Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 31

 

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Egon Schiele
Schlafende, 1912.
Gouache, Aquarell und Bleistiftzeichnung
Schätzpreis: € 250.000 - 350.000
+
Schlafende. 1912.
Gouache, Aquarell und Bleistiftzeichnung.
Kallir D 1105. Mittig rechts signiert und datiert. 31,7 x 48,1 cm (12,4 x 18,9 in), Blattgröße.
[CH].
• Zartes, souverän ins Format gesetztes Aquarell, das in der Ausführung der Haare eine faszinierende haptische Präsenz erreicht.
• Aus der bedeutenden Sammlung Serge Sabarsky.
• Beeindruckende internationale Ausstellungshistorie: u. a. 1982 auf der 40. Biennale in Venedig gezeigt.
• Im Entstehungsjahr landet Schiele aufgrund seines skandalösen, zügellosen Lebensstils kurzzeitig im Gefängnis und eine seiner Zeichnungen wird vor Gericht von einem Richter öffentlich verbrannt
.

PROVENIENZ: Sammlung Christian M. Nebehay (1909-2003), Wien.
Sammlung Serge Sabarsky (1912-1996), New York (1980 vom Vorgenannten erworben).
Nachlass Serge Sabarsky, New York.
Sammlung Vally Sabarsky (1909-2002), New York.
Vally Sabarsky Stiftung, New York.

AUSSTELLUNG: XL. Biennale di Venezia: Visual Arts 82, Giardini di Castello, Venedig, 13.6.-12.9.1982, Kat.-Nr. 18.
Egon Schiele, Pinacoteca Capitolina, Campidoglio, Rom, 21.6.-8.8.1984; Galleria Internazionale d'Arte Moderna Ca' Pesaro, Venedig, 25.8.1984-12.1.1985; Fondation Pierre Giannada, Martigny, 26.11.1986-25.1.1987, Kat.-Nr. 113 (m. Abb.).
Egon Schiele: vom Schüler zum Meister. Zeichnungen und Aquarelle 1906-1918, Akademie der bildenden Künste, Wien, 25.1.-8.3.1984; Accademia di Belle Arti di Brera, Mailand, 16.3.-20.5.1984; Villa Zito, Palermo, 28.3.-14.4.1985; Tel Aviv Museum, Tel Aviv, 20.4.-23.5.1985; Hamburger Kunsthalle, 31.5.-14.7.1985; Rupertinum Salzburg, 27.7.-29.9.1985; Schloss Plankenwarth, Graz, Oktober/November 1985; Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck, 7.1.-9.2.1986; Josef-Albers-Museum / Quadrat, Bottrop, 16.2.-13.4.1986; Kunsthalle Nürnberg, 23.4.-22.6.1986; Certosa di San Giacomo, Capri, 19.7.-30.9.1986, Kat.-Nr. 70.
Egon Schiele (und Gustav Klimt), Fondation Pierre Gianadda, Martigny, 28.11.1986-25.1.1987, Kat.-Nr. 61.
Egon Schiele: vom Schüler zum Meister. Zeichnungen und Aquarelle 1906-1918, Schloss Halbturn, 17.5.-30.8.1987; Kunsthalle Emden, 26.3.-1.5.1988; Städtische Galerie, Rosenheim, 7.5.-12.6.1988, Kat.-Nr. 70.
Egon Schiele. 100 Zeichnungen und Aquarelle, Palazzo Strozzi, Florenz, 21.6.-28.8.1988; Herforder Kunstverein im Daniel-Pöppelmann-Haus, Herford, 3.9.-12.10.1988; Erholungshaus der Bayer A.G., Leverkusen, 16.10.-20.11.1988; Jahrhunderthalle, Hoechst, Frankfurt a. Main, 27.11.1988-15.1.1989; Castello Svevo, Bari, 28.1.-12.3.1989; Museo Villa Croce, Genua, 5.4.-15.6.1989; Padiglione d'Arte Contemporanea di Palazzo Massari, Ferrara, 24.6.-8.10.1989, Kat.-Nr. 50.
Egon Schiele 1890-1918. A Centennial Retrospective, Nassau County Museum of Art, Roslyn/New York, 28.1.-15.4.1990, Kat.-Nr. 50 (m. Abb.).
Egon Schiele. 100 Zeichnungen und Aquarelle, Städtische Galerie, Bietigheim-Bissingen, 6.7.-15.9.1991; Käthe-Kollwitz-Museum, Berlin, 24.10.1991-1.3.1992; Museum moderner Kunst, Passau, 6.3.-31.5.1992; Museum Ulm, 14.6.-16.8.1992; Palais Wallenstein, Prag, 8.10.-28.11.1992; Musée-Galerie de la Seita, Paris, 14.12.1992-27.2.1993, Kat.-Nr. 50 (m. Abb.).
Egon Schiele. 100 Zeichnungen und Aquarelle, BAWAG Foundation, Wien, 24.3.-23.5.1993 (außer Kat.).
Egon Schiele, Mezinárodní kulturní centrum Egona Schieleho, Ceský Krumlov, 6.11.1993 bis Oktober 1997, S. 142f.
Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka. Wien omkring arhundredeskiftet, Kunstforeningen, Kopenhagen, 23.2.-12.5.2002, Kat.-Nr. 56 (m. Abb.).
Egon Schiele. The Ronald S. Lauder and Serge Sabarsky Collections, Neue Galerie, New York, 21.10.2005-20.2.2006, Kat.-Nr. D94, S. 412 (m. Abb.).
Musée d'art de la province de Nuoro (MAN Museo d’Arte della Provincia di Nuoro), Nuoro, November 2007 bis Januar 2008.

