkritiker Willi Wolfradt, 1922

Aufrufzeit: 10.06.2022 - ca. 19.18 h +/- 20 Min.

Badende in Teichen und Seen oder in freier Natur sich dem Sonnenbad hingebende Mädchen, stets jugendliche Akte, ist das stilprägende Motiv Otto Muellers. Es erscheint in unzähligen Variationen zu einem fast unerschöpflichen Thema. Ziel Muellers künstlerischen Strebens ist, so schreibt der er 1919 im Vorwort zu seiner ersten Einzelausstellung bei Cassirer, "[..] mit größtmöglicher Einfachheit, Empfindung von Landschaft und Mensch auszudrücken".

Von Natur umschlossen
In dieser größtmöglichen Einfachheit und Suche nach Ursprünglichkeit aquarelliert Mueller zwei Mädchen, die neben respektive vor einem mehrstämmigen Baum auf einem von Schilfgras bewachsenen, sandigen Boden stehen. Ihre ausgewogenen und wohlproportionierten Körper skizziert der Künstler mit einfachen, schnell und sicher gezogenen Linien. Er hebt mit weicher Farbe die mädchenhaften Figuren aus der sie umschließenden Natur. Die Köpfe zumeist leicht nach vorne gebeugt, ihre Gesichter, von Kinn lang geschnittenem Haar streng gerahmt oder verdeckt. Die Harmonie zwischen den Mädchen und den Landschaftsausschnitten in Muellers Werken ist offensichtlich und wird 1929 durch den Kunstkritiker Willi Wolfradt sehr passend, wie „eine Fuge der schönsten Muße, die jede einzelne Komposition als elementare Gestalt bestimmt“ charakterisiert. Mit poetischer Prosa beschreibt Willi Wolfradt diese Mädchen weiter in vergleichbaren Kompositionen: "Junge Nacktheit, schmal und spröde von Wuchs und Gebärden kauert lässig im Ufergras waldumschlossener Teiche, eingegangen in die heilige Untätigkeit der Natur" (zit. nach: Das Kunstblatt, Heft 6, Berlin 1922, S. 142ff.).

Gerade die Verteilung und Verschränkung der Dinge bei Mueller, die gleichgestimmten, wohlklingenden wie durchkomponierten Variationen erinnern in ihrem Aufbau an die Textur Paul Cézannes. Jedoch scheint Otto Mueller - dessen intensive wie direkte Auseinandersetzung mit Cézanne sei hier einmal unterstellt - eine noch weitere Reduzierung der plastischen Körperbildung in der Natur vorzunehmen, wie auch eine Vereinfachung der verschiedenen Körpergesten der Sitzenden, Hockenden, Stehenden zueinander. Berlin war der Ort, an dem die Kunst der französischen Impressionisten besonders gepflegt wurde und wo neben dem Galeristen Paul Cassirer sich besonders der Maler und langjährige Vorsitzende der Berliner Secession Max Liebermann, der damalige Direktor der Berliner Nationalgalerie Hugo von Tschudi wie auch der Kunstkritiker und Schriftsteller Julius Meier-Graefe für die moderne Kunst der westlichen Nachbarn einsetzen.

Begegnung mit den Brücke Künstlern 1910
Die Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel im Frühjahr 1910 in Berlin anlässlich einer gemeinsamen Ausstellung in der Galerie Macht bedeutet nicht nur den Beginn einer engen, sehr unterschiedlich verlaufenden Freundschaft mit den beiden im Charakter sehr verschiedenen "Brücke"-Künstlern. Diese Begegnung übt nochmals einen außerordentlich wichtigen, wenngleich nicht offen sichtbaren Einfluss auf den Stil Otto Muellers aus. Kirchners und Heckels Erfahrungen während der Ausflüge mit ihren Modellen in die Natur, die Art und Weise, wie und in welchen Abständen von den Künstlern die Modelle sich in der Seenlandschaft bei Moritzburg bewegten, fand augenblicklich großes Interesse bei Mueller, der zuvor schon, bereits 1901, während Sommeraufenthalten auf Hiddensee oder etwa 1908 das erste Mal auf Fehmarn sich in dergleichen Themen übt und dementsprechend auf die neuen Künstlerfreunde reagiert. Auch in den Jahren, in denen die Künstler von Berlin zu gemeinsamen Urlauben aufbrechen, etwa auf die Insel Fehmarn oder in die Kieler Förde, lassen sich zwangsläufig immer wieder Gemeinsamkeiten feststellen.

Bewegte Proveninez
Hinter dieser zart aquarellierten Kreide-Zeichnung verbirgt sich eine bewegte Provenienz.
Ludwig Justi, Direktor der Berliner Nationalgalerie, tauscht das Blatt 1924 mit dem Künstler gegen eine frühere Arbeit. Im Zuge der Aktion "Entartete Kunst", veranlasst durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Berlin, wird das Aquarell am 16. August 1937 beschlagnahmt und per "Gesetz über Einziehung von Produkten entarteter Kunst" vom 31. Mai 1938 entschädigungslos zugunsten des Deutschen Reiches enteignet. Am 13. Februar 1939 erwirbt der Sekretär von Ernst Barlach, der Bildhauer und Händler Bernhard A. Böhmer aus Güstrow, einer der vier offiziell zur Verwertung der "entarteten Kunst" zugelassenen Kunsthändler, das Werk "Zwei Mädchenakte" gegen Devisen für 1 US-Dollar. Böhmer, der der Nationalgalerie in Berlin sehr nahesteht und mit dem leitenden Kurator der Sammlung Paul Ortwin Rave befreundet ist, kauft nicht nur diese aquarellierte Kreide-Zeichnung von Otto Mueller aus dem beschlagnahmten Konvolut von Zeichnungen mit der Provenienz Nationalgalerie, sondern so viele wie möglich, um die Blätter, nachdem der Spuk der NS-Zeit beendet ist, so die Hoffnung und mit Rave vereinbart, an die Nationalgalerie zurückzugeben. Anfang Mai 1945, kurz bevor die russische Armee Güstrow erreicht, nimmt sich Böhmer mit seiner Frau das Leben und hinterlässt einen minderjährigen Sohn in der Obhut seiner Schwägerin Wilma Zelck. Wilma Zelck gelingt es, einen großen Teil des Konvoluts "Entartete Kunst" von Güstrow nach Rostock, nach West-Berlin und Westdeutschland zu verbringen und wird die Kunst in den kommenden Jahren Stück um Stück an Sammler und Museen verkaufen. Der in Güstrow zurückgebliebene Teil wird 1947 von Kurt Reutti, Kunsthistoriker und Referent der Abteilung Volksbildung beim Magistrat Ost-Berlin gesichert, darunter auch eine große Anzahl der Zeichnungen aus der Nationalgalerie, die somit an ihren Sammlungsort in Ost-Berlin zurückkehren, aber ohne die aquarellierte Kreide-Zeichnung "Zwei Mädchenakte" von Otto Mueller. Sie taucht 1958 bei Roman Norbert Ketterer in dessen 1946 gegründetem Auktionshaus in Stuttgart auf, in das Wilma Zelck seit 1949 jedes Jahr einliefert. [MvL]



70
Otto Mueller
Zwei Mädchenakte (Zwei stehende Mädchenakte unter Bäumen / Zwei Mädchen neben Baumstämmen stehend), Um 1923.
Aquarell und farbige Kreide
Schätzpreis: € 80.000 - 120.000
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Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Otto Mueller "Zwei Mädchenakte (Zwei stehende Mädchenakte unter Bäumen / Zwei Mädchen neben Baumstämmen stehend)"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.