126000271
Ernst Ludwig Kirchner
Landschaft mit Haus (Torhaus an der Hauptallee des Großen Gartens in Dresden), 1910.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 800.000 - 1.200.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
126000271
Ernst Ludwig Kirchner
Landschaft mit Haus (Torhaus an der Hauptallee des Großen Gartens in Dresden), 1910.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 800.000 - 1.200.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
 

Ernst Ludwig Kirchner
1880 - 1938

Landschaft mit Haus (Torhaus an der Hauptallee des Großen Gartens in Dresden). 1910.
Öl auf Leinwand.
Rechts unten signiert. 51 x 70,5 cm (20 x 27,7 in).
Das Werk ist im Photoalbum I des Künstlers enthalten (Photo 191).

• Expressionismus pur: die Motive entstehen aus der kontrastreichen, reinen Farbe heraus.
• Dresden, Geburtsort des deutschen Expressionismus: 1905 gehört E. L. Kirchner zu den Gründungsmitgliedern der legendären Künstlergruppe "Brücke" (1905-1913).
• Herausragende, geschlossene Provenienz: einst Teil der Sammlung Dr. Ludwig und Dr. Otto Binswangers, den Ärzten des Künstlers am Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen, und dessen Nachfahren.
• Mit kraftvollem Pinselstrich und radikal vereinfachten Formen verwandelt Kirchner die Farben des Sommers in ein Meisterwerk der expressionistischen Malerei.
• Kirchners Gemälde dieser Qualität befinden sich heute fast ausschließlich in Museumsbesitz
.

Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Dr. Ludwig Binswanger und Dr. Otto Binswanger, Kreuzlingen (direkt vom Künstler, nach 1918, anschließend in Familienbesitz).
M. Binswanger-Huber, Bern (durch Erbschaft).
Privatsammlung Süddeutschland (2005 von der Vorgenannten erworben, Grisebach, Berlin).

AUSSTELLUNG: E. L. Kirchner und Rot-Blau, Kunsthalle Basel, 1967, Kat.-Nr. 17.
Im Farbenrausch. Munch, Matisse und die Expressionisten, Museum Folkwang, Essen, 29.9.2012-13.1.2013, Kat.-Nr. 73 (m. Abb., S. 171).

LITERATUR: Donald E. Gordon, Ernst Ludwig Kirchner, München 1968, S. 69 u. 292, WVZ-Nr. 127 (m. SW-Abb.).
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Albert Schoop, Ernst Ludwig Kirchner im Thurgau. Die 10 Monate in Kreuzlingen 1917-1918, Bern 1992, S. 64.
Konstanze Rudert, Dresdner Motive in den Werken der Künstlergemeinschaft Brücke (ausgehend von Bernd Hünlichs topografisch-kritischer Bestandsaufnahme), in: Ausst.-Kat. Die Brücke in Dresden 1905-1911, Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen, Dresden, Köln 2001/2002, S. 382 (m. Abb.).
Hans Delfs (Hrsg.), Ernst Ludwig Kirchner. Der gesamte Briefwechsel - "Die absolute Wahrheit, so wie ich sie fühle", Zürich 2010, Nr. 507 u. 516.
Villa Grisebach, Berlin, 125. Auktion, Ausgewählte Werke, 3.6.2005, Los 18 (m. Abb.).

Dresden: Gründungsort der legendären Künstlergruppe "Brücke"
Im Juni 1905 gründet Ernst Ludwig Kirchner gemeinsam mit Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff die Künstlergruppe "Brücke". Interessiert beobachtet er in dieser Zeit u. a. die zeitgenössischen künstlerischen Strömungen in Frankreich, die Post-Impressionisten, die "Nabis" und die farbenprächtigen "Fauves" um Henri Matisse und setzt sich mit der Malerei Edvard Munchs sowie des wenige Jahre zuvor verstorbenen Vincent van Goghs auseinander. Im November 1905 zeigt die Dresdener Galerie Arnold in einer vom Berliner Galeristen Paul Cassirer organisierten Retrospektive über 50 Arbeiten van Goghs, dessen farbgewaltige Arbeiten den meisten Menschen in Deutschland und auch E. L. Kirchner bis zu diesem Zeitpunkt vermutlich als reine Schwarz-Weiß-Reproduktionen bekannt waren. Nun wird die gesamte Wucht und Ausdrucksstärke seiner Gemälde deutlich – eine Offenbarung und ein Schlüsselerlebnis, auch für die jungen "Brücke"-Künstler. Begeistert von der wilden Ursprünglichkeit der Malweise, von der Freiheit der Form und dem kräftigen Kolorit, geht es nun auch im Atelier der "Brücke" deutlich ungestümer und ungeordneter zu: die Kunst wird Teil des Alltags, man malt und zeichnet häufig gemeinsam im Atelier oder in der freien Natur, die Darstellungen werden dynamischer und unmittelbarer aus dem Moment heraus geboren und in ihren Gemälden arbeiten die jungen Maler nun zum Teil mit Farben, die sie direkt aus der Tube, ohne vorheriges Mischen auf die Leinwand auftragen: "Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt" (aus: Programm der "Brücke", zit. nach: Ausst.-Kat. Großstadtrausch – Naturidyll. Kirchner: Die Berliner Jahre, Kunsthaus Zürich, München 2017, S. 96) Durch das gemeinsame Arbeiten entsteht in diesen Jahren der reife, bis heute unverwechselbare "Brücke"-Stil.

