Auktion: 606 / Evening Sale am 12.06.2026 in München → Lot 126000393
126000393
Emil Nolde
Drei Frauen, 1915.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 500.000 - 700.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
126000393
Emil Nolde
Drei Frauen, 1915.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 500.000 - 700.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Emil Nolde
1867 - 1956
Drei Frauen. 1915.
Öl auf Leinwand.
Rechts unten signiert. Auf dem Keilrahmen signiert und betitelt. 116 x 87 cm (45,6 x 34,2 in).
[JS].
• Expressionismus pur: mutige Formen, starke Farben und maximale Ausdruckskraft.
• Rätselhaft, bedrohlich, verführerisch, mystisch: emotional verdichtete Facetten des Weiblichen aus Noldes bester Schaffenszeit.
• Faszination Fremde: malerische Verschmelzung ferner Kulturen und Sinneseindrücke, gesammelt im Kontext von Noldes Südseereise.
• Bedeutende frühe Ausstellungshistorie: bereits in den 1910er Jahren in den Expressionismus-Galerien von Ludwig Schames und Hans Goltz gezeigt.
• Seit 1922 im Besitz wichtiger internationaler Förderer der Moderne: Dr. Josef Esters, Krefeld, Lionel C. Epstein, Washington, D.C., und zuletzt seit über 40 Jahren Teil einer renommierten norwegischen Privatsammlung.
Die Arbeit ist in der Handliste des Künstlers aus dem Jahr 1930 unter der Angabe "1915 Drei Frauen" verzeichnet.
PROVENIENZ: Dr. Josef Esters, Krefeld (1922).
Privatsammlung Krefeld.
Lionel C. Epstein, Washington, D.C. (seit 1984; Christie's, London).
Kaare Berntsen, Oslo.
Privatsammlung Norwegen (um 1985 vom Vorgenannten erworben).
AUSSTELLUNG: Emil Nolde. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Graphik, Kunstsalon Ludwig Schames, Frankfurt a. Main, Feb.-1.3.1917, Nr. 23.
Emil Nolde. Gemälde, Graphik, Kestner-Gesellschaft, Hannover, 6.1.-6.2.1918, Kat.-Nr. 41 (auf dem Keilrahmen mit dem Etikett).
Emil Nolde. Gemälde, Graphik, Galerie Neue Kunst Hans Goltz, München, 15.5.-15.6.1918, Kat.-Nr. 21 (auf dem Keilrahmen mit dem Etikett).
Emil Nolde, Nassauischer Kunstverein, Wiesbaden, Okt./Nov. 1919, Kat.-Nr. 26.
Sommerausstellung, Künstlervereinigung Dresden, 1919, Kat.-Nr. 114.
Emil Nolde, Kunstsalon Ludwig Schames, Frankfurt a. Main, April/Mai 1920, Nr. 29.
Emil Nolde. Gemälde, Aquarelle, Graphik, Kunstverein Kassel, 5.3.-Anfang April 1920, Kat.-Nr. 22.
Christian Rohlfs. Emil Nolde. Enst Barlach, Schleswig-Holsteinischer Kunstverein, Kiel, Sept. 1920, Kat.-Nr. 72.
Emil Nolde, Galerie Arnold, Breslau, Dez. 1920.
Emil Nolde, Kunsthütte Chemnitz, Okt./Nov. 1920.
Emil Nolde, Kunstverein Essen, Aug./Sept. 1921, o. Nr.
Expressionismus in Malerei und Plastik, Kaiser-Wilhelm-Museum, Krefeld, 1946, Kat.-Nr. 138.
LITERATUR: Martin Urban, Emil Nolde. Werkverzeichnis der Gemälde, Bd. II (1915-1951), München 1990, WVZ-Nr. 706 (m. Abb.).
- -
Weltkunst, Bd. 54, Nr. 5, München 1984, S. 548 (m. Farbabb.).
Christie's, London, Auktion 26.3.1984, Los 27 (m. Farbabb. S. 50).
1867 - 1956
Drei Frauen. 1915.
Öl auf Leinwand.
Rechts unten signiert. Auf dem Keilrahmen signiert und betitelt. 116 x 87 cm (45,6 x 34,2 in).
[JS].
• Expressionismus pur: mutige Formen, starke Farben und maximale Ausdruckskraft.
