Auktion: 606 / Evening Sale am 12.06.2026 in München → Lot 125000257
Rahmenbild
125000257
Otto Mueller
Badende am Waldsee, Um 1919.
Leimfarbe auf Rupfen
Schätzpreis: € 500.000 - 700.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
125000257
Otto Mueller
Badende am Waldsee, Um 1919.
Leimfarbe auf Rupfen
Schätzpreis: € 500.000 - 700.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Otto Mueller
1874 - 1930
Badende am Waldsee. Um 1919.
Leimfarbe auf Rupfen.
Verso signiert und bezeichnet. 91 x 72 cm (35,8 x 28,3 in).
Verso mit einer formatfüllenden Aktdarstellung mit drei Figuren in gleicher Technik. Dieses Gemälde war zunächst die Vorderseite und wurde bereits 1912 in der berühmten "Brücke"-Ausstellung der Berliner Galerie Gurlitt gezeigt. Um 1919 hat Mueller dann aufgrund von Materialmangel die Leinwandrückseite für "Badende am Waldsee" genutzt und die bisherige Vorderseite mit der großflächig über die Darstellung gesetzten Signatur zur Rückseite erklärt. Die Motivik der drei hockenden Akte hat der Künstler schließlich 1920 in seinem Gemälde "Drei Mädchen im Wald" (Saint Louis Art Museum, St. Louis) wieder aufgenommen. [JS].
• Otto Mueller; der Romantiker unter den "Brücke"-Künstlern, mit einem kleinen, hochkarätigen malerischen Oeuvre.
• Idealisierte Verschmelzung von Mensch und Natur in herausragender Qualität.
• Fernes Paradies vs. Großstadt-Realität: Mit seinen arkadischen Landschaften schafft Mueller im lauten Berlin die fesselnde Vision eines Sehnsuchtsortes.
• Bedeutende Ausstellungshistorie: 2003 in der großen Otto-Mueller-Retrospektive und 2012/13 in "Otto Mueller. Wegbereiter der 'Künstlergruppe Brücke'" präsentiert.
• 1912 wird die heutige Rückseite bereits in der "Brücke"-Ausstellung in der Galerie Gurlitt, Berlin, gezeigt.
• Seit 50 Jahren Teil einer deutschen Privatsammlung.
• Vergleichbare Gemälde befinden sich heute zum Großteil in internationalen Sammlungen, darunter das Museum of Modern Art, New York, das Saint Louis Art Museum, St. Louis, und die Neue Nationalgalerie, Berlin.
PROVENIENZ: Sammlung Fritz und Irma Epstein, Duisburg/London/Los Angeles, CA (vor September 1935 erworben, möglicherweise 1928 direkt vom Künstler).
Sammlung Marianne Pinkus, geb. Epstein, und Gerhard E. Pinkus, Beverly Hills, CA (von den Vorgenannten, bis 1959: Stuttgarter Kunstkabinett).
Privatbesitz (1959 vom Vorgenannten erworben).
Galerie Nierendorf, Berlin (1964, wohl in Kommission).
Norbert Nusser, München (1973).
Roman Norbert Ketterer, Campione d'Italia (seit 1975: Koller).
Privatsammlung Rheinland (1976 vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Süddeutschland (durch Erbgang vom Vorgenannten).
AUSSTELLUNG: Brücke, Galerie Fritz Gurlitt, Berlin, 1912 (das Gemälde der Rückseite).
Otto Mueller. Neue Gemälde, Galerie Dr. Goldschmidt - Dr. Wallerstein, Berlin, 18.3.-15.4.1923 (auf dem Keilrahmen mit dem Etikett mit der handschriftlichen Nummer 1683).
Otto Mueller zum 90. Geburtstag, Galerie Nierendorf, Kunstblätter der Galerie Nierendorf 4/5, Berlin, 29.6.-14.10.1964, Kat.-Nr. 2 (m. Abb.).