Höhepunkt der Dresdener "Brücke"-Zeit
Innerhalb der "Brücke"-Kunst findet E. L. Kirchner in seinem entschlossenen Streben nach Neuerung und Reform seine ganz eigene expressionistischer Bildsprache. Ihm gelingt es in diesen Jahren um 1909/1910 seine künstlerischen Ziele, die unmittelbare und unverfälschte Wiedergabe der eigenen Wahrnehmung, des subjektiv erfahrenen Erlebnisses, fulminant und eindringlich zum Ausdruck zu bringen. In starken, ungemischten Farben, mit radikal vereinfachten, wirkungsvoll verfremdeten und übersteigerten Formen entstehen freie, spontane Darstellungen, die den im Gestern verhaftete Stil der Akademien aufbrechen und mit ihrer Radikalität und innovativen Andersartigkeit die moderne Kunst des 20. Jahrhunderts revolutionieren. Bezeichnenderweise befinden sich die meisten der im Werkverzeichnis Gordon dem Entstehungsjahr 1910 zugeordneten Gemälde E. L. Kirchners heute in deutschen und internationalen Museumssammlungen. Einige Arbeiten sind, wohl zum Teil durch die Wirren des Krieges, verschollen. Nur etwa zehn der 1910 entstandenen Gemälde sind in den vergangenen 30 Jahren auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten worden und anschließend in private Sammlungen übergegangen.

Inspiration liefern Kirchner damals Stadt- und Natureindrücke, eine sich verändernde Welt zwischen Tradition, Historie und moderner Gesellschaft sowie Tanz und Varieté – das kulturelle Geschehen in Dresden. Insbesondere kontrastierende Darstellungen zwischen dem modernen Leben in der Stadt und Aufenthalten in ländlicher Umgebung oder freier Natur finden sich in Kirchners gesamtem Œuvre wieder. Später sind es die Berliner Straßenszenen und Darstellungen aus Fehmarn, die sich gegenüberstehen; in der Schweiz dann bspw. die Bergpanoramen und bewegten Tanz- und Sportbilder. Auch in den Dresdener "Brücke"-Jahren findet sich dieses Wechselspiel bereits: neben sommerlichen Szenen im Grünen und an den Moritzburger Teichen entstehen sehr städtische Motive wie "Straßenbahn in Dresden" (1909, Staatsgalerie Stuttgart), "Eisenbahnüberführung Dresden-Löbtau" (1910, Galerie Neue Meister, Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden) oder "Bahnhofseinfahrt, Bahnhof Löbtau" (1911/12, Albertina, Wien).
In die Gemälde fließen sicherlich auch Kirchners Fähigkeiten im technischen Zeichnen, seine Kenntnisse über Städtebau, Perspektiven, Maßstäbe, Größenrelationen und Proportionen, räumliche Konstruktion und Tiefenwirkung ein, die er vor der Gründung der Künstlergruppe "Brücke" beim Architekturstudium an der Königlich-Sächsischen Technischen Hochschule in Dresden sammelt.

Die Farben des Frühlings: "Landschaft mit Haus (Torhaus an der Hauptallee des Großen Gartens in Dresden)"
Seine architektonisches Wissen hat Kirchner ganz offenbar auch in das hier gezeigte Gemälde einfließen lassen. Hinter reich bepflanzten, kreisförmig angelegten Rabatten und in wunderbarem Rosa erblühenden Bäumen versteckt sich, im Schatten liegend, eines der beiden 1814 von Gottlob Friedrich Thormeyer (1775–1842) erbauten Torhäuser im Großen Garten in Dresden.
Den Rest des hier gerade erst beginnenden Sommers 1910 verbringt Kirchner mit Erich Heckel und Max Pechstein sowie einer Gruppe von Freunden und Modellen an den Moritzburger Seen, doch in den Frühjahrs- und beginnenden Sommermonaten scheint sich der Künstler sehr gerne im Großen Garten aufgehalten zu haben: einzelne Zeichnungen und Aquarelle zeigen andere Bereiche der prachtvollen, im 17. Jahrhundert nach französischem Vorbild angelegten Parkanlage; Gebäude wie das frühbarocke Palais und die Kavaliershäuser, gewaltige Baumgruppen, Zierbüsche, Bepflanzungen und flanierende Spaziergänger auf den Alleen. Unweit des warmen, staubigen Stadtlebens lässt sich im Großen Garten in Ruhe und in eindrucksvoller Umgebung die Sonne genießen und Erholung finden. Diese besondere Stimmung überträgt Kirchner hier in leuchtenden, ungemischten Farben flächig und mit kühnen, dynamischen Pinselstrichen auf die Leinwand. Die meisten Formen entstehen aus der Farbe heraus und entfalten sich frei und ohne sie begrenzende Umrisse und Konturen. Dunkle Linien verwendet Kirchner lediglich für die architektonischen Elemente und als grafische Akzente in der Vegetation. Kleine, von Farbe und Pinsel unberührte, noch sichtbare Stellen der weiß grundierten Leinwand werden in die Gesamtkomposition mit einbezogen – so als würde das Sonnenlicht durch die blühenden Baumkronen hervorblitzen –, verleihen der Szenerie eine frühlingshafte Leichtigkeit und Frische und verstärken die Leuchtkraft der Farben. Bewegung und Lebendigkeit erzeugt er zudem durch kleine, angedeutete Spaziergänger im Hintergrund und einen leicht nach rechts abfallenden Vordergrund (unterstrichen von seiner schräg gesetzten Signatur), der den Betrachter durch den raffinierten Bildausschnitt und der dadurch angeschnittenen Blumenbeete direkt ins das Bild hinein holt.