LITERATUR: Jane Kallir, Egon Schiele. The Complete Works, New York 1990, S. 475, Kat.-Nr. D1105 (m. Abb.).
Jane Kallir, Egon Schiele. The Complete Works, New York 1998, S. 475, Kat.-Nr. D1105 (m. Abb.).


"One of the most exciting draftsmen in the history of art."

Grace Glueck, Egon Schiele. The Draftsman as a Painter, New York Times, 26.7.1985.

"Only three years after Schiele's death, his exceptional importance as a painter and as a draftsman is already established."
Hans Ankwicz-Kleehoven, Zu Egon Schieles Gedächtnis, in: Wiener Zeitung, 1. November 1921.

Egon Schiele ist nicht nur Wegbereiter und Hauptmeister des österreichischen Expressionismus und neben Klimt eine der Schlüsselfiguren der Wiener Jahrhundertwende, er ist vor allem auch der größte Zeichner des 20. Jahrhunderts. [..] In der Zeichnung, im Aquarell und der Gouache beschreitet der Künstler neue Wege: Mit sicherer, kräftiger Linienführung erfasst er seinen Bildgegenstand, der meist der menschliche Körper ist. [..] Gerade in seinen präzise kalkulierten Zeichnungen erschließt Schiele in Bezug auf Ikonografie und Farbgebung neues Terrain. Nicht zufällig wird das zeichnerische Œuvre des Künstlers als seiner Malerei mindestens ebenbürtig geschätzt – der Zeichner Schiele ist dem Maler Schiele sogar weit überlegen. Als Zeichner wird er in weiterer Folge zum großen Vorbild für viele KünstlerInnen unserer Zeit."
Zit. nach: Leopold Museum, Wien, www.albertina.at/site/assets/files/1979/pressemappe_egon_schiele.pdf.

Aufrufzeit: 09.12.2022 - ca. 18.00 h +/- 20 Min.

Jane Kallir blickt auf Egon Schiele

"Schlafende Frau" (1912, Kallir D. 1105), "Liebespaar" (1913, Kallir D. 1448) und "Paar in Umarmung" (1914, Kallir D. 1677) kennzeichnen Egon Schieles wechselnde Beziehungen mit dem anderen Geschlecht während der Jahre, als er mit Walburga (Wally) Neuzil und später Edith Harms liiert war, die er dann 1915 heiratete.

Die Arbeit "Schlafende Frau" stammt aus den frühen Tagen von Schieles Beziehung zu Wally. Die beiden waren sich 1911 begegnet, aber offenkundig spielt auch ihre Vorgängerin im Leben (und in der Arbeit) des Künstlers weiterhin eine Rolle, zumindest bis in die Mitte des Jahres 1912. Wally und ein anderes, unbekanntes Modell treten in mehreren Arbeiten aus dieser Zeit gemeinsam in Erscheinung (z.B. Kallir D. 1111). Auf diesen und weiteren Aquarellen ist Wally deutlich durch ihr rotblondes Haar, welches häufig von einem Band zurückgebunden ist, und ihren breiten Mund zu erkennen, während die andere Frau (die mitunter als "schwarzhaariges Mädchen" bezeichnet wird) dunklere Haare und ein herzförmiges Gesicht hat. Auch wenn die "Schlafende Frau" kein rotes Haar hat, legen mehrere dazugehörige Zeichnungen (Kallir D. 1106, Kallir D. 1106a) nahe, dass es sich trotzdem um Wally handelt. Schiele erlaubte sich mitunter bei der Wiedergabe solcher Details Freiheiten. Überdies erhielt Wally in Schieles Zeichnungen erst nach und nach, und als die beiden sich zunehmend näherkamen, eine eigenständige Persönlichkeit (Kallir D. 1118).

1913, zu dem Zeitpunkt als Schiele das Blatt "Liebespaar" zeichnete, waren er und Wally bereits ein festes Paar. Dennoch war Wally in dieser Phase nicht sein einziges Modell. Das Gesicht der Frau in der zuvor erwähnten Zeichnung ist allzu stilisiert, als dass man sie identifizieren könnte. Gleiches gilt für den hier gezeigten Mann. Es könnte Schiele selbst sein oder einer seiner männlichen Freunde. Paare waren schon vorher ein wiederkehrendes Thema bei Schiele, unter dem Einfluss seiner Beziehung zu Wally trat das Motiv aber 1913 dann vielleicht stärker in den Vordergrund. Es ist hierbei wichtig anzumerken, dass sich das Interesse des Künstlers nicht auf heterosexuelle Paare beschränkte. Bewusst unverfängliche Titel wie "Mutter und Tochter" (Kallir D. 1297) oder "Zwei Männer" (Kallir D. 1416) verschleierten den erotischen Unterton solcher Arbeiten. Zugleich verweisen diese Paarstudien auf Schieles Interesse an Allegorien in jener Zeit. Er arbeitete damals auch an mehreren Leinwänden (die er nie vollendete) mit der Darstellung eines mystischen "Sehers", der von einer Reihe stehender Gefolgsleute flankiert wird (vgl. "Encounter (Self-Portrait with Saint)", Kallir P. 259; "Conversion", Kallir P. XLIII).

