Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 43

 

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Ernst Ludwig Kirchner
Stilleben mit Kalla, 1911/1920.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 200.000 - 300.000
+
Stilleben mit Kalla. 1911/1920.
Öl auf Leinwand.
Gordon 217. Verso mit dem Nachlassstempel (Lugt 1570 b) und der handschriftlichen Nummerierung "Da/Ac 14". 95,5 x 60,7 cm (37,5 x 23,8 in).

• Aus der intensivsten "Brücke"-Zeit.
• Der Architekt E. L. Kirchner verbindet hier Aufsicht und Frontalperspektive zu einer spannungsreichen Komposition.
• In diesem Stillleben wird Kirchners ganz persönliche Lebenswelt erfahrbar.
• Seit über 50 Jahren Teil derselben Privatsammlung.
• Geschlossene Provenienz.
• 1960/61 Teil einer großen Wanderausstellung mit Werken des deutschen Expressionismus.
• Weitere Stillleben des Künstlers befinden sich u. a. in den Sammlungen des Metropolitan Museum in New York, des Aichi Prefectural Museum of Art in Nagoya (Japan), des Von der Heydt-Museums in Wuppertal und des Museum Ludwig in Köln
.

Das vorliegende Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Nachlass des Künstlers (Davos 1938, Kunstmuseum Basel 1946, Stuttgarter Kunstkabinett Roman Norbert Ketterer 1954, verso mit dem handschriftlich nummerierten Nachlassstempel).
Galerie Roman Norbert Ketterer, Campione d'Italia (auf dem Keilrahmen mit den Etiketten).
Privatsammlung Norddeutschland (1969 vom Vorgenannten erworben).
Seitdem in Familienbesitz.

AUSSTELLUNG: E. L. Kirchner 1880-1938, zur Erinnerung an den 75. Geburtsstag des Künstlers, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, 8.9.-20.10.1956, Kat.-Nr. 27 (dort datiert "1925-27").
Meisterwerke des deutschen Expressionismus. E. L. Kirchner, E. Heckel, Schmidt-Rottluff, M. Pechstein, Otto Mueller, Kunsthalle Bremen, 20.3.-1.5.1960; Kunstverein Hannover, 15.5.-26.6.1960; Gemeentemuseum Den Haag, 15.7.-4.9.1960; Wallraf-Richartz-Museum, Köln, 18.9.-20.11.1960; Kunsthaus Zürich, 18.5.-18.6.1961, Kat.-Nr. 17 (m. Farbtafel 10).
Moderne Kunst, Gallerie R. N. Ketterer, Campione d`Italia 1963 (m. Farbtafel).
E. L: Kirchner - Brücke, Galerie Roman Norbert Ketterer, Campione d'Italia 1964 (m. Farbtafel).
Roman Norbert Ketterer, Campione d'Italia, Moderne Kunst VI, 587. Auktion, 1969, Los 45 (m. Abb, S. 80, auf dem Keilrahmen mit den Etiketten).

LITERATUR: Will Grohmann, E. L. Kirchner, Stuttgart 1958, S. 116 (m. ganzs. Abb.).
Meisterwerke des deutschen Expressionismus. E. L. Kirchner, E. Heckel, Schmidt-Rottluff, M. Pechstein, Otto Mueller, Kunsthalle Bremen, 20.3.-1.5.1960; Kunstverein Hannover, 15.5.-26.6.1960; Gemeentemuseum Den Haag, 15.7.-4.9.1960; Wallraf-Richartz-Museum, Köln, 18.9.-20.11.1960; Kunsthaus Zürich, 18.5.-18.6.1961, Kat.-Nr. 17 (m. Abb. Tafel 10).
Will Grohmann, E. L. Kirchner, New York 1961, S. 140 (m. Abb.).
Donald E. Gordon, Ernst Ludwig Kirchner. Mit einem kritischen Katalog sämtlicher Gemälde, München/Cambridge (Mass.) 1968, S. 305, Kat.-Nr. 217 (m. Abb.).
Karin Schick, "Ruhelose Ordnung. Ernst Ludwig Kirchner und das Stilleben", in: E. L. Kirchner. Die Stilleben, hrsg. v. Kirchner Museum Davos 2006/2007, S. 7-81, S. 32 (m. Abb. S. 21).



Aufrufzeit: 09.12.2022 - ca. 18.24 h +/- 20 Min.