• Rätselhaft, bedrohlich, verführerisch, mystisch: emotional verdichtete Facetten des Weiblichen aus Noldes bester Schaffenszeit.
• Faszination Fremde: malerische Verschmelzung ferner Kulturen und Sinneseindrücke, gesammelt im Kontext von Noldes Südseereise.
• Bedeutende frühe Ausstellungshistorie: bereits in den 1910er Jahren in den Expressionismus-Galerien von Ludwig Schames und Hans Goltz gezeigt.
• Seit 1922 im Besitz wichtiger internationaler Förderer der Moderne: Dr. Josef Esters, Krefeld, Lionel C. Epstein, Washington, D.C., und zuletzt seit über 40 Jahren Teil einer renommierten norwegischen Privatsammlung.
Die Arbeit ist in der Handliste des Künstlers aus dem Jahr 1930 unter der Angabe "1915 Drei Frauen" verzeichnet.
PROVENIENZ: Dr. Josef Esters, Krefeld (1922).
Privatsammlung Krefeld.
Lionel C. Epstein, Washington, D.C. (seit 1984; Christie's, London).
Kaare Berntsen, Oslo.
Privatsammlung Norwegen (um 1985 vom Vorgenannten erworben).
AUSSTELLUNG: Emil Nolde. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Graphik, Kunstsalon Ludwig Schames, Frankfurt a. Main, Feb.-1.3.1917, Nr. 23.
Emil Nolde. Gemälde, Graphik, Kestner-Gesellschaft, Hannover, 6.1.-6.2.1918, Kat.-Nr. 41 (auf dem Keilrahmen mit dem Etikett).
Emil Nolde. Gemälde, Graphik, Galerie Neue Kunst Hans Goltz, München, 15.5.-15.6.1918, Kat.-Nr. 21 (auf dem Keilrahmen mit dem Etikett).
Emil Nolde, Nassauischer Kunstverein, Wiesbaden, Okt./Nov. 1919, Kat.-Nr. 26.
Sommerausstellung, Künstlervereinigung Dresden, 1919, Kat.-Nr. 114.
Emil Nolde, Kunstsalon Ludwig Schames, Frankfurt a. Main, April/Mai 1920, Nr. 29.
Emil Nolde. Gemälde, Aquarelle, Graphik, Kunstverein Kassel, 5.3.-Anfang April 1920, Kat.-Nr. 22.
Christian Rohlfs. Emil Nolde. Enst Barlach, Schleswig-Holsteinischer Kunstverein, Kiel, Sept. 1920, Kat.-Nr. 72.
Emil Nolde, Galerie Arnold, Breslau, Dez. 1920.
Emil Nolde, Kunsthütte Chemnitz, Okt./Nov. 1920.
Emil Nolde, Kunstverein Essen, Aug./Sept. 1921, o. Nr.
Expressionismus in Malerei und Plastik, Kaiser-Wilhelm-Museum, Krefeld, 1946, Kat.-Nr. 138.
LITERATUR: Martin Urban, Emil Nolde. Werkverzeichnis der Gemälde, Bd. II (1915-1951), München 1990, WVZ-Nr. 706 (m. Abb.).
- -
Weltkunst, Bd. 54, Nr. 5, München 1984, S. 548 (m. Farbabb.).
Christie's, London, Auktion 26.3.1984, Los 27 (m. Farbabb. S. 50).