4. Westdeutsche Kunstmesse Köln, 17.-25.3.1973.
Otto Mueller. Eine Retrospektive, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München, 21.3.-22.6.2003; Museum Folkwang, Essen, 4.7.-28.9.2003, Kat.-Nr. 20 (m. Abb.).
Einfach, Eigen, Einzig. Otto Mueller 1874-1930. Wegbereiter der "Künstlergruppe Brücke" und deren "selbstverständliches Mitglied", Kunstsammlungen Zwickau, 5.2.-6.5.2012; Lehmbruck Museum, Duisburg, 15.11.2012-24.2.2013, u. a., Kat.-Nr. 207 (m. Abb.).
Städtische Galerie, Dresden (Dauerleihgabe, 2004-2025).
LITERATUR: Mario-Andreas von Lüttichau, Tanja Pirsig-Marshall, Otto Mueller. Bd. 1: Gemälde, Köln 2020, WVZ-Nr. G 1919/08 (148) (m. Abb.).
- -
Wenzel Nachbaur, Otto Mueller Werklisten, Archiv Roman Norbert Ketterer, Kirchner Museum, Davos, 1950er Jahre (m. Abb.).
Stuttgarter Kunstkabinett Roman Norbert Ketterer, Moderne Kunst. Gemälde, Aquarelle, Graphik, Auktion 33, 29./30.5.1959, Los 610 mit Abb. Tafel 41.
Weltkunst, Jg. 43, München 1973, Heft 5, S. 299.
Galerie Koller, Zürich, Auktion 34, 7.-22.11.1975, Los 2906 (m. Abb.).
Roman Norbert Ketterer, Moderne Kunst IX, Campione d'Italia, 1976, Kat.-Nr. 37 (m. Abb.).
Mario-Andreas von Lüttichau, Tanja Pirsig (Hrsg.), Otto Mueller. Werkverzeichnis der Gemälde und Zeichnungen (CD-ROM), München 2003, Essen 2007/08.
Tanja Pirsig-Marshall, "Die Brücke als Katalysator für Muellers Schaffen", in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 32, Sonderband: Gruppe und Individuum in der Künstlergemeinschaft Brücke. 100 Jahre Brücke - Neueste Forschungen, Dresden 2007, m. Abb. (das Gemälde der Rückseite).
1874 - 1930
Badende am Waldsee. Um 1919.
Leimfarbe auf Rupfen.
Verso signiert und bezeichnet. 91 x 72 cm (35,8 x 28,3 in).
Verso mit einer formatfüllenden Aktdarstellung mit drei Figuren in gleicher Technik. Dieses Gemälde war zunächst die Vorderseite und wurde bereits 1912 in der berühmten "Brücke"-Ausstellung der Berliner Galerie Gurlitt gezeigt. Um 1919 hat Mueller dann aufgrund von Materialmangel die Leinwandrückseite für "Badende am Waldsee" genutzt und die bisherige Vorderseite mit der großflächig über die Darstellung gesetzten Signatur zur Rückseite erklärt. Die Motivik der drei hockenden Akte hat der Künstler schließlich 1920 in seinem Gemälde "Drei Mädchen im Wald" (Saint Louis Art Museum, St. Louis) wieder aufgenommen. [JS].
• Otto Mueller; der Romantiker unter den "Brücke"-Künstlern, mit einem kleinen, hochkarätigen malerischen Oeuvre.
• Idealisierte Verschmelzung von Mensch und Natur in herausragender Qualität.
• Fernes Paradies vs. Großstadt-Realität: Mit seinen arkadischen Landschaften schafft Mueller im lauten Berlin die fesselnde Vision eines Sehnsuchtsortes.
• Bedeutende Ausstellungshistorie: 2003 in der großen Otto-Mueller-Retrospektive und 2012/13 in "Otto Mueller. Wegbereiter der 'Künstlergruppe Brücke'" präsentiert.
• 1912 wird die heutige Rückseite bereits in der "Brücke"-Ausstellung in der Galerie Gurlitt, Berlin, gezeigt.
