Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 5

 

5
Lovis Corinth
Die Lesende, 1911.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 250.000 - 350.000
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Die Lesende. 1911.
Öl auf Leinwand.
Berend-Corinth 458. Links oben signiert und datiert. 45 x 70 cm (17,7 x 27,5 in).

• Liebeserklärung Corinths an seine Frau Charlotte.
• Intimes Sujet entstanden im letzten unbeschwerten Urlaub in St. Ulrich im Grödner Tal, bevor Corinth im Dezember 1911 seinen ersten Schlaganfall erleidet.
• Das Gemälde war immer Teil bedeutender Sammlungen und schon zu Lebzeiten des Künstlers in der Nationalgalerie Berlin ausgestellt.
• Seit über 60 Jahren in Privatbesitz
.

PROVENIENZ: Sammlung Emil und Sophie Kaim, Breslau (vor 1923, bis 1940).
Staatsbesitz (1940 Beschlagnahme aus dem Eigentum der Vorgenannten, bis 1942).
Schlesisches Museum der Bildenden Künste, Breslau (Lagerbuchnummer 28227, vom Vorgenannten im Februar 1942 durch Tausch übernommen, bis 1944).
Deutsche Treuhandstelle für beschlagnahmte jüdische, polnische und andere Vermögen im Generalgouvernement (1944 vom Vorgenannten übernommen und versteigert).
Kunsthandel, o. O.
Privatsammlung (Ende der 1950er Jahre vom Vorgenannten erworben, seitdem in Familienbesitz).

Gütliche Einigung des Vorgenannten mit den Erben nach Emil und Sophie Kaim (2022). Das Werk ist frei von Restitutionsansprüchen
.

AUSSTELLUNG: Corinth-Ausstellung. 170 Bilder aus Privatbesitz ausgestellt 1923 im ehemaligen Kronprinzenpalais, Nationalgalerie Berlin, 1923, Kat.-Nr. 157.
Lovis Corinth. Ausstellung von Gemälden und Aquarellen, Nationalgalerie Berlin, 1926, Kat.-Nr. 188.
Lovis Corinth. Ausstellung von Gemälden zu seinem Gedächtnis, Kasseler Kunstverein und Staatliche Gemäldegalerie, Kassel, 12.9.-15.10.1926, Kat.-Nr. 36.
Lovis Corinth. Gedächtnis-Ausstellung. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Graphik, Brühlsche Terrase, Sächsischer Kunstverein zu Dresden, 22.1.-Mitte März 1927, Kat.-Nr. 62.

LITERATUR: Bruno E. Werner, Zum Altersstil Corinths, in: Kunst für Alle, Heft 8, 41. Jg., Mai 1926, S. 233-241 (m. Abb. S. 238).
Gerd von der Osten, Lovis Corinth, München 1955, S. 92 (m. Abb.).
Carl Georg Heise, Lovis Corinth. Bildnisse der Frau des Künstlers, Stuttgart 1958, S. 28 (m. Abb., Tafel 12).
Thomas Deeke, Die Zeichnungen von Lovis Corinth. Studien zur Stilentwicklung, Dissertation, FU Berlin, Berlin 1973, S. 268, Anm. 395.
Charlotte Berend-Corinth (neu bearb. von Béatrice Hernad), Corinth. Die Gemälde (Werkverzeichnis), München 1992, Kat.-Nr. 458 (m. Abb., S. 560).
Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.), Lovis Corinth, Ausst.-Kat. Kunstforum der Bank Austria, Wien, 2.9.-22.11.1992, Landesmuseum Hannover, 8.12.1992-21.2.1993 (m. Abb., Nr. 15, die Werkangaben verwechselt m. Berend-Corinth 342).
Inka Bertz, Charlotte Berend im Dialog mit Lovis Corinth. Überlegungen zu dem Gemälde Mine Corinth auf einem Diwan ein Buch lesend, in: Andrea Jahn (Hrsg.), Ausst.-Kat. Charlotte Berend-Corinth. Wiederentdeckt! Rediscovered!, Saarlandmuseum, Moderne Galerie, Saarbrücken, 5.11.2021-20.2.2022, S. 140-155 (m. Abb., Nr. 1).

ARCHIVALIEN:
Schriftwechsel bzgl. der Leihgabe zur Ausstelluung im Kronprinzenpalais 1923, SMB-ZA, I/NG 603, Bll. 419 & 451.
Schriftwechsel bzgl. der Leihgabe zur Gedächtnisausstellung 1926, SMB-ZA, I/NG 674, Bll. 422ff.
Genehmigung zur Fotoreproduktion, Verlagsanstalt F. Bruckmann, München 1926, SMB-ZA, I/NG 674, Bll. 119ff.
Liste der NG 1926 Leihgeber mit hs. Kommentaren von Ch. Berend-Corinth, Ausstellungsakte zur Corinth Ausstellung 1931, Staatliche Kunsthalle, Karlsruhe, Landesarchiv Baden-Württemberg, LABW 441-3 Nr. 543.
Zugangsbuch des Schlesischen Museums der Bildenden Künste zu Breslau, Februar 1942, Corinth – Lesende Frau, Nr. 28227, Nachlass Grundmann, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg, DSHI-100 Grundmann.