Wilde Farben – Freier Geist: Emil Nolde und das expressionistische Figurenbild
Emil Nolde gilt gemeinhin als der expressionistische Blumen- und Landschaftsmaler schlechthin. Berühmt sind seine zahlreichen Gemälde und Aquarelle, welche formatfüllend der überwältigenden und schier endlosen Blütenpracht seines Bauerngartens gewidmet sind. Ab 1916 lässt sich Nolde gemeinsam mit seiner Frau Ada nahe der dänischen Grenze in Untenwarf und ab 1927 schließlich in seinem neu gebauten Wohn- und Atelierhaus in Seebüll nieder. Spätestens seit 1916 bis in die 1950er Jahre hinein also wird Nolde zum gefeierten nordischen Blumen- und Landschaftsmaler, der in seinen Blütenarrangements, Wolkenformationen und Lichtstimmungen immer wieder aufs Neue die besondere Ausdruckskraft der Farbe feiert. Bei all dieser Bewunderung für die farbige Wucht und Schönheit dieser Blumen und Landschaftsbilder wird oftmals übersehen, dass Noldes expressionistisches Schaffen nicht etwa hier, sondern in seinen figürlichen Kompositionen der 1910er Jahre seinen absoluten Höhepunkt erreicht. Nolde ist Anfang 40 und blickt auf ein impressionistisches Frühwerk zurück, als sein expressionistisches Figurengemälde "Pfingsten" (1909, Neue Nationalgalerie, Berlin) 1910 von der Jury der Berliner Secession unter der Leitung von Max Liebermann für die Sommerausstellung abgelehnt wird. Nach einem beleidigenden Brief an Liebermann, in dem Nolde dessen impressionistische Malerei als schwach und kitschig beschimpft, wird Nolde aus der Berliner Secession ausgeschlossen und ist in den Folgejahren ebenfalls vorrangig mit expressionistischen Figurenbildern auf den Ausstellungen der daraufhin als Protestbewegung gegründeten "Neuen Secession" vertreten, in der sich ab 1910 die jungen "Brücke"-Künstler und weitere expressionistische Maler zusammenschließen. Noldes besondere Stärke des Ausdruckes liegt darin, in maximal befreiter Farb- und Formgebung eine emotional tief aufgeladene Stimmung auf die Leinwand zu setzen. Noldes Figuren sind keine schönen Ideale – sie sind Verdichtungen des Menschlichen in seiner ganzen Komplexität: Angst, Glaube, Verlockung, Dämonie. Bis 1915 hatte er diese Bildsprache zu einer Fülle und Sicherheit geführt, die ihm niemand mehr streitig machen konnte. Und so beginnt er seine Figuren immer mehr in Richtung einer emotional aufgeladenen Typisierung des Menschlichen zu steigern, und es sind in diesem Kontext vor allem die spirituellen, alles Irdische in ihrer Verzweiflung, ihrer Angst, aber auch ihrer Kraft und Hoffnung übertreffenden biblischen Themen, die Nolde schließlich in der Mitte der 1910er Jahre zu seiner herausragenden expressionistischen Stärke führen.
Nolde und das Weibliche: Spiritualität, Mystik, Sinnlichkeit und Ekstase
Geradezu wie ein Paukenschlag muss auch das im Gründungsjahr der "Neuen Secession" entstandene Gemälde "Tanz um das Goldene Kalb" (1910, Pinakothek der Moderne, München) auf die damaligen Betrachter gewirkt haben: Nackt und ekstatisch tanzen Frauen in knalligem Gelb und Rot mit wehendem schwarzem und rotem Haar um das goldene Kalb. Sie werden damit zum malerischen Sinnbild von Freiheit, Zügellosigkeit und Lust. Ebenfalls 1910 malt Nolde das heute zur bedeutenden Sammlung des Museum of Modern Art gehörende Gemälde "Christus und die Kinder" (1910, Museum of Modern Art, New York), welches das bedingungslose Urvertrauen und die Hoffnung der hell leuchtenden Kinder auf der einen Seite dem Misstrauen, der Zaghaftigkeit und Angst der Jünger auf der anderen, im Dunkeln verbleibenden Seite gegenüberstellt. Auch hier ist es Nolde meisterlich gelungen, in spontan gesetzten Pinselhieben, mit wilden Farben und roh anmutenden, stilisierten Formen ganz im Sinne des Expressionismus das pure Gefühl frei und unmittelbar auf die Leinwand zu bannen. Ausgehend von den biblischen Themen beginnt Nolde in den Folgejahren die expressionistische Darstellung der menschlichen Emotionen auf den weltlichen Bereich auszuweiten. Es geht in seiner Malerei um Angst, Mut, Liebe und Eros und somit stets auch um verschiedene Facetten des