• Seit 50 Jahren Teil einer deutschen Privatsammlung.
• Vergleichbare Gemälde befinden sich heute zum Großteil in internationalen Sammlungen, darunter das Museum of Modern Art, New York, das Saint Louis Art Museum, St. Louis, und die Neue Nationalgalerie, Berlin.
PROVENIENZ: Sammlung Fritz und Irma Epstein, Duisburg/London/Los Angeles, CA (vor September 1935 erworben, möglicherweise 1928 direkt vom Künstler).
Sammlung Marianne Pinkus, geb. Epstein, und Gerhard E. Pinkus, Beverly Hills, CA (von den Vorgenannten, bis 1959: Stuttgarter Kunstkabinett).
Privatbesitz (1959 vom Vorgenannten erworben).
Galerie Nierendorf, Berlin (1964, wohl in Kommission).
Norbert Nusser, München (1973).
Roman Norbert Ketterer, Campione d'Italia (seit 1975: Koller).
Privatsammlung Rheinland (1976 vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Süddeutschland (durch Erbgang vom Vorgenannten).
AUSSTELLUNG: Brücke, Galerie Fritz Gurlitt, Berlin, 1912 (das Gemälde der Rückseite).
Otto Mueller. Neue Gemälde, Galerie Dr. Goldschmidt - Dr. Wallerstein, Berlin, 18.3.-15.4.1923 (auf dem Keilrahmen mit dem Etikett mit der handschriftlichen Nummer 1683).
Otto Mueller zum 90. Geburtstag, Galerie Nierendorf, Kunstblätter der Galerie Nierendorf 4/5, Berlin, 29.6.-14.10.1964, Kat.-Nr. 2 (m. Abb.).
4. Westdeutsche Kunstmesse Köln, 17.-25.3.1973.
Otto Mueller. Eine Retrospektive, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München, 21.3.-22.6.2003; Museum Folkwang, Essen, 4.7.-28.9.2003, Kat.-Nr. 20 (m. Abb.).
Einfach, Eigen, Einzig. Otto Mueller 1874-1930. Wegbereiter der "Künstlergruppe Brücke" und deren "selbstverständliches Mitglied", Kunstsammlungen Zwickau, 5.2.-6.5.2012; Lehmbruck Museum, Duisburg, 15.11.2012-24.2.2013, u. a., Kat.-Nr. 207 (m. Abb.).
Städtische Galerie, Dresden (Dauerleihgabe, 2004-2025).
LITERATUR: Mario-Andreas von Lüttichau, Tanja Pirsig-Marshall, Otto Mueller. Bd. 1: Gemälde, Köln 2020, WVZ-Nr. G 1919/08 (148) (m. Abb.).
- -
Wenzel Nachbaur, Otto Mueller Werklisten, Archiv Roman Norbert Ketterer, Kirchner Museum, Davos, 1950er Jahre (m. Abb.).
Stuttgarter Kunstkabinett Roman Norbert Ketterer, Moderne Kunst. Gemälde, Aquarelle, Graphik, Auktion 33, 29./30.5.1959, Los 610 mit Abb. Tafel 41.
Weltkunst, Jg. 43, München 1973, Heft 5, S. 299.
Galerie Koller, Zürich, Auktion 34, 7.-22.11.1975, Los 2906 (m. Abb.).
Roman Norbert Ketterer, Moderne Kunst IX, Campione d'Italia, 1976, Kat.-Nr. 37 (m. Abb.).
Mario-Andreas von Lüttichau, Tanja Pirsig (Hrsg.), Otto Mueller. Werkverzeichnis der Gemälde und Zeichnungen (CD-ROM), München 2003, Essen 2007/08.
Tanja Pirsig-Marshall, "Die Brücke als Katalysator für Muellers Schaffen", in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 32, Sonderband: Gruppe und Individuum in der Künstlergemeinschaft Brücke. 100 Jahre Brücke - Neueste Forschungen, Dresden 2007, m. Abb. (das Gemälde der Rückseite).
