Auktion: 500 / Evening Sale am 17.07.2020 in München Lot 208

 
208
Paul Klee
Der Krieg schreitet über eine Ortschaft, 1914.
Aquarell auf Papier, original auf Karton kaschiert
Schätzpreis: € 100.000 - 150.000
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Objektbeschreibung
Der Krieg schreitet über eine Ortschaft. 1914.
Aquarell auf Papier, original auf Karton kaschiert.
Klee 1280. Links oben signiert. Auf dem Unterlagekarton datiert, betitelt "D. Krieg schreitet üb. e. Ortschaft" und bezeichnet "179". 17,5 x 11,5 cm (6,8 x 4,5 in). Unterlagekarton: 29 x 22,5 cm (11.3 x 8.8 in).
[JS].

• 1920 über den Münchner Galeristen Hans Goltz veräußert, damaliger Generalvertreter Klees und einer der bedeutendsten Förderer der Moderne.
• Aus der Sammlung von Sir Edward und Nika Hulton, London, eine der bekanntesten britischen Privatsammlungen moderner Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg.
• Marktfrische Arbeit mit umfangreicher Literatur- und Ausstellungshistorie
.

PROVENIENZ: Galerie Neue Kunst – Hans Goltz (Mai-Juni 1920).
Rodney Phillips, London (mind. seit 1940).
The Mayor Gallery, London.
Lady Nika Hulton, London (verso mit dem Etikett; mindestens von 1955-1968).
Galerie Beyeler, Basel (bis 1979, auf der Rahmenrückpappe mit Etikett).
Fischer Fine Art, London (auf der Rahmenrückpappe mit dem Etikett).
Galerie Schmela, Düsseldorf (auf der Rahmenrückpappe mit dem Etikett).
Privatsammlung Nordrhein-Westfalen.

AUSSTELLUNG: Neue Münchner Sezession. Graphische Ausstellung, Galerie Caspari, München, Frühjahr 1918, Nr. 105.
Paul Klee 1879-1940, The Tate Gallery, London, 22.12.1945-17.2.1946, Nr. 137.
Works by Paul Klee from the Collection of Mrs. Edward Hulton, The Tate Gallery, London, 4.5.-5.6.1955; City Art Gallery, York, August 1955; The Arts Club, Chicago, 8.11.-6.12.1956, Nr. 6 mit Abb.
The Blue Rider Group. Edinburgh Internatial Festival, The Royal Scottish Academy, Edinburgh, Sommer 1960; The Tate Gallery, The Arts Council of Great Britain, London, 30.9.-30.10.1960, Nr.107 (auf der Rahmenrückpappe mit dem Etikett).
Sammlung Sir Edward and Lady Hulton, London, Kunst- und Museumsverein Wuppertal; Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam; Frankfurter Kunstverein; Städtische Galerie im Lenbachhaus, München; Museum am Ostwall, Dortmund, 1964/65, Nr. 63 (auf der Rahmenrückpappe mit vier Etiketten).
Sammlung Sir Edward and Lady Hulton London, Kunsthaus Zürich, 3.12.1967-7.1.1968, Nr. 65.
Klee. Kunst ist ein Schöpfungsgleichnis, Galerie Beyeler, Basel, September -November 1973, Nr. 6, mit Abb. (auf der Rahmenrückpappe mit dem Etikett).
Klee. 74 œuvres de 1908 à 1940, Galerie Karl Flinker, Paris, 29.3.-11.5.1974, Nr. 8 (auf der Rahmenrückpappe mit dem Etikett).
Paul Klee, Galerie Günther Franke, München, 7.6.-19.7.1975, Nr. 10 (auf der Rahmenrückpappe mit dem Etikett).
Petits Formats, Galerie Beyeler Basel, Mai - Juli 1978, Nr. 75 (auf der Rahmenrückpappe mit dem Etikett).
Paul Klee. Das Frühwerk, 1883-1922, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, 12.12.1979-2.3.1980, Nr. 260, mit Abb. (auf der Rahmenrückpappe mit dem Etikett).

