Auktion: 606 / Evening Sale am 12.06.2026 in München → Lot 117000133
117000133
Wassily Kandinsky
Villa Seeburg am Staffelsee, 1911.
Öl auf Malpappe
Schätzpreis: € 2.000.000 - 3.000.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
117000133
Wassily Kandinsky
Villa Seeburg am Staffelsee, 1911.
Öl auf Malpappe
Schätzpreis: € 2.000.000 - 3.000.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Wassily Kandinsky
1866 - 1944
Villa Seeburg am Staffelsee. 1911.
Öl auf Malpappe.
Rechts unten signiert und datiert. Verso von fremder Hand betitelt, datiert und bezeichnet "Goldschmidt Frankfurt / M". 33 x 45 cm (12,9 x 17,7 in).
"Ohne zu übertreiben kann ich sagen, dass ich, sollte ich in dieser Aufgabe Erfolg haben, der Malerei einen neuen, schönen Weg zeigen werde, der unendlicher Entwicklung fähig ist. Ich befinde mich auf einer neuen Spur, die einige Meister hier und da bereits vermutet haben und die früher oder später erkannt werden wird."
Wassily Kandinsky, zit. nach: V. E. Barnett, New York 2009, S. 27.
"Unsere beiden Bilder heißen: Seeburg am Staffelsee und Dünaburg (1911). […] Die Villa Seeburg ist das Bild, das Sie urkundlich aufgezeichnet haben. […] Seeburg: Ein Turm, der sich im Wasser spiegelt."
Herwarth Walden, Brief an Gabriele Münter, 5.1.1914.
• Neuentdeckung eines Werkes, das bislang nur als Skizze des Künstlers bekannt war.
• Schlüsseljahr 1911: zentrales Werk aus Kandinskys Übergang zur Abstraktion und Meilenstein der Moderne.
• Frühe, wichtige Provenienz: seit 1913 in der Sammlung Walden, Berlin.
• Später Sammlung Dr. Oskar Kirchner – eine der wertvollsten Sammlungen der Moderne dieser Zeit.
• Seit 100 Jahren nicht mehr ausgestellt.
Wir danken Dr. Mara Wantuch-Thole, LL.M. und Dr. Ewald Volhard sowie den Erben von Hedwig und Jacob Goldschmidt für die freundliche Unterstützung und für die wissenschaftliche Beratung.
PROVENIENZ: Sammlung Nell und Herwarth Walden, Berlin (direkt vom Künstler, November 1913-mindestens 1919).
Sammlung Dr. Oskar Kirchner (1877-1956), Gelsenkirchen (seither in Familienbesitz).
AUSSTELLUNG: Der Blaue Reiter, Kunstsalon Marcel Goldschmidt und Cie., Frankfurt a. Main, 28.8.-Mitte Sept. 1912 (möglicherweise, ohne eigenen Katalog, mit einem Versandvermerk "Goldschmidt Frankfurt / M." auf der Werkrückseite).
Sammlung Walden, Galerie "Der Sturm", Berlin, mindestens 1915-1919 (mit Katalogen).
Sturm Gesamtschau, Kunstsalon Marcel Goldschmidt und Cie., Frankfurt a. Main, Sept./Okt. 1917 (möglicherweise, ohne eigenen Katalog, mit einem Versandvermerk "Goldschmidt Frankfurt / M." auf der Werkrückseite).
LITERATUR: Wassily Kandinsky, "Memorandum", Ende 1911, nach: Hans Konrad Roethel, Jean K. Benjamin, Kandinsky. Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1900-1915, München 1982, S. 19, Abb. 10.
Hedwig Kirchner, Liste der Verteilung der Sammlung Oskar Kirchner, vor 1961, Privatnachlass.
Herwarth Walden an Gabriele Münter, 5.1.1914 (Brief), Lenbachhaus München.
Herwarth Walden (Hrsg.), Sammlung Walden. Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Galerie der Sturm. Drittes Verzeichnis November 1915, S. 6.
Herwarth Walden (Hrsg.), Sammlung Walden. Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Galerie der Sturm. Viertes Verzeichnis Mai 1916, Nr. 102.
Herwarth Walden (Hrsg.), Sammlung Walden. Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Galerie der Sturm. Fünftes Verzeichnis April 1917, Nr. 113.
Herwarth Walden (Hrsg.), Sammlung Walden. Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Galerie der Sturm. Sechstes Verzeichnis Mai 1917, Nr. 136.
Herwarth Walden (Hrsg.), Sammlung Walden. Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Galerie der Sturm. Siebtes Verzeichnis März 1919, Nr. 171.
Herwarth Walden (Hrsg.), Sammlung Walden. Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Galerie der Sturm. Achtes Verzeichnis Oktober 1919, Nr. 171.
Hans Konrad Roethel, Jean K. Benjamin, Kandinsky. Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1900-1915, München 1982, S. 19, Abb. 10.
Karla Bilang, Kandinsky, Münter, Walden. Briefe und Schriften 1912-1914, Bern [u.a.] 2012, S. 150f., 221.
"Welch künstlerische Einsicht birgt dieser seltene Maler! Die große Konsequenz seiner Farben hält seiner zeichnerischen (Willkür) Freiheit die Waage – ist dies nicht zugleich eine Definition der Malerei?"
Franz Marc, 1912
1866 - 1944
Villa Seeburg am Staffelsee. 1911.
Öl auf Malpappe.
Rechts unten signiert und datiert. Verso von fremder Hand betitelt, datiert und bezeichnet "Goldschmidt Frankfurt / M". 33 x 45 cm (12,9 x 17,7 in).
"Ohne zu übertreiben kann ich sagen, dass ich, sollte ich in dieser Aufgabe Erfolg haben, der Malerei einen neuen, schönen Weg zeigen werde, der unendlicher Entwicklung fähig ist. Ich befinde mich auf einer neuen Spur, die einige Meister hier und da bereits vermutet haben und die früher oder später erkannt werden wird."
Wassily Kandinsky, zit. nach: V. E. Barnett, New York 2009, S. 27.
"Unsere beiden Bilder heißen: Seeburg am Staffelsee und Dünaburg (1911). […] Die Villa Seeburg ist das Bild, das Sie urkundlich aufgezeichnet haben. […] Seeburg: Ein Turm, der sich im Wasser spiegelt."
Herwarth Walden, Brief an Gabriele Münter, 5.1.1914.
• Neuentdeckung eines Werkes, das bislang nur als Skizze des Künstlers bekannt war.
• Schlüsseljahr 1911: zentrales Werk aus Kandinskys Übergang zur Abstraktion und Meilenstein der Moderne.