Aufbruch in die Kunstmetropole Berlin: Otto Mueller und der spitze "Brücke"-Stil
Otto Mueller ist der Romantiker unter den Expressionisten und zugleich verblüffend modern in seiner rohen Malweise, die er mit matten Leimfarben auf den groben Rupfen setzt. Diese besondere Technik entfaltet in Kombination mit seinen an Cranach, Lehmbruck und der Kunst der Ägypter orientierten, überlängten Figurentypen eine extrem avantgardistische und zugleich vollkommen zeitlose Ästhetik. Mueller, der 1907 mit 33 Jahren von Mittel-Schreiberhau im Riesengebirge nach Berlin zieht und dort ein Atelier im Dachgeschoss der Mommsenstraße 60 anmietet, zählt heute zu den herausragenden Protagonisten der Künstlergemeinschaft "Brücke". 1905 von den vier Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl in Dresden ins Leben gerufen, schließt Mueller sich der expressionistischen Künstlergemeinschaft erst in den Folgejahren an. 1910 nimmt der junge Künstler nach der Ablehnung seiner progressiven Arbeiten durch die Berliner Secession an der Ausstellung der abgespaltenen Neuen Berliner Secession im Kunstsalon Maximilian Macht teil, wo er zum ersten Mal auf die Künstler der "Brücke" trifft. Ab da verbindet ihn eine enge Freundschaft mit Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel. "Die erste Begegnung mit Otto Muellers Bildern geschah in Berlin", schreibt Erich Heckel Jahre später in einem Brief, "in der Ausstellung der Zurückgewiesenen der Berliner Secession […], mit ihm selbst noch am gleichen Tag in seinem Atelier in der Mommsenstraße. Für jeden von uns war sie bedeutsam und im fruchtbaren Moment, und es war selbstverständlich, dass er von nun an zur Gemeinschaft der Brücke gehörte." Und Max Pechstein erinnert sich an diese kunsthistorisch bedeutenden, aber auch von wirtschaftlicher Not geprägten Anfänge in Berlin: "Ein neues Mitglied stieß zu uns, Otto Mueller. Er saß mit seiner tapferen Frau Maschka in einem Dachatelier und es ging ihm genauso übel wie uns." (Max Pechstein, Erinnerungen, Wiesbaden 1960, S. 41).
Gemeinsam zeigen sie ihre Arbeiten in den Folgejahren in den ersten, heute bedeutenden Ausstellungen, die der noch jungen expressionistischen Malerei gewidmet sind. Sie reisen zum Zeichnen und Malen an die Moritzburger Seen oder nach Fehmarn und treiben in diesen entscheidenden Jahren den heute international gefeierten, scharfkantigen "Brücke"-Stil auf die Spitze. Kirchner malt kurz vor Ausbruch und zu Beginn des Ersten Weltkrieges seine berühmten Straßenszenen am Potsdamer Platz mit ihren charakteristischen, hoch expressiven, spitz zulaufenden Figurenformationen, die heute als seine besten Gemälde gelten. Parallel findet auch Mueller ab etwa 1911, unter anderem in Auseinandersetzung mit der Kunst Cranachs, Lehmbrucks und der Ägypter, zu seinem charakteristischen scharfkantigen Figuren- und Formenrepertoire, aus dem er während und nach dem Ersten Weltkrieg seine besten arkadisch-entrückten Landschaftsvisionen, wie auch unsere "Badenden am Waldsee", entwickelt. Im Gegensatz zu Kirchner aber interessiert Mueller keineswegs das hektische Treiben der Großstadt. Mueller scheint vielmehr fortan in seine entrückten expressionistischen Parallelwelten zu fliehen. Gerade im Anschluss an seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg, zu dem er 1916 einberufen wird, gelangt er in seinem kleinen, aber hochkarätigen malerischen Werk gegen Ende des Jahrzehnts zu fesselnden Schöpfungen von herausragender Qualität und Dichte.
