Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 38

 

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Paul Klee
Stickerei, 1915.
Aquarell auf Kreidegrundierung auf Papier, orig...
Schätzpreis: € 150.000 - 200.000
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Stickerei. 1915.
Aquarell auf Kreidegrundierung auf Papier, original auf Karton.
Klee 1514. Links in der Darstellung signiert. Auf dem Unterlagekarton datiert, betitelt und bezeichnet "180". 14,8 x 21,1 cm (5,8 x 8,3 in). Unterlagekarton: 22,5 x 33,3 cm (8,8 x 13,1 in).

• Zwischen Tunisreise und Bauhaus entstanden.
• Klee entwickelt in dieser entscheidenden Schaffensphase das, was sein Werk auszeichnet: das poetische Spiel feiner Lineaturen vor leuchtend koloriertem Grund.
• Bereits 1923 auf der umfassenden Klee-Retrospektive im Kronprinzenpalais in Berlin ausgestellt.
• Vergleichbare Arbeiten befinden sich u. a. im Metropolitan Museum of Art sowie im Museum of Modern Art, New York, und in der Paul Klee Stiftung im Kunstmuseum Bern
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PROVENIENZ: Hausmann (wohl um 1915 als Hochzeitsgeschenk erhalten, dabei handelt es sich möglicherweise um Georg (Olly) Hausmann, München).
Paul Wescher, Ruvigliana/Schweiz (bis 1959).
Galerie Berggruen & Cie, Paris (1959).
Galerie Jaques Benador, Genf (ab 1959).
Michel Couturier, Paris (bis 1978).
Galerie Rosengart, Luzern (1978-1979).
Sammlung Charlotte Grodtmann, Schweiz (wohl seit 1979 bis 2020, seither in Familienbesitz).

AUSSTELLUNG: Paul Klee, Nationalgalerie, Kronprinzenpalais, Berlin, Februar 1923.
Paul Klee, Aquarelles et dessins, Galerie D. Benador, Genf, Juli 1959, Kat.-Nr. 4 (m. Abb.).

LITERATUR: Uta Gerlach-Laxner, Paul Klee und der Orient. Die Auswirkung auf sein Werk unter besonderer Berücksichtigung seiner Tunesienreise 1914, in: Die Tunisreise. Klee, Macke, Moilliet, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster, 12.12.1982-13.2.1983; Städtisches Kunstmuseum, Bonn, 9.3.-24.4.1983, S. 60-71 (m. Abb. S. 65).
Jenny Anger, Modernism and the Gendering of Paul Klee, Diss. Brown University, Providence 1997, S. 71, 74, 82 u. 100 (m. Abb.).
Osamu Okuda, Paul Klee: Buchhaltung, Werkbezeichnung und Werkprozess, in: Radical Art History: Internationale Anthologie, hrsg. v. Wolfgang Kersten, Zürich 1997, S. 386, Anm. 43.
Jenny Anger, Klees Unterricht in der Webereiwerkstatt des Bauhauses, in: Ausst.-Kat. Das Bauhaus Webt, Bauhausarchiv Berlin, Sept. 1998-Jan. 1999; Stiftung Bauhaus, Dessau, März-April 1999; Niederländisches Textilmuseum, Tilburg, März-Sept. 1999, S. 33-41.
Jenny Anger, Paul Klee and the Decorative in Modern Art, Cambridge 2004. Tafel III.
Kerstin Gräfin von Schwerin, Eine nicht uninteressante kunstgewerbliche Spielerei. Spinnengewebe und Teppichweberei im Werk von Robert Walser und Paul Klee, in: Grodbeck/Sog/Utz/Wagner (Hrsg.), Robert Walsers 'Ferne Nähe'. Neue Beiträge zur Forschung, 2007, S. 265-275.
"Ist Paul Klee ein Orientale? Gewiss ja, da einige seiner Gemälde zu Ehren der frischesten Visionen aus Tausend und eine Nacht gewoben scheinen."
René Crevel, 1930, zit. nach: Paul Klee. Sein Leben – Seine Kunst, München/London/New York 2011, S. 84.

Aufrufzeit: 09.12.2022 - ca. 18.14 h +/- 20 Min.

