Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 60

 

60
Andy Warhol
Portrait of Anselmino, 1974.
Acryl und Siebdruck auf Leinwand
Schätzpreis: € 300.000 - 400.000
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Portrait of Anselmino. 1974.
Acryl und Siebdruck auf Leinwand.
Printz 2741. Auf der umgeschlagenen Leinwand bezeichnet "Anselmino AW 3/4". 101,5 x 101,5 cm (39,9 x 39,9 in).

• Anselmino gehört zu den schillernden Persönlichkeiten des Kunstmarkts in den 1970er Jahren.
• Anselmino gibt bei Warhol die wegweisende Werkserie "Ladies and Gentlemen" in Auftrag.
• Eines von vier 1974 entstanden Porträts des Kunsthändlers. Keines davon wurde bisher auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten (Quelle: artprice.com).
• Warhol erhebt den Siebdruck in den Rang der Malerei – mit der gestischen Fingermalerei fügt Warhol hier das Malerische als weitere Ausdrucksebene hinzu.
• Das Gemälde "Shot Sage Blue Marilyn" von Andy Warhol ist seit dem 9. Mai 2022 das teuerste Kunstwerk des 20. Jahrhunderts auf dem Auktionsmarkt
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PROVENIENZ: Luciano Anselmino.
Wohl Studio Marconi.
Tornabuoni Arte, Crans-Montana.
Privatsammlung (seit 1999, direkt beim Vorgenannten erworben).

Aufrufzeit: 09.12.2022 - ca. 18.58 h +/- 20 Min.

Andy Warhol – Superstar
Andy Warhol gehört zu den großen Stars auf dem internationalen Auktionsmarkt, seine Werke sind in der Regel Garant für ein längeres Bietgefecht am Auktionstag. Anfang des Jahres versteigerte Christie’s das Gemälde "Shot Sage Blue Marilyn" mit einem Zuschlag von 160.743.500 Euro, damit ist es aktuell das teuerste Kunstwerk des 20. Jahrhunderts, das jemals bei einer Auktion versteigert wurde. Mit dem Zuschlag verdrängt Andy Warhol im Auktionsranking Pablo Picasso und Jean-Michel Basquiat jeweils um einen Platz nach hinten. Warhol ist der radikale und visionäre Künstler der Pop-Art, der in einem Zeitalter immenser sozialer, politischer und technologischer Veränderungen eine neue Vorstellung davon hat, was Kunst sein könnte. Als schwuler Mann, der zu einer Zeit aufgewachsen ist, als Sex zwischen Männern in den Vereinigten Staaten noch illegal ist, schließt sich Warhol der queeren New Yorker Gemeinschaft von Designern, Dichtern, Tänzern und Künstlern an. In den 1950er und 1960er Jahren avanciert er zum König der New Yorker Avantgarde und zu einem der wichtigsten und ikonischsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Ab den 1970er Jahren ist Warhol selbst eine internationale Berühmtheit. Er wird regelmäßig fotografiert und ist selbst Paparazzi an Orten wie dem Nachtclub Studio 54, wo er Celebrities wie Grace Jones und Debbie Harry ablichtet. Warhol ist dafür bekannt, dass er jede Nacht ausgeht, was er als seine "soziale Krankheit" bezeichnet. Dies verhilft Warhol nicht nur dazu, sein Werk bekannt zu machen, sondern auch dazu, seine unverwechselbare öffentliche Identität zu stärken. Einige US-amerikanische Kunstkritiker bezeichnen damals sein geselliges Beisammensein und sein lukratives Geschäft mit der Herstellung von Auftragsporträts für die Reichen und Mächtigen als "Ausverkauf". Diese Aktivitäten tragen jedoch auch zur Finanzierung seiner experimentelleren Kunstprojekte bei.