Großstadt / Krieg / Not: Muellers "Badende am Waldsee" als paradiesischer Sehnsuchtsort
Während die Angst vor dem Krieg Ernst Ludwig Kirchner in seine lebenslange Morphiumabhänigkeit treibt, die er auch in der Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen nicht überwinden sollte, andere bedeutende Expressionisten wie Franz Marc und August Macke viel zu früh im Ersten Weltkrieg ihr Leben lassen und Otto Dix so intensiv wie kaum ein anderer deutscher Künstler die Schrecken des Krieges und die Abgründe der Menschheit mit einer noch heute verstörenden Direktheit künstlerisch verarbeitet hat, entwirft Mueller, der von Zeitzeugen als introvertiert und melancholisch beschrieben wird, in seinen paradiesischen Landschaftsvisionen eine vollkommene Parallelwelt, in der die von jeglichen zivilisatorischen Zwängen befreiten Menschen untereinander und mit der unberührten Natur in absolutem Einklang leben.
Der auf den antiken Mythos zurückgehende Traum von Arkadien, einer unberührten Hirtenidylle, in der Mensch und Natur in einer vollkommenen Symbiose leben, wird seit der Renaissance und dem Barock in Malerei und Dichtung vielfach aufgegriffen, und auch Goethe hat seine berühmte "Italienreise" mit den Worten "Auch ich in Arkadien!" begonnen. Den Schrecken und Nöten des Ersten Weltkrieges mit einer gewissen Realitätsflucht zu begegnen und sich in antiker Tradition einen fernen Sehnsuchtsort zu erträumen, ist Mueller mit "Badende am Waldsee" in meisterlicher Perfektion gelungen. Kurz vor seinem Kriegseinzug, der Mueller schließlich an die Front in Frankreich und Russland führen sollte, hat er gemeinsam mit Maschka in Berlin ein einfaches Wohnatelier in Berlin-Friedenau bezogen, in sein erstes ärmliches Dachatelier in der Mommsenstraße 60 zog daraufhin Erich Heckel als Nachmieter ein.
Paul Westheim, Kunstkritiker und Nachbar von Otto Mueller, hat das neue, mit Wanddekorationen selbst ausgestattete Atelier in der Wilhelmshöherstraße 18, in dem der Künstler bis 1919 lebt, folgendermaßen beschrieben: "An die Wände der kleinen bescheidenen Dachwohnung in Friedenau hatte er sich eine Art Paradies gezaubert, in dem seine 'Badenden' sich tummelten." Unsere herausragende und faszinierend lebensferne Komposition "Badende am Waldsee" entsteht in diesem emotional aufgeladenen Moment nach Muellers Rückkehr von der Front: Ende 1917 wird dem Künstler Heimurlaub gewährt und er wird schließlich 1918 als technischer Kriegszeichner nach Berlin versetzt, was ihm fortan ermöglichte, sich wieder verstärkt der Malerei zu widmen.