LITERATUR: Paul Klee an Lily Klee, 22.3.1916, Briefe, II, S. 794.
Horizon, A Review of Literature and Art, Bd 2/3 1940, S. 336.
Christian Geelhaar, Klee-Zeichnungen. "Reise ins Land der besseren Erkenntnis", Köln 1975, S. 18, mit Abb.
Michèle Vishny, Paul Klee and War: A Stance of Aloofness, in: Gazette des Beaux-Arts, 120. Jg., Bd. 92, Dezember 1978, S. 235f., Abb. 1.
Otto Karl Werkmeister, Versuche über Paul Klee, Frankfurt/M. 1981, S. 11, 90 Anm. 5.
Société Anonyme and the Dreier Bequest at Yale University. A Catalogue Raisonné, hrsg. v. Robert L. Herbert, Eleanor S. Apter u. Elise K. Kenny, New Haven/London 1984, S. 379.
Otto Karl Werkmeister, The Making of Paul Klee’s Career 1914-1920, Chicago/London 1989, S. 17, 262 Anm. 25 und 29, mit Abb.
Regine Prange, Das Kristalline als Kunstsymbol - Bruno Taut und Paul Klee. Zur Reflexion des Abstrakten in Kunst und Kunsttheorie der Moderne, Hildesheim 1991, S. 324.
Martin Kern, Paul Klee und seine Werke aus den Jahren 1917 und 1918, in: Ausst.-Kat. Gersthofen 1992, S. 50.
Regine Prange, Hinüberbauen in eine jenseitige Gegend: Paul Klees Lithografie "Der Tod für die Idee" und die Genese der Abstraktion, in: Wallraf-Richartz-Jahrbuch, Bd. LIV, 1993, S. 283.
„lch habe diesen Krieg in mir längst gehabt. Daher geht er mich innerlich nichts an. Um mich aus meinen Trümmern herauszuarbeiten, musste ich fliegen. Und ich flog. In jener zertrümmerten Welt weile ich nur noch in Erinnerung, wie man zuweilen zurückdenkt. Somit bin ich abstrakt mit Erinnerungen.“
Paul Klee 1915 in seinem Tagebuch III (zit. nach: Kat.-Ausst.: Paul Klee. Sammlung Felix Klee, Kestner-Gesellschaft, Hannover 1980, S.40/952)

Aufrufzeit: 17.07.2020 - ca. 17.14 h +/- 20 Min.