Ladies and Gentleman – Luciano Anselmino
1975 produziert Warhol eine neue Serie, die anonyme schwarze und lateinamerikanische Drag Queens und Transfrauen zeigt. Der italienische Kunsthändler Luciano Anselmino gibt die Bilder in Auftrag und denkt sich dafür den theatralischen Titel „Ladies and Gentlemen“ aus. Luciano Anselmino (1943–1979) ist eine schillernde Persönlichkeit der italienischen Kunstszene, der zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Er war ein bedeutender Kunsthändler in Turin, ein Furioso der Kunstszene zwischen Rom und Mailand in den 1960er und 1970er Jahren. Anselmino stirbt unter mysteriösen Umständen im Alter von nur 36 Jahren in der Badewanne seiner Villa in Mailand. Im Mai 1968 eröffnete Luciano Anselmino in Turin eine Kunstgalerie, die Galleria Il Fauno. Die Galerie ist auf Surrealismus und Pop-Art spezialisiert und stellt Künstler wie Man Ray, Max Ernst, Marcel Duchamp, Allen Jones und natürlich Andy Warhol aus. Anselmino ist nicht nur eine Anlaufstelle für Warhol in Italien, sondern auch der Kunsthändler des bereits erwähnten Man Ray, den Warhol zeitlebens bewundert. 1973 arrangiert Anselmino ein Treffen der beiden Künstler in Paris. Sowohl die Porträtserie von Man Ray entsteht auf Initiative des italienischen Kunsthändlers als auch die wegweisende Serie „Ladies and Gentleman“. Anselmino hat die visionäre Idee und schlägt Warhol vor, Gesichter der Menschen abseits der schillernden Welt der Schönen und Reichen der New Yorker Gesellschaft zu verewigen, als Sinnbilder einer sich verändernden Gesellschaft. Warhols Mitarbeiter Bob Colacello, Ronnie Cutrone und Corey Tippin rekrutieren 14 Drag Queens in den Nachtclubs von New Yorks Greenwich Village, die Warhol in seinem Studio, der Factory, fotografiert. Rund 500 Fotografien bilden die Grundlage für die Serie, die neben 268 Gemälden auch Zeichnungen, Collagen und Drucke umfasst. Die Porträts feiern diese Minderheitengemeinschaft in der für Warhol so typischen Farbenpracht und mit exzentrischer Lebensfreude. Warhols Werkserie weicht im Ergebnis vom ursprünglichen Vorschlag ab und zelebriert stattdessen den Glamour, die Persönlichkeit und die vibrierende Einzigartigkeit jeder einzelnen Drag Queen und Transgenderfrau.

„In Zukunft wird jeder 15 Minuten lang berühmt sein“
Die Auseinandersetzung mit dem Konzept des Porträts zieht sich durch das gesamte Œuvre des Pop-Art-Künstlers, kulminiert jedoch in den Auftragsporträts seines Spätwerkes. Als Haupteinnahmequelle zur Finanzierung seines kostspieligen Lebensunterhaltes haben die Bildnisse Priorität – ganz gleich an welchem Projekt er arbeitet, in einer Ecke seines Lofts sind zeitgleich immer mehrere Porträts in Produktion. Er bietet zahlungskräftigen Kunden die Möglichkeit, in sein Pantheon aus bekannten Persönlichkeiten und Stars aufgenommen zu werden und gemäß seines weithin bekannten Spruches „In Zukunft wird jeder 15 Minuten lang berühmt sein“ allein durch die Art der Warhol-typischen Darstellung zu Berühmtheit zu gelangen. Wie immer ist eine stundenlange Fotosession, in der zahlreiche Polaroids entstehen, die Arbeitsgrundlage. Es entsteht ein für Warhol charakteristisches, auf Fotografie basierendes und mit Acrylfarbe wie Siebdrucktinte erstelltes Porträt. Ähnlich wie bei anderen Werken dieser Zeit fügt Warhol expressive Pinselstriche und gestische Fingermalerei dem Druck hinzu, um die Beziehung zwischen der Siebdruckschicht und dem gemalten Hintergrund zu erkunden. Der Siebdruck allein in schwarzer Farbe bildet das bildnerische Gerüst des Gemäldes, während die mit Fingern aufgetragene Farbe das malerische Element in die Komposition bringt. Bei seinen Auftragsarbeiten berücksichtigt Andy Warhol ganz klar die Wünsche seiner Auftraggeber. Dabei nimmt er auch Rücksicht auf das traditionelle Bedürfnis des Kunstsammlers, ein Unikat zu besitzen. Die Anzahl der hergestellten Leinwände desselben Motivs wird kleiner, die Variationen vielfältiger. Von Anselmino entstehen vier Porträts, zum Zeitpunkt seines frühen Todes sind alle noch in seinem Besitz. Nur von dem hier angebotenen Porträt ist die Provenienzgeschichte bekannt, die drei anderen Porträts gelten als verschollen. [SM]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung zu Andy Warhol "Portrait of Anselmino"
Dieses Objekt wird differenzbesteuert, zuzüglich einer Einfuhrumsatzabgabe in Höhe von 7 % (Ersparnis von etwa 5 % im Vergleich zur Regelbesteuerung) oder regelbesteuert angeboten, Folgerechtsvergütung fällt an.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke lebender Künstler oder von Künstlern, die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.