Von Berlin nach Breslau: "Brücke"-Zeit und künstlerischer Höhepunkt vereint im doppelseitigen Gemälde "Badende am Waldsee"
Bereits 1919 zeigt die renommierte Galerie Paul Cassirer eine umfangreiche Einzelausstellung des Künstlers mit 37 Werken. Mueller ist auf seinem künstlerischen Höhepunkt, noch im selben Jahr wird er an die Akademie für Kunst und Kunstgewerbe nach Breslau berufen, eine der damals progressivsten und bedeutendsten Kunsthochschulen Europas. Aufgrund der Materialknappheit der Nachkriegszeit nutzt Mueller für seine "Badenden am Waldsee" die Rückseite von einer seiner Vorkriegsarbeiten, ein Gemälde mit drei hockenden Akten, das bereits 1912 in der "Brücke"-Ausstellung der Galerie Fritz Gurlitt zu sehen war und das heute die Rückseite der "Badenden am Waldsee" schmückt. Auf faszinierende Weise ist anhand dieser beiden Gemälde nachzuverfolgen, wie Mueller den Schritt von der reinen Aktdarstellung hin zu einer optischen Verschmelzung von Mensch und Natur geht, in der er die traumverlorenen Aktfiguren zu mutig reduzierten Kürzeln des Menschlichen komprimiert, die auf einzigartige Weise eins mit der Landschaft werden. Faszinierend ist neben der in warmen Naturtönen durchmodulierten Farbigkeit und der zeitlos-modernen Ästhetik, die Mueller durch den Einsatz matter Leimfarben auf grobem Rupfengewebe erzielt, der stark abstrahierte, pyramidal ins Bild gesetzte, weiße Kegelberg, der mit seiner Monochromie und leuchtenden Farbigkeit einen spannungsvollen Kontrast zum bewegten Strich und der naturnahen Farbigkeit von Vegetation und Figuren setzt. Es gibt in dieser Zeit nur äußerst wenige Gemälde von vergleichbarer Qualität und Dichte. Eines davon ist die im 2020 erschienenen Werkverzeichnis anschließende "Landschaft mit gelben Akten" (um 1919, Museum of Modern Art, New York), in der drei, in ihren Körperformen stark überlängte Akte gleich den gelben Baumstämmen zu ihren Seiten über das Blau des Wassers ragen.
Bereits 1931, ein Jahr nach Muellers Tod, zeigt das Museum of Modern Art, New York, seine Gemälde unter anderem neben Arbeiten von Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc und Max Beckmann in der Ausstellung "German Painting and Sculpture". Dass unser Gemälde "Badende am Waldsee" unter anderem 2003 für die große Otto-Mueller-Retrospektive in der Kunsthalle München und dem Museum Folkwang, Essen, sowie für die große Otto-Mueller-Ausstellung "Einfach. Eigen. Einzig" ausgewählt wird, ist aufgrund seiner herausragenden Qualität und kunsthistorischen Bedeutung alles andere als überraschend. [JS]
Otto Mueller ist der Romantiker unter den Expressionisten und zugleich verblüffend modern in seiner rohen Malweise, die er mit matten Leimfarben auf den groben Rupfen setzt. Diese besondere Technik entfaltet in Kombination mit seinen an Cranach, Lehmbruck und der Kunst der Ägypter orientierten, überlängten Figurentypen eine extrem avantgardistische und zugleich vollkommen zeitlose Ästhetik. Mueller, der 1907 mit 33 Jahren von Mittel-Schreiberhau im Riesengebirge nach Berlin zieht und dort ein Atelier im Dachgeschoss der Mommsenstraße 60 anmietet, zählt heute zu den herausragenden Protagonisten der Künstlergemeinschaft "Brücke". 1905 von den vier Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl in Dresden ins Leben gerufen, schließt Mueller sich der expressionistischen Künstlergemeinschaft erst in den Folgejahren an. 1910 nimmt der junge Künstler nach der Ablehnung seiner progressiven Arbeiten durch die Berliner Secession an der Ausstellung der abgespaltenen Neuen Berliner Secession im Kunstsalon Maximilian Macht teil, wo er zum ersten Mal auf die Künstler der "Brücke" trifft. Ab da verbindet ihn eine enge Freundschaft mit Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel. "Die erste Begegnung mit Otto Muellers Bildern geschah in Berlin", schreibt Erich Heckel Jahre später in einem Brief, "in der Ausstellung der Zurückgewiesenen der Berliner Secession […], mit ihm selbst noch am gleichen Tag in seinem Atelier in der Mommsenstraße. Für jeden von uns war sie bedeutsam und im fruchtbaren Moment, und es war selbstverständlich, dass er von nun an zur Gemeinschaft der Brücke gehörte." Und Max Pechstein erinnert sich an diese kunsthistorisch bedeutenden, aber auch von wirtschaftlicher Not geprägten Anfänge in Berlin: "Ein neues Mitglied stieß zu uns, Otto Mueller. Er saß mit seiner tapferen Frau Maschka in einem Dachatelier und es ging ihm genauso übel wie uns." (Max Pechstein, Erinnerungen, Wiesbaden 1960, S. 41).