Das Atelier als Spiegel der Arbeitswelt und insbesondere der Lebensform des Künstlers erreicht bei Ernst Ludwig Kirchner in Dresden um 1910 einen eindrucksvollen ersten Höhepunkt in einer langen Darstellungsgeschichte, in der dieser Ort als Bildinhalt, als Sammelboden für Requisiten, wahlweise gebündelt, im Werk des Künstlers Verwendung findet. Das Motiv erscheint bei ihm immer wieder neu und in unterschiedlichem Einsatz atmosphärisch verändert. So zeigen die Bilder etwa Kirchners Dresdner Atelier in der Friedrichstadt im ehemaligen Handwerkerladen an der Berliner Straße. Oder später, ab November 1911, nach dem Umzug in die aufstrebende Metropole Berlin, malt Kirchner sein Atelier im Dachgeschoß in der Körnerstraße, als Rückzugsort antibürgerlicher, bohemehafter Lebensführung. Er malt es mit der selbstgeschaffenen Raumausstattung, geschmückt zumeist mit erotischen Anspielungen auf Wandbildern, Wandbehängen, Paravents, geschnitztem Mobiliar und Gebrauchsgegenständen, mit Skulpturen von eigener Hand wie auch von indigenen Völkern. Sujethaft kehren diese Gegenstände in den Hintergründen zahlreicher Gemälde und Stillleben wieder, wie auch hier in dem "Stilleben mit Kalla", werden somit zu einem Dokument für präzise Orts- und Zeitbestimmung, gereichen in ihrer scheinbar beiläufigen Inszenierung zu einer höchst kalkulierten Atelierkunst. Ateliersituationen mit von Requisiten bestimmten Hintergründen und vordergründiger Darstellung bestimmen in Kirchners Werk auffallend häufig das Erscheinungsbild, wonach das Atelier und seine reichhaltige Dekoration nicht von der Künstlerperson zu trennen sind. Das Atelier ist bei Kirchner eben nicht nur der Arbeitsraum, sondern auch eine selbstgeschaffene Welt, das gestaltgewordene Nebeneinander reinen Schaffens und geistiges Stimulans.
Im Dezember 1910 besucht der Hamburger Amtsgerichtsrat Gustav Schiefler, ebenso leidenschaftlicher Sammler wie Kenner des deutschen Expressionismus, Kirchner in Dresden und schildert dessen soeben kennengelernte reich dekorierte und vom Künstler kontinuierlich verdichtete Atelierwelt: "Er hatte sich in einer Vorstadtstraße Dresdens, der Not gehorchend, ein seltsames Atelier gemietet: einen engen Krämerladen, der sich mit einer großen Scheibe nach der Straße öffnete und neben dem ein kleines Gemach als Schlafraum diente. Diese Räume waren phantastisch ausgestattet mit bunten Stoffen, die er selbst in Batiktechnik gemustert hatte, mit allerlei exotischem Gerät und mit Holzschnitzereien seiner eigenen Hand: eine primitive, aus der Not geborene, aber doch von stark ausgeprägtem eigenem Geschmack getragene Umgebung. Er hauste hier in einer nach bürgerlichen Begriffen ungeregelten Lebensweise, materiell einfach, aber in seinem künstlerischen Empfinden anspruchsvoll. Er arbeitete fieberhaft, ohne sich an die Tageszeiten zu kehren." (zit. nach: Gustav Schiefler, Die Graphik Ernst Ludwig Kirchners bis 1916, Berlin 1924, S. 80). In diesen Wohn- und Arbeitsstätten gelingt Kirchner die von der Künstlergeneration vor ihm angestrebte Vereinigung von dekorativen und bildenden Künsten. Sein Atelier verkörpert eine Mischung aus Völkerschau und den Vorstellungen des Varietés, mit Modellen, die den Alltag im Atelier exotisch beleben und die Blicke der Betrachter auf sich ziehen. Doch es sind gerade die Stillleben, mit deren Ausstattung Kirchner seine intime Welt dokumentiert und bildlich Einsicht gewährt.
Der Ausschnitt wirkt auf den ersten Blick willkürlich gewählt, was sich jedoch bei näherer Betrachtung als Trugschluss erweist. Das Arrangement ist vielmehr äußerst sorgfältig zusammengestellt und kompositorisch durchdacht. Kirchner konzentriert den Blick auf die Vase mit zwei weißen, eleganten kelchförmigen Kallas, aus deren Hochblättern sich kühn nach oben wachsende Blütenstiele zeigen. Eine hocherotische Anmutung, die auf Kirchners damalige Lebensgefährten Dodo (Doris Grosse) verweisen mag, die er noch Jahre später in seinem Davoser Tagebuch als "feine blitzsaubere Katze" beschreibt (vgl. Ernst Ludwig Kirchners Davoser Tagebuch, hrsg. von Lucius Grisebach, Ostfildern-Ruit 1997, S. 40). Miteinbezogen in Kirchners Blick ist ein skulpturenartiges, recht buntes Gefäß zur Rechten der Vase, ein bunt bemaltes Kästchen zur Linken, auf dem Tisch bestickte Textilkunst, das Ganze komponiert vor einem Behang mit tanzenden Akten. Dies sind Ausstattungselemente, die zur festen Einrichtung des Ateliers gehören und vorrangig ein Nebenzimmer des Ateliers dekorieren. Eine Fotografie, die Kirchner aus einer anderen Perspektive aufnimmt, gibt uns einen Eindruck über Vielfältigkeit und Reichtum seiner Einrichtung.
Kirchner wählt die rechte Wand als Hintergrund für sein Stillleben, bestückt den Tisch mit einer Decke und positioniert Vase, Gefäß und Schmuckschachtel. Auf der Fotografie entdecken wir in leichter Untersicht in dem Bogen am oberen Rand tanzende Akte. Dieses ungewöhnliche textile Ausstattungselement findet sich auf weiteren Gemälden und Arbeiten auf Papier wieder, Kirchner demonstriert dessen flexible Verwendung auch mittels Fotografien. In dem vorliegenden Stillleben verzichtet Kirchner auf jenes fotografisch überlieferte Polster auf dem Boden hinter dem Tisch, auf dem einst Fränzi und ihr Freund Peter lungern, wie eine weitere Fotografie Kirchners zeigt. (Abb.)
Von 1911 bis 1920

