Auktion: 550 / Evening Sale am 07.06.2024 in München Lot 124000042


124000042
Hermann Max Pechstein
Rotes Zelt mit weiblichem Akt: Danae, 1911.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 300.000 - 400.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Rotes Zelt mit weiblichem Akt: Danae. 1911.
Öl auf Leinwand.
Am unteren Rand links der Mitte signiert und datiert. Verso auf dem Keilrahmen mit verschiedenen Galerie- und Ausstellungsetiketten, Etikett der Rahmenhandlung Eduard Schmidt, Leipzig, Etikett Galerie Remmler, Leipzig, nummeriert "1008", sowie Sammlungsetikett Dr. Karl Lilienfeld und Etikett Van Diemen-Lilienfeld Galleries, New York; handschriftlich nummeriert "[?]902 E" und mit nummeriertem Etikett "6084 / 3". 71 x 80,5 cm (27,9 x 31,6 in).
[KT].

• Entstanden während des Aufenthaltes mit Lotte in Nidden, als beide im roten Zelt in den Dünen übernachten.
• Eines von drei Gemälden dieses aufregenden und produktiven Sommers, die das rote Zelt des seit Anfang 1911 frisch verheirateten Paares zeigen.
• Das motivähnliche Werk "Akt im Zelt", 1911, erwerben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 1952 vom Künstler.
• Kompositorisch gelungenste Version des Aktes im Zelt.
• 15 Jahre lang als Leihgabe in drei der wichtigsten US-amerikanischen Museen ausgestellt.
• Bedeutende Provenienz: ursprünglich in der Sammlung des Kunsthistorikers und Galeristen Dr. Karl Lilienfeld (1885–1966)
.

PROVENIENZ: Sammlung Dr. Karl Lilienfeld (1885-1966), Leipzig/Berlin/New York (1917-1966, mit dem Etikett).
Margarete Lilienfeld, New York (1966-1983).
Kunsthandel Wolfgang Werner, Bremen (1983).
Sammlung Charles Tabachnick, Toronto (1983-1988; Sotheby’s, 28.6.1988).
Mrs. Frederick Haviland Burgevin, New York.
Privatsammlung Schweiz (1988-ca. 1990).
Galerie Thomas, München (1990).
Privatsammlung Italien (1993 erworben, seither in Familienbesitz).

AUSSTELLUNG: Max Pechstein, Kunstverein Leipzig, März 1917, Nr. 7 (Rotes Zelt mit weiblichem Akt, handschriftl. Ergänzung Pechsteins: Danae).
Exhibition of paintings by Max Pechstein, The College Art Association, Lilienfeld Galleries, New York, 12.12.-32.12.1932, Nr. 5 (Nude, handschriftl. Ergänzung Lilienfelds: Rotes Zelt, mit dem Etikett).
Busch-Reisinger Museum, Harvard University, Cambridge/Mass., 1935-1937 (als Leihgabe von Dr. Karl Lilienfeld).
San Francisco Museum of Art, San Francisco, 24.5.1937- Mitte 1938 (als Leihgabe von Dr. Karl Lilienfeld, mit dem Etikett).
Dallas Museum of Fine Arts, Dallas, 1947-1950 (als Leihgabe von Dr. Karl Lilienfeld).
Figures du Moderne. L'expressionisme en Allemagne 1905-1914, Dresden, München, Berlin, Musée national d'Art moderne, Paris, 18.11.1992-14.3.1993, S. 386, Kat.-Nr. 110 (m. Abb. S. 142, mit dem Etikett).
Gli espressionisti 1905-1920, Complesso del Vittoriano, Rom, 4.10.2002-2.2.2003 (m. Abb. S. 94, mit dem Etikett).

LITERATUR: Aya Soika, Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1905-1918, München 2011, S. 357, WVZ-Nr. 1911/67 (m. Abb.).
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Sotheby's, London, Auktion 28.6.1988, Los 42.
BK München, 1997 (SW-Abb. S. 263).
Gerhard Leistner, Max Pechstein, Blauer Tag 1911, Regensburg 2003 (m. Abb. S. 39).

"Ich hatte viele beglückende Stunden der Arbeit, die mir einen Schauer über den Rücken herabrieseln ließen. Nach wie vor, sofern wir nicht draußen im Zelt verblieben waren, ging es auf bloßen Füßen über den Sand der Dünen durch das kühle, morgenfrische Gras des Waldes, entweder zum Haff oder zum Ostseestrand. Von Sonnenaufgang bis zum Untergang weilten wir draußen und kehrten erst in der Dunkelheit zurück."

Max Pechstein, Erinnerungen, hrsg. von Leopold Reidemeister, Wiesbaden 1960, S. 50f.

"Mit Hallo wurde ich von meinen Niddener Fischern als nunmehr backenbärtiger Ehemann begrüßt", notiert Max Pechstein anlässlich seines zweiten Aufenthaltes in dem kleinen Fischerdorf an der Kurischen Nehrung von Mitte Juni bis 17. September 1911 (zit. nach: Max Pechstein, Erinnerungen, hrsg. von Leopold Reidemeister, Wiesbaden 1960, S. 59). Er hatte sich von dem Architekten und Förderer Bruno Schneidereit etwas Geld vorstrecken lassen, um wieder in den vom Berliner Großstadtleben abgeschiedenen Ort in Ostpreußen zu fahren. Zwar waren mittlerweile auch dort die Urlauber zahlreicher geworden als noch während Pechsteins erstem Aufenthalt 1909, dennoch bleiben noch genügend abgeschiedene und versteckte Plätze in den weitläufigen Dünenlandschaften und lichten Kiefernwäldern zum Aktmalen. In der Hochphase der "Brücke"-Zeit wird die Aktmalerei in der freien Natur als Ausdruck der Ursprünglichkeit und der Befreiung von sozialen sowie malerischen Konventionen zum programmatischen, bindenden Element im Kunstverständnis der Gruppe, das die Künstler im Sommer an den Moritzburger Seen bei Dresden ins Bild setzen.