Gemeinsam zeigen sie ihre Arbeiten in den Folgejahren in den ersten, heute bedeutenden Ausstellungen, die der noch jungen expressionistischen Malerei gewidmet sind. Sie reisen zum Zeichnen und Malen an die Moritzburger Seen oder nach Fehmarn und treiben in diesen entscheidenden Jahren den heute international gefeierten, scharfkantigen "Brücke"-Stil auf die Spitze. Kirchner malt kurz vor Ausbruch und zu Beginn des Ersten Weltkrieges seine berühmten Straßenszenen am Potsdamer Platz mit ihren charakteristischen, hoch expressiven, spitz zulaufenden Figurenformationen, die heute als seine besten Gemälde gelten. Parallel findet auch Mueller ab etwa 1911, unter anderem in Auseinandersetzung mit der Kunst Cranachs, Lehmbrucks und der Ägypter, zu seinem charakteristischen scharfkantigen Figuren- und Formenrepertoire, aus dem er während und nach dem Ersten Weltkrieg seine besten arkadisch-entrückten Landschaftsvisionen, wie auch unsere "Badenden am Waldsee", entwickelt. Im Gegensatz zu Kirchner aber interessiert Mueller keineswegs das hektische Treiben der Großstadt. Mueller scheint vielmehr fortan in seine entrückten expressionistischen Parallelwelten zu fliehen. Gerade im Anschluss an seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg, zu dem er 1916 einberufen wird, gelangt er in seinem kleinen, aber hochkarätigen malerischen Werk gegen Ende des Jahrzehnts zu fesselnden Schöpfungen von herausragender Qualität und Dichte.
Großstadt / Krieg / Not: Muellers "Badende am Waldsee" als paradiesischer Sehnsuchtsort
Während die Angst vor dem Krieg Ernst Ludwig Kirchner in seine lebenslange Morphiumabhänigkeit treibt, die er auch in der Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen nicht überwinden sollte, andere bedeutende Expressionisten wie Franz Marc und August Macke viel zu früh im Ersten Weltkrieg ihr Leben lassen und Otto Dix so intensiv wie kaum ein anderer deutscher Künstler die Schrecken des Krieges und die Abgründe der Menschheit mit einer noch heute verstörenden Direktheit künstlerisch verarbeitet hat, entwirft Mueller, der von Zeitzeugen als introvertiert und melancholisch beschrieben wird, in seinen paradiesischen Landschaftsvisionen eine vollkommene Parallelwelt, in der die von jeglichen zivilisatorischen Zwängen befreiten Menschen untereinander und mit der unberührten Natur in absolutem Einklang leben.
Der auf den antiken Mythos zurückgehende Traum von Arkadien, einer unberührten Hirtenidylle, in der Mensch und Natur in einer vollkommenen Symbiose leben, wird seit der Renaissance und dem Barock in Malerei und Dichtung vielfach aufgegriffen, und auch Goethe hat seine berühmte "Italienreise" mit den Worten "Auch ich in Arkadien!" begonnen. Den Schrecken und Nöten des Ersten Weltkrieges mit einer gewissen Realitätsflucht zu begegnen und sich in antiker Tradition einen fernen Sehnsuchtsort zu erträumen, ist Mueller mit "Badende am Waldsee" in meisterlicher Perfektion gelungen. Kurz vor seinem Kriegseinzug, der Mueller schließlich an die Front in Frankreich und Russland führen sollte, hat er gemeinsam mit Maschka in Berlin ein einfaches Wohnatelier in Berlin-Friedenau bezogen, in sein erstes ärmliches Dachatelier in der Mommsenstraße 60 zog daraufhin Erich Heckel als Nachmieter ein.