Weiblichen. Großformatig, leuchtend und rätselhaft ist die Komposition, die Nolde uns mit seinem Gemälde "Drei Frauen" hinterlassen hat. Auch wenn Nolde die drei Frauen kompositorisch nahezu tänzerisch zueinander in Beziehung gesetzt hat, was formal trotz der wuchtig-verstörenden Motivik auf den ersten Blick Assoziationen an die kunsthistorische Tradition der "Drei Grazien" hervorruft, erscheinen sie doch in ihren langen, die Körper komplett verbergenden Gewändern geradezu emotional isoliert und beziehungslos. Kaum ist es möglich, sich der bedrohlichen Wucht zu entziehen, die von der zentralen, ganz in schwarz gehüllten Gestalt ausgeht. In tiefem Schwarz – frontal, mit finsterem Blick direkt auf den Betrachter gerichtet, in sich geschlossen und von einer fast bedrohlichen Präsenz – ist dies keine Figur im akademischen Sinne, aber auch keine exotisierte Fremde. Die beiden Frauen zu ihren Seiten, im strengen Profil, in stark überlängter Körperlichkeit vor leuchtendem Himmelblau, verstärken die Spannung dieser Komposition ins Mystische. Hier ist nicht die Schönheit das Thema – sondern das Geheimnisvolle, das Unbezwingbare, das, was sich der rationalen Deutung entzieht. Nolde ist auf dem Höhepunkt seiner Kräfte, als er mutig und radikal die leuchtenden, nahezu monochrom gehaltenen Farbflächen nebeneinandersetzt und zu einer herausragenden expressionistischen Komposition verbindet, die nicht nur seine Faszination für das Fremde, sondern vor allem für das Weibliche in sich trägt. Es ist das geheimnisvoll Fremde in all seinen Facetten und mit all seinen geheimnisvollen Reizen wie auch unheimlichen Abgründen des Lebens. In "Drei Frauen" ist Nolde somit etwas Gewaltiges gelungen. Er hat hier all jene Themen und Emotionsebenen gleich einem malerischen Kondensat verdichtet, welche seine expressionistische Malerei der 1910er Jahre auf entscheidende Weise auszeichnen und wie sie uns unter anderem auch in seinen geheimnisvollen weiblichen Charakterbildnissen der späten 1910er Jahre noch gegenübertreten: die Frau als Verlockung und Bedrohung zugleich, als dämonische Verführerin und geheimnisvoll mystische Kraft.
"Drei Frauen": Faszination Fremde und Noldes weiter Weg in die Südsee
1915, im Entstehungsjahr von "Drei Frauen", kann Nolde auf reiche Erlebnisse, Erinnerungen und Sinneseindrücke aus fernen Ländern zurückgreifen. Denn er war im Oktober 1913 gemeinsam mit seiner Frau Ada zu einer einjährigen Südseereise aufgebrochen. Die Eheleute Nolde waren Teilnehmer der "Medizinisch-demographischen Deutsch-Neuguinea-Expedition", von der das Ehepaar Nolde erst im September 1914, also nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wieder nach Berlin zurückkehren sollte. Die Reiseroute hatte Nolde über Moskau, Sibirien, die Mandschurei, Korea und Japan nach China und weiter nach (damals) Deutsch-Neuguinea mit Aufenthalten auf der Gazelle-Halbinsel, Neu-Mecklenburg und den Admiralitätsinseln geführt. Auf der Rückreise aus der Südsee im Sommer 1914 wird das Ehepaar Nolde im Suez-Kanal vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges überrascht. Mit einem holländischen Dampfer können sie nach Europa zurückkehren und kommen schließlich Mitte September wieder in Berlin an. Nolde setzt in den folgenden Monaten, auch während seines Aufenthalts auf der Insel Alsen, Bildthemen um, deren zentrale Inspiration in dieser ihm eine vollkommen neue Welt offenbarenden Reise in die Ferne begründet liegt. In "Drei Frauen" hat Nolde verschiedenste kulturelle Eindrücke aus den unterschiedlichsten Regionen seiner Reise zu einem emotional hoch verdichteten, expressionistischen Ganzen verwoben und damit all das in Form und Farbe auf die Leinwand gebracht, was bei seinem Aufbruch im Oktober 1913 nach seinen eigenen Worten den besonderen Reiz dieser großen Reise begründet hatte: "Es war am 2. Oktober 1913, als um 1 Uhr nachts auf dem Zoo-Bahnhof der Fernzug zur Abfahrt pfiff. […] Der Fernzug toste in die Nacht hinein. Unsere Gedanken mit ihm in das Ungewisse, Fremde, Spannende. […]." (Emil Nolde, Welt und Heimat. Die Südseereise, 1913-1918, Köln 1965, S. 15).