Essay
Obwohl erst am 11. März 1916 zum Kriegsdienst einberufen, führt Klee seit Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine Art Doppelleben als Künstler und als Soldat. August Macke, mit dem er die beglückende Tunisreise im April 1914 unternimmt – der Schweizer Louis Moilliet ist der Dritte im Bunde –, fällt schon gleich im September 1914 in der französischen Champagne. Die Nachricht vom Heldentod seines Freundes Franz Marc am 4. März 1916 bei Verdun wird den frischen Rekruten wohl noch nicht erreicht haben. Im Gegensatz zu Klee befürwortet der frankophile Franz Marc diesen Krieg und sieht in ihm eine Notwendigkeit, durch die Europa vom Materialismus des 19. Jahrhunderts gereinigt und der Weg für eine neue, auf das Geistige ausgerichtete Epoche geebnet werden kann. Damit steht er nicht alleine und teilt die Einstellung mit einem großen Teil der deutschen Intellegenzija. Die Woche darauf erhält der Schweizer Paul Klee, der eine deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, seinen Einberufungsbefehl. Seine Rekrutenausbildung erfährt Klee im bayerischen Landshut. Als Klees Familie von seiner baldigen Versetzung an die Front erfährt, setzt sie sämtliche Hebel in Bewegung, um dies zu verhindern. Im August 1916 nach Schleißheim bei München versetzt, erhält er als Maler die Aufgabe, Flugzeugteile mit Tarnfarbe anzustreichen, respektive auszubessern und mit Hilfe von Schablonen das Eiserne Kreuz sowie Zahlen und Buchstaben, die der Kennzeichnung dienen, aufzubringen. Im Januar 1917 wird Klee nach Gersthofen bei Augsburg versetzt, wo er bis zum Ende des Krieges sich als Schreiber der Kassenverwaltung der Fliegerschule verdingt.
Gut drei Monate nach der Rückkehr aus Tunesien bricht also der Erste Weltkrieg aus. An den Berner Kunstsammler Hermann Rupf schreibt Klee, der den Krieg anfänglich noch verteidigt, im Dezember 1914: „Was für ein Unglück für uns alle ist dieser Krieg, und insbesondere für mich, der ich Paris so viel verdanke und geistige Freundschaft mit den dortigen Künstlern pflege. Wie wird man nachher sich gegenüberstehen! Welche Scham über die Vernichtung auf beiden Seiten!“ In seinem Tagebuch stellt Klee einen verblüffenden Zusammenhang zwischen den Kriegsereignissen und abstrakter Kunst her: „Je schreckensvoller diese Welt (wie gerade heute), desto abstrakter die Kunst, während eine glückliche Welt eine diesseitige Kunst hervorbringt. [..] In der großen Formengrube liegen Trümmer, an den man teilweise noch hängt. Sie liefern den Stoff für die Abstraktion.“ (zit. nach Paul Klee, zit. nach: Kat.-Ausst.: Paul Klee. Sammlung Felix Klee, Kestner-Gesellschaft, Hannover 1980, S. 40/951) Für das Aquarell „Der Krieg schreitet über eine Ortschaft“ erzeugt dieser Vergleich eine zutiefst symbolische Ebene. Im Ausklang der Tunis-Aquarelle entsteht eine Reihe von Blättern, beginnend „Mit dem roten x“ (1914,136), die abgesehen von einer vordergründigen Abstraktion durcheinander gewirbelte, an Gitter erinnernde Architekturelemente zeigen und Titel führen wie „Gedanken an die Schlacht“ (1914,140) oder „Gedanken an den Aufmarsch“ (1914,141), Titel, die zumindest gedanklich militärische Hinterlassenschaften evozieren. Den Begriff Krieg expressis verbis im Titel vergibt Klee für das Jahr 1914 neben diesem mit Schwarze aquarellierten Motiv auf italienischem Ingrespapier noch einmal: „Abstrakt Kriegerisch“ (1914,219). Beide mal erscheint die Zerstörung, die durcheinander geratenen Elemente einer friedlichen Welt in abstrakten Zeichen, ist die von Menschenhand geschaffene Ordnung der kriegsbedingten Sinnlosigkeit geopfert. Klee scheint hier das Abstrakte einer Zerstörung für seine kompositorische Umformung zu nutzen, konkret hier eine Ortschaft in ihre Architekturelemente zu zerlegen und mit gleichem Volumen gleichsam neu zu erfinden. Begriffe wie Konstruktion, Dekonstruktion, Zerlegen, Teilen, Abtrennen sind Gestaltungs-Prinzipien, die dem Werk von Klee innewohnen und dies steht nicht unbedingt mit der enormen Anzahl von Werken in Zusammenhang, die während der Kriegsjahre entstehen. Im Gegenteil: im Gegensatz zu Otto Dix scheint Klee das Thema „Krieg“ aus seinem zeichnerischen ‚Alltag’ auszuklammern und nach 1914 erst wieder 1918 zu thematisieren, wenn er sich mit „Gedenkblätter für Kriegsgefallene“ auseinandersetzt und auf seine Art im kritischen Umgang verarbeitet, wie mit dem Aquarell „Mit dem Adler“ von 1918,155. Der Preußische Adler sitzt triumphierend auf einem Architekturboden, den Klee einem Entwurf für ein National-Denkmal entlehnt und in Mitten eine idyllische Landschaft platziert. Das Auge als Symbol der Allgegenwart Gottes wacht über Gut und Böse, und hier über die Natur, die sich das durch den Krieg Genommene zurückerobert. [MvL]
 


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