• Frühe, wichtige Provenienz: seit 1913 in der Sammlung Walden, Berlin.
• Später Sammlung Dr. Oskar Kirchner – eine der wertvollsten Sammlungen der Moderne dieser Zeit.
• Seit 100 Jahren nicht mehr ausgestellt.
Wir danken Dr. Mara Wantuch-Thole, LL.M. und Dr. Ewald Volhard sowie den Erben von Hedwig und Jacob Goldschmidt für die freundliche Unterstützung und für die wissenschaftliche Beratung.
PROVENIENZ: Sammlung Nell und Herwarth Walden, Berlin (direkt vom Künstler, November 1913-mindestens 1919).
Sammlung Dr. Oskar Kirchner (1877-1956), Gelsenkirchen (seither in Familienbesitz).
AUSSTELLUNG: Der Blaue Reiter, Kunstsalon Marcel Goldschmidt und Cie., Frankfurt a. Main, 28.8.-Mitte Sept. 1912 (möglicherweise, ohne eigenen Katalog, mit einem Versandvermerk "Goldschmidt Frankfurt / M." auf der Werkrückseite).
Sammlung Walden, Galerie "Der Sturm", Berlin, mindestens 1915-1919 (mit Katalogen).
Sturm Gesamtschau, Kunstsalon Marcel Goldschmidt und Cie., Frankfurt a. Main, Sept./Okt. 1917 (möglicherweise, ohne eigenen Katalog, mit einem Versandvermerk "Goldschmidt Frankfurt / M." auf der Werkrückseite).
LITERATUR: Wassily Kandinsky, "Memorandum", Ende 1911, nach: Hans Konrad Roethel, Jean K. Benjamin, Kandinsky. Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1900-1915, München 1982, S. 19, Abb. 10.
Hedwig Kirchner, Liste der Verteilung der Sammlung Oskar Kirchner, vor 1961, Privatnachlass.
Herwarth Walden an Gabriele Münter, 5.1.1914 (Brief), Lenbachhaus München.
Herwarth Walden (Hrsg.), Sammlung Walden. Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Galerie der Sturm. Drittes Verzeichnis November 1915, S. 6.
Herwarth Walden (Hrsg.), Sammlung Walden. Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Galerie der Sturm. Viertes Verzeichnis Mai 1916, Nr. 102.
Herwarth Walden (Hrsg.), Sammlung Walden. Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Galerie der Sturm. Fünftes Verzeichnis April 1917, Nr. 113.
Herwarth Walden (Hrsg.), Sammlung Walden. Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Galerie der Sturm. Sechstes Verzeichnis Mai 1917, Nr. 136.
Herwarth Walden (Hrsg.), Sammlung Walden. Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Galerie der Sturm. Siebtes Verzeichnis März 1919, Nr. 171.
Herwarth Walden (Hrsg.), Sammlung Walden. Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Galerie der Sturm. Achtes Verzeichnis Oktober 1919, Nr. 171.
Hans Konrad Roethel, Jean K. Benjamin, Kandinsky. Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1900-1915, München 1982, S. 19, Abb. 10.
Karla Bilang, Kandinsky, Münter, Walden. Briefe und Schriften 1912-1914, Bern [u.a.] 2012, S. 150f., 221.
"Welch künstlerische Einsicht birgt dieser seltene Maler! Die große Konsequenz seiner Farben hält seiner zeichnerischen (Willkür) Freiheit die Waage – ist dies nicht zugleich eine Definition der Malerei?"
Franz Marc, 1912
Murnau als schöpferischer Kraftort
Zwischen 1909 und 1914 leben und arbeiten Gabriele Münter und Wassily Kandinsky sowohl in München-Schwabing in der Ainmillerstraße 36 als auch in Murnau. Sie beide, die rastlos und mit offenen Augen während der vergangenen vier Jahre durch Tunis, Italien, Paris und Südfrankreich reisten, sind nun sesshaft geworden. 1908 kehrt das Künstlerpaar endgültig nach Deutschland zurück. Sie finden in Murnau ihren Sehnsuchtsort, der mit dem Kauf des Hauses in der Kottmüllerallee 1909 durch Gabriele Münter ihr schöpferischer Kraftort wird. Das sogenannte Russenhaus ist auch über viele Jahre der Ort, an dem der Schatz der gemeinsamen Lebensspanne und des einander befruchtenden Wirkens dieser beiden wichtigen Künstlerpersönlichkeiten bewahrt wird.
"Villa Seeburg am Staffelsee" – Eine Neuentdeckung aus Kandinskys "Memorandum" von 1911
Das Werkverzeichnis der Ölgemälde von Kandinsky berichtet von einem "Memorandum". Es zeigt acht kleine Skizzen, die von Kandinsky "höchstwahrscheinlich Ende des Jahres 1911, zur Zeit der Vorbereitung für die Ausstellung 'Der Blaue Reiter' in der 'Modernen Galerie Thannhauser ' in München und in der Galerie 'Der Sturm' in Berlin gefertigt wurden" (zit. nach: H. Roethel, J. Benjamin, Kandinsky. Werkverzeichnis der Ölgemälde, München 1982, S. 19). Auf diesem Memorandum sind acht Werke aus den Jahren 1908 bis 1911 skizziert.
Alle diese acht im kleinen Format skizzierten Werke sind jeweils mit Titel und Entstehungsjahr benannt. Sechs davon mit Anmerkungen zu den beiden Galerien Thannhauser und Sturm. Auch "Villa Seeburg 1911" ist hier skizziert und von Kandinsky benannt. Bis auf "Villa Seeburg 1911" finden sich alle auf dem Memorandum skizzierten Bilder im nachfolgenden Werkverzeichnis wieder. Nur "Villa Seeburg 1911" wurde wohl versehentlich nicht berücksichtigt. Unter der WVZ-Nr. 438 ist das heute in der Philips Collection, Washington gezeigte Werk "Herbst II" (1912), eine spätere und größere Version unseres Gemäldes genant und über einen Zwischenschritt der Hinweis auf das Memorandum hinterlegt. Jedoch kann "Herbst II" nicht das auf dem Memorandum vermerkte Werk sein, denn "Herbst II" ist erst 1912 entstanden. Das Memorandum muss sich demnach also auf unser Gemälde von 1911 beziehen.
Wegweisende Projekte der Murnauer Zeit
Kandinsky wird zu Recht als Erneuerer der Kunst gepriesen. Welche wichtigen und wegweisenden Projekte er in den Murnauer Jahren, zur Entstehungszeit unseres Werkes, vorantreibt, darf dabei auf keinen Fall übersehen werden.