Bereits kurz nach Entstehung wird "Drei Frauen" in den wichtigsten Expressionismus-Galerien Deutschlands gezeigt – bei Ludwig Schames in Frankfurt und bei Hans Goltz in München. 1922 erwirbt schließlich Dr. Josef Esters, Krefeld, das Gemälde, einer der wichtigsten Förderer der Moderne im Rheinland. Esters war ein enger Freund des Sammlers Hermann Lange, mit dem gemeinsam er sich nach den Entwürfen Mies van der Rohes zwei benachbarte und architektonisch hoch moderne Wohnhäuser in Krefeld errichten ließ, welche der Familie aber auch der Kunst einen angemessenen Raum bieten sollten. Heute sind die beiden Häuser unter dem Namen "Museen Haus Lange Haus Esters" als Museum für zeitgenössische Kunst bekannt. Von Esters gelangt das Gemälde zu Lionel C. Epstein nach Washington, D.C., einem weiteren bedeutenden Sammler der Moderne, und ist nun nach über 40 Jahren in einer renommierten nordeuropäischen Privatsammlung erstmals wieder öffentlich zu sehen. [JS]
Emil Nolde gilt gemeinhin als der expressionistische Blumen- und Landschaftsmaler schlechthin. Berühmt sind seine zahlreichen Gemälde und Aquarelle, welche formatfüllend der überwältigenden und schier endlosen Blütenpracht seines Bauerngartens gewidmet sind. Ab 1916 lässt sich Nolde gemeinsam mit seiner Frau Ada nahe der dänischen Grenze in Untenwarf und ab 1927 schließlich in seinem neu gebauten Wohn- und Atelierhaus in Seebüll nieder. Spätestens seit 1916 bis in die 1950er Jahre hinein also wird Nolde zum gefeierten nordischen Blumen- und Landschaftsmaler, der in seinen Blütenarrangements, Wolkenformationen und Lichtstimmungen immer wieder aufs Neue die besondere Ausdruckskraft der Farbe feiert. Bei all dieser Bewunderung für die farbige Wucht und Schönheit dieser Blumen und Landschaftsbilder wird oftmals übersehen, dass Noldes expressionistisches Schaffen nicht etwa hier, sondern in seinen figürlichen Kompositionen der 1910er Jahre seinen absoluten Höhepunkt erreicht. Nolde ist Anfang 40 und blickt auf ein impressionistisches Frühwerk zurück, als sein expressionistisches Figurengemälde "Pfingsten" (1909, Neue Nationalgalerie, Berlin) 1910 von der Jury der Berliner Secession unter der Leitung von Max Liebermann für die Sommerausstellung abgelehnt wird. Nach einem beleidigenden Brief an Liebermann, in dem Nolde dessen impressionistische Malerei als schwach und kitschig beschimpft, wird Nolde aus der Berliner Secession ausgeschlossen und ist in den Folgejahren ebenfalls vorrangig mit expressionistischen Figurenbildern auf den Ausstellungen der daraufhin als Protestbewegung gegründeten "Neuen Secession" vertreten, in der sich ab 1910 die jungen "Brücke"-Künstler und weitere expressionistische Maler zusammenschließen. Noldes besondere Stärke des Ausdruckes liegt darin, in maximal befreiter Farb- und Formgebung eine emotional tief aufgeladene Stimmung auf die Leinwand zu setzen. Noldes Figuren sind keine schönen Ideale – sie sind Verdichtungen des Menschlichen in seiner ganzen Komplexität: Angst, Glaube, Verlockung, Dämonie. Bis 1915 hatte er diese Bildsprache zu einer Fülle und Sicherheit geführt, die ihm niemand mehr streitig machen konnte. Und so beginnt er seine Figuren immer mehr in Richtung einer emotional aufgeladenen Typisierung des Menschlichen zu steigern, und es sind in diesem Kontext vor allem die spirituellen, alles Irdische in ihrer Verzweiflung, ihrer Angst, aber auch ihrer Kraft und Hoffnung übertreffenden biblischen Themen, die Nolde schließlich in der Mitte der 1910er Jahre zu seiner herausragenden expressionistischen Stärke führen.