Interessanterweise verbleibt das "Stilleben mit Kalla" bis Kirchners Tod 1938 in dessen wechselnden Ateliers, ist zunächst nach seiner Entstehung in Dresden alsbald Bestandteil des Umzugsgutes nach Berlin und gelangt um 1919 nach Davos in das Wohnhaus des Künstlers "In den Lärchen". Erna Schilling, die Kirchners Atelier in Berlin während der Jahre des Künstlers im Militär und dessen Aufenthalten in verschiedenen Sanatorien versorgt, organisiert die Überführung in die neue Heimat oberhalb von Frauenkirch. Die erneute Begegnung mit seinem Werk von vor dem Ersten Weltkrieg nutzt Kirchner auf raffinierte Weise, um das eine oder andere Gemälde, wie er es nennt, zu "restaurieren", um seinen Bildern nachträglich eine modernere, zeitgemäße Prägung vom Anfang der 1920er Jahre zu verschaffen. Kirchner tut dies behutsam, glättet die zu ‚nervöse‘ Pinselführung der Dresdner und Berliner Zeit, verdichtet etwa wie hier die gelbe Umrahmung oder den blauen Fond der tanzenden Figuren. Auch verändert der Künstler die Aufsicht auf den Tisch, gestaltet sie (vermutlich) interessanter, bewegter, in dem er sich an Stoffen mit Stickereien orientiert, die erst mit dem Umzug nach Berlin erscheinen und dort unter anderem die Raumdekoration seines Ateliers prägen. (Abb.) 1920, der ernsthafte Beginn der Davoser Jahre, ist das Jahr des Aufbruchs. Kirchner lässt die Jahre seines Zweifelns hinter sich, beginnt sich mit seiner neuen Umgebung, den Almen und Bergen, seinen neuen Nachbarn, den Hirten und Bergbauern zu arrangieren. Und hierzu gehört für den Künstler auch, seine Malerei, etwa dieses farbenprächtige, für Kirchners Malerei ungewöhnliche Stillleben, neu auszurichten und seinen Vorstellungen von Bildkunst anzupassen. [MvL]



 

Aufgeld und Steuern zu Ernst Ludwig Kirchner "Stilleben mit Kalla"
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Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

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Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
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