Früh erkennt Kandinsky, dass man durch den Zusammenschluss mit Gleichgesinnten in progressiven Künstlergruppen mehr Aufmerksamkeit für die eigenen Ziele finden kann. Schon 1901 hatte er die bis 1904 bestehende Gruppe "Phalanx" gegründet; 1909 ist er Gründungsmitglied der "Neuen Künstlervereinigung München" (NKVM), die im Dezember 1909 erstmals in München bei Thannhauser ausstellt. Alexej Jawlensky, Adolf Erbslöh, Marianne von Werefkin, Alexander Kanoldt und Karl Hofer sind Mitglieder, um nur einige zu nennen.
1911 entfremdet Kandinsky sich von seinen Kollegen in der NKVM. Über den Sommer hinweg eskaliert der Streit zwischen den Mitgliedern. Bei der Vorbereitung zur 3. Ausstellung der NKVM kommt es zum Eklat. Die Werke, die Kandinsky für die Ausstellung auswählt, werden von den anderen Gruppenmitgliedern nicht akzeptiert. Er hatte den Streit durch ein dem Regularium nicht entsprechendes, zu großes Bild selbst heraufbeschworen. Daraufhin kommt es zum Bruch; Marc, Kubin, Münter und Kandinsky verlassen die NKVM.
Schon während des Sommers waren "undercover" von Kandinsky und Marc Vorbereitungen getroffen worden, die nun umgesetzt werden. Eine neue Künstlergruppe wird gegründet, für die Kandinskys Name bis heute maßgeblich steht: "Der Blaue Reiter". Der Coup gelingt. Vom 18. Dezember 1911 bis zum 1. Januar 1912 findet parallel zur 3. NKVM-Ausstellung die erste Ausstellung der Gruppe "Der Blaue Reiter" bei der Galerie Thannhauser statt. Das Jahr 1911 ist mit der Gründung der bedeutenden Vereinigung "Der Blaue Reiter" ein Schlüsseljahr und ein Meilenstein der Moderne.
Die Erneuerung der Kunst strebt Kandinsky zudem über die theoretische Basis einer neuartigen Kunsttheorie an. 1910 schreibt er sein berühmtes Traktat "Über das Geistige in der Kunst", das 1911 bei der ersten Ausstellung "Der Blauer Reiter" ausliegt. Im Vorwort schreibt er, es "sind Resultate von Beobachtungen und Gefühlserfahrungen, die sich allmählich im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahre sammelten" (zit. nach: W. Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, München 1912 (2. Aufl.), Vorwort zur 1. Aufl.)). Wichtige Ergänzungen seiner kunsttheoretischen Gedanken werden 1914 im Almanach "Der Blaue Reiter" veröffentlicht: so die Texte "Über die Formfrage", "Über Bühnenkomposition" und Kandinskys "Der gelbe Klang – Eine Bühnenkomposition", wozu der Komponist Thomas von Hartmann die Musik komponieren sollte.
Die vielfältige Auseinandersetzung mit verschiedensten Inhalten schlägt sich natürlich auch in seinem künstlerischen Schaffen nieder. Neben klassischen Landschaften entstehen schon bald auch Werke, die er "Komposition", "Improvisation" oder "Impression" nennt. Doch gerade Darstellungen wie unser Gemälde "Villa Seeburg am Staffelsee" zeigen die gestalterischen Interaktionen und Entwicklungen.
Murnauer Jahre – Hinwendung zur Abstraktion
Vom "Russenhaus" aus können Kandinsky und Münter in das Murnauer Moos und auf die ersten Berge der Alpen dahinter blicken. Nur einen Steinwurf entfernt liegt auf der anderen Seite der Staffelsee. Nicht nur die berühmten Staffelsee-Ansichten Gabriele Münters zeugen von häufigen Spaziergängen an dessen Ufern. Auch unsere "Villa Seeburg am Staffelsee" liegt hier.
In vielerlei Hinsicht verweist dieses Werk auf die wichtigsten Jahre der Entwicklung der Abstraktion durch Wassily Kandinsky. In den entscheidenden Jahren 1909 bis 1911 gelingt Kandinsky der Durchbruch zu einem absolut neuen, vollständig abstrakten Stil, der die Grundlage seiner Karriere bildet und ihn zu einem der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts machen wird. Die Entstehung des hier angebotenen Gemäldes von 1911 fällt in eine Phase, die entscheidend für Kandinskys Übergang von der figurativen Malerei zur Abstraktion ist.
Vor 1907 widmet Kandinsky sich vor allem der Darstellung von Landschaften, die geprägt von impressionistischen Einflüssen und seiner starken Sensibilität für die Farbigkeit der Natur sind.
Sie sind Zeugnis der gemeinsamen Reisen mit Gabriele Münter. Daneben stehen Werke mit märchenhaften Szenerien seiner russischen Heimat.
Die Reaktion Kandinskys auf die Pariser Einflüsse zeigt sich in einer deutlich helleren Palette und dem bewussten Einsatz von Farbe, um Form auszudrücken, ohne formale deskriptive Überlegungen. Die künstlerische Fortführung dieser Entwicklung zeigt sich in der Landschaft "Bei Oberau", die wir in dieser Auktion unter der Losnummer 67 anbieten können.
1911 ist ein Jahr intensiven Arbeitens und damit verbunden ein Jahr der großen Fortschritte für den Künstler. "Maßgeblichen Erfolg brachten hier die heißen Sommerwochen im Murnauer Haus im Juli und August, die er allein verbrachte, während Gabriele Münter sich im Rheinland aufhielt. In intensiver Arbeit erreichte Kandinsky in […] Hinterglasbildern und Gemälden neue Stufen der Reduzierung des Gegenständlichen." (zit. nach: Brigitte Salmen, Wassily Kandinsky und Murnau. Zur reinen Welt der inneren Klänge, München 2019, S. 75)
Kandinsky entwickelt in dieser Zeit ein neues künstlerisches Vokabular, das sich von der direkten Naturbeobachtung befreit. Allmählich lösen sich die gegenständlichen Elemente zu klangvollen Farbflächen auf. Dabei wendet er die Gegenüberstellung von Farben an, wie er sie in seiner Schrift "Über das Geistige in der Kunst" (1910/11) ausführlich erläutert.
Mit der Auflösung der Formen und dem freien, kraftvollen Farbenspiel kündigt sich bereits der Weg in die Abstraktion an. Dieser entscheidende Prozess führt Kandinsky von seinen ersten "Impressionen", "Improvisationen" und "Kompositionen" bis hin zu seiner berühmten abstrakten "Komposition VII" (1913).