Nolde und das Weibliche: Spiritualität, Mystik, Sinnlichkeit und Ekstase
Geradezu wie ein Paukenschlag muss auch das im Gründungsjahr der "Neuen Secession" entstandene Gemälde "Tanz um das Goldene Kalb" (1910, Pinakothek der Moderne, München) auf die damaligen Betrachter gewirkt haben: Nackt und ekstatisch tanzen Frauen in knalligem Gelb und Rot mit wehendem schwarzem und rotem Haar um das goldene Kalb. Sie werden damit zum malerischen Sinnbild von Freiheit, Zügellosigkeit und Lust. Ebenfalls 1910 malt Nolde das heute zur bedeutenden Sammlung des Museum of Modern Art gehörende Gemälde "Christus und die Kinder" (1910, Museum of Modern Art, New York), welches das bedingungslose Urvertrauen und die Hoffnung der hell leuchtenden Kinder auf der einen Seite dem Misstrauen, der Zaghaftigkeit und Angst der Jünger auf der anderen, im Dunkeln verbleibenden Seite gegenüberstellt. Auch hier ist es Nolde meisterlich gelungen, in spontan gesetzten Pinselhieben, mit wilden Farben und roh anmutenden, stilisierten Formen ganz im Sinne des Expressionismus das pure Gefühl frei und unmittelbar auf die Leinwand zu bannen. Ausgehend von den biblischen Themen beginnt Nolde in den Folgejahren die expressionistische Darstellung der menschlichen Emotionen auf den weltlichen Bereich auszuweiten. Es geht in seiner Malerei um Angst, Mut, Liebe und Eros und somit stets auch um verschiedene Facetten des Weiblichen. Großformatig, leuchtend und rätselhaft ist die Komposition, die Nolde uns mit seinem Gemälde "Drei Frauen" hinterlassen hat. Auch wenn Nolde die drei Frauen kompositorisch nahezu tänzerisch zueinander in Beziehung gesetzt hat, was formal trotz der wuchtig-verstörenden Motivik auf den ersten Blick Assoziationen an die kunsthistorische Tradition der "Drei Grazien" hervorruft, erscheinen sie doch in ihren langen, die Körper komplett verbergenden Gewändern geradezu emotional isoliert und beziehungslos. Kaum ist es möglich, sich der bedrohlichen Wucht zu entziehen, die von der zentralen, ganz in schwarz gehüllten Gestalt ausgeht. In tiefem Schwarz – frontal, mit finsterem Blick direkt auf den Betrachter gerichtet, in sich geschlossen und von einer fast bedrohlichen Präsenz – ist dies keine Figur im akademischen Sinne, aber auch keine exotisierte Fremde. Die beiden Frauen zu ihren Seiten, im strengen Profil, in stark überlängter Körperlichkeit vor leuchtendem Himmelblau, verstärken die Spannung dieser Komposition ins Mystische. Hier ist nicht die Schönheit das Thema – sondern das Geheimnisvolle, das Unbezwingbare, das, was sich der rationalen Deutung entzieht. Nolde ist auf dem Höhepunkt seiner Kräfte, als er mutig und radikal die leuchtenden, nahezu monochrom gehaltenen Farbflächen nebeneinandersetzt und zu einer herausragenden expressionistischen Komposition verbindet, die nicht nur seine Faszination für das Fremde, sondern vor allem für das Weibliche in sich trägt. Es ist das geheimnisvoll Fremde in all seinen Facetten und mit all seinen geheimnisvollen Reizen wie auch unheimlichen Abgründen des Lebens. In "Drei Frauen" ist Nolde somit etwas Gewaltiges gelungen. Er hat hier all jene Themen und Emotionsebenen gleich einem malerischen Kondensat verdichtet, welche seine expressionistische Malerei der 1910er Jahre auf entscheidende Weise auszeichnen und wie sie uns unter anderem auch in seinen geheimnisvollen weiblichen Charakterbildnissen der späten 1910er Jahre noch gegenübertreten: die Frau als Verlockung und Bedrohung zugleich, als dämonische Verführerin und geheimnisvoll mystische Kraft.