In Nidden hat Pechstein nun erstmals seine seit dem 19. März 1911 frisch angetraute Ehefrau an seiner Seite: Charlotte "Lotte" Kaprolat, die er als Modell seines Bildhauerkollegen Georg Kolbe in dessen Atelier kennenlernt. Sie steht ihm von da an für die meisten seiner Werke Modell und wird zur zentralen Quelle seiner Inspiration: "Jetzt hatte ich das große Glück, ständig einen Menschen in voller Natürlichkeit um mich zu haben, dessen Bewegungen ich aufsaugen konnte. So setzte ich mein Trachten fort, Mensch und Natur in eins zu erfassen, stärker und innerlicher als 1910 in Moritzburg." (ebd., S. 50). Das Paar verbringt die Tage von morgens bis abends in den Dünen und am Meer, wofür Pechstein schon Vorkehrungen getroffen hatte: "Mein Arbeitsmaterial ergänzte ich mit einem kleinen Zelt, um in den Dünen oder im Vorwald, am Haff oder an der Ostsee bei schlechtem Wetter unterschlüpfen und Arbeitsgerät darin einschließen zu können. Im Laufe des Sommers bewährte sich diese Voraussicht aufs beste. Sie hat mir manchen mühseligen Weg erspart." (ebd., S. 48f.). Manchmal kehren die beiden auch nicht einmal mehr in die Unterkunft im Dorf zurück, sondern übernachten in dem kleinen roten Zelt, wie Pechstein an den Künstlerkollegen Heckel berichtet: "Habe einige Male im Freien übernachtet in einem Zelt, welches ich mir mitgenommen." (Brief an E. Heckel, Berlin, 21.9.1011, Altonaer Museum, zit. nach: Aya Soika, Max Pechstein, Bd. I, München 2022, S. 36).

In diesem Sommer entstehen einige der schönsten und kraftvollsten Werke, immer wieder Lotte als Anlass und Motiv nehmend, in denen sich die Unbeschwertheit der Frischverliebten und Frischverheirateten malerisch Bahn bricht. Aus der intimen Zweisamkeit und der Versenkung in die Natur gewinnt Pechstein ungemeine künstlerische Energie: "Ich hatte viele beglückende Stunden der Arbeit, die mir einen Schauer über den Rücken herabrieseln ließen. Nach wie vor, sofern wir nicht draußen im Zelt verblieben waren, ging es auf bloßen Füßen über den Sand der Dünen durch das kühle, morgenfrische Gras des Waldes, entweder zum Haff oder zum Ostseestrand. Von Sonnenaufgang bis zum Untergang weilten wir draußen und kehrten erst in der Dunkelheit zurück." (zit. nach: Max Pechstein, Erinnerungen, Wiesbaden 1960, S. 50f.). Lotte ist für Pechstein die Muse, in der sich seine künstlerischen Vorstellungen aufs Vollkommenste verwirklichen, erinnert sie ihn doch aufgrund ihres Äußeren und ihres Temperaments an die wilde Ursprünglichkeit, die er bei den Tahitianerinnen seines derzeitigen großen Vorbilds Paul Gauguin vermutet. Während dieses Aufenthaltes entsteht auch das emblematische Bildnis Lottes als Südseeschönheit (heute Neue Nationalgalerie, Berlin). Im Februar 1911 hatte er noch in Berlin Gemälde Gaugins aus Tahiti bei Fritz Gurlitt gesehen, in einer Ausstellung, die schon 1910 im September parallel zu der "Brücke"-Ausstellung in der Dresdner Galerie Arnold gezeigt worden war.

In Farbigkeit und vor allem in der Komposition wird Pechstein nun immer gewagter – umso außergewöhnlicher mutet die fast schon klassisch zu nennende Komposition des unter dem Zelt ruhenden Aktes an. In die Hommage sowohl an die junge Ehefrau als auch an die italienischen Meister, denen er noch im Februar bei einer Reise nach Rom begegnet sein mag, mischt sich mit der mythologischen Titelerweiterung eine erotische Konnotation. Tizians Danae als eine der berühmtesten Versionen des Sujets legt die Ikonografie des roten, zeltartigen Vorhangs und die koloristische Stimmung von roten und gelbgoldenen Tönen fest. Der sich öffnende Vorhand wird zum erotischen Topos, der den Blick auf den liegenden, empfängnisbereiten Körper freigibt. Eventuell war Pechstein diese erotische Komponente nur allzu sehr bewusst und in der Erinnerung an den Sommer wohl auch präsent, weshalb das Werk im Nachhinein als mythologische Szene verklausuliert werden sollte. Pechstein gelingt so ein faszinierender Brückenschlag zwischen kunsthistorischer Tradition, avantgardistischer Moderne und vorzivilisatorischem Primitivismus, in dem sich die eklektische Kraft einer synthetisierenden Moderne exemplarisch verkörpert. [KT]



124000042
Hermann Max Pechstein
Rotes Zelt mit weiblichem Akt: Danae, 1911.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 300.000 - 400.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.