Wichtig ist es, darauf hinzuweisen, dass Kandinsky parallel auf verschiedenen gestalterischen Ebenen arbeitet, denn Kandinsky malt nicht ab einem 'bestimmten' Zeitpunkt abstrakt. Vielmehr entwickeln sich aus einer großen Bandbreite von Werken immer neue Erkenntnisse. Er spürt, dass er mit seinen Ideen auf dem richtigen Weg zur Befreiung der Kunst von der Gegenständlichkeit ist. Eine wichtige Konstante ist dabei die Landschaftsdarstellung. In ihr erprobt und findet Kandinsky neue Wege des Ausdrucks. Genau an dieser Stelle reiht sich 1911 unser Werk "Villa Seeburg am Staffelsee" ein.
"Villa Seeburg am Staffelsee" – Farbe und Ausdruck
Die Wahl der Farben in unserem Gemälde findet ihre Erläuterungen in seiner Schrift "Über das Geistige in der Kunst". Blau und Gelb stehen sich in großen Flächen in Haus, Landschaft, Himmel und ihren Spiegelungen im Wasser gegenüber. Kandinsky schreibt: "Die Wärme oder die Kälte der Farbe ist eine Neigung ganz im allgemeinen zu Gelb oder zu Blau. Dies ist eine Unterscheidung, die sozusagen auf derselben Fläche geschieht, wobei die Farbe ihren Grundklang behält, aber dieser Grundklang wird mehr materiell oder mehr immateriell. Es ist eine horizontale Bewegung, wobei das Warme sich auf dieser horizontalen Fläche zum Zuschauer bewegt, zu ihm strebt, das kalte – sich vom Zuschauer entfernt." (zit. nach: Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, München 1912 (2. Auflage), S. 72ff.) Im Weiteren hebt er die ex- und konzentrische Farbwirkung des Gelb und des Blau hervor. Kandinsky folgend, erfährt diese Farbbewegung eine Steigerung durch die Verwendung von Weiß und Schwarz. Das Weiß tupft Kandinsky bei "Villa Seeburg am Staffelsee" ganz explizit als aufhellende Partien an das Gelb hinzu. Von ganz eigener Qualität, die abstrahierende Wirkung noch betonend, ist die Spiegelung unterhalb der gezackt gegebenen Uferlinie. Hier treffen sich Gelb und Blau in ihrer Mischung, im Grün.
Farben und Formen verselbständigen sich. Aspekte wie perspektivische Korrektheit und räumliche Tiefenwirkung treten in den Hintergrund und die noch immer gegenstandsbezogenen Farben können bereits als ein Flächengefüge bezeichnet werden. Die Farben scheinen im Bild zu schweben, es sind leichte, rhythmisch aneinandergesetzte Farbflächen, die die Komposition formen. Es entsteht große Nähe zur Abstraktion, verstärkt durch den leicht gebogenen Schwung der Uferlinie und die Spiegelung des Gesehenen im Wasser. Im Wasser werden die Farbflächen bis auf wenige Bereiche nicht mehr von schwarzen Linien umschlossen, wie etwa das Gebäude mit Turm und Dach. In der Spiegelung des Wassers agiert die Farbe jedoch völlig frei ohne rahmende Begrenzung, ohne Festlegung auf eine Funktionsbestimmung, alles Materielle löst sich auf.
Auf der Frankfurter Ausstellung "Der Blaue Reiter"
Die wohl auch mithilfe des erwähnten Memorandums vorbereitete Ausstellung "Der Blaue Reiter" wandert als große Tournee durch Deutschland und Europa. Die Schau gastiert dabei auch in der Frankfurter Galerie Goldschmidt. Und auf der Rückseite von "Villa Seeburg" steht, hastig hingeworfen: "Goldschmidt Frankfurt / M" – wohl ein Versandvermerk. War "Villa Seeburg" etwa Teil der bedeutenden "Blauer Reiter"-Ausstellung? Dass das Bild in den gedruckten Katalogen der Schau nicht zu identifizieren ist, muss kein Ausschlusskriterium sein, zumal die Avantgardeausstellungen jener Jahre auch in der Werkzusammenstellung oft ein äußerst dynamisches Geschehen darstellen.
Den Kontakt zum Frankfurter Galeristen Goldschmidt etablieren Kandinsky und Marc jedenfalls über Georg Swarzenski, damals Leiter des Städels und der Städtischen Galerie in Frankfurt.
Am 20. Dezember 1911 schreibt Kandinsky an besagten Swarzenski: " Wir möchten gerne die wirklich gut gelungene Ausstellung des Blauen Reiters noch in einigen Städten zeigen, darunter in Frankfurt. Dürfte ich mich bei der Anfrage an Goldschmidt auf Sie berufen? Ich denke, dass auch seine kaufmännischen Herzenssaiten für uns günstig […] werden [...]. Es wäre also vom großen Wert Goldschmidt zu zeigen, dass Sie sich für die Ausstellung interessieren" (Kandinsky an Georg Swarzenski, 20.12.1911, Staatsbibliothek Berlin NL 270, Nr. 89).
Die Vermittlung gelingt: In Frankfurt ist die Schau "Der Blaue Reiter" zwischen 28. August und Mitte September 1912 zu sehen – möglicherweise mit dem Gemälde "Villa Seeburg".
In der Sammlung Walden
Wenn sich auch die genaue Zusammenstellung der Frankfurter Schau nicht mehr rekonstruieren lässt, so aber doch der nächste Eigentümer, in dessen Berliner Galerie "Der Sturm" die "Blauer Reiter"-Ausstellung ebenfalls zu sehen ist: Herwarth Walden (1878–1941). So schreibt Walden am 5. Januar 1914 an Gabriele Münter: "Unsere beiden Bilder heißen: Seeburg am Staffelsee und Dünaburg (1911). [...] Villa Seeburg ist das Bild, das Sie urkundlich aufgezeichnet haben"; und als Postskriptum folgt die Bildbeschreibung: "Seeburg: Ein Turm, der sich im Wasser spiegelt" (zit. nach: Bilang, 2012, S. 150f.).
Herwarth Walden lässt zu seiner privaten Sammlung mehrere Kataloge unter dem Titel "Sammlung Walden" drucken. Zwischen 1915 und 1919 ist unser Werk, das auch auf der Rückseite die charakteristischen Reste eines "Sturm"-Etiketts zeigt, in diesen Katalogen durchgehend dokumentiert.