Gerade für die künstlerische Entwicklung Paul Klees gilt die mit den beiden Malerfreunden August Macke und Louis Moilliet im April 1914 unternommene Tunisreise als entscheidendes Schlüsselerlebnis. Fasziniert von der Klarheit des südlichen Lichtes und den kubischen Formen der orientalischen Architektur, findet Klees Malerei in seinen in der Folgezeit geschaffenen Aquarellen zu einer spektakulären Befreiung von Form und Farbe. Zwar hatte der junge Klee bereits in den Jahren zuvor über die Auseinandersetzung mit Cézanne, Matisse und Delaunay sowie den Malern des "Blauen Reiters" wichtige Anregungen erhalten, aber erst durch die orientalischen Eindrücke Tunesiens gelangt Klee schließlich zu seinem unverwechselbaren Stil. Dass nicht nur die kunsthistorische Forschung, sondern nicht zuletzt der Maler selbst dies so wahrgenommen hat, ist aufgrund des berühmten Tagebucheintrags Klees belegt, wo er am 15. April 1914 aus Kairuan schreibt: "Das ist der glücklichsten Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler." (zit. nach: Paul Klee. Sein Leben – Seine Kunst, München/London/New York 2011, S. 86). An Klees Schaffen lässt sich eindrucksvoll nachvollziehen, weshalb die Tunisreise als Schlüsselereignis der Moderne gilt, mit dem die Überwindung des deutschen Expressionismus und der Aufbruch in eine zunehmend gegenstandslose Malerei besiegelt wurde. Beflügelt von den neuen Eindrücken besteigt Klee bereits am 19. April 1914 den Dampfer nach Palermo und reist über Bern nach München zurück. Nur drei Monate nach seiner Rückkehr bricht der Erste Weltkrieg aus. Klee wird im März 1916 einberufen, aber aufgrund von Beziehungen nicht an die Front geschickt, sondern ist zunächst in Schleißheim bei München mit dem Anstrich der Flugzeuge betraut. Erst nach Kriegsende entstehen erstmals seit seiner Studienzeit wieder vereinzelt Gemälde, bis dahin ist allein das Aquarell Klees bevorzugtes künstlerisches Ausdrucksmittel. Wie in den beiden eng verwandten Aquarellen "Schweres Pathos" (1915) (Abb.) im Metropolitan Museum, New York, und "Mit dem roten X" (1914) im Museum of Modern Art, New York, ist auch unsere Komposition ein schönes frühes Zeugnis für Klees entscheidenden Schritt hin zu einer Überlagerung von linearen, zeichenhaften Strukturen und einem Fond aus bunten Farbfeldern. Seit 1914 findet das Kreuzzeichen Aufnahme in seine Aquarelle und wird wie in "Teppich der Erinnerung" (1914, Paul Klee Stiftung, Bern) und "Stickerei" schließlich zum bildbestimmenden Zeichen. Klees bunte Farbfelder lassen hier keine gegenständlichen Bezüge zur orientalischen Architektur der Tunisreise mehr zu, sondern emanzipieren sich zu einer abstrakten Struktur, die ihre Kraft allein aus der reinen Form- und Farbwirkung erhält. Dass Klee für diesen kunsthistorisch bedeutenden Schritt unter anderem entscheidende Impulse aus dem orientalischen Kunsthandwerk, den farbenfrohen Teppichen und Wandbehängen Tunesiens, erhalten hat, muss als wahrscheinlich gelten und wird darüber hinaus für seine spätere Tätigkeit am Bauhaus, seinem Unterricht in "Formlehre" und seiner zusätzlichen Lehrtätigkeit in der dortigen Werkstatt für Weberei inspirierend gewesen sein. Die vorliegende Arbeit ist damit nicht nur ein interessantes Bindeglied zwischen Tunisreise und Bauhaus, sondern darüber hinaus ein frühes Beispiel für Klees Schritt hin zu einer konsequenten Abstraktion und seiner fortan charakteristischen, spielerischen Schichtung von linearer, zeichenhafter Struktur und leuchtender, flächiger Farbigkeit. Die stickbildartigen Liniengefüge des Vordergrundes werden zwar zunehmend feiner, bleiben aber fortan auch für Klees Malerei prägend, wie die schöne, kleine Komposition "Florentinisches Villen Viertel" (1926) im Centre Pompidou, Paris (Abb.), beispielhaft belegt. [JS]



 

Aufgeld und Steuern zu Paul Klee "Stickerei"
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