Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 56

 

56
Ernst Ludwig Kirchner
Bauerntanz, 1919/20.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 120.000 - 150.000
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Bauerntanz. 1919/20.
Öl auf Leinwand.
Gordon 657. Verso mit dem Nachlassstempel des Kunstmuseums Basel (Lugt 1570 b) und der handschriftlichen Registriernummer "Da/Bc 17". 30,5 x 25,3 cm (12 x 9,9 in). [CH].

• Das Interesse des Künstlers für Bewegung und Tanz durchzieht sein gesamtes Œuvre.
• Die besonders kraftvoll-intensive Farbigkeit widerspricht dem kleinen Format.
• Aus den prägenden frühen Davoser Jahren.
• Mit allen Sinnen taucht Kirchner ein in seine neue Lebenswelt.
• Aus der Sammlung Ernesto Blohms, einer der bedeutendsten Sammlungen des deutschen Expressionismus.
• Seit nahezu 80 Jahren in Familienbesitz.
• Kirchner malt unmittelbar das feierlich beschwingte Ereignis und bezieht es fühlbar ein in seinen Lebensrhythmus
.

Das vorliegende Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Nachlass des Künstlers (Davos 1938, Kunstmuseum Basel 1946).
Sammlung Ernesto Blohm, Caracas (aus dem Nachlass erworben).
Seitdem in Familienbesitz.

AUSSTELLUNG: Expresionismo en Alemania. Exposición conmemorativa del décimo aniversario de la fundación de la Asociación Cultural Humboldt, Asociación Cultural Humboldt und Fundación Eugenio Mendoza, Caracas, November/Dezember 1959, Kat.-Nr. 24 (m. Abb.).
E. L. Kirchner in Privatbesitz. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Grafik, Richard-Kaselowsky-Haus, Kunsthalle der Stadt Bielefeld, 14.9.-26.10.1969, Kat.-Nr. 16.
E. L. Kirchner. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphik, Frankfurter Kunstverein, Frankfurt am Main, 6.2.-29.3.1969; Kunstverein in Hamburg, 6.12.1969-25.1.1970, Kat.-Nr. 50 (m. Abb., Nr. 59).
Ernst Ludwig Kirchner. Privatsammlung, Galerie Günther Franke, München, 5.5. bis Anfang Juni 1970, Kat.-Nr. 4.

LITERATUR: Donald E. Gordon, Ernst Ludwig Kirchner. Mit einem kritischen Katalog sämtlicher Gemälde, München/Cambridge (Mass.) 1968, Kat.-Nr. 657, S. 120, 124, 369 (m. Abb.).

„Ich bin so froh und glücklich hier zu bleiben. Hier kann ich wenigstens in den guten Tagen etwas arbeiten und ruhig unter diesen einfachen und guten Menschen sein.“
E. L. Kirchner an Henry van de Velde, 5.7.1919.

Aufrufzeit: 10.06.2022 - ca. 18.50 h +/- 20 Min.

Das Leben der Hirten und Bauern mit den Tieren auf der Alp wird zu einem zentralen Thema Kirchners, als dieser am 8. Mai 1917 ein zweites Mal in Davos eintrifft. Den Sommer über wohnt er mit einer Krankenschwester in der Rüeschhütte auf der Stafelalp oberhalb von Frauenkirch. Obwohl er zeitweise unter Lähmungen leidet, entstehen Landschaften und Bildnisdarstellungen, geprägt von einer ungebrochenen, elementar kämpferischen Kraft. Und dennoch wird Kirchner weiter von alptraumartigen Ängsten verfolgt. Henry van de Velde, flämisch-belgischer Architekt und Designer, kann den Freund nach einem Besuch auf der Stafelalp überreden, sich dem Psychiater und Psychoanalytiker Ludwig Binswanger anzuvertrauen. Ab Mitte September 1917 verbringt Kirchner zehn Monate im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen am Bodensee. Von seinem Sanatoriumsaufenthalt kehrt Kirchner im Juli 1918 nach Davos zurück und bewohnt die ihm von Martin Schmid überlassene Hütte auf der Stafelalp; erst ab dem 20. September zieht er in das winterfeste Bauernhaus welches ihm die Familie Müller aus der Hofgruppe "In den Lärchen" oberhalb der Längmatte in Frauenkirch zur Verfügung stellt.