"Beim Malen dieses Bildes ist es tatsächlich geschehen, daß ich es nicht bemerkte, als Lovis mich malte. Ich war so sehr vertieft in meine Lektüre, daß ich es zwar hörte, wie er die Staffelei aufstellte und sich zum Malen hinsetzte, aber ich dachte, er wird wohl die Blumen malen, die auf dem Tisch neben dem Sofa standen. Dann versenkte ich mich wieder in mein Buch. [..] Eine sublime Intimität geht vom Bilde aus. Und es ist leicht in einer heiteren Farbharmonie gehalten."
Charlotte Berend-Corinth, in: Heise 1958, S. 28.

Aufrufzeit: 09.12.2022 - ca. 17.08 h +/- 20 Min.

Die Intimität dieses Gemäldes, wie die Dargestellte selbst sie beschreibt, wird auch den Betrachtenden unserer Tage tief fühlbar. Derart unmittelbare Begegnungen zwischen Bild und Betrachter sind den Werken Corinths in vielen Facetten inhärent. Ob zarteste menschliche Nähe, rohe Gewalt oder wildes erotisches Verlangen, der gestenreiche Pinselduktus des Künstlers bannt die Gefühle des Lebens auf die Leinwand und zieht die Betrachtenden in diesen Bann. In den zahlreichen Porträts seiner Frau Charlotte – seiner Muse auf dem heimischen Diwan – bringt Corinth vertrautes, liebendes Begehren ebenso zum Ausdruck wie die stille Intimität eines ruhigen Sonntagnachmittags. Zarte Blautöne, die ornamentierte Tapete und der rechts im Bild angedeutete Blumenstrauß betonen die Häuslichkeit und Ruhe ebenso wie das entspannt auf dem Kissen ruhende Haupt der geliebten Charlotte. Ganz versunken im Augenblick der Lektüre, nimmt Corinth den Betrachter auf heimlichen Pfaden mit zu den zahlreichen lesenden Frauen der Kunstgeschichte, versunken zwischen den Blumen eines Monet (Abb.) oder auf dem bauschigen Sofakissen eines Fragonard. Dass Corinth sich dabei ganz offensichtlich an der französischen Moderne orientiert, besonders an der wegweisenden postimpressionistischen "Mustermalerei" eines Édouard Vuillard oder Pierre Bonnard, verleiht diesem Bild auch einen ganz besonderen kunsthistorischen Rang.

So ist es kein Wunder, dass gerade dieses eindrückliche Gemälde spätestens ab 1923 in der Breslauer Sammlung von Sophie und Emil Kaim zu finden ist. Hier reiht es sich ein in eine erlesene Kollektion mit Werken Wilhelm Trübners oder Anselm Feuerbachs.
Es folgen dramatische Jahre. Während der NS-Diktatur werden die Sammler Emil und Sophie Kaim aufgrund ihrer jüdischen Herkunft massiv verfolgt. Nachdem die Holzhandelfirma der Kaims 1938 arisiert wird, wird das Ehepaar gezwungen, auch die Villa mit der umfangreichen Bibliothek und der mit Leidenschaft über Jahrzehnte zusammengetragenen Kunstsammlung zu verlassen und in ein sogenanntes Judenhaus zu ziehen. Das Konzentrationslager Theresienstadt, in das sie 1943 deportiert werden, überleben Emil und Sophie Kaim nur mit viel Glück. Mit einem Sondertransport gelangen die Kaims 1945 in die sichere Schweiz.

Die Bibliothek und die Kunstwerke in der Villa Kaim werden bereits 1940 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und gelangen teilweise in das Breslauer Museum für Bildende Künste. „Die Lesende“ wird vom Museum im Februar 1942 im Tausch erworben und schließlich 1944 durch die deutsche Treuhandstelle für beschlagnahmte Vermögen versteigert. Ende der 1950er Jahre tauchte das Bild wieder im deutschen Kunsthandel auf, wo es von den Vorfahren der heutigen Eigentümer in Unkenntnis seiner Vorgeschichte erworben wird.

Heute kann das Gemälde auf Grundlage einer gütlichen Einigung zwischen der Eigentümerfamilie und den Erben von Emil und Sophie Kaim angeboten werden: ein gutes Ende und zugleich ein neuer Anfang für ein zartes und gefühlvolles Meisterwerk. [SvdL]



 

Aufgeld und Steuern zu Lovis Corinth "Die Lesende"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

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