"Drei Frauen": Faszination Fremde und Noldes weiter Weg in die Südsee
1915, im Entstehungsjahr von "Drei Frauen", kann Nolde auf reiche Erlebnisse, Erinnerungen und Sinneseindrücke aus fernen Ländern zurückgreifen. Denn er war im Oktober 1913 gemeinsam mit seiner Frau Ada zu einer einjährigen Südseereise aufgebrochen. Die Eheleute Nolde waren Teilnehmer der "Medizinisch-demographischen Deutsch-Neuguinea-Expedition", von der das Ehepaar Nolde erst im September 1914, also nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wieder nach Berlin zurückkehren sollte. Die Reiseroute hatte Nolde über Moskau, Sibirien, die Mandschurei, Korea und Japan nach China und weiter nach (damals) Deutsch-Neuguinea mit Aufenthalten auf der Gazelle-Halbinsel, Neu-Mecklenburg und den Admiralitätsinseln geführt. Auf der Rückreise aus der Südsee im Sommer 1914 wird das Ehepaar Nolde im Suez-Kanal vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges überrascht. Mit einem holländischen Dampfer können sie nach Europa zurückkehren und kommen schließlich Mitte September wieder in Berlin an. Nolde setzt in den folgenden Monaten, auch während seines Aufenthalts auf der Insel Alsen, Bildthemen um, deren zentrale Inspiration in dieser ihm eine vollkommen neue Welt offenbarenden Reise in die Ferne begründet liegt. In "Drei Frauen" hat Nolde verschiedenste kulturelle Eindrücke aus den unterschiedlichsten Regionen seiner Reise zu einem emotional hoch verdichteten, expressionistischen Ganzen verwoben und damit all das in Form und Farbe auf die Leinwand gebracht, was bei seinem Aufbruch im Oktober 1913 nach seinen eigenen Worten den besonderen Reiz dieser großen Reise begründet hatte: "Es war am 2. Oktober 1913, als um 1 Uhr nachts auf dem Zoo-Bahnhof der Fernzug zur Abfahrt pfiff. […] Der Fernzug toste in die Nacht hinein. Unsere Gedanken mit ihm in das Ungewisse, Fremde, Spannende. […]." (Emil Nolde, Welt und Heimat. Die Südseereise, 1913-1918, Köln 1965, S. 15).
Bereits kurz nach Entstehung wird "Drei Frauen" in den wichtigsten Expressionismus-Galerien Deutschlands gezeigt – bei Ludwig Schames in Frankfurt und bei Hans Goltz in München. 1922 erwirbt schließlich Dr. Josef Esters, Krefeld, das Gemälde, einer der wichtigsten Förderer der Moderne im Rheinland. Esters war ein enger Freund des Sammlers Hermann Lange, mit dem gemeinsam er sich nach den Entwürfen Mies van der Rohes zwei benachbarte und architektonisch hoch moderne Wohnhäuser in Krefeld errichten ließ, welche der Familie aber auch der Kunst einen angemessenen Raum bieten sollten. Heute sind die beiden Häuser unter dem Namen "Museen Haus Lange Haus Esters" als Museum für zeitgenössische Kunst bekannt. Von Esters gelangt das Gemälde zu Lionel C. Epstein nach Washington, D.C., einem weiteren bedeutenden Sammler der Moderne, und ist nun nach über 40 Jahren in einer renommierten nordeuropäischen Privatsammlung erstmals wieder öffentlich zu sehen. [JS]
Hauptsitz
Joseph-Wild-Str. 18
81829 München
Tel.: +49 (0)89 55 244-0
Fax: +49 (0)89 55 244-177
info@kettererkunst.de
Louisa von Saucken / Undine Schleifer
Holstenwall 5
20355 Hamburg
Tel.: +49 (0)40 37 49 61-0
Fax: +49 (0)40 37 49 61-66
infohamburg@kettererkunst.de
Dr. Simone Wiechers
Fasanenstr. 70
10719 Berlin
Tel.: +49 (0)30 88 67 53-63
Fax: +49 (0)30 88 67 56-43
infoberlin@kettererkunst.de
Cordula Lichtenberg
Gertrudenstraße 24-28
50667 Köln
Tel.: +49 (0)221 510 908-15
infokoeln@kettererkunst.de
Hessen
Rheinland-Pfalz
Miriam Heß
Tel.: +49 (0)62 21 58 80-038
Fax: +49 (0)62 21 58 80-595
infoheidelberg@kettererkunst.de
Nico Kassel, M.A.
Tel.: +49 (0)89 55244-164
Mobil: +49 (0)171 8618661
n.kassel@kettererkunst.de
Wir informieren Sie rechtzeitig.