Paul Westheim, Kunstkritiker und Nachbar von Otto Mueller, hat das neue, mit Wanddekorationen selbst ausgestattete Atelier in der Wilhelmshöherstraße 18, in dem der Künstler bis 1919 lebt, folgendermaßen beschrieben: "An die Wände der kleinen bescheidenen Dachwohnung in Friedenau hatte er sich eine Art Paradies gezaubert, in dem seine 'Badenden' sich tummelten." Unsere herausragende und faszinierend lebensferne Komposition "Badende am Waldsee" entsteht in diesem emotional aufgeladenen Moment nach Muellers Rückkehr von der Front: Ende 1917 wird dem Künstler Heimurlaub gewährt und er wird schließlich 1918 als technischer Kriegszeichner nach Berlin versetzt, was ihm fortan ermöglichte, sich wieder verstärkt der Malerei zu widmen.
Von Berlin nach Breslau: "Brücke"-Zeit und künstlerischer Höhepunkt vereint im doppelseitigen Gemälde "Badende am Waldsee"
Bereits 1919 zeigt die renommierte Galerie Paul Cassirer eine umfangreiche Einzelausstellung des Künstlers mit 37 Werken. Mueller ist auf seinem künstlerischen Höhepunkt, noch im selben Jahr wird er an die Akademie für Kunst und Kunstgewerbe nach Breslau berufen, eine der damals progressivsten und bedeutendsten Kunsthochschulen Europas. Aufgrund der Materialknappheit der Nachkriegszeit nutzt Mueller für seine "Badenden am Waldsee" die Rückseite von einer seiner Vorkriegsarbeiten, ein Gemälde mit drei hockenden Akten, das bereits 1912 in der "Brücke"-Ausstellung der Galerie Fritz Gurlitt zu sehen war und das heute die Rückseite der "Badenden am Waldsee" schmückt. Auf faszinierende Weise ist anhand dieser beiden Gemälde nachzuverfolgen, wie Mueller den Schritt von der reinen Aktdarstellung hin zu einer optischen Verschmelzung von Mensch und Natur geht, in der er die traumverlorenen Aktfiguren zu mutig reduzierten Kürzeln des Menschlichen komprimiert, die auf einzigartige Weise eins mit der Landschaft werden. Faszinierend ist neben der in warmen Naturtönen durchmodulierten Farbigkeit und der zeitlos-modernen Ästhetik, die Mueller durch den Einsatz matter Leimfarben auf grobem Rupfengewebe erzielt, der stark abstrahierte, pyramidal ins Bild gesetzte, weiße Kegelberg, der mit seiner Monochromie und leuchtenden Farbigkeit einen spannungsvollen Kontrast zum bewegten Strich und der naturnahen Farbigkeit von Vegetation und Figuren setzt. Es gibt in dieser Zeit nur äußerst wenige Gemälde von vergleichbarer Qualität und Dichte. Eines davon ist die im 2020 erschienenen Werkverzeichnis anschließende "Landschaft mit gelben Akten" (um 1919, Museum of Modern Art, New York), in der drei, in ihren Körperformen stark überlängte Akte gleich den gelben Baumstämmen zu ihren Seiten über das Blau des Wassers ragen.
Bereits 1931, ein Jahr nach Muellers Tod, zeigt das Museum of Modern Art, New York, seine Gemälde unter anderem neben Arbeiten von Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc und Max Beckmann in der Ausstellung "German Painting and Sculpture". Dass unser Gemälde "Badende am Waldsee" unter anderem 2003 für die große Otto-Mueller-Retrospektive in der Kunsthalle München und dem Museum Folkwang, Essen, sowie für die große Otto-Mueller-Ausstellung "Einfach. Eigen. Einzig" ausgewählt wird, ist aufgrund seiner herausragenden Qualität und kunsthistorischen Bedeutung alles andere als überraschend. [JS]
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