Die Weltkriegsjahre übersteht das farbenprächtige Gemälde also in den Berliner Räumen des "Sturm" in der Potsdamer Straße 134a, die zugleich die Privatwohnung des Ehepaars Walden beherbergen. Zwei- bis dreimal pro Woche wird die Kollektion für eine Stunde zur Besichtigung geöffnet. Man vermag sich lebhaft vorzustellen, wie die Berliner Avantgarde sich hier vor unserem Gemälde Kandinskys trifft.
Dass die "Sammlung Walden" noch heute vor allem mit dem berühmten Herwarth Walden in Verbindung gebracht wird, ist symptomatisch für die Nachwirkungen einer Zeit, in der Frauen systematisch übergangen werden. Denn Nell Roslund (1887–1975), die Herwarth Walden nach dessen vorangegangener "amour fou" mit der Dichterin Else Lasker-Schüler 1912 heiratet, schreibt rückblickend über diese "Kunstsammlung Walden", es sei doch vielmehr die "Sammlung Nell Walden":
"Meine eigene Sammlertätigkeit fiel hauptsächlich in die Zeit vom Herbst 1914 bis 1918. Ganz begreiflich, weil ich zu jener Zeit große Einnahmen hatte. Herwarth Walden fand, daß es der wirksamste 'Propagandatrick' sei, wenn wir so täten, als könne der 'Sturm' in der schweren Kriegszeit aus eigener Kraft bestehen. Das bedeutete, daß wir meine große finanzielle Hilfe für den 'Sturm' geheim hielten. Als er aber unsere Kunstsammlung als 'Sammlung Herwarth Walden' bezeichnete, protestierte ich, und Walden sah ein, daß es nicht korrekt war, die Kunstsammlung, die ich mit meinem Gelde anlegte, als die seine zu bezeichnen, wenn er es auch nur aus Propagandagründen tat. Wir einigten uns auf den Namen 'Sammlung Walden'. Diese Bezeichnung war, solange wir verheiratet waren, wohl die richtige." (Nell Walden, Herwarth Walden. Ein Lebensbild, Berlin/Mainz 1963, S. 23).
Fünf Ölgemälde von Kandinsky hat Nell Walden nach eigener Aussage in ihrem Eigentum (ebd., S. 25).
Möglicherweise verleiht Nell Walden das Gemälde "Villa Seeburg" erneut für "Sturm"-Ausstellungen, denn auch darauf könnte die rückseitige Aufschrift "Goldschmidt Frankfurt / M." Bezug nehmen. So könnte das Gemälde ebenso gut wie auf der "Blauer Reiter"-Schau auch im Zuge der "Sturm"-Gesamtschau des Jahres 1917 bei Goldschmidt in Frankfurt gewesen sein. Auch hier lässt sich gleichwohl die exakte Werkzusammenstellung nicht mehr rekonstruieren.
1932 lässt Nell Walden, seit 1924 von Herwarth Walden geschieden, den Großteil ihrer wertvollen Sammlung in die Schweiz bringen. Das fragliche Werk scheint die Sammlung aber bereits zuvor zu verlassen.
In der Sammlung Dr. Oskar Kirchner
Das Bild gelangt in eine weitere bedeutende, wenn auch weniger "öffentliche" Sammlung: die des Arztes Dr. Oskar Kirchner (1877–1956) in Gelsenkirchen, der auch sein Sammleretikett auf der Rückseite des Werks anbringt.
Dr. Oskar Kirchner war auch Kunstmäzen und Besitzer einer der wertvollsten Privatsammlungen von Gelsenkirchen. Er besaß eine der wertvollsten privaten Kunstsammlungen der modernen Malerei im weiten Umkreis. (Wilhelm Niemöller, Stadt Gelsenkirchen. Jahres-Chronik für das Jahr 1956, Gelsenkirchen 1956, S. 265)
Nach dem Tod der Witwe Hedwig im Jahr 1961 geht die Kunstsammlung schließlich an die drei Kinder über. Noch zu Lebzeiten dokumentiert Hedwig die Verteilung der Sammlung in einer handschriftlichen Liste, die noch heute eine Vorstellung der einst so imposanten Kollektion vermittelt: Werke des Freundes Heinz May werden ergänzt von einem "Who is who" der Avantgarde: Rohlfs, Klee, Macke, Ophey, Chagall, Heckel, Nolde, Mueller, Schmidt-Rottluff – und Kandinsky.
Ein Werk von besonderer Bedeutung
"Villa Seeburg am Staffelsee" ist eine Neuentdeckung, entstanden in einer Zeit, die den Übergang zur reinen Abstraktion dokumentiert. Als einziges Werk aus dem "Memorandum" von 1911 nicht im Werkverzeichnis verzeichnet, ist es ein bisher unentdecktes Zeugnis seiner experimentellen Phase. Die Provenienz aus den Sammlungen Nell Walden und Dr. Oskar Kirchner zeigt, dass schon zur Entstehungszeit die stilistische Innovation erkannt wurde, die es heute zu einem zentralen Dokument der expressionistischen Avantgarde macht. Das Gemälde steht für Kandinskys theoretische und praktische Auseinandersetzung mit Farbe und Form – und damit für den Beginn einer neuen Ära in der Kunst des 20. Jahrhunderts.
Zwischen 1909 und 1914 leben und arbeiten Gabriele Münter und Wassily Kandinsky sowohl in München-Schwabing in der Ainmillerstraße 36 als auch in Murnau. Sie beide, die rastlos und mit offenen Augen während der vergangenen vier Jahre durch Tunis, Italien, Paris und Südfrankreich reisten, sind nun sesshaft geworden. 1908 kehrt das Künstlerpaar endgültig nach Deutschland zurück. Sie finden in Murnau ihren Sehnsuchtsort, der mit dem Kauf des Hauses in der Kottmüllerallee 1909 durch Gabriele Münter ihr schöpferischer Kraftort wird. Das sogenannte Russenhaus ist auch über viele Jahre der Ort, an dem der Schatz der gemeinsamen Lebensspanne und des einander befruchtenden Wirkens dieser beiden wichtigen Künstlerpersönlichkeiten bewahrt wird.
"Villa Seeburg am Staffelsee" – Eine Neuentdeckung aus Kandinskys "Memorandum" von 1911
Das Werkverzeichnis der Ölgemälde von Kandinsky berichtet von einem "Memorandum". Es zeigt acht kleine Skizzen, die von Kandinsky "höchstwahrscheinlich Ende des Jahres 1911, zur Zeit der Vorbereitung für die Ausstellung 'Der Blaue Reiter' in der 'Modernen Galerie Thannhauser ' in München und in der Galerie 'Der Sturm' in Berlin gefertigt wurden" (zit. nach: H. Roethel, J. Benjamin, Kandinsky. Werkverzeichnis der Ölgemälde, München 1982, S. 19). Auf diesem Memorandum sind acht Werke aus den Jahren 1908 bis 1911 skizziert.
Alle diese acht im kleinen Format skizzierten Werke sind jeweils mit Titel und Entstehungsjahr benannt. Sechs davon mit Anmerkungen zu den beiden Galerien Thannhauser und Sturm. Auch "Villa Seeburg 1911" ist hier skizziert und von Kandinsky benannt. Bis auf "Villa Seeburg 1911" finden sich alle auf dem Memorandum skizzierten Bilder im nachfolgenden Werkverzeichnis wieder. Nur "Villa Seeburg 1911" wurde wohl versehentlich nicht berücksichtigt. Unter der WVZ-Nr. 438 ist das heute in der Philips Collection, Washington gezeigte Werk "Herbst II" (1912), eine spätere und größere Version unseres Gemäldes genant und über einen Zwischenschritt der Hinweis auf das Memorandum hinterlegt. Jedoch kann "Herbst II" nicht das auf dem Memorandum vermerkte Werk sein, denn "Herbst II" ist erst 1912 entstanden. Das Memorandum muss sich demnach also auf unser Gemälde von 1911 beziehen.
Wegweisende Projekte der Murnauer Zeit
Kandinsky wird zu Recht als Erneuerer der Kunst gepriesen. Welche wichtigen und wegweisenden Projekte er in den Murnauer Jahren, zur Entstehungszeit unseres Werkes, vorantreibt, darf dabei auf keinen Fall übersehen werden.
Früh erkennt Kandinsky, dass man durch den Zusammenschluss mit Gleichgesinnten in progressiven Künstlergruppen mehr Aufmerksamkeit für die eigenen Ziele finden kann. Schon 1901 hatte er die bis 1904 bestehende Gruppe "Phalanx" gegründet; 1909 ist er Gründungsmitglied der "Neuen Künstlervereinigung München" (NKVM), die im Dezember 1909 erstmals in München bei Thannhauser ausstellt. Alexej Jawlensky, Adolf Erbslöh, Marianne von Werefkin, Alexander Kanoldt und Karl Hofer sind Mitglieder, um nur einige zu nennen.
1911 entfremdet Kandinsky sich von seinen Kollegen in der NKVM. Über den Sommer hinweg eskaliert der Streit zwischen den Mitgliedern. Bei der Vorbereitung zur 3. Ausstellung der NKVM kommt es zum Eklat. Die Werke, die Kandinsky für die Ausstellung auswählt, werden von den anderen Gruppenmitgliedern nicht akzeptiert. Er hatte den Streit durch ein dem Regularium nicht entsprechendes, zu großes Bild selbst heraufbeschworen. Daraufhin kommt es zum Bruch; Marc, Kubin, Münter und Kandinsky verlassen die NKVM.
Schon während des Sommers waren "undercover" von Kandinsky und Marc Vorbereitungen getroffen worden, die nun umgesetzt werden. Eine neue Künstlergruppe wird gegründet, für die Kandinskys Name bis heute maßgeblich steht: "Der Blaue Reiter". Der Coup gelingt. Vom 18. Dezember 1911 bis zum 1. Januar 1912 findet parallel zur 3. NKVM-Ausstellung die erste Ausstellung der Gruppe "Der Blaue Reiter" bei der Galerie Thannhauser statt. Das Jahr 1911 ist mit der Gründung der bedeutenden Vereinigung "Der Blaue Reiter" ein Schlüsseljahr und ein Meilenstein der Moderne.
Die Erneuerung der Kunst strebt Kandinsky zudem über die theoretische Basis einer neuartigen Kunsttheorie an. 1910 schreibt er sein berühmtes Traktat "Über das Geistige in der Kunst", das 1911 bei der ersten Ausstellung "Der Blauer Reiter" ausliegt. Im Vorwort schreibt er, es "sind Resultate von Beobachtungen und Gefühlserfahrungen, die sich allmählich im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahre sammelten" (zit. nach: W. Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, München 1912 (2. Aufl.), Vorwort zur 1. Aufl.)). Wichtige Ergänzungen seiner kunsttheoretischen Gedanken werden 1914 im Almanach "Der Blaue Reiter" veröffentlicht: so die Texte "Über die Formfrage", "Über Bühnenkomposition" und Kandinskys "Der gelbe Klang – Eine Bühnenkomposition", wozu der Komponist Thomas von Hartmann die Musik komponieren sollte.
Die vielfältige Auseinandersetzung mit verschiedensten Inhalten schlägt sich natürlich auch in seinem künstlerischen Schaffen nieder. Neben klassischen Landschaften entstehen schon bald auch Werke, die er "Komposition", "Improvisation" oder "Impression" nennt. Doch gerade Darstellungen wie unser Gemälde "Villa Seeburg am Staffelsee" zeigen die gestalterischen Interaktionen und Entwicklungen.
Murnauer Jahre – Hinwendung zur Abstraktion
Vom "Russenhaus" aus können Kandinsky und Münter in das Murnauer Moos und auf die ersten Berge der Alpen dahinter blicken. Nur einen Steinwurf entfernt liegt auf der anderen Seite der Staffelsee. Nicht nur die berühmten Staffelsee-Ansichten Gabriele Münters zeugen von häufigen Spaziergängen an dessen Ufern. Auch unsere "Villa Seeburg am Staffelsee" liegt hier.
In vielerlei Hinsicht verweist dieses Werk auf die wichtigsten Jahre der Entwicklung der Abstraktion durch Wassily Kandinsky. In den entscheidenden Jahren 1909 bis 1911 gelingt Kandinsky der Durchbruch zu einem absolut neuen, vollständig abstrakten Stil, der die Grundlage seiner Karriere bildet und ihn zu einem der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts machen wird. Die Entstehung des hier angebotenen Gemäldes von 1911 fällt in eine Phase, die entscheidend für Kandinskys Übergang von der figurativen Malerei zur Abstraktion ist.
Vor 1907 widmet Kandinsky sich vor allem der Darstellung von Landschaften, die geprägt von impressionistischen Einflüssen und seiner starken Sensibilität für die Farbigkeit der Natur sind.
Sie sind Zeugnis der gemeinsamen Reisen mit Gabriele Münter. Daneben stehen Werke mit märchenhaften Szenerien seiner russischen Heimat.
Die Reaktion Kandinskys auf die Pariser Einflüsse zeigt sich in einer deutlich helleren Palette und dem bewussten Einsatz von Farbe, um Form auszudrücken, ohne formale deskriptive Überlegungen. Die künstlerische Fortführung dieser Entwicklung zeigt sich in der Landschaft "Bei Oberau", die wir in dieser Auktion unter der Losnummer 67 anbieten können.
1911 ist ein Jahr intensiven Arbeitens und damit verbunden ein Jahr der großen Fortschritte für den Künstler. "Maßgeblichen Erfolg brachten hier die heißen Sommerwochen im Murnauer Haus im Juli und August, die er allein verbrachte, während Gabriele Münter sich im Rheinland aufhielt. In intensiver Arbeit erreichte Kandinsky in […] Hinterglasbildern und Gemälden neue Stufen der Reduzierung des Gegenständlichen." (zit. nach: Brigitte Salmen, Wassily Kandinsky und Murnau. Zur reinen Welt der inneren Klänge, München 2019, S. 75)
Kandinsky entwickelt in dieser Zeit ein neues künstlerisches Vokabular, das sich von der direkten Naturbeobachtung befreit. Allmählich lösen sich die gegenständlichen Elemente zu klangvollen Farbflächen auf. Dabei wendet er die Gegenüberstellung von Farben an, wie er sie in seiner Schrift "Über das Geistige in der Kunst" (1910/11) ausführlich erläutert.
Mit der Auflösung der Formen und dem freien, kraftvollen Farbenspiel kündigt sich bereits der Weg in die Abstraktion an. Dieser entscheidende Prozess führt Kandinsky von seinen ersten "Impressionen", "Improvisationen" und "Kompositionen" bis hin zu seiner berühmten abstrakten "Komposition VII" (1913).
Wichtig ist es, darauf hinzuweisen, dass Kandinsky parallel auf verschiedenen gestalterischen Ebenen arbeitet, denn Kandinsky malt nicht ab einem 'bestimmten' Zeitpunkt abstrakt. Vielmehr entwickeln sich aus einer großen Bandbreite von Werken immer neue Erkenntnisse. Er spürt, dass er mit seinen Ideen auf dem richtigen Weg zur Befreiung der Kunst von der Gegenständlichkeit ist. Eine wichtige Konstante ist dabei die Landschaftsdarstellung. In ihr erprobt und findet Kandinsky neue Wege des Ausdrucks. Genau an dieser Stelle reiht sich 1911 unser Werk "Villa Seeburg am Staffelsee" ein.
"Villa Seeburg am Staffelsee" – Farbe und Ausdruck
Die Wahl der Farben in unserem Gemälde findet ihre Erläuterungen in seiner Schrift "Über das Geistige in der Kunst". Blau und Gelb stehen sich in großen Flächen in Haus, Landschaft, Himmel und ihren Spiegelungen im Wasser gegenüber. Kandinsky schreibt: "Die Wärme oder die Kälte der Farbe ist eine Neigung ganz im allgemeinen zu Gelb oder zu Blau. Dies ist eine Unterscheidung, die sozusagen auf derselben Fläche geschieht, wobei die Farbe ihren Grundklang behält, aber dieser Grundklang wird mehr materiell oder mehr immateriell. Es ist eine horizontale Bewegung, wobei das Warme sich auf dieser horizontalen Fläche zum Zuschauer bewegt, zu ihm strebt, das kalte – sich vom Zuschauer entfernt." (zit. nach: Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, München 1912 (2. Auflage), S. 72ff.) Im Weiteren hebt er die ex- und konzentrische Farbwirkung des Gelb und des Blau hervor. Kandinsky folgend, erfährt diese Farbbewegung eine Steigerung durch die Verwendung von Weiß und Schwarz. Das Weiß tupft Kandinsky bei "Villa Seeburg am Staffelsee" ganz explizit als aufhellende Partien an das Gelb hinzu. Von ganz eigener Qualität, die abstrahierende Wirkung noch betonend, ist die Spiegelung unterhalb der gezackt gegebenen Uferlinie. Hier treffen sich Gelb und Blau in ihrer Mischung, im Grün.
Farben und Formen verselbständigen sich. Aspekte wie perspektivische Korrektheit und räumliche Tiefenwirkung treten in den Hintergrund und die noch immer gegenstandsbezogenen Farben können bereits als ein Flächengefüge bezeichnet werden. Die Farben scheinen im Bild zu schweben, es sind leichte, rhythmisch aneinandergesetzte Farbflächen, die die Komposition formen. Es entsteht große Nähe zur Abstraktion, verstärkt durch den leicht gebogenen Schwung der Uferlinie und die Spiegelung des Gesehenen im Wasser. Im Wasser werden die Farbflächen bis auf wenige Bereiche nicht mehr von schwarzen Linien umschlossen, wie etwa das Gebäude mit Turm und Dach. In der Spiegelung des Wassers agiert die Farbe jedoch völlig frei ohne rahmende Begrenzung, ohne Festlegung auf eine Funktionsbestimmung, alles Materielle löst sich auf.
Auf der Frankfurter Ausstellung "Der Blaue Reiter"
Die wohl auch mithilfe des erwähnten Memorandums vorbereitete Ausstellung "Der Blaue Reiter" wandert als große Tournee durch Deutschland und Europa. Die Schau gastiert dabei auch in der Frankfurter Galerie Goldschmidt. Und auf der Rückseite von "Villa Seeburg" steht, hastig hingeworfen: "Goldschmidt Frankfurt / M" – wohl ein Versandvermerk. War "Villa Seeburg" etwa Teil der bedeutenden "Blauer Reiter"-Ausstellung? Dass das Bild in den gedruckten Katalogen der Schau nicht zu identifizieren ist, muss kein Ausschlusskriterium sein, zumal die Avantgardeausstellungen jener Jahre auch in der Werkzusammenstellung oft ein äußerst dynamisches Geschehen darstellen.
Den Kontakt zum Frankfurter Galeristen Goldschmidt etablieren Kandinsky und Marc jedenfalls über Georg Swarzenski, damals Leiter des Städels und der Städtischen Galerie in Frankfurt.
Am 20. Dezember 1911 schreibt Kandinsky an besagten Swarzenski: " Wir möchten gerne die wirklich gut gelungene Ausstellung des Blauen Reiters noch in einigen Städten zeigen, darunter in Frankfurt. Dürfte ich mich bei der Anfrage an Goldschmidt auf Sie berufen? Ich denke, dass auch seine kaufmännischen Herzenssaiten für uns günstig […] werden [...]. Es wäre also vom großen Wert Goldschmidt zu zeigen, dass Sie sich für die Ausstellung interessieren" (Kandinsky an Georg Swarzenski, 20.12.1911, Staatsbibliothek Berlin NL 270, Nr. 89).
Die Vermittlung gelingt: In Frankfurt ist die Schau "Der Blaue Reiter" zwischen 28. August und Mitte September 1912 zu sehen – möglicherweise mit dem Gemälde "Villa Seeburg".
In der Sammlung Walden
Wenn sich auch die genaue Zusammenstellung der Frankfurter Schau nicht mehr rekonstruieren lässt, so aber doch der nächste Eigentümer, in dessen Berliner Galerie "Der Sturm" die "Blauer Reiter"-Ausstellung ebenfalls zu sehen ist: Herwarth Walden (1878–1941). So schreibt Walden am 5. Januar 1914 an Gabriele Münter: "Unsere beiden Bilder heißen: Seeburg am Staffelsee und Dünaburg (1911). [...] Villa Seeburg ist das Bild, das Sie urkundlich aufgezeichnet haben"; und als Postskriptum folgt die Bildbeschreibung: "Seeburg: Ein Turm, der sich im Wasser spiegelt" (zit. nach: Bilang, 2012, S. 150f.).
Herwarth Walden lässt zu seiner privaten Sammlung mehrere Kataloge unter dem Titel "Sammlung Walden" drucken. Zwischen 1915 und 1919 ist unser Werk, das auch auf der Rückseite die charakteristischen Reste eines "Sturm"-Etiketts zeigt, in diesen Katalogen durchgehend dokumentiert.
Die Weltkriegsjahre übersteht das farbenprächtige Gemälde also in den Berliner Räumen des "Sturm" in der Potsdamer Straße 134a, die zugleich die Privatwohnung des Ehepaars Walden beherbergen. Zwei- bis dreimal pro Woche wird die Kollektion für eine Stunde zur Besichtigung geöffnet. Man vermag sich lebhaft vorzustellen, wie die Berliner Avantgarde sich hier vor unserem Gemälde Kandinskys trifft.
Dass die "Sammlung Walden" noch heute vor allem mit dem berühmten Herwarth Walden in Verbindung gebracht wird, ist symptomatisch für die Nachwirkungen einer Zeit, in der Frauen systematisch übergangen werden. Denn Nell Roslund (1887–1975), die Herwarth Walden nach dessen vorangegangener "amour fou" mit der Dichterin Else Lasker-Schüler 1912 heiratet, schreibt rückblickend über diese "Kunstsammlung Walden", es sei doch vielmehr die "Sammlung Nell Walden":
"Meine eigene Sammlertätigkeit fiel hauptsächlich in die Zeit vom Herbst 1914 bis 1918. Ganz begreiflich, weil ich zu jener Zeit große Einnahmen hatte. Herwarth Walden fand, daß es der wirksamste 'Propagandatrick' sei, wenn wir so täten, als könne der 'Sturm' in der schweren Kriegszeit aus eigener Kraft bestehen. Das bedeutete, daß wir meine große finanzielle Hilfe für den 'Sturm' geheim hielten. Als er aber unsere Kunstsammlung als 'Sammlung Herwarth Walden' bezeichnete, protestierte ich, und Walden sah ein, daß es nicht korrekt war, die Kunstsammlung, die ich mit meinem Gelde anlegte, als die seine zu bezeichnen, wenn er es auch nur aus Propagandagründen tat. Wir einigten uns auf den Namen 'Sammlung Walden'. Diese Bezeichnung war, solange wir verheiratet waren, wohl die richtige." (Nell Walden, Herwarth Walden. Ein Lebensbild, Berlin/Mainz 1963, S. 23).
Fünf Ölgemälde von Kandinsky hat Nell Walden nach eigener Aussage in ihrem Eigentum (ebd., S. 25).
Möglicherweise verleiht Nell Walden das Gemälde "Villa Seeburg" erneut für "Sturm"-Ausstellungen, denn auch darauf könnte die rückseitige Aufschrift "Goldschmidt Frankfurt / M." Bezug nehmen. So könnte das Gemälde ebenso gut wie auf der "Blauer Reiter"-Schau auch im Zuge der "Sturm"-Gesamtschau des Jahres 1917 bei Goldschmidt in Frankfurt gewesen sein. Auch hier lässt sich gleichwohl die exakte Werkzusammenstellung nicht mehr rekonstruieren.
1932 lässt Nell Walden, seit 1924 von Herwarth Walden geschieden, den Großteil ihrer wertvollen Sammlung in die Schweiz bringen. Das fragliche Werk scheint die Sammlung aber bereits zuvor zu verlassen.
In der Sammlung Dr. Oskar Kirchner
Das Bild gelangt in eine weitere bedeutende, wenn auch weniger "öffentliche" Sammlung: die des Arztes Dr. Oskar Kirchner (1877–1956) in Gelsenkirchen, der auch sein Sammleretikett auf der Rückseite des Werks anbringt.
Dr. Oskar Kirchner war auch Kunstmäzen und Besitzer einer der wertvollsten Privatsammlungen von Gelsenkirchen. Er besaß eine der wertvollsten privaten Kunstsammlungen der modernen Malerei im weiten Umkreis. (Wilhelm Niemöller, Stadt Gelsenkirchen. Jahres-Chronik für das Jahr 1956, Gelsenkirchen 1956, S. 265)
Nach dem Tod der Witwe Hedwig im Jahr 1961 geht die Kunstsammlung schließlich an die drei Kinder über. Noch zu Lebzeiten dokumentiert Hedwig die Verteilung der Sammlung in einer handschriftlichen Liste, die noch heute eine Vorstellung der einst so imposanten Kollektion vermittelt: Werke des Freundes Heinz May werden ergänzt von einem "Who is who" der Avantgarde: Rohlfs, Klee, Macke, Ophey, Chagall, Heckel, Nolde, Mueller, Schmidt-Rottluff – und Kandinsky.
Ein Werk von besonderer Bedeutung
"Villa Seeburg am Staffelsee" ist eine Neuentdeckung, entstanden in einer Zeit, die den Übergang zur reinen Abstraktion dokumentiert. Als einziges Werk aus dem "Memorandum" von 1911 nicht im Werkverzeichnis verzeichnet, ist es ein bisher unentdecktes Zeugnis seiner experimentellen Phase. Die Provenienz aus den Sammlungen Nell Walden und Dr. Oskar Kirchner zeigt, dass schon zur Entstehungszeit die stilistische Innovation erkannt wurde, die es heute zu einem zentralen Dokument der expressionistischen Avantgarde macht. Das Gemälde steht für Kandinskys theoretische und praktische Auseinandersetzung mit Farbe und Form – und damit für den Beginn einer neuen Ära in der Kunst des 20. Jahrhunderts.
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