Mit den leuchtenden, untereinander kontrastierenden Farbflächen, einer besonders flüssigen, expressiven Malweise und der überraschenden, ausdrucksstarken Unmittelbarkeit der dargestellten Szene ist "Landschaft mit Haus (Torhaus an der Hauptallee des Großen Gartens in Dresden)" ein wunderbares Beispiel für Kirchners unvergleichliche Malerei und beweist seine bedeutende Rolle in der Avantgarde der Vorkriegsjahre als einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen Expressionismus.

Die Sammlung Dr. Binswanger
Nahezu 100 Jahre ist das Werk im Besitz der Familie Binswanger. Den bedeutenden Psychoanalytiker und Psychater Dr. Ludwig Binswanger (1881–1966) lernt E. L. Kirchner im September 1917 im Sanatorium 'Bellevue' in Kreuzlingen am Bodensee kennen, in das sich der Künstler auf Anraten seines Förderers und Vertrauten Henry van de Veldes begeben hatte. Bis zum Sommer 1918 bleibt Kirchner Patient im Sanatorium, das seit 1910 unter der Leitung Dr. Binswangers steht. Er knüpft Kontakte, kommt zu Kräften und führt seine künstlerische Arbeit stetig fort. Zu seinem nahezu gleichaltrigen behandelnden Arzt fasst der Künstler schnell Vertrauen und empfindet den Umgang mit Binswanger in diesen schwierigen Jahren ganz offenbar als sehr positiv und förderlich: 1917 entstehen die zwei Ölgemälde, "Dr. Binswanger vor Berglandschaft" und "Der Besuch: Frau Binswanger" (Werkverzeichnis Gordon 499 u. 497) und bald darauf drei Holzschnitte des Psychologen (siehe Werkverzeichnis Gercken 880, 899 u. 900) und dessen Familie (siehe Werkverzeichnis Gercken 873 u. 885).

Während sich Kirchner in Kreuzlingen behandelt lässt, kümmert sich seine Lebensgefährtin Erna Schilling in Berlin um die geschäftlichen Belange und persönlichen Kontakte. Im Januar 1918 schickt sie eine Kollektion von elf Gemälden aus den Jahren 1909 bis 1911, darunter auch unsere "Landschaft mit Haus (Torhaus an der Hauptallee des Großen Gartens in Dresden)", an Helene und Dr. Lucius Spengler in Davos, dem Direktor des Davoser Sanatoriums 'Schatzalp', der Kirchner schon im Winter und Frühjahr 1917 medizinisch betreut hatte. Sie schreibt: "Sehr geehrte gnädige Frau, ich freue mich, dass die Bilder gut angekommen und Ihnen gefallen. Einliegende Liste dient zur Bezeichnung. Betreffs der Preise setzen Sie sich bitte mit Kirchner in Verbindung." (507. Brief, 20.1.1918) Kurz darauf nennt Erna Schilling Helene Spengler auch die entsprechenden Preise zu den Werken: "Die Preise der Bilder würden sein: 'Landschaft mit weisser Mauer u. Dorfkapelle' 500 frs., 'Blühende Bäume gegen Vorstadtlandschaft mit Häuser' 500 frs., 'Blühende Bäume u. Blumen …, schwarzes Haus' 450 frs. […]" (516. Brief, 20.1.1918)
Das Ehepaar Spengler und ihr 'Haus Fontana' in Davos sind in der Zeit nach Kirchners Übersiedlung in die Schweiz wichtiger gesellschaftlicher Rückhalt.
Vermutlich schon sehr bald darauf gelangt das Werk stattdessen – vielleicht durch einen Austausch der beiden Mediziner – in die Sammlung von Dr. Ludwig und dessen Onkel Dr. Otto Binswanger im nicht weit entfernten Kreuzlingen am Bodensee und verbleibt bis 2005 im Besitz der Familie. [CH]





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