1914 begann Schiele mit den beiden Schwestern Adele und Edith Harms zu flirten, deren Familie im Jahr zuvor in das Gebäude gegenüber von seinem Atelier eingezogen war. Zunächst widerstanden die Schwestern Schieles Avancen und ihre Eltern haben ihn sicherlich nicht als angemessenen Verehrer betrachtet. Um ihren Widerstand zu überwinden, sorgte Schiele dafür, dass Wally sich mit den Mädchen befreundete, und nahm sie bei einem gemeinsamen Kinogang als Anstandsdame mit. Bald schon richtete sich Schieles Aufmerksamkeit verstärkt auf Edith, die jüngere, blonde Schwester. Im Februar 1915 schrieb Schiele zu seinem Freund Arthur Roessler: "[Ich] habe vor zu heiraten, – günstigst, nicht Wal[ly]."

Anders als der Titel vermuten lässt, zeigt das Blatt "Paar in Umarmung" keine Liebenden, sondern vielmehr Edith Harms und ihren jungen Neffen Paul Erdmann. Sie ist anhand ihres gestreiften Kleides und eines Turbans zu erkennen, denn ein etwa zeitgleich entstandenes Foto zeigt sie in dieser Kleidung (vgl. Abb. in: Egon Schiele. The Complete Works, S. 558). Paul ist in einer ganzen Reihe von Zeichnungen aus dem Jahr 1915 zu sehen – sowohl alleine (Kallir D. 1697) als auch mit seiner Tante (Kallir D. 1798). "Paar in Umarmung" hat einen engen Bezug zu dieser Serie und es ist möglich, dass Schiele diese Zeichnung irrtümlicherweise auf 1914 datiert hat. Er signierte seine Zeichnungen nicht unbedingt im Moment der Fertigstellung und manchmal unterliefen ihm Fehler, wenn er sie dann später datieren wollte.

Ungeachtet der Identität der Modelle ist die erotische Spannung von "Paar in Umarmung" nicht zu leugnen. Um 1914/15, kurz bevor Schiele heiratete, haftet seinen Darstellungen von Paaren zunehmend eine gewisse Verzweiflung an. Egal ob es sich dabei um heterosexuelle (Kallir D. 1785) oder homosexuelle Paare (Kallir D. 1743) handelt, die körperliche Anziehungskraft zwischen ihnen scheint eine emotionale Intimität auszuschließen. Die kleinen Pupillen der dargestellten Figuren vermitteln den Eindruck großer Verwirrtheit. Auch Edith und der kleine Paul erscheinen wie gefangen in einem ähnlichen Gefühlsrausch (Kallir D. 1794). Es ist schwierig ihre scheinbar harmlose Umarmung von der anderer erwachsener Paare bei Schiele zu unterscheiden.

Vor seiner Begegnung mit Edith hatte Schiele zahlreiche sexuelle Beziehungen mit Modellen, die, wie Wally auch, zu jener Zeit als nur wenig besser als Prostituierte angesehen wurden. Der Standesunterschied zwischen den früheren Geliebten und seiner zukünftigen Braut war enorm. Seine Verwirrung angesichts der emotionalen Anforderungen einer durch und durch bürgerlichen Partnerin spiegelt sich in einem erschütternden Selbstporträt mit Edith, welches vielleicht kurz nach ihrer Hochzeit im Juni 1915 entstanden ist (Kallir D. 1788). Die darauffolgende Ehe war von Höhen und Tiefen geprägt. Durch seine Erfahrungen mit Edith entwickelte Schiele nach und nach ein tieferes Verständnis für die weibliche Psyche, was in seinen späteren Porträts von Frauen zum Ausdruck kommt, während seine erotischen Zeichnungen zunehmend unpersönlicher werden. "Schlafende Frau", "Liebespaar" und "Paar in Umarmung" bezeugen einen Prozess der Erkundung und des künstlerischen Experiments, wie er in Schieles Werk nach 1915 nicht mehr zu beobachten ist.

Jane Kallir

Präsidentin, Kallir Research Institute, und Werkverzeichnisverfasserin Egon Schieles Arbeiten



 

Aufgeld und Steuern zu Egon Schiele "Schlafende"
Dieses Objekt wird differenzbesteuert, zuzüglich einer Einfuhrumsatzabgabe in Höhe von 7 % (Ersparnis von etwa 5 % im Vergleich zur Regelbesteuerung) oder regelbesteuert angeboten.

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Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

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