Atemberaubende Berglandschaften vermitteln Ruhe
Die neue Umgebung nimmt vehementen Einfluss auf das Leben und das Werk des Künstlers. Er scheint die gesuchte Ruhe für sich zurückzugewinnen, die ihn bewegende und großartige Darstellungen dieser atemberaubenden Berglandschaft malen lässt: "Stafelalp bei Mondschein" (Museum am Ostwall, Dortmund) oder "Stafelalp. Rückkehr der Tiere" (Kunstmuseum Basel) aus dem Jahr 1919 sind die Titel der neuen Motive. Mit dem 1918 entstandenen Triptychon "Alpleben" (Kirchner Museum, Davos) würdigt er den Alltag der Bauern in dieser kargen Umgebung, die ihn, den seelisch Zerrissenen, wieder erdet.

In diesen Kanon gehört aber auch das um 1920 entstandene kleinformatige und dennoch monumental wirkende Gemälde "Bauerntanz", dessen feierlich beschwingtes Ereignis Kirchner fühlbar in seinen Lebensrhythmus einbezieht. Der Blick auf die neue Umgebung, die Teilhabe am Leben und Feiern der Bergbauern erfahren die gleiche schlüssige Ordnung wie die ehedem in Dresden und Berlin entstandenen Begegnungen in verrauchten Tanzcafés und inszenierten Begegnungen im Atelier. Die alltägliche Schilderung der Bergwelt – so scheint es – schließt hier nahtlos an. Kirchner identifiziert sich mit seiner neuen Nachbarschaft, lebt im Grunde wie die Sennbauern und Hirten: Er fotografiert sie und malt sie, interessiert die neuen Mitmenschen für sein Leben, die ihm – dem Sonderling aus Berlin – neugierig und wohlwollend begegnen. Auch in einigen druckgrafischen Arbeiten dieser Jahre finden sich Kirchners damalige Eindrücke wieder, bspw. in "Bauerntanz in der Sennhütte" (Gercken 1136 u. 1137) oder "Tanzendes Bauernpaar" (Gercken 1133).

Die Alpenlandschaft als Zufluchtsort
Die Alplandschaft ist für den erkrankten Kirchner Zufluchtsort und neue Heimat zugleich. "Ich bin so froh und glücklich hier zu bleiben. Hier kann ich wenigstens in den guten Tagen etwas arbeiten und ruhig unter diesen einfachen und guten Menschen sein. Ich habe mir hier in der Einsamkeit den Weg erkämpft, der mir eine Fortexistenz bei diesen Leiden ermöglicht. Meine Zeiten des Zirkus, der Kokotten und der Gesellschaft sind vorbei […]. Ich habe heute andere Aufgaben, die hier liegen", schreibt Kirchner an Henry van de Velde am 5. Juli 1919 (zit. nach: Ernst Ludwig Kirchner. Briefe an Nele, Piper Verlag München, 1961, S. 99f.).

So spiegelt Kirchner mit seinem Werk die elementare Natur der Berglandschaft, analysiert den urtümlichen wie beschwerlichen Alltag der Hirten und Sennbauern und feiert wie selbstverständlich mit ihnen abends im Lokal in Frauenkirch. Er widmet ihnen eine reiche Bild-Chronik, zeigt sie eingebunden in den täglichen Rhythmus der Tiere auf den Almen während der Sommermonate und erobert auf diese Weise für sich die neue Welt, inzwischen seine neue Welt, die er ab 1923 in dem umfassenden Gemäldezyklus der Alpsonntage verewigt. [MvL]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Ernst Ludwig Kirchner "Bauerntanz"
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Